30.04.2020

»Das meiste sind leider weniger Fakten als Emotionen ... wir wünschen uns einen Dialog!«

arechock fragt nach
Nur eine von 2 Seiten: der Twist um die Gelderausschüttung
(Foto: artechock)

Ein exklu­sives Gespräch mit Tilo Gerlach, Geschäfts­führer der GVL-Verwer­tungs­ge­sell­schaft zum öffent­li­chen Protest von 60 Schau­spie­lern und deren Vorwürfen gegenüber der GVL

Das Gespräch wurde am Mittwoch tele­fo­nisch von artechock-Redakteur Rüdiger Suchsland geführt.

Tilo Gerlach ist seit fast zwanzig Jahren Geschäfts­führer der GVL, der Gesell­schaft zur Verwer­tung von Leis­tungs­schutz­rechten. Der promo­vierte Jurist ist außerdem Präsident der AEPO-ARTIS (Euro­päi­sche Dach­or­ga­ni­sa­tion der Verwer­tungs­ge­sell­schaften für ausübende Künstler) und Board-Member der SCAPR (Inter­na­tio­nale Dach­or­ga­ni­sa­tion der Verwer­tungs­ge­sell­schaften für ausübende Künstler).

Außerdem lehrt er an der Berliner Humboldt-Univer­sität. Seine Expertise ist, sich mit Urhe­ber­recht und den Rechten der ausü­benden Künstler auszu­kennen. Ein exklu­sives Gespräch anläss­lich eines Brand­briefs, mit dem Künstler*innen die GVL auf ihre Notlage aufmerksam machen. Auch darüber berichtet »artechock« – die zwei Kehr­seiten der Medaille.

artechock: Herr Dr. Gerlach, warum ist es bisher nicht zum Gespräch zwischen den Schau­spie­lern und Unter­zeich­nenden des offenen Briefs mit der GVL gekommen? Es heißt, Sie hätten auch den ersten offenen Brief überhaupt nicht beant­wortet. Weshalb?

Tilo Gerlach: Um das mal vorweg zu nehmen: Wir reden immer von »den Schau­spie­lern«. Da gibt es aber auf der einen Seite Herrn Röth und Frau Michelsen und dieje­nigen, die den zweiten offenen Brief mit unter­zeichnet haben – und parallel dazu den Bundes­ver­band Schau­spiel, den BFFS mit über 3000 Mitglie­dern – zu denen meines Wissens und auch die beiden Autoren des Briefs gehören. Mit dem BFFS sind wir permanent im Gespräch und haben auch unser Vorgehen in der Corona-Krise mit ihm eng abge­stimmt.

Das heißt, dass Sie den Eindruck haben, dass die beiden Autoren der offenen Briefe gar nicht für die Mehrheit der Schau­spieler sprechen?

Das stimmt. Die Autoren des Briefes suchen leider auch nicht den Kontakt zu uns. Der erste Brief wurde zum Beispiel gar nicht an uns geschickt und hatte auch primär den BFFS im Blick. Wir haben von den Vorwürfen erst nach der Veröf­fent­li­chung erfahren und der BFFS, der ja da primär im Fokus stand, hat diesen offenen Brief erwidert und meines Wissens auch Gespräche mit Herrn Röth geführt und Erläu­te­rungen – auch durch die GVL – angeboten. Dennoch kam unver­mit­telt der zweite offene Brief, diesmal auch direkt an uns gerichtet.
Das war die Genese.

Im ersten offenen Brief werden Sie zumindest auch als GVL ange­spro­chen. Und im zweiten bezieht man sich darauf.

Das stimmt einfach nicht. Es wird über uns gespro­chen, aber die Adres­saten des ersten Rund­briefes sind die Mitglieder des BFFS. Die Formu­lie­rung im zweiten Brief sugge­riert hier etwas Falsches. Es gab keinerlei Kontakt-Versuch mit uns, es gab auch keine Gele­gen­heit, etwas zu erläutern, weil der Kontakt leider nicht zu uns persön­lich gesucht wurde. Das ist einfach schade, dass es so konfron­tativ wird, denn mein Haupt­wunsch ist, Vorwürfe direkt zu adres­sieren, um sie auch direkt ausräumen und Dinge erklären zu können.

