Auf der Suche nach Ingmar Bergman

Deutschland/F 2018 · 99 min. · FSK: ab 12
Regie: Margarethe von Trotta, Felix Moeller
Drehbuch: ,
Kamera: Börres Weiffenbach
Schnitt: Bettina Böhler
Unangenehme, schmerzhafte Eindrücke...

Schöner als Wohlfühlkino

Schwarz­seher antworten auf die saloppe Frage, „Wie geht’s?“, oft trocken: „Echt scheiße!“ Bei vielen Fragen denken sie länger nach, anstatt sofort blumig zu antworten. So entstehen quälende Gesprächs­pausen.
Echte Schwarz­seher fragen sich selbst und andere: Hat das Leben einen Sinn? Gibt es Gott? Was passiert nach dem Tod?
Ein selbst­be­wusster Schwarz­seher kann allein eine Party crashen. Dann bekommt er den vertrau­li­chen Rat, profes­sio­nelle Hilfe zu suchen. Nach einer Gesprächs­the­rapie oder einem Anti­de­pres­sivum auf dem aktuellen Stand der Glücks­for­schung soll alles besser werden. Und auf die Frage, „Wie geht’s“ lautet die heitere Antwort: „Super!“

Auffällig ist, dass fast alle Genies Schwarz­seher waren. Einer der Schwär­zesten würde am 14. Juli 2018 Geburtstag feiern. Da es sein 100. wäre, ist er schon gestorben.
Es ist der schwe­di­sche Regisseur Ingmar Bergmann.
Doch seinen Filmen schadet es nicht, dass sie hart­nä­ckig um den Tod kreisen. Und um alles andere, das uns den Tag verderben kann. Unter einer dicken Staub­schicht leben sie munter weiter. Finden neue Fans und ermuntern junge Menschen, Künstler zu werden.

Obwohl sich in Bergmanns Dramen auch nur Schwarz­seher tummeln. Miese­peter, Unken­rufer, Spiel­ver­derber und Menschen­feinde. Genau darum bereitet es Vergnügen, sie zu sehen. Außerdem gibt es noch Bergmanns Komödien. Deren Humor nicht daraus entspringt, dass man alles Traurige einfach ausblendet. Im Gegenteil! Darum bereiten sie noch viel mehr Vergnügen.

Für sein Porträt in auf der suche nach Ingmar bergmann schöpft die Regis­seurin Marga­rethe von Trotta wirklich aus dem Vollen. Nicht nur ehemalige Mitar­beiter, Schau­spieler/innen und Team­mit­glieder geben inter­es­sante Einblicke in Ingmar Bergmanns Arbeits­weise und Persön­lich­keit.
Bei den Schil­de­rungen seiner Fami­li­en­mit­glieder wird schmerz­haft deutlich, dass er ein genialer und hoch deko­rierter Regisseur war, aber ein abwe­sender, kalt­her­ziger, egois­ti­scher Gatte und Vater. Auch dieser Wider­spruch zwischen Werk und Privat­leben ist nichts Neues. In seiner Konse­quenz und Tragik ist er selten so gut zu sehen.

Tragisch soll es auch enden, wenn Paare sich gemeinsam Szenen einer Ehe ansehen. Man munkelt, beim Gespräch über diesen Film gehen Bezie­hungen sackweise den Bach runter wie Lemminge, die über Klippen springen. Weil die Partner die Wahrheit nicht aushalten? Oder weil Wahrheit und Glück ein ähnliches Verhältnis haben wie Feuer und Wasser? Das muss jeder für sich selbst entscheiden.

Achtung! Achtung! Vorsicht! Schlechte Laune Alarm! Unan­ge­nehme, schmerz­hafte Eindrücke hinter­lässt auch diese Doku. Denn die Regis­seurin porträ­tiert nicht nur Bergmann und seine Arbeit, sondern stellt sich selbst neben ihn, als sei sie eben­bürtig. Stirn­run­zeln löst zum Beispiel aus, wie Trotta ausbreitet, dass Bergmann ihren Film Die bleierne Zeit zu seinen Lieb­lings­filmen zählte. So weit, so korrekt... Aber muss sie drauf beharren, dass sie die einzige Regis­seurin auf der Liste ist und die einzige, die noch lebt? Ange­sichts der Gender­de­batte ist es üblich, Männer und Frauen durch­zu­zählen – für den Proporz. Manchmal wirkt es, als solle ein Krieg zwischen den Geschlech­tern ange­zet­telt werden. Will die Regis­seurin mit ihrem pene­tranten Eigenlob eine neue Front eröffnen? Die Lebenden gegen die Toten?

