Labyrinthe des Lesens und des Filmens |
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| Ein Höhepunkt der Viennale 2026: Mariano Llinás' Life of Jorge Luis Borges | ||
| (Foto: Viennale 2026) | ||
Eine unförmige Reisetasche voller Bücher wird auf einem Tisch ausgeschüttet: eine Fülle an Ausgaben in den verschiedensten Formaten, mit den unterschiedlichsten Einbänden, Werke von Borges, Bücher, die Borges gelesen hat, die er zitiert, auf die er anspielt… Bücher jedenfalls als greifbare Objekte, die eine sinnlich rauschhafte Erfahrung auslösen: die Borges-Experience, ein Trip, auf den uns Llinás mitnimmt, Biografía de Jorge Luis Borges in drei Teilen, insgesamt fast sechs Stunden lang.
Wer Llinás kennt, den Regisseur etwa der ausschweifenden Spielfilmserie La Flor, der weiß, dass kein Biopic des legendären argentinischen Autors der Weltliteratur zu erwarten ist, auch keine dokumentarische Reportage. Das Leben von Borges, die Stationen seiner Biografie sind eher der Vorwand, die Kamera und die Fabulierkraft in Bewegung zu setzen: Orte wie Genf, wo Borges 1899 geboren wurde und die frühen Lebensjahre verbrachte, dann ab Mitte der 1920er-Jahre sein Lebensmittelpunkt Buenos Aires und die Argentinien-Mythologie der Gauchos und der Pampa, des Tango und der Milonga aus den Vorstädten, dann die Bücher aus den entlegensten Winkeln der Weltliteratur.
Llinás führt in seinem mäandernden Parcours auch durch die Geschichte Argentiniens, mit der Borges 1976 ein recht unrühmliches Rendez-vous hatte. Der Handschlag mit dem Anführer der Militärjunta Jorge Videla wird von Llinás genau unter die Lupe genommen. Zwar sollte Borges sich später davon deutlich distanzieren, aber den Schatten will Llinás nicht wegretuschieren: bei aller Verehrung soll das keine Hagiographie werden.
Llinás strukturiert seinen filmischen Essay zunächst anhand der Kollektion von Borges-Objekten in New York: Manuskripte, Notizbücher, Postkarten, Briefe, Zeichnungen, Fotografien usw., die unter der kundigen Sachwalterschaft von dem diskreten Borges-Experten und -Gelehrten Ernesto Montequín durchgeblättert, begutachtet, betastet werden. Auch hier erfasst Llinás die Materialität der Texte, die zwischen weihevollem Kult und Profanierung, zwischen Verehrung und Gelächter in ihrer ganzen Sinnenhaftigkeit gefeiert werden.
Wesentlich bei Llinás’ filmischem Vorgehen ist das laute Lesen, ja das obsessive Rezitieren von Texten, das in eine regelrechte Sprachtrance mündet. Mit seiner Stimme aus dem Off treibt Mariano Llinás wie ein enthusiastischer Rhapsode seinen Trip weiter und hält ihn in Gang.
Llinás’ Methode folgt einer eigenen Logik: »método pampero«, so hat er das selbst einmal genannt hat in Bezug auf sein Produktionsteam El Pampero Cine. Er hat auch schon seinen filmischen Doku-Essay Corsini interpreta a Blomberg y Maciel (2021) und die irrwitzige Mondongo-Trilogie (2024) auf diese Art gemacht.
Der Film begleitet sich selbst bei der Verfertigung, er entsteht als eine Art work-in-progress von der ersten Einstellung an vor den Augen der Zuschauenden und in lebendiger Auseinandersetzung mit ihnen: die kommentierende Off-Stimme des Regisseurs, die Recherche am Desktop, das Tippen der Textpassagen, das Blättern in den Büchern, das Anstreichen von Textstellen mit einem groben Bleistift, immer wieder der Blick mit der Lupe eines Detektivs auf diese Textstellen (Detektivgeschichten waren neben Abenteuer- und Sciencefiction-Romanen maßgebliche Inspirationsquellen für Borges). Es ist ein fortwährendes Tasten und Ausprobieren, das den Begriff des Essays auf seine Wortbedeutung des Versuchs zurückführt und als filmgestische Performance auf ganz erfrischende Weise grundlegend erneuert.
Llinás exponiert sich selbst als recherchierender und suchender Protagonist, als sprechender und in Dialog tretender Aktivist, als rastloser Getriebener und als Abenteuerreisender. Wir sehen ihn als beim Sprechen heftig gestikulierenden Fahrer am Steuer seines Autos. Die Erkundungsfahrten führen wie Expeditionen zu Lokalitäten, die nicht nur für Borges’ Leben wichtig waren, sondern in seinen Geschichten eine Rolle spielten. Abgelegene Orte in der Pampa südlich von Buenos Aires mit skurril klingenden Namen wie Coronel Pringles, Stadtteile von Buenos Aires wie Adrogué, Orte in Uruguay wie Masoller, in denen die biografistische Lektüre der Texte immer wieder in abstruse Sackgassen und wildeste Spekulationen mündet, die von Llinás in ironischer Übertreibung auf die Spitze getrieben werden. Der Blick der Kamera durch die Windschutzscheibe des fahrenden Autos ist ein zentrales Motiv der Llinás-Filmessays. Der Sprung in der Windschutzscheibe (bereits in Corsini interpreta a Blomberg y Maciel deutlich erkennbar) kann geradezu als Markenzeichen oder als Signatur gelten, der die Transparenz der Scheibe durchkreuzt und das Medium, durch das gesehen wird, immer mit sichtbar macht.