13.01.2022

Peter Thomas, Filmkomponist

Peter Thomas
Sounds, die einem eine Ära des deutschen Films zurückbringen, die gar nicht so schlecht war
(Foto: Peter Thomas / Philip Thomas)

Das Werkstattkino in München widmet dem kürzlich verstorbenen Filmkomponisten und Sounddesigner eine Werkschau. Ein Interview mit Philip Thomas, seinem Sohn

Der im Mai 2020 verstor­bene Peter Thomas gehörte zu den meist­be­schäf­tigten und profi­lier­testen Film­kom­po­nisten in Deutsch­land. Er prägte den Sound der Edgar-Wallace-Filme, schrieb die Musik zu vielen TV-Straßen­fe­gern und Krimi­se­rien (»Der Kommissar«, »Der Alte« usw.) und schuf mit der Titel­me­lodie von »Raum­pa­trouille Orion« einen Ohrwurm. Er bediente unter­schied­liche musi­ka­li­sche Genres und Reper­toires, aber seine Musik trug eine unver­kenn­bare Hand­schrift. Das erkannten auch die nach­fol­genden Musi­ker­ge­nera­tionen. In den 2000er Jahren feierte Peter Thomas ein Comeback in der Sound-Sampling-, Remix- und Easy-Listening-Kultur. Peter Thomas blieb bis zu seinem Tod populär und war als witziger und schlag­fer­tiger Inter­view­partner gefragt.

Diese Woche zeigt nun das Werk­statt­kino mit 13 Filmen eine durchaus reprä­sen­ta­tive Auswahl aus den 60er und 70er Jahren, die uns Peter Thomas’ musi­ka­li­sches Spektrum in seiner ganzen Farbig­keit zu vermit­teln versucht. Recht anschau­lich und kontrast­reich zeigen das die beiden Filme, die heute zum Auftakt laufen: Einmal der unab­hängig produ­zierte Debütfilm von Will Tremper, Flucht nach Berlin (1961), der mit einem eindring­li­chen Score im Stil von ostzo­naler Revo­lu­ti­ons­musik unterlegt ist. Zum anderen Die Schlan­gen­grube und das Pendel (1967), eine sehr freie Edgar-Allen-Poe-Verfil­mung von Harald Reinl, mit Grusel­musik klas­si­scher Prägung. Vormerken sollte man sich auch den 20-Uhr-Termin am Samstag, den 15.1.22: Eine Lecture mit Trailern, Clips und Film­aus­schnitten und ein Film­ge­spräch mit Philip Thomas, dem Sohn des Kompo­nisten, der sich ganz dem Nachlass seines Vaters widmet. Einen Vorge­schmack auf die Begegnung mit Philip Thomas geben wir hier mit einem Interview, das schon 2020 von Ulrich Mannes, Heraus­geber von SigiGötz-Enter­tain­ment, geführt wurde.

artechock: Herr Thomas, Sie haben geschrieben, dass Sie sich fortan ganz dem Nachlass Ihres Vaters widmen wollen. Das wird also eine Lebens­auf­gabe?

Philip Thomas: Ja, aller­dings würde ich es eher als Aufgabe meines neuen Lebens­ab­schnitts bezeichnen. Nach dem Ableben meines Vaters wurde mir innert kürzester Zeit klar, dass ich mich fortan voll und ganz seinem musi­ka­li­schen Nachlass widmen möchte. Ich weiß noch, wie ich ihm im Sommer 2019 nach einem Abend­essen in Lugano verspro­chen habe, mich dieser Aufgabe anzu­nehmen. Aber losgelöst von diesem Verspre­chen ist es mir ein echtes Bedürfnis, mich fortan ganz der Pflege seiner Musik zu widmen. Jede andere Entschei­dung oder ein Zuwarten wären falsch für mich gewesen. Also habe ich Ende Juni 2020 meine Anstel­lung als Justitiar einer großen Schweizer Arbeit­neh­mer­or­ga­ni­sa­tion gekündigt. Am 1. Dezember, zum 95. Geburtstag meines Vaters, habe ich mein »neues Amt« ange­treten.

artechock: Hat Ihr Vater seinen Nachlass gut gepflegt?

