05.11.2026

Labyrinthe des Lesens und des Filmens

Mariano Llinás: »Life of Jorge Luis Borges«
Ein Höhepunkt der Viennale 2026: Mariano Llinás' Life of Jorge Luis Borges
(Foto: Viennale 2026)

Ein Höhepunkt der Viennale 2026: Mariano Llinás definiert mit »Life of Jorge Luis Borges« den Essayfilm ein weiteres Mal auf fulminante Weise neu. Auf den Spuren des argentinischen Weltautors verstrickt er uns in die labyrinthischen Abenteuer des Lesens, die von den Buchseiten in die Weiten der Pampa und in die politischen Abgründe einer Diktatur führen

Von Wolfgang Lasinger

Eine unförmige Reise­ta­sche voller Bücher wird auf einem Tisch ausge­schüttet: eine Fülle an Ausgaben in den verschie­densten Formaten, mit den unter­schied­lichsten Einbänden, Werke von Borges, Bücher, die Borges gelesen hat, die er zitiert, auf die er anspielt… Bücher jeden­falls als greifbare Objekte, die eine sinnlich rausch­hafte Erfahrung auslösen: die Borges-Expe­ri­ence, ein Trip, auf den uns Llinás mitnimmt, Biografía de Jorge Luis Borges in drei Teilen, insgesamt fast sechs Stunden lang.

Wer Llinás kennt, den Regisseur etwa der ausschwei­fenden Spiel­film­serie La Flor, der weiß, dass kein Biopic des legen­dären argen­ti­ni­schen Autors der Welt­li­te­ratur zu erwarten ist, auch keine doku­men­ta­ri­sche Reportage. Das Leben von Borges, die Stationen seiner Biografie sind eher der Vorwand, die Kamera und die Fabu­lier­kraft in Bewegung zu setzen: Orte wie Genf, wo Borges 1899 geboren wurde und die frühen Lebens­jahre verbrachte, dann ab Mitte der 1920er-Jahre sein Lebens­mit­tel­punkt Buenos Aires und die Argen­ti­nien-Mytho­logie der Gauchos und der Pampa, des Tango und der Milonga aus den Vors­tädten, dann die Bücher aus den entle­gensten Winkeln der Welt­li­te­ratur.

Llinás führt in seinem mäan­dernden Parcours auch durch die Geschichte Argen­ti­niens, mit der Borges 1976 ein recht unrühm­li­ches Rendez-vous hatte. Der Hand­schlag mit dem Anführer der Mili­tär­junta Jorge Videla wird von Llinás genau unter die Lupe genommen. Zwar sollte Borges sich später davon deutlich distan­zieren, aber den Schatten will Llinás nicht wegre­tu­schieren: bei aller Verehrung soll das keine Hagio­gra­phie werden.

Llinás struk­tu­riert seinen filmi­schen Essay zunächst anhand der Kollek­tion von Borges-Objekten in New York: Manuskripte, Notiz­bücher, Post­karten, Briefe, Zeich­nungen, Foto­gra­fien usw., die unter der kundigen Sach­wal­ter­schaft von dem diskreten Borges-Experten und -Gelehrten Ernesto Montequín durch­ge­blät­tert, begut­achtet, betastet werden. Auch hier erfasst Llinás die Mate­ria­lität der Texte, die zwischen weihe­vollem Kult und Profa­nie­rung, zwischen Verehrung und Gelächter in ihrer ganzen Sinnen­haf­tig­keit gefeiert werden.

Wesent­lich bei Llinás’ filmi­schem Vorgehen ist das laute Lesen, ja das obsessive Rezi­tieren von Texten, das in eine regel­rechte Sprach­trance mündet. Mit seiner Stimme aus dem Off treibt Mariano Llinás wie ein enthu­si­as­ti­scher Rhapsode seinen Trip weiter und hält ihn in Gang.

Llinás’ Methode folgt einer eigenen Logik: »método pampero«, so hat er das selbst einmal genannt hat in Bezug auf sein Produk­ti­ons­team El Pampero Cine. Er hat auch schon seinen filmi­schen Doku-Essay Corsini inter­preta a Blomberg y Maciel (2021) und die irrwit­zige Mondongo-Trilogie (2024) auf diese Art gemacht.

Der Film begleitet sich selbst bei der Verfer­ti­gung, er entsteht als eine Art work-in-progress von der ersten Einstel­lung an vor den Augen der Zuschau­enden und in leben­diger Ausein­an­der­set­zung mit ihnen: die kommen­tie­rende Off-Stimme des Regis­seurs, die Recherche am Desktop, das Tippen der Text­pas­sagen, das Blättern in den Büchern, das Anstrei­chen von Text­stellen mit einem groben Bleistift, immer wieder der Blick mit der Lupe eines Detektivs auf diese Text­stellen (Detek­tiv­ge­schichten waren neben Abenteuer- und Science­fic­tion-Romanen maßgeb­liche Inspi­ra­ti­ons­quellen für Borges). Es ist ein fort­wäh­rendes Tasten und Auspro­bieren, das den Begriff des Essays auf seine Wort­be­deu­tung des Versuchs zurück­führt und als film­ges­ti­sche Perfor­mance auf ganz erfri­schende Weise grund­le­gend erneuert.

Llinás exponiert sich selbst als recher­chie­render und suchender Prot­ago­nist, als spre­chender und in Dialog tretender Aktivist, als rastloser Getrie­bener und als Aben­teu­er­rei­sender. Wir sehen ihn als beim Sprechen heftig gesti­ku­lie­renden Fahrer am Steuer seines Autos. Die Erkun­dungs­fahrten führen wie Expe­di­tionen zu Loka­li­täten, die nicht nur für Borges’ Leben wichtig waren, sondern in seinen Geschichten eine Rolle spielten. Abge­le­gene Orte in der Pampa südlich von Buenos Aires mit skurril klin­genden Namen wie Coronel Pringles, Stadt­teile von Buenos Aires wie Adrogué, Orte in Uruguay wie Masoller, in denen die biogra­fis­ti­sche Lektüre der Texte immer wieder in abstruse Sack­gassen und wildeste Speku­la­tionen mündet, die von Llinás in ironi­scher Über­trei­bung auf die Spitze getrieben werden. Der Blick der Kamera durch die Wind­schutz­scheibe des fahrenden Autos ist ein zentrales Motiv der Llinás-Film­essays. Der Sprung in der Wind­schutz­scheibe (bereits in Corsini inter­preta a Blomberg y Maciel deutlich erkennbar) kann geradezu als Marken­zei­chen oder als Signatur gelten, der die Trans­pa­renz der Scheibe durch­kreuzt und das Medium, durch das gesehen wird, immer mit sichtbar macht.