| Spanien 2026 · 112 min. · FSK: ab 12 Regie: Pedro Almodóvar Drehbuch: Pedro Almodóvar Kamera: Pau Esteve Birba Darsteller: Bárbara Lennie, Leonardo Sbaraglia, Aitana Sánchez-Gijón, Victoria Luengo, Patrick Criado u.a. |
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| Eine verschachtelte, sich in sich selbst spiegelnde Handlung... | ||
| (Foto: Studiocanal) | ||
Diesmal sind es gleich zwei Geschichten, die uns Pedro Almodóvar erzählt, die er in seinem neuen Film Amarga Navidad miteinander verwebt: Die eine spielt 2004, und erzählt die Geschichte der Werbefilmerin Elsa (hervorragend: Bárbara Lennie), die sich nach Jahren der künstlerischen Pause wieder dem Kino zuwendet, ihren dritten Spielfilm inszenieren will. Für ihr Drehbuch zieht sie starke Inspiration aus einer Freundin in der Ehekrise; das Private, »Echte« fließt zusehends in die Fiktion ein, während der Alltag immer mehr verdrängt wird. Ihr Ehemann Bonifacio (Patrick Criado in einer besonders schönen Rolle: halb Stripper, halb Feuerwehrmann) gerät in den Hintergrund.
Gespiegelt wird dieses Konstrukt vom zweiten Handlungsstrang von Amarga Navidad, der Rahmenhandlung und innerfilmischen Realität: 2026 sitzt der erfolgreiche, queere, spanische Regisseur Raúl (Leonardo Sbaraglia) vor seinem MacBook und schreibt an einem neuen Spielfilm. Er spielt 2004 und – man ahnt es – handelt von der fiktiven Elsa, die wiederum selbst gerade an einem Drehbuch arbeitet.
Von Raúls Mühen, Streichungen und
Kreativblockaden erzählt nun der zweite Handlungsstrang des Films, der sich aber kaum abkapseln lässt. Immer wieder vermengen sich die beiden Jahre, immer ähnlicher werden sie sich: Auch Raúl verarbeitet Anteile seiner Wirklichkeit, beginnt Freunde und Bekannte (leicht verfremdet) in sein Drehbuch zu schreiben, die nun auf der 2004er Ebene in Erscheinung treten. Auch er vernachlässigt seinen Lebensgefährten, auch ihn kommt die Verschmelzung von Fiktion und Realität teuer zu
stehen, wenn sich eben diese Bekannten selbst im Skript erkennen.
In Teilen erzählt er also seine eigene Geschichte, die uns als Work-in-progress, als unfertiger Film anhand von Elsa vorgeführt wird.
Wenn dann auch noch Almodóvars Name förmlich in den Film eingeschrieben wird – eingetippt eigentlich, die Credits ahmen das Laptop-Schreiben nach – wird das hier getriebene Verwirrspiel schlussendlich überfordert. Alles hängt zusammen, nimmt aufeinander Bezug, aber eben nur in der Fiktion, letztendlich ist es Almodóvar, der die Fäden in der Hand hat. Und natürlich schreibt er auch sich selbst (als Person diesmal, nicht als nächste filmische Ebene) in den Film ein: Raúl spiegelt ihn, scheint eine ähnliche Karriere gehabt zu haben, versammelt mehrere auch von Almodóvar über Jahrzehnte hinweg etablierte erzählerische Spleens und Motive: Autobiographische Anleihen, die zentrale Rolle der Mutter, der Hang zum Melodrama, starke, zentrale Frauenfiguren. Es ist wieder alles da, diesmal unmittelbar und verhandelt gleichermaßen, diskutiert der Film diese Themen doch beständig durch, einerseits auf der offensichtlich fiktionalen Ebene 2004, andererseits auf der primären, vermeintlich »realistisch« zu lesenden Ebene im Jahr 2026, etwa, wenn Raúl mit seiner Assistentin Mónica (Aitana Sánchez-Gijón) die Drehbuchfassungen bespricht.
Auch wenn dieser autoritäre, ausgestellt-zentrierte Almodóvar-Zugang immer mitschwingt, ist Amarga Navidad doch ein wunderbar freier, verspielter, künstlerischer Film geworden. Die angesprochene Diskussionsebene bildet zwar die Struktur des Films, erlaubt ihm aber gleichzeitig immer wieder davon zu abstrahieren. Der zentrale Konflikt liegt nämlich im (Drehbuch-)Schreiben selbst, das Melodram mitsamt all seiner emotionalen Konflikte muss nicht das Tempo bestimmen, muss auch an keinen Punkt gelangen, wird es ja auf zweiter Ebene gedoppelt und rückgeführt. Langatmige Szenen etwa, die sich ins Nichts bewegen, werden später von Mónica aufgegriffen und kritisiert. Figuren, die zu abrupt aus dem Film scheiden (wie Bonifacio) werden auf diesen Makel hin untersucht. Diese konstante Selbstreflexion, die bald schon etwas Galliges an sich hat, auf die 2026er-Rahmenebene verweist, und dortige Konflikte auf die Geschichte in 2004 überträgt, kann kein Ende haben, ist ein stetiges Verlorengehen in der Fiktion, in der Kreativität, im Kino.
