| Schweiz 2024 · 94 min. · FSK: ab 12 Regie: Piet Baumgartner Drehbuch: Piet Baumgartner Kamera: Pascal Reinmann Darsteller: Bettina Stucky, Phil Hayes, Vincent Furrer, Maximilian Reichert, Karin Pfammatter u.a. |
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| Blick zurück in Schweigen... | ||
| (Foto: missingFILMs) | ||
Zwei Bagger stehen unter einem strahlend blauen Himmel. Langsam heben sich ihre Schaufeln, bewegen sich aufeinander zu, weichen wieder zurück. Ein Pas de deux für tonnenschwere Maschinen. Es ist ein ebenso komisches wie anrührendes Bild, mit dem Piet Baumgartner seinen ersten Spielfilm Bagger Drama eröffnet. Und eigentlich ist in ihm schon der ganze Film enthalten.
Denn diese Bagger können etwas, was den Menschen, die sie bedienen, immer schwerer fällt: Sie finden zueinander.
Paul, Conny und ihr Sohn Daniel betreiben in einer ländlichen Gemeinde im Berner Seeland eine Firma, die Bagger verkauft, vermietet und repariert. Früher waren sie zu viert. Doch Tochter Nadine ist bei einer Kanufahrt ums Leben gekommen. Ihr Boot kenterte, sie schlug mit dem Kopf gegen einen Betonblock im Fluss. Ein absurder Tod, wie der Tod häufig absurd ist. Und einer, der sich seitdem in jedes Leben dieser Familie eingeschrieben hat.
Baumgartner gliedert seine Geschichte in mehrere Kapitel, die um Nadines Todestage kreisen. Jahre vergehen dabei beinahe beiläufig. Und doch verändert sich alles. Zunächst folgt der Film Daniel, der eigentlich in den USA studieren möchte, aber spürt, dass der Vater längst beschlossen hat, dass der Sohn einmal die Firma übernehmen wird. Daniel lernt den neuen Mitarbeiter Philipp kennen. Gemeinsam fahren sie mit zwei Baggern durch den McDrive und anschließend zum Fluss, wo die Schaufeln im Licht der Scheinwerfer ihr nächtliches Ballett aufführen. Daniel erzählt vom Tod seiner Schwester. Die beiden küssen sich. Und natürlich ist es ausgerechnet der Vater, der sie dabei erwischt.
Doch Bagger Drama macht daraus nicht das erwartbare, übliche Coming-of-age-and-out-Drama. Paul schweigt. Wie in dieser Familie überhaupt sehr viel geschwiegen wird. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil Gefühle vorhanden sind, für die niemand eine brauchbare Sprache besitzt.
Das ist eine der großen Qualitäten dieses wunderbar spröden und zugleich äußerst lyrischen Films. Baumgartner widersteht der Versuchung, seine Figuren erklären zu lassen, was wir längst sehen. Er lässt Leerstellen und unterlegt diese Leerstellen mit großer Zärtlichkeit.
Im zweiten Kapitel rückt Paul ins Zentrum. Er arbeitet, singt im Männerchor, verliebt sich in dessen neue Leiterin. Irgendwie geht das Leben weiter, während es gleichzeitig stehen geblieben ist. Daniel will fort, doch dann versucht Conny, sich mit Tabletten das Leben zu nehmen. Wieder wird aus einer möglichen Zukunft Gegenwart. Daniel bleibt. Paul bringt seine Frau in eine psychiatrische Klinik. Und alle machen weiter.
Später kommt Conny zurück. Paul will ausziehen, seine Beziehung mit der Chorleiterin ist längst mehr als eine vorübergehende Flucht. Nun ist es Conny, die eine Entscheidung trifft. Sie kündigt in der gemeinsamen Firma und verlangt ihren Anteil. Was einmal Familie, Ehe, Arbeit und Zukunft zugleich war, wird zerlegt. Selbst der Streit darüber landet irgendwann draußen auf einem Feld.
Natürlich mit einem Bagger.
Von diesem ersten Baggerballett bis zu Trennung und Auszug mit schwerem Gerät entwickelt Baumgartner eine ganze Welt von Symbolen. Aber es sind erdverhaftete Symbole. Nie wirken sie aufgesetzt, weil diese Maschinen tatsächlich das Material sind, aus dem das Leben seiner Figuren besteht. Sie verdienen mit ihnen ihr Geld, reparieren sie, beherrschen ihre Bewegungen. Und manchmal können sie mit ihnen ausdrücken, wozu ihnen die Worte fehlen.
