27.09.2018

»Ich hatte Glück...«

Yuli
Yuli von Icíar Bollaín

Die spanische Filme­ma­cherin Icíar Bollaín über ihren im Wett­be­werb von San Sebastián laufenden Film Yuli

Das Gespräch führte Geri Krebs

Die 1967 in Madrid geborene spanische Filme­ma­cherin Icíar Bollaín begann mit 15 als Film-Schau­spie­lerin mit einem Auftritt in Víctor Erices El Sur. Seit 1995 ist sie vorwie­gend als Regis­seurin tätig und hat mit Filmen wie El Olivo – Der Oliven­baum oder Und dann der Regen – También la lluvia auch inter­na­tional große Erfolge gefeiert. In Yuli, der jetzt im Wett­be­werb beim Film­fes­tival von San Sebastián Welt­pre­miere feierte, erzählt sie die Lebens­ge­schichte des kuba­ni­schen Tanz-Super­stars Carlos Acosta (Jahrgang 1973). Acosta, der als Kind nicht Tänzer, sondern Fußballer werden wollte, von seinem Vater, einem LKW-Fahrer, aber zur Tanz-Ausbil­dung gezwungen wurde, war der erste schwarze Ballett-Tänzer in Kuba. Und er war 1991, nach Abschluss seiner Ausbil­dung, auch der erste Schwarze, der in London im Royal Ballett tanzte. In einem Mix aus doku­men­ta­ri­schen, von Acosta selbst verkör­perten Szenen und fiktio­na­li­sierten Bege­ben­heiten aus seiner Kindheit und Jugend (wo er von den Schau­spie­lern Edison Manuel Olbera und Keyvin Martinez gespielt wird), ist Yuli eine mitreißende Hommage an tänze­ri­sche Kühnheit und artis­ti­sche Risi­ko­be­reit­schaft und geht dabei weit über ein konven­tio­nelles Biopic hinaus. In San Sebastián wurde bisher kaum ein anderer Film des Wett­be­werbs vom Publikum so stürmisch gefeiert wie der auch rhyth­misch äußerst stimmige Yuli.

Artechock: Yuli ist ein Film, der über seine cine­as­ti­schen Qualitäten hinaus auch von einer Liebe zu Kuba durch­drungen scheint, zu seinen Menschen, seiner Kultur. Wie und wann fing diese Liebe bei Ihnen an?

Icíar Bollaín: Meine erste Reise nach Kuba unternahm ich 1987 zusammen mit meiner Schwester. Wir waren jung und neugierig, ich war damals bereits Schau­spie­lerin, aber es war eine rein touris­ti­sche, private Reise. Danach reiste ich 1991 erneut nach Kuba, dieses Mal, um einen Kurs an der Film­schule in San Antonio de los Baños in der Nähe von Havanna zu besuchen. Ich war begeis­tert und flog in den folgenden Jahren mehrmals an diese (von Fernando Birri und Gabriel García Márquez gegrün­dete – Anm. G.K.) Schule für weitere Kurse. Nachdem ich dann 1995 in Spanien Hola, estás sola?, meinen ersten langen Spielfilm als Regis­seurin, reali­siert hatte und der im folgenden Jahr auch am Film­fes­tival von Havanna präsen­tiert wurde, wurde ich nach San Antonio als Gast­do­zentin für Kurse in Schau­spiel und Regie einge­laden. Bei der Gele­gen­heit lernte ich die Schau­spie­lerin Marilyn Torres kennen, die daraufhin 1999 in meinem nächsten Film, Blumen aus einer anderen Welt, eine der Prot­ago­nis­tinnen war. Sie sehen: meine Liebe zu Kuba hat eine längere Geschichte und verschie­dene Facetten. Trotzdem habe ich nun meinen ersten Film in Kuba nicht selber gesucht, sondern der Film suchte mich.

Wie das?

Icíar Bollaín: Die britische Produ­zentin Andrea Calder­wood nahm Kontakt auf mit meinem Mann, Paul Laverty, und fragte ihn, ob er ein Drehbuch über die Lebens­ge­schichte von Carlos Acosta schreiben könne, basierend auf seiner 2008 erschie­nenen Auto­bio­grafie »No Way Home: A Dancer's Journey«. Es war dann Paul, der mich gleich fragte, ob ich bereit wäre, Regie zu führen – was ich natürlich gerne annahm.