Egal, ob Schwarz­seher oder Optimist, wer Lust drauf hat, Ingmar Bergmanns Filme im Kino zu sehen, der kann sich mal so richtig freuen, juhuh! Bei den nächsten Film­kunst­wo­chen läuft eine großar­tige Retro des angeblich besten Regis­seurs aller Zeiten. Auf jeden Fall des Regis­seurs mit der schlech­testen Laune...

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Wenn Max von Sydow aus dem Wasser steigt

Ingmar Bergman – selbst wer in den 70ern noch ein Kind war, kannte seien Namen, hatte von dem »Skan­dal­re­gis­seur« gehört, wie solche Leute damals genannt wurden, wusste, dass es da einen Film gab, der Szenen einer Ehe hieß, in den die Eltern rein gingen und sich danach noch mehr stritten, als vorher.

Marga­rethe von Trotta war in den 70er Jahren schon erwachsen, und man würde sich von einem Film von ihr über Ingmar Bergman erwarten, dass sie da ihre Sicht der Dinge erzählt, dass sie uns eine Vorstel­lung davon verschafft, wie man damals diese Filme sah – genau im Post-68-Moment –, als junge Frau, als Verhei­ra­tete, als Linke, worin die Faszi­na­tion für diesen Regisseur lag, der ja erstmal ziemlich bürger­lich daherkam, warum man sich den Launen seines Protes­tan­tismus aussetzte, seinem Mora­lismus, seiner Recht­ha­berei und seinem... ja: Sadismus. Die schönen Kame­ra­ein­stel­lungen seiner Filme erklären das ja nicht allein.

Viel­leicht wäre es auch nach unzäh­ligen Fernseh-Porträts und nach einer Handvoll überaus wohl­wol­lender Hommagen durch kolle­giale Bewun­derer wie Michael Winter­bottom und Olivier Assayas mal an der Zeit, einen Film zu machen, der Bergman nicht immer wieder als »Genie« und »größten Filme­ma­cher aller Zeiten« porträ­tiert, sondern ihn vom Marmor­so­ckel holt, oder der zumindest solche Etiketten ein bisschen in Frage stellt und rela­ti­viert.

Marga­rethe von Trotta hat leider so einen Film nicht gemacht, obwohl sie sich damit den Adorno-Preis der Stadt Frankfurt, den sie gerade für nicht wenige über­ra­schend zuge­spro­chen bekam, sogar verdient hätte.
Statt­dessen ist Auf der Suche nach Ingmar Bergman ein Film, den man sich gut ansehen kann, der einem einiges über Bergman erzählt, »ehrenwert« wie man so sagt, aber doch auch über­ra­schend bieder und ein bisschen lang­weilig. Ein Roadmovie, bei dem Trotta an der schwe­di­schen Küste steht und dann – Schnitt – ein junger Max von Sydow in einem Bergman-Film an etwa der gleichen Küsten­stelle aus dem Wasser steigt; ein Film bei dem Trotta dann auch Olivier Assayas und Ruben Östlund aufsucht, weil die auch zu Bergman irgendwas denken, und wenn nicht, es trotzdem klug formu­lieren können; ein Film bei dem Trotta mit Liv Ullmann im Wohn­zimmer und mit Stig Björkman auf seinem Balkon sitzt und über Bergman redet und wie toll er war. Sätze, die dem großen Meister nicht gefallen hätten, fallen hier nie. Ein Film wie er für das Jubiläums­jahr vom Bergmans 100. Geburtstag halt gemacht wird.

Und natürlich ist es großartig, was zum Beispiel Assayas im Interview sagt – was aber eben an Assayas liegt, der immer großartig ist. Auch Ullmann und anderen hört man gern zu. Aber das alles kratzt kaum an der Ober­fläche, und was ein junger rebel­li­scher Bergman über diesen Film gesagt hätte, oder eine junge Trotta, oder Adorno, das möchte man lieber nicht wissen.
Trotta gibt nicht nur zu wenig Antworten, sie stellt auch die wirklich span­nenden Fragen nicht. Spannend wäre gar nicht die Majes­täts­be­lei­di­gung, sondern viel­leicht die Frage, warum Bergmans Ästhetik und Geschichten im aktuellen Kino kaum eine Rolle spielen? Was jüngere Regis­seure heute über Bergmans Filme denken? Aber solche Fragen tun weh, auch der Regis­seurin, und darauf hatte sie offen­sicht­lich keine Lust.

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