| Deutschland 2026 · 124 min. · FSK: ab 6 Regie: Hannu Salonen Drehbuch: Domenik Pockberger, Stephan Falk Kamera: Felix Cramer Darsteller: Oliver Masucci, Felix Kammerer, Svenja Jung, Leonard Kunz, Nick Romeo Reimann u.a. |
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| Gemeinsam stark, gemeinsam einsam | ||
| (Foto: Majestic) | ||
Wenn ich an die Olympischen Spiele von Rom 1960 denke, denke ich zuerst an meinen Vater. Wie er damals mit seinem besten Freund Fuzzi auf dessen Motorroller über die Alpen nach Italien fuhr. Es war noch nicht 1968, aber es lag schon eine Ahnung dieser Gegenkultur in der Luft: von jener großen Freiheit, die in den kommenden Jahren die erstarrte Ordnung der Nachkriegsgesellschaft aufbrechen sollte. Für die deutschen Rudersportler, die in Rom antraten, war diese Reise allerdings weniger mit Zukunft als mit Vergangenheit verbunden. Fünfzehn Jahre nach Kriegsende trat dort noch einmal eine gesamtdeutsche Mannschaft an. Ein Land, das es politisch längst nicht mehr gab, musste auf sportlicher Ebene plötzlich wieder existieren.
Wobei schon diese Einheit eine paradoxe Konstruktion war. Weil das Internationale Olympische Komitee nur eine deutsche Mannschaft zuließ, mussten sich Sportler aus der Bundesrepublik und der DDR zunächst in Ausscheidungswettkämpfen gegeneinander durchsetzen. Karl Adams Ratzeburger Achter musste den DDR-Achter schlagen, um anschließend in Rom für ganz Deutschland anzutreten: unter Schwarz-Rot-Gold mit den olympischen Ringen und bei einem Sieg zu Beethovens Ode an die Freude statt einer der beiden Nationalhymnen. Die Absurdität der deutschen Teilung verdichtete sich im Sport: Erst musste man gegeneinander gewinnen, um anschließend gemeinsam Deutschland zu sein.
Diese historisch außerordentliche Konstellation liegt Hannu Salonens Adams Acht zugrunde. Der Film erzählt die Geschichte des Lehrers und Rudertrainers Karl Adam, der Ende der 1950er Jahre im unmittelbar an der innerdeutschen Grenze gelegenen Ratzeburg den deutschen Rudersport revolutionierte. Obwohl selbst kein klassischer Ruderexperte, stellte Adam überkommene Trainingsmethoden infrage, experimentierte mit Booten und Leistungssteuerung und formte eine Mannschaft, die es schließlich bis zu den Olympischen Spielen schaffte.
Die Grenzlage macht der Film zum Teil seiner Erzählung. Die deutsche Teilung greift bis ins Private hinein, besonders in einer fiktionalisierten Liebesgeschichte über die Grenze hinweg. Das Boot wird zum Gegenbild dieser Abschottung: Acht Menschen müssen eine gemeinsame Bewegung finden, während um sie herum ein Land immer entschiedener in zwei Teile zerfällt.
Oliver Masucci spielt Karl Adam als eine jener Figuren, die das deutsche Nachkriegskino eigentlich dringend braucht: pragmatisch und intellektuell zugleich, Universaltrainer, Boxer und Denker, der Autoritäten weniger aus ideologischer Überzeugung infrage stellt als deshalb, weil er sieht, dass ihre Methoden nicht funktionieren.
Das klingt nach einem klassischen Sportfilm und Adams Acht erfüllt dessen dramaturgisches Pflichtenheft sehr gewissenhaft. Da sind die Außenseiter, die niemand ernst nimmt, die Widerstände der etablierten Funktionäre, Rückschläge, Auswahlkämpfe, Rivalitäten und schließlich die Aussicht auf den großen internationalen Triumph. Die Leichten fliegen raus, die Besten müssen sich zusammenraufen. Einer gegen alle, alle für das Boot.
Interessanter wird der Film immer dort, wo dieses Schema Risse bekommt. Denn in diesem Boot sitzt nicht einfach eine Gruppe junger Männer. Dort sitzt die deutsche Nachkriegsgesellschaft.
Da ist die DDR, deren sozialistisches Versprechen für viele längst seinen Glanz verloren hat, während die Konkurrenz zwischen beiden deutschen Staaten den Kalten Krieg noch kälter werden lässt. Und ausgerechnet im Sport soll zusammenfinden, was die Politik auseinanderreißt. Acht junge Männer müssen miteinander rudern, obwohl sie einander teilweise nicht einmal mögen. Sie müssen denselben Rhythmus finden, weil ein Achter nur funktioniert, wenn individuelle Leistung sich einem gemeinsamen Bewegungsablauf unterordnet. Für einen kurzen historischen Moment gelingt im Boot, was Deutschland außerhalb des Bootes nicht mehr gelingt.
Das ist die große Metapher des Films. Und sie ist gut.
Doch in diesem Boot sitzt zugleich das alte Deutschland. Adam, das sickert langsam durch, war selbst Erzieher und Boxtrainer in einer der NS-Kaderakademien, einer Napola. Der Film konfrontiert ihn mit einer Vergangenheit, in der er damit auch Verantwortung für jene jungen Männer trug, die für den Krieg ausgebildet und schließlich an die Front geschickt wurden. Die nationalsozialistische Vergangenheit ist hier also kein abstraktes Erbe einer vorherigen Generation. Adam selbst gehört zu ihren personellen Kontinuitäten. Die Napola-Leichen liegen nicht nur im Keller der jungen Bundesrepublik – sie begleiten ihn, während Begriffe wie Leistung, Disziplin, Härte und Gemeinschaft unter demokratischen Vorzeichen neu definiert werden sollen.
