Die andere Seite

Deutschland 2026 · 106 min. · FSK: ab 12
Regie: Mariko Minoguchi
Drehbuch:
Kamera: Felix Pflieger
Darsteller: Nina Hoss, Precious Mariam Sanusi, Barbara Petritsch
Die andere Seite
Western, Pandemiefilm, Survival-Drama & Near-Future-Paranoia-Thriller...
(Foto: X Filme / Warner)

Die andere Seite der Freiheit

Mariko Minoguchis zweiter Spielfilm »Die andere Seite« erzählt von Trauer, Angst und einer No-Nonsense-Frau

Am Anfang begegnet man Hanna in einem dichten Wald, auf sich allein gestellt irgendwo in Süddeutsch­land: Sie jagt Tiere, hat Fallen aufge­stellt, und zieht in den ersten Film­mi­nuten einem gerade erlegten Kaninchen das Fell ab. Dann sind mensch­liche Stimmen zu hören, und das Gebell von Hunden. Hanna, eine Frau mittleren Alters, duckt sich, flieht, und man sieht sofort, dass sie das nicht zum ersten Mal macht, sondern sich gut auskennt in dieser Wildnis.

Trotzdem wird sie auf der Flucht verletzt und blutet stark. Als sie die Holzhütte erreicht hat, in der sie hier im tiefen Wald offenbar wohnt, verarztet sie sich selbst und flickt die tiefe Fleisch­wunde – ohne Betäubung. Wie das so ist, wenn man sich komplett zurück­ge­zogen hat und auf sich allein gestellt abseits der Anderen lebt.

Ein toller Auftakt zu einem der unge­wöhn­lichsten, mutigsten und besten deutschen Filme seit langem.

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In den ersten Minuten versteht man noch nicht viel, außer dass Hanna eine Ärztin ist, hier allein lebt, damit gut zurecht kommt, und offenbar mit der Zivi­li­sa­tion nicht viel am Hut hat. Mit der Zeit wird alles klarer: Eine Seuche, viel schlimmer als Corona, hält die Welt in Atem und verändert die Gesell­schaft radikal. Rigide Behörden kontrol­lieren und regu­lieren mithilfe hart agie­render Poli­zei­truppen jeden Schritt der Bürger. Doch viele Menschen entziehen sich diesem Pandemie-Regime, den Impf­zwängen und anderen Zumu­tungen und beharren auf Selbst­be­stim­mung. Hanna ist eine von ihnen. Halb ausge­grenzt, halb frei­willig ziehen sie sich in die in die Einsam­keit der rauen Berge und archai­sche, hoch­al­pinen Alpen-Urwälder zurück und wollen nach Süden, dorthin wo mit der Wärme auch die Hoffnung zunimmt, und ein Leben in Freiheit noch möglich scheint.

Der Film spielt dabei natürlich mit unser aller Erin­ne­rungen an die noch immer sehr präsenten Jahre der Corona-Pandemie und an die – oft gedan­ken­losen, zum Teil hyste­ri­schen – Reak­tionen der Mehr­heits­ge­sell­schaft. Sie zeigt eine Gesell­schaft, die plötzlich gespalten ist in Innen und Außen, Schwarz und Weiß. Grauzonen und Zwischen­räume scheint es nicht zu geben – dabei wären sie gerade jetzt so dringend nötig.

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Ein deutscher Western. Ein Pande­mie­film. Ein Survival-Drama. Ein Near-Future-Paranoia-Thriller – Die andere Seite, der zweite Spielfilm der Münchner Regis­seurin Mariko Minoguchi, ist alles das. Der Titel ist bewusst mehr­deutig. Die Haupt­figur Hanna wird von Nina Hoss gespielt – und so hat man Hoss, norma­ler­weise eine Darstel­lerin bürger­li­cher, gesetzter Frau­en­fi­guren, noch nie gesehen. Denn all das Rationale, Gesittete, Vertrau­ens­wür­dige, das diese ausge­zeich­nete Darstel­lerin ausstrahlt, trifft hier auf das absolute Chaos, auf Miss­trauen und Irra­tio­na­lität.

In diesem Rahmen konzen­triert sich die Regis­seurin ganz auf diese Haupt­figur. Die ist erkennbar erschüt­tert, zugleich prag­ma­tisch, eine Ärztin, die sich inmitten einer Pandemie gegen brave Konven­tion und für die Bedürf­tigen entscheidet, und einfach macht, was nötig ist. No Nonsense. Mit Hanna dringen wir in leer­ste­hende Häuser ein, jagen Wild und machen Feuer, besorgen von einigen wenigen Vertrauten an den Dorfrän­dern Medi­ka­mente und helfen Bedürf­tigen.

Mit der Zeit erfährt man auch, warum alles so gekommen ist. Man versteht Hannas persön­liche Geschichte, versteht was sie in den Wäldern tut, wie die anderen Menschen sich verhalten haben oder werden, und beginnt zu ahnen, wie denn die Zukunft dieser Gesell­schaft aussehen könnte.

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Die andere Seite hat hervor­ra­gend insze­nierte Action­se­quenzen und ein paar süffige Gore-Momente, dies ist ein Film der Sinne (Kamera: Felix Pflieger) und des Erlebenes, ein bril­lantes persön­li­ches Drama, aber auch ein eminent poli­ti­scher Film: Unbequem, sehr gegen­wärtig und lange nach­wir­kend.
Ein Film, der nicht auf alles Antworten hat, aber die richtigen Fragen stellt.

Regis­seurin Mariko Minoguchi wurde schon für ihr Spielfilm-Debüt Mein Ende. Dein Anfang. – auch ein Film der vielen Ebenen – 2019 vielfach ausge­zeichnet, und ist auch eine preis­ge­krönte Dreh­buch­au­torin: Der von ihr co-geschrie­bene Science-Fiction-Thriller Tides (Regie: Tim Fehlbaum) gewann 2021 vier deutsche Film­preise. Sie gehört zu den wich­tigsten jüngeren Stimmen im deutschen Kino. Mit großer Wucht erzählt sie in ihrem neuen Film von der anderen Seite der Freiheit – ein Drama der Gren­z­er­fah­rung.