Umso zugänglicher und leichtfüßiger inszeniert Almodóvar seinen Film, sein über die Jahre etablierter Stil eignet sich hervorragend für eine derart verschachtelte, im besten Sinne unfertige Geschichte. Amarga Navidad ist herausragendes Schauspieler*innen-Kino, gebettet in klassische Almodóvar-Kulissen. Antxón Gómez ist erneut für das Produktions-Design verantwortlich, satte Rot- und Gelbtöne bestimmen Kostüm und Kulisse, zig Referenzwerke, von Literatur über Musik bis hin zu Film und bildender Kunst, füllen die Räume aus. Diese Kunstwelt erstreckt sich dabei von der einen Filmebene in die andere, ästhetisch findet keinerlei Trennung zwischen den Erzählebenen statt. Das hat zur Folge, dass der Überbau immer wieder in den Hintergrund rückt, gerade Elsas Geschichte dankenswerterweise nicht permanent eingeordnet wird, sondern hierarchisch auf selber Ebene wie der Handlungsstrang aus 2026 steht – zumindest, bis Raúl wieder direkt eingreift.
So entstehen immer wieder Freistellen in diesem filmischen Spiegelkabinett, die dazu einladen, sich in den einzelnen Szenen zu verlieren, sie gesondert und für sich zu betrachten. Die beständige Verkomplizierung hat also nichts Erdrückendes an sich, bietet ein beständiges Interpretieren und Übertragen zwar an, fordert dies aber zu keiner Zeit ein.
Dass sich dieser Komplex, dieses Herumirren im (auch dezidiert eigenen) Werk dabei kaum auflösen lässt, ist offensichtlich. Amarga Navidad ist ein künstlerischer Durchgangsort, ein Spiel und die Übung eines herausragenden, mittlerweile legendären Regisseurs. Dessen ist sich Almodóvar natürlich bewusst, und lässt den (ohnehin überheblichen) Raúl an einer Stelle über seinen Film verlautbaren, dass es eben ein kleiner Film sei. »Ein kleiner Film, wie von Bergman oder Fellini.«
Es klingt wie eine nervöse Rechtfertigung, bezogen auf Almodóvars Werk ist es aber durchaus passend, und fügt sich perfekt in die ironische Selbstreflexion ein. Den Bergman- und Fellini-Vergleich hat er ohnehin nicht nötig.
Wie kann sie nur einen solchen Traummann von der Bettkante stoßen? Bonifacio, der Freund der Werbefilmregisseurin und Autorin Elsa, sieht blendend aus. Er hat Humor und ist als Feuerwehrmann die Hilfsbereitschaft in Person. Als seine Lebensgefährtin eines Nachts zusätzlich zu ihrer üblichen Migräne eine Panikattacke erleidet, bringt Bonifacio sie sofort ins Krankenhaus und weicht nicht von ihrer Seite, was die behandelnde Ärztin beeindruckt. Vor Jahren hatte Elena im selben Krankenhaus einen Spielfilm inszeniert, der aber kaum Zuschauer fand. Seitdem gilt sie als »Kultregisseurin«, die Werbefilme dreht, weil sie von der Kunst nicht leben kann.
Das ist die Ausgangssituation in Pedro Almodóvars neuem Film Bitteres Fest. Er zeigt die sonst so autonome und bestimmende Elsa als Patientin in einer passiven Rolle, als Objekt medizinischer Bemühungen. Das kehrt die Situation um, in der sich Elsa und Bonifacio gut ein Jahr zuvor kennengelernt haben: Sie sieht ihn als Stripper mit dem Künstlernamen »Beau« in einer Bar bei einem Junggesellinnen-Abschied und kann sich seiner erotischen Ausstrahlung nicht entziehen. Nach Beaus fulminantem Auftritt sucht sie ihn stracks in seiner Garderobe auf und verpflichtet ihn als Model für einen Werbespot über Unterwäsche. Als ihre Mutter stirbt, arbeitet sie einfach weiter, weil sie so viel zu tun hat. Verbirgt sich hinter ihrer Panikattacke die Quittung für die unterdrückte Trauer?