Jede Seite hat ihre Eindrücke – die Haupt­sache aber ist die Sache selbst: Dass einige Schau­spieler bemängeln, dass die Zahlungen der GVL sogar von den Jahren 2013 und 2014 noch ausstehen. Und dass die Erklä­rungen, warum sich dies alles verzögert hat, viele Rech­te­inhaber nicht zufrie­den­stellen. Die Rede ist auch von EDV-Problemen, teilweise auch von der Kompli­ziert­heit der Ausschüt­tung.

Im zweiten Brief wird von einer weiteren Verzö­ge­rung gespro­chen bzw. unter­stellt, wir würden die geplanten Termine für die Abschluss­ver­tei­lung der genannten Jahre 2013 und 2014 klamm­heim­lich noch weiter verschieben. Das haben wir in unserer Erwi­de­rung klar­ge­stellt: Die konkrete Vertei­lung der Gelder war und ist weiterhin für den August geplant. Die Aussage, etwas verzögere sich erneut, ist einfach falsch.

Es wird genau das gemacht, was ange­kün­digt wurde – und zwar trotz Corona und 180 Mitar­bei­terInnen im Home-Office. Zusätz­lich wird noch, um schnelle Hilfe für die notlei­denden Künst­lerInnen zu schaffen, in den nächsten Wochen ein Vorschuss für dieje­nigen gezahlt, die diesen bei uns beantragt haben.

Weiterhin gibt es die soge­nannte »Sofort­hilfe« von 250 Euro – die haben wir auf Basis unserer bishe­rigen Regu­la­rien ab Anfang März als soziale Unter­stüt­zung sofort auszahlen können. Das haben mitt­ler­weile über 7000 Menschen bekommen.

Das ist ja leider im offenen Brief als Ausdruck mangelnder Wert­schät­zung und Almosen empfunden worden. Die Verfasser haben sich vehement dagegen gewehrt, weil sie meinen, sie hätten Anspruch auf ganz andere Gelder, die ihnen vorent­halten wurden. Und eine Höhe erreichen würden, die alle Corona-Härten ausgleicht.

Das meiste in dem offenen Brief sind leider weniger Fakten als Emotionen. So wird auch bemängelt, dass Vorschüsse nicht an alle gezahlt werden.

Wir können, wenn wir wirklich helfen wollen und die Vorschüsse eine gewisse Höhe haben sollen, nicht an alle auszahlen – wenn wir das Geld auf über 200.000 poten­zi­elle Empfänger verteilen würden, bliebe kein signi­fi­kanter Einzel­be­trag übrig, der wirklich weiter­hilft. Das ist ein einfaches Rechen­ex­empel.

Diese Vorschüsse wurden auch nicht von allen Berech­tigten für inter­es­sant befunden, viele haben darauf verzichtet, da sie auch Auswir­kungen auf die Steuer und auf andere staat­liche Förde­rungen haben. Deswegen haben rund ein Drittel derje­nigen, die die 250-Euro-Sofort­hilfe beantragt haben, einen Vorschuss abgelehnt. Hier fühlen wir uns in unserem Ansatz bestätigt, diese Zahlung nur auf Nachfrage zu leisten und nicht als pauschale Auszah­lung an alle.

Ganz kurze Nachfrage: Sie sprechen von über 200.000 poten­zi­ellen Empfän­gern. Wie ergibt sich diese Zahl? Meines Wissens haben sie nur etwa 180.000.

Es sind eher sogar noch mehr, denn wir haben auch Gegen­sei­tig­keits­ver­träge mit den inter­na­tio­nalen Schwes­ter­ge­sell­schaften. Wahr­schein­lich kommt man da insgesamt sogar auf eine halbe Million vergü­tungs­be­rech­tigte Künstler.

Im Brief wird auch gefragt, warum das so lange dauert: Sieben Jahre sind seit 2013 vergan­genen. Warum dauert es so lange, bis es die voll­s­tän­digen Zahlungen gibt?

Das liegt daran, dass wir von heute auf morgen unsere Systeme komplett umstellen mussten aufgrund einer Beschwerde bei der EU-Kommis­sion wegen angeb­li­cher Diskri­mi­nie­rung der auslän­di­schen Kolle­gInnen.