Gerade daraus hätte eine produktive und sehr viel unbequemere Ambivalenz entstehen können. Denn Adams Überzeugung, dass die Struktur der Leistung auf unterschiedlichen Gebieten letztlich ähnlich sei, besitzt durchaus etwas Befreiendes: Herkunft und gesellschaftlicher Status verlieren gegenüber Können, Training und gemeinsamer Anstrengung an Bedeutung. Aber Leistung, Disziplin und Unterordnung sind im Deutschland dieser Jahre keineswegs unschuldige Begriffe und bei einem Mann mit Adams Vergangenheit schon gar nicht. Wie viel altes Denken steckt also im neuen? Wann wird Disziplin zur Selbstermächtigung und wann wieder zur Unterordnung? Und lässt sich Gemeinschaft tatsächlich neu erfinden, indem man nur ihr Ziel austauscht?
Adams Acht tangiert diese Fragen, aber er stellt sie nicht entschieden genug. Vor allem vertraut er zu selten darauf, dass sie sich aus seinen Figuren und Bildern ergeben könnten. Statt seine Widersprüche auszuhalten, erklärt er sie in Dialogen. Statt Ambivalenzen entstehen zu lassen, verteilt er Positionen. Man muss miteinander reden, sich zur Schule, zur Mannschaft, zur Gemeinschaft bekennen; der Einzelne muss lernen, Teil eines größeren Ganzen zu sein. Das ist nicht falsch. Aber es wird mit einer didaktischen Eindeutigkeit vorgetragen, die angesichts dieses historischen Stoffes zu blass bleibt. Hinzu kommt ein etwas zu großzügig dosierter Liebesschmalz, der zusätzliche emotionale Tiefe erzeugen soll, die Figuren aber eher in vertraute dramaturgische Bahnen zurückführt.
Und dann fragt man sich auch irgendwann: Warum sieht ein Stoff, der so viele politische, gesellschaftliche und psychologische Möglichkeiten besitzt, über weite Strecken derart nach Fernsehen aus? Warum diese klar markierten Antipoden, die berechenbaren Konflikte, dieses bisweilen geradezu spießige Pathos? Hannu Salonen hat in den vergangenen Jahren vor allem fürs Fernsehen gearbeitet, und man merkt Adams Acht diese Herkunft leider an. Nicht weil Fernsehen per se weniger anspruchsvoll wäre, sondern weil der Film dessen konventionellste Erzählmuster übernimmt: Konflikte werden sauber vorbereitet, Figuren funktional positioniert und Bedeutungen so deutlich ausgesprochen, dass möglichst wenig Unsicherheit zurückbleibt.
Dabei kann gerade der Sportfilm so viel mehr. Luca Guadagninos Challengers – Rivalen (2024) hat gezeigt, wie Sport zugleich Begehren, Macht, Konkurrenz und Körperlichkeit ausdrücken kann, ohne sich in der Illustration einer Botschaft zu erschöpfen. Auch Adams Acht besitzt solche Momente. Wenn die Männer im Boot sitzen und ihre Körper einem gemeinsamen Rhythmus unterwerfen müssen, erzählt das Bild plötzlich mehr als der Dialog. Rudern ist dafür geradezu ideal: Jeder muss maximale Kraft entwickeln und zugleich seine Individualität zurücknehmen. Einer kann das Rennen verlieren, acht können es gewinnen.
Die Geschichte Karl Adams und seines Achters hätte das Potential zu einem großen deutschen Nachkriegsfilm gehabt. Sportliche Leistung hätte sich mit der Frage verbinden lassen, wie eine Gesellschaft nach der Katastrophe überhaupt wieder Gemeinschaft herstellen kann. Die innerdeutsche Konkurrenz hätte nicht nur als Kalter-Krieg-Kulisse dienen müssen, sondern als Ausdruck zweier Systeme, die beide glaubten, den besseren Deutschen hervorzubringen. Und Rom hätte jener Sehnsuchtsort werden können, der es für meinen Vater und seinen Freund auf ihrem Motorroller vielleicht tatsächlich war: der Ort hinter den Alpen, an dem für einen Augenblick ein anderes Leben möglich schien.
All das steckt in Adams Acht. Manchmal sieht man es sogar. Und vielleicht macht gerade das den Film so enttäuschend. Sein Problem ist nicht, dass er nichts zu erzählen hätte. Im Gegenteil: Er hat und will viel erzählen. Er besitzt eine außergewöhnliche Geschichte, eine starke Hauptfigur und mit dem Achter ein perfektes Bild für ein Land, das lernen muss, gemeinsam voranzukommen, während es seine Vergangenheit mit sich schleppt. Doch anstatt diesen Widersprüchen zu vertrauen, glättet der Film sie zu einer gediegenen, emotional verlässlichen Erfolgsgeschichte.
Am Ende bleibt ein ansehnlicher Sportfilm und die Sehnsucht nach jenem anderen Achter, der in ihm verborgen liegt: widersprüchlicher, politischer, schmerzhafter und sehr viel größer.