15.10.2026

Zeugenschaft oder Enthüllung? Warum »NAZA« mit »Shoah« nichts zu tun hat

Naza Plakat
Plakat zu Yuval Abrahams und Rachel Szors Naza...
(Plakat: IMMERGUTEFILME)

Die Behauptung der Ähnlichkeit beider Filme ist eine obszöne Instrumentalisierung von Claude Lanzmanns Werk

Von Rüdiger Suchsland

Einmal gibt es in dem agita­to­ri­schen Doku­men­tar­film Film Naza von Yuval Abraham und Rachel Szor einen Verweis auf das Werk von Claude Lanzmann und seinen Doku­men­tar­film Shoah. Der Name erscheint groß im Bild, als in Tel Aviv eine Retro­spek­tive seiner Filme läuft und dies gezeigt wird – nicht gerade ein subtiles filmi­sches Zeichen, aber um Subti­lität geht es »Naza« sowieso nicht.

Man kann darin eine obszöne Verdre­hung der Tatsachen sehen, denn Claude Lanzmann hat, bis zu seinem Tod 2018 jede Form von Anti­zio­nismus oder den als »Isra­el­kritik« maskierten modernen Anti­se­mi­tismus verur­teilt; er war ein vehe­menter Fürspre­cher der israe­li­schen Streit­kräfte, die der Resis­tance-Kämpfer als Schutz­ga­ranten für das Überleben des jüdischen Volkes nach dem Zivi­li­sa­ti­ons­bruch verstand.

Bewusst oder aus Naivität hat daraus der eine oder andere auch ein ästhe­ti­sches Urteil gemacht: »Sicht­bares Vorbild« sei Lanzmann, wird in einem Text stell­ver­tre­tend für andere behauptet. Das ist nun ein Teil jener »Pali­fic­tion«, die derzeit die Medien im Westen in Bezug auf das Thema dominiert. Und ein Erfolg der von auto­ri­tären arabi­schen Regimes am Golf finan­zierten Cyber­pro­pa­ganda: Opfer-Täter-Umkehr und Verbrei­tung von arabisch-isla­mis­ti­scher Ideologie im Westen.

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Die Gleich­set­zung beider Filme verkennt aber einen entschei­denden Unter­schied: Beide Filme konfron­tieren uns mit Menschen, die an einem syste­ma­ti­schen Prozess der Tötung beteiligt waren oder davon berichten. Aber sie tun es mit komplett unter­schied­li­chen filmi­schen Absichten, unter unter­schied­li­chen histo­ri­schen Bedin­gungen und mit unter­schied­li­chen Vorstel­lungen davon