In der Vergan­gen­heit war es viel einfacher. Es gab Meldungen in Form eines Gagen­scheins – auf dieser Basis haben wir alle Erlöse ausschütten können. Da gab es keinerlei Rück­stel­lungen. Die Schwes­ter­ge­sell­schaften haben uns gezwungen, auf soge­nannte nutzungs­be­zo­gene Vertei­lung umzu­stellen. Das heißt, wir müssen nun ermitteln, welche Produk­tion wo statt­ge­funden hat, auf welchem Fern­seh­sender, mit welchem Mitwir­kenden, und wir müssen entspre­chende Rück­stel­lungen auch für all dieje­nigen bilden, die sich noch nicht recht­zeitig gemeldet haben – das sieht das Gesetz so vor.

Die Schau­spieler haben sich selbst für ein kompli­ziertes Verfahren entschieden: Sie haben gesagt, wir wollen nicht, dass jeder Mitwir­kende gleich viel bekommt, sondern wir wollen Diffe­ren­zie­rungs­kri­te­rien. Je nach Anteil an dem Film möchten sie an der jewei­ligen Ausschüt­tung unter­schied­lich hoch beteiligt werden. Grundlage dafür sollen die Drehtage sein.

Das ist ein hoher Grad an Diffe­ren­ziert­heit, die mit dem neuen System hinzu­ge­kommen ist. Dazu wird dann noch nach dem Charakter der Produk­tion diffe­ren­ziert: Ein Kinofilm wird beispiels­weise höher bewertet, als eine Daily Soap.

Da kommen wir auf das Grund­pro­blem: Es ist weniger ein EDV-Problem als die entspre­chende zugrun­de­lie­gende Daten­si­tua­tion. Es gibt beim Film keine einheit­li­chen stan­dar­di­sierten Daten­in­for­ma­tionen und auch keinen Iden­ti­fi­kator wie im Buch­be­reich die ISBN-Kennzahl.

Damit haben wir immer das Problem, an richtige Daten zu kommen. Ist der gesendete Film ein Film, der nur so ähnlich heißt, oder ein Remake, oder ist es derselbe Film mit denselben Schau­spie­lern?

Die Daten­kom­ple­xität führt zudem auch für uns zu dem unbe­frie­di­genden Ergebnis, dass sich diese Verteil­ergeb­nisse nicht aus dem Ärmel schütteln lassen.

Das hat uns in einen zeit­li­chen Verzug gebracht, der auch daran liegt, dass wir im laufenden Betrieb umstellen mussten – eine Operation am offenen Herzen.

Jetzt ist eine Weile vergangen seit 2010 – man kann nicht mehr von »von heute auf morgen« sprechen. Und es hat sich eine Menge Geld ange­sam­melt: In Ihren Geschäfts­be­richten werden jedes Jahr Summen zwischen 100 und 310 Millionen genannt. Über die Jahre scheint da ein Betrag von über einer Milliarde zusammen zu kommen.

Ich weiß nicht, wie viel davon inzwi­schen schon wieder ausge­schüttet worden ist, und wie viel da als Rücklagen bei Ihnen verbleiben müssen. Aber immerhin denkt jemand, der nicht in diesen Details drin­steckt: Wieso können die das nicht zu einem beträcht­li­chen Teil innert sieben Jahren auszahlen?

Und darüber hinaus: Was machen die eigent­lich in der ganzen Zeit mit dem Geld? Viel­leicht können Sie mir da ein bisschen weiter­helfen.

Das mache ich gern. Wir haben seit der Umstel­lung auf die nutzungs­be­zo­gene Vertei­lung über 400 Mio. € an die Künstler ausge­zahlt. In ähnlicher Höhe wurde auch an die Produ­zenten gezahlt.

In der Tat gibt es einen zeit­li­chen Verzug bei einigen einzelnen Vertei­lungen – aber man muss diese Zahlen auch realis­tisch sehen: Sie kennen ja die Mecha­nismen: Die Gelder, die man im laufenden Jahr einnimmt, werden erst im folgenden Jahr verteilt. Das führt dazu, dass die Verteil­summe eines gesamten Jahres immer auch in voller Höhe als Rück­stel­lung in der Bilanz ist. Dieser signi­fi­kante Betrag geht schon an die 200 Millionen – das ist also gar nicht vermeidbar.