Thomas: Ja, er hat wunder­bare Vorarbeit geleistet und bereits zu Lebzeiten einen Großteil seiner Bänder digital erfasst. Das erleich­tert mir die Aufgabe ungemein, denn ich kann sein musi­ka­li­sches Werk einfach per Mausklick abrufen. Aber es gibt auch noch unver­öf­fent­lichtes Material auf BASF-Bändern, das ich in einem nächsten Schritt angehen werde. Gott sei Dank sind es deutsche Bänder, die, anders als die ameri­ka­ni­schen Bänder, nicht mit der Zeit zu schmieren anfangen. Als Preuße hat er natürlich auch den vertrags- und urhe­ber­recht­li­chen Teil immer sorg­fältig gepflegt. So sind sämtliche Verträge und Gema-Anmel­dungen seit 1950 vorhanden. Echt eindrück­lich, was er dort an Arbeit geleistet hat. Diese Unter­lagen sind mir heute für das Einar­beiten in die Materie extrem hilfreich, denn oftmals sind die Firmen selber nicht mehr im Besitz dieser Unter­lagen.

artechock:
Haben Sie unter den Arbeiten Ihres Vaters persön­liche Favoriten?

Thomas: In den letzten sechs Monaten habe ich mich vom Sohn zum Fan entwi­ckelt. Natürlich haben wir zu Hause immer viel von seiner Musik mitbe­kommen. Sein Klavier stand im Wohn­zimmer, daneben die beiden Wellen­sit­tiche (Max & Moritz, die z.T. noch auf Bändern zu hören sind) und die Kinder beim Aufga­ben­ma­chen. Musik gehörte also zum fami­liären Back­ground, wurde aller­dings nicht immer gewürdigt, ein bisschen à la »Prophet im eigenen Land«… Heute bin ich voller Stolz und Bewun­de­rung für das, was er geschaffen hat. Sein Werk ist so viel­seitig und umfasst so verschie­dene Facetten, dass es schwierig ist, einen Favoriten auszu­ma­chen. Über all die Jahre hatte ich immer ein Faible für die Titel­me­lodie von Onkel Toms Hütte: »Old, old Missis­sippi« gesungen von Eartha Kitt. Aber auch der Sound­track aus Erin­ne­rungen an die Zukunft gefällt mir ungemein. Ferner liebe ich den Titel »Meine Stadt« gesungen von Hana Hegerovà – als Kind durfte ich den Aufnahmen in München damals beiwohnen. Ich höre jetzt auf, denn die Aufzäh­lung würde vermut­lich den Rahmen dieses Inter­views sprengen.

artechock: Ihr Vater war ja sehr gut vernetzt, bis zum Ende seines Lebens. Nützen Ihnen diese Kontakte?

Thomas: Oh, ja! Ich stoße auf sehr viel Wohl­wollen in der Branche. Obwohl ich ein ziem­li­ches Greenhorn bin, kann ich überall anklopfen, bekomme Zutritt, Ratschläge, Kontakte. Besonders schön ist, wie alle in den höchsten Tönen von meinem Vater reden. Und ja, ich kann bei meinen ersten Schritten im Musik­ge­schäft auf die Unter­stüt­zung von treuen Wegge­fährten meines Vaters zählen. Nament­lich möchte ich hier Matthias Künnecke (Universal), Dietmar Bosch (Allscore), Walter Potganski (Moviemax) und Stephan Reichen­berger danken.

artechock: Was ist sonst noch geplant?

Als nächstes werde ich versuchen, die nicht mehr erhält­li­chen Tonträger/Aufnahmen einer Veröf­fent­li­chung wieder zugäng­lich zu machen. Ein neues Label »MuziKBeater« (mein Vater hat gerne mit dieser Wort­krea­tion signiert) soll einer der Publi­ka­ti­ons­träger werden. Für 2022 ist eine 250-seitige Peter-Thomas-Biogra­phie geplant.

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Alles weitere auf www.peterthomas.tv oder auf dem offi­zi­ellen Peter Thomas Künstler-kanal auf YouTube.

Aus: SigiGötz-Enter­tain­ment #35 (Dezember 2020)