| D/Ö/F/IR 2025 · 81 min. · FSK: ab 12 Regie: Massoud Bakhshi Drehbuch: Massoud Bakhshi Kamera: Massoud Bakhshi Schnitt: Jacques Comets, Hayedeh Safiyari |
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| 2 unterschiedliche Töchter | ||
| (Foto: Little Dream Pictures) | ||
All My Sisters ist ein sehr außergewöhnlicher Film. Aus vier Gründen: Er ist sehr persönlich, weil der 1972 in Teheran geborene Regisseur Massoud Bakhshi darin mit großer Geduld seine beiden Nichten Zahra und Mahya begleitet. Er ist zudem ein Projekt mit langem Atem, denn Bakhshi filmt die Geschwister über 18 Jahre hinweg. Er folgt einer transparenten Konzeption mit selbstreflexiven Elementen. Und er reflektiert auf kluge Weise die Sachzwänge der Entstehung in einer Diktatur.
2007 begann der Filmemacher mit den Dreharbeiten in Teheran. Damals war Zahra zwei Jahre alt, Mahya ist 16 Monate jünger. 18 Jahre lang, bis 2025, verfolgte er das Aufwachsen der Schwestern. Später rückt gelegentlich auch ihre Schwester Maleka, die zwölf Jahre jünger ist als Mahya, ins Bild, sie spielt im Film aber nur eine marginale Rolle.
Die ersten Aufnahmen wirken wie aus einem Familienvideo. Die kleinen Mädchen albern herum, spielen Beauty-Salon mit Barbie-Puppen, freuen sich über den Geburtstagkuchen und vergnügen sich auf einer Schaukel. Manchmal machen sie auch einfach nur Quatsch. Der Onkel, der selbst außerhalb des Bildes bleibt, zeigt aber auch, wie Mutter und Großmutter mit der Erziehung beginnen, die gesellschaftlichen Regeln erklären. Insbesondere die fromme, traditionsbewusste Oma versucht, ihren strikten Wertekanon an die Enkelinnen zu vermitteln. Dagegen nimmt die Mutter eine moderatere Position ein, sie versucht stärker, auf die Bedürfnisse ihre Kinder einzugehen und zwischen ihnen und ihrer Mutter zu vermitteln.
Wenn die Mädels tanzen, möchte die Oma das unterbinden, denn sie hält Tanzen für unmoralisch. Dass sie in einer islamischen Theokratie leben, die für Mädchen und Frauen strenge Kleidervorschriften vorgibt, merken die Kinder schon recht früh. Sie verinnerlichen diese Vorschriften schnell und wissen sehr genau, welche Person ein Stück Haut sehen darf und welche nicht.
In der Schule sind Zahra und Mahya einer strengen Disziplin unterworfen: Sie tragen Uniformen und rufen in Reih
und Glied aufgestellt patriotische Parolen oder singen patriotische Lieder. Und eine Lehrerin erklärt ihnen, wie Hijab richtig gefaltet und getragen wird und dass er beschriftet werden sollte. In der gutbürgerlichen Wohnung wird bei Spielen und Zwiegesprächen deutlich, dass die Schwestern oft unterschiedlicher Meinung sind, sie widersprechen sich gerne und hinterfragen häufig Anweisungen der Erwachsenen – vor allem als Teenagerinnen.
Später sehen wir Zahra und Mahya als junge Frauen, die die Universität besuchen und den Führerschein machen. Während Zahra gegenüber Mahya häufig die dominierende Rolle der großen Schwester spielt, widmet sich Mahya gerne der Lyrik und Musik. Sie bringt sich das Gitarrespielen selbst bei und textet und komponiert Lieder, die die systematische politische Unterdrückung widerspiegeln. Beide sind fleißig in den Sozialen Medien unterwegs und verfolgen die Ereignisse im Land. Sie solidarisieren sich mit den Massenprotesten von 2022, als zahlreiche Iranerinnen und Iraner gegen den Tod der 22-jährigen Jina Mahsa Amini im Polizeigewahrsam demonstrierten. Erwartungsgemäß sind ihre Angehörigen gegen ein öffentliches Engagement der beiden, die eines Nachts doch auf das Flachdach des Hauses steigen und wie viele andere »Frau, Leben, Freiheit« rufen.
Es lässt sich nicht übersehen, dass Zahra und Mahya den Film auch visuell bestimmen. Mutter und Großmutter sind nur partiell zu sehen, der Onkel gar nicht. Zudem ist es ein Film mit und über Frauen. Männer – auch Väter und Großväter – kommen praktisch nicht vor, allenfalls tauchen bei einer Parkszene hinter den Mädchen ein paar Jungs auf, die Fußball spielen.
All My Sisters hat zudem eine wichtige Rahmenhandlung. Darin sitzen Zahra, jetzt 19, und Mahya, jetzt 18, in einem dunklen Raum und schauen sich den fertigen Film an. Ihr Onkel hat sie gebeten, ihre Zustimmung zu geben. Schließlich äußeren sich die beiden im Film gelegentlich recht freimütig, insbesondere in späteren Jahren. Sie schmunzeln und lächeln, als sie sich zum Beispiel als Vorschulkinder sehen, die aufschreien, wenn ihre Haare zu
ruppig gebürstet werden. Meist schauen sie einfach nur stumm zu, wie gelegentliche Zwischenschnitte zeigen. Der Regisseur bittet sie auch um Kommentare, doch die jungen Frauen nutzen die Gelegenheit praktisch nicht. Schade, denn es wäre spannend gewesen, mehr über ihre heutige Weltsicht zu erfahren.
Eine gewisse zeitgeschichtliche Orientierung geben Schnipsel aus TV- und Radionachrichten. So kündigt Präsident Mahmud Ahmadinedschad 2009 ein Treffen mit seinem US-Kollegen
Barack Obama an, 2013 gewinnt der gemäßigte Kandidat Hassan Rohani die Präsidentschaftswahlen, 2025 zeigt das Fernsehen, wie die Gesichter der Kandidaten der jüngsten Präsidentenwahl für ihren Auftritt gepudert werden.
Dass der Film in einem System mit strikter Zensur gedreht wurde, legt der Regisseur, der in seinem Heimatland in 30 Jahren nur einige Kurzfilme und drei Spielfilme drehen konnte, immer wieder offen. Wie im iranischen Fernsehen üblich, zoomt die Kamera manchmal auf die Gesichter der Mädchen, damit Haare und nackte Haut aus dem Bildfeld verschwinden. Bei einer Bergbesteigung am Schluss fragt er die jungen Frauen, wie viel Nebel er über das Bild legen soll, um zu verschleiern, dass sie auf dem einsamen Gipfel ihre Haare offen tragen.
Sympathisch an dem Film ist, wie unaufdringlich er soziale und politische Widersprüche und Brüche schildert, wie er ohne Zeigefinger Stationen einer weiblichen Emanzipation protokolliert und wie er das Erwachen eines politischen Bewusstseins und folgerichtig auch des Widerstands zeigt. Am Ende der nur 77 Minuten langen, aber sehr aufschlussreichen Doku bleibt die Frage, wie es mit Zahra und Mahya weitergeht. Was machen sie aus ihrem Leben? Und wie entwickelt sich Maleka? Vielleicht erfahren wir es in einigen Jahren, denn Bakhshi betrachtet seinen Film als unvollendet und möchte ihn fortsetzen.