Zudem schütten wir, wie erläutert, extrem viel Geld aus. Aber wir haben in der Tat noch nicht die Verteil-Quote, die wir gerne hätten. Das liegt auch daran, dass sich manche Anspruchs­be­rech­tigte nicht recht­zeitig melden. Das Gesetz sieht vor, dass wir 3 Jahre lang entspre­chende Gelder zurück­stellen müssen. Insofern ist es eine Fehl­wahr­neh­mung, wenn aus der Rück­stel­lung darauf geschlossen wird, dass man diese Gelder immer schon hätte verteilen können.

Was uns besonders schmerzt, ist, dass hier Vorwürfe aus dem rechts­ra­di­kalen Bereich von der AfD über­nommen werden – das sind Fake-Zahlen. Da schlage ich die Hände über dem Kopf zusammen.

Erst recht, wenn das von Schau­spie­lern kommt, die sich eigent­lich immer gegen Rechts­ra­di­ka­lismus posi­tio­nieren. Man bekommt ein komisches Gefühl und das Ganze bekommt eine seltsame poli­ti­sche Drift, die die Branche nicht vertragen kann.

Von was für Beträgen reden wir hier überhaupt? Wieviel wird denn so im Durch­schnitt an jedes Mitglied ausge­schüttet?

Den Durch­schnitts­satz kann ich Ihnen nicht sagen. Generell ist es so, dass die Beträge bei Schau­spie­lern nicht so groß sind, weil wir für sie nur sehr wenige Rechte wahr­nehmen. Das Gros der Beträge, die wir verwalten, sind Gelder, die von Musikern und Musik­pro­duk­tionen bean­sprucht werden.

Für die Schau­spieler zahlen uns die Fern­seh­sender – anders als für Musiker – überhaupt nichts. Diese Rechte werden mit den Gagen abge­golten. Auch die Strea­ming­dienste zahlen uns nichts. Es geht bei Schau­spie­lern vor allem um die Privat­kopie-Abgabe.

In der Vergan­gen­heit gab es noch Vermie­ter­löse über die Video­theken – diese Gelder, die mehrere Millionen im Jahr ausmachten, sind wegge­fallen. Insofern ist der Anteil, der auf die Schau­spieler entfällt, vergleichs­weise gering. Und unter den Schau­spie­lern wiederum haben wir eine große Spreizung: Oben gibt es ein paar, die richtig gut verdienen. Da kommen erheb­liche Auszah­lungen zustande. Dann gibt es ganz viele, die ganz, ganz wenig verdienen. Und in der Mitte ist es dünn. Ein Stück weit bildet das unsere Gesell­schaft ab.

Was würden Sie sich von den Autoren des offenen Briefes wünschen? Oder müssen die die Probleme, die sie für sich sehen, erstmal mit ihrem Verband BFFS klären?

Denn es ist ja so, dass nicht alle Schau­spieler mit dem BFFS nur zufrieden sind – das geht Sie von der GVL zwar nur sehr mittelbar etwas an, aber darunter leiden Sie jetzt natürlich auch, weil sich beides vermischt.

Natürlich wünschen wir uns einen Dialog. Deswegen fand ich es auch sehr schade, dass die beiden Verfasser des offenen Briefs, als wir sie zu unserem digitalen Stamm­tisch zur Erläu­te­rung der Hinter­gründe kommende Woche einge­laden hatten, uns daraufhin nur eine höfliche Absage geschickt haben.

Ich finde es schade, dass hier offen­sicht­lich so viele Emotionen im Spiel sind und dass der direkte Austausch, den wir gerne hätten, offen­sicht­lich nicht gewollt ist. Wir wollen, dass unsere Berech­tigten vertreten sind, und kämpfen auch für sie. Es ist sehr schade, dass hier so ein ganz anderer Eindruck entsteht.

Wir suchen das persön­liche Gespräch und wollen die offenen Fragen auf der persön­li­chen Ebene klären. Wir können aber keinen dazu zwingen. Ich bin überzeugt, dass ein Austausch offener Briefe uns nicht weiter­führt.

+ + +

top