Dann hatten Sie also Carlos Acosta und seine Auto­bio­grafie zuvor gar nicht gekannt?

Bollaín: Nein, ich wusste zwar, wer er ist, wusste, dass es sich um Kubas wohl legen­därsten Tänzer handelt, aber mehr nicht. Und auch die Auto­bio­grafie las ich erst, als Paul mich angefragt hatte.

Nun ist Carlos Acosta ein Superstar – wie schwierig war es, ihn für das Film­pro­jekt zu gewinnen?

Bollaín: Es war in keiner Weise schwierig – im Gegenteil: Er war es, der schon lange wollte, dass man einen Film über ihn macht, wollte seine Lebens­ge­schichte in einem Film erzählen. Carlos hatte schon einige Filmer­fah­rung, so hatte er 2008 im Compi­la­ti­ons­film New York, I Love You an der Seite von Natalie Portman gespielt und 2016 spielte er in der John-Le-Carre-Verfil­mung Verräter wie wir einen kuba­ni­schen Tänzer. Und außerdem war bereits ein Projekt über Carlos' Leben gestartet worden, das dann aber schei­terte. Sie sehen also, ich hatte Glück, kam genau im richtigen Moment, um diesen Film zu reali­sieren.

Und wer hatte dann die Idee, dass Carlos sich im Film – in jenen Szenen, die in der Gegenwart spielen – auch noch gleich selber verkör­pert?

Bollaín: Diese Idee kam von Paul und mir gemeinsam. Wir wussten zwar, dass das ein riskantes Unter­fangen werden würde, aber risi­ko­be­reit, wie Carlos ist, ließ er sich sofort von der Idee begeis­tern.

Worin lag für Sie das größte künst­le­ri­sche und erzäh­le­ri­sche Risiko in diesem Mix aus dem realen Carlos Acosta und dem vom Schau­spieler Keyvin Martinez verkör­perten Carlos Acosta?

Bollaín: Da muss ich zuerst noch präzi­sieren: Keyvin Martinez ist Tänzer, er hatte keinerlei Schau­spiel­erfah­rung. Wir hatten also einen Tänzer, der das Schau­spielen erlernen musste, und einen Tänzer mit Schau­spiel­erfah­rung, der aber sich selber als Tänzer verkör­pern musste. Der Film ist von seiner Struktur her so aufgebaut, dass er von der Gegenwart aus erzählt und dabei weit­ge­hend fiktional ist. Dabei kommt es immer wieder zu Szenen, in denen das, was der von Keyvin Acosta gespielte Carlos erzählt, seine Entspre­chung in Tanz­szenen findet, die vom realen Carlos Acosta getanzt werden. Oder es gibt Archiv­auf­nahmen von Carlos Acosta in der Royal Opera – doch wer dann in der Anschluss­szene aus der Royal Opera heraus­geht, ist Keyvin Martinez. Und umgekehrt gibt es Szenen des realen Carlos Acosta in Begeg­nungen mit Personen aus seinem Leben, etwa mit Cherry, seiner früheren Ballett­leh­rerin, die von einer Schau­spie­lerin (Laura de la Uz) gespielt werden. Das sind Dinge, die auf dem Papier reizvoll erscheinen, aber ob sie dann auch wirklich funk­tio­nieren würden, da hatten wir lange große Zweifel.

Sie mussten einen kuba­ni­schen Ko-Produk­ti­ons­partner haben, wählten dabei aber nicht das tradi­ti­ons­reiche und allmäch­tige kuba­ni­sche Film­in­stitut ICAIC, sondern eine unab­hän­gige Produk­ti­ons­ge­sell­schaft, »Quinta Avenida«. Hatte diese Wahl etwas damit zu tun, dass Ihr Film die kuba­ni­sche Realität doch recht kritisch beleuchtet?

Bollaín: Nein, überhaupt nicht, unsere Wahl fiel deshalb auf »Quinta Avenida«, weil diese Firma sehr dynamisch, inter­na­tional hervor­ra­gend vernetzt ist und ich die Leute dort gut kenne. Wir hatten in Kuba natürlich auch Kontakt mit dem ICAIC, denn ohne das Film­in­stitut ist ein größerer Dreh wie in unserem Fall fast nicht möglich, aber als Ko-Produk­ti­ons­partner sind sie doch schon etwas schwer­fällig.

top