Pascal Reinmanns Kamera findet dafür immer wieder erstaunliche Bilder. Baggerschaufeln ragen wie Arme in den Himmel, als würden diese schwerfälligen Maschinen nach Erlösung greifen. Ein Gespräch während einer Autofahrt wird durch das offene Dach gefilmt, und plötzlich verändert allein der Blickwinkel eine vollkommen alltägliche Situation. Die Kamera sucht nicht nach Schönheit, die über dieser Welt liegt. Sie entdeckt sie in ihr.
Das macht Bagger Drama auch zu einem außergewöhnlichen Heimatfilm. Heimat ist hier keine Landschaft, die sich als Postkartenmotiv anbietet, sondern ein Geflecht aus Arbeit, Gewohnheiten, Menschen und Dingen. Die Firma ist Heimat. Der Männerchor ist Heimat. Der Fluss ist Heimat, obwohl dort die Tochter gestorben ist. Selbst die Bagger sind Heimat. Und irgendwann kann all das trotzdem nicht mehr halten.
Vier Jahre nach Nadines Tod kommt Daniel aus den USA zurück. Die Eltern werden sich scheiden lassen, die Firma soll an ihn übergehen. Aber Daniel sagt Nein. Und damit endet nicht nur ein Unternehmen, sondern eine Vorstellung davon, dass sich Leben einfach vererben lässt: vom Vater auf den Sohn, von einer Generation auf die nächste. Paul muss seinen Mitarbeitern mitteilen, dass es nicht weitergeht.
Auch das ist eine Form von Tod.
Wie überhaupt in diesem Film fortwährend etwas verloren geht. Eine Tochter. Eine Ehe. Eine Liebe. Eine Firma. Eine Zukunftsvorstellung. Selbst der Hund der verstorbenen Nadine wird irgendwann eher pragmatisch als notwendig eingeschläfert. Baumgartner macht aus keinem dieser Verluste eine große dramatische Demonstration. Sie geschehen. Und gerade deshalb tun sie weh. Oder auch nicht.
Vielleicht ist das die eigentliche Lebensklugheit von Bagger Drama: dass Trauer keinen dramaturgischen Bogen kennt. Sie wird nicht „bewältigt“, damit anschließend etwas Neues beginnen kann. Man liebt, verliert, liebt neu und verliert wieder. Die Jahre vergehen wie nichts und zugleich wie alles. Menschen verändern sich, ohne dass sie deshalb aufhören, die Menschen zu sein, die sie einmal waren.
Bettina Stucky als Conny, Phil Hayes als Paul und Vincent Furrer als Daniel spielen diese Verschiebungen großartig. Stucky, die beim Filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern für ihre Darstellung ausgezeichnet wurde, findet besonders für Connys Schmerz eine beeindruckende Mischung aus Verletzlichkeit und Trotz. Doch überhaupt lebt der Film von einem Ensemble, das nie um Aufmerksamkeit kämpfen muss. Die Figuren dürfen kantig bleiben.
Dass Baumgartner für Bagger Drama unter anderem den New Directors Award in San Sebastián sowie beim Max Ophüls Preis Auszeichnungen für Regie und Drehbuch erhielt, überrascht deshalb kaum. Es ist ein bemerkenswert souveränes Debüt: ein Film, der seiner eigenen Sprödigkeit vertraut und gerade dadurch emotional wird.
Am Ende kehren die Familienmitglieder noch einmal an den Fluss zurück. Nicht wirklich gemeinsam, eher jeder für sich. Nadine bleibt tot. Die Ehe bleibt zerbrochen. Die Firma wird nicht weitergeführt. Nichts wird geheilt, nur weil ein Film zu Ende geht.
Und trotzdem ist Bagger Drama kein trauriger Film. Oder jedenfalls nicht nur. Denn irgendwo zwischen all den Abschieden liegt eine beinahe trotzige Zärtlichkeit gegenüber dem Leben. Es geht weiter, nicht weil alles wieder gut wird, sondern weil Weitergehen das ist, was Menschen tun.
Vielleicht sind deshalb diese Bagger das schönste Bild dafür. Schwer und unbeholfen stehen sie auf der Erde. Aber dann heben sie ihre gewaltigen Arme in den Himmel – und beginnen zu tanzen.