Elsa und Bonifacio sind ein ungleiches Paar. Durch ihren privilegierten Beruf ist Elsa, mit melancholischem Tiefgang gespielt von Bárbara Lennie, dem etwa zehn Jahre jüngeren »bombero de Madrid« deutlich überlegen. Sie ahnt, ihm eines Tages »sehr wehtun« zu müssen, und so trägt diese Verbindung ihr trauriges Ende von Anbeginn in sich. Der sechsundsiebzigjährige Pedro Almodóvar reiht sich auch mit seinem vierundzwanzigsten Film in die Galerie der begnadeten Melodramatiker wie Douglas Sirk, Rainer Werner Fassbinder oder Lina Wertmüller ein. Und so kommt es, dass Bonifacio, dem Patrick Criado hinreißenden sportiven Schmelz verleiht, nicht mehr ist als eine von vielen hoffnungslos liebenden Nebenfiguren innerhalb des Almodóvar-Universums. Im Lauf der verschachtelten, sich in sich selbst spiegelnden Handlung wird der schöne junge Mann einfach vergessen.
Das aber ist kein dramaturgischer Fehler, sondern hat Symbolkraft: Auch der Regisseur und Drehbuchautor Raúl Rossetti, der sich die Geschichte von Elsa, Bonifacio, Patricia und Natalia ausdenkt, vielmehr aus den Fingern saugt, vernachlässigt über der kreativen Arbeit, die keinen Gott neben sich duldet, seinen langjährigen Partner Santi. Und Pedro Almodóvar selbst hat möglicherweise über die Jahre seinen jüngeren Bruder Agustín zu sehr in den Hintergrund gestellt, der seit 1987 alle seine Filme produziert – auch für ihn könnte Bonifacio stehen. »Der pulsierende Textcursor auf seinem Bildschirm ist der Herzschlag der Fiktion«, erklärt Pedro Almodóvar: »Dieser Puls ist unbestechlich. Nicht Raúl entscheidet, wann sein Drehbuch abgeschlossen ist, sondern der Cursor – sein Puls ist stärker als der seines eigenen Herzens.«
Als typisches Spätwerk arbeitet Bitteres Fest mit Aussparungen und reflektiert seinen eigenen Entstehungsprozess, und das in aller leicht strapaziösen Ausführlichkeit. Zwar ist der etwa sechzigjährige Filmemacher Raúl (dargestellt von dem Argentinier Leonardo Sbaraglia) auf internationalen Festivals als Stargast gefragt, indes fällt ihm kein überzeugender Stoff in Spielfilmlänge mehr ein. Er möge doch auf ein kürzeres Format für Netflix umschalten, rät ihm seine langjährige Assistentin Mónica schnippisch. Sie ist die einzige der treuen Seelen, die gegen den egomanischen Vampir aufbegehrt. »Du saugst uns aus, und dann kommt nicht mal ein gutes Drehbuch heraus!«, wirft sie Raúl an den Kopf, als er sein ursprüngliches Script ungefragt um ein dramatisches Schicksal in Mónicas persönlichem Umfeld erweitert. »Wie vermeidet man es bei der Autofiktion, andere nicht zu verletzen?«, formulierte Pedro Almodóvar bei der Vorpremiere von Amarga Navidad beim Münchner Filmfest die Grundfrage seines neuen Werks. Dessen Titel entstammt einem Lied der mexikanischen Sängerin Chavela Vargas und handelt vom Verlassenwerden.
Amarga Navidad spielt in Madrid und an den fotogenen schwarzen Stränden der Vulkaninsel Lanzarote. Dorthin fliegt Elsa mit ihrer Freundin Patricia und deren kleinem Sohn, um sie zur Trennung von ihrem untreuen Ehemann zu überreden. Doch in Wahrheit inspiriert sie Patricias Kummer zu ihrem langersehnten dritten Film, so dass sie Tag und Nacht am Laptop sitzt. Erneut spiegeln sich die diversen Regisseur-Figuren überdeutlich ineinander. Nach Patricias Abreise lädt Elsa eine andere Freundin in das Ferienhaus ein, Natalia. Das Model hat vor kurzem sein Kind verloren und droht sich in der Trauerfarbe Schwarz der Insel komplett zu verlieren. Diese allzu spät eingeführte Figur wirkt wie aufgepfropft.
Das Schwarz von Lanzarote bildet einen erholsamen Kontrast zu Pedro Almodóvars geliebten Elementarfarben Rot, Gelb und Blau. »Rot muss man wagen, denn es kann die anderen Farben fressen«, meinte er bei der Vorpremiere im roten Zuschauerraum des Deutschen Theaters. In seinem aktuellen Film bleibt kein Poloshirt, keine Kappe und keine Sonnenbrille vom Logo jenes Mailänder Luxuslabels verschont, dessen Name ähnlich klingt wie »presa«, spanisch für Beute. So kann man sich während des ausgedehnten Kinobesuchs in vielerlei Hinsicht fragen, wer hier wen zur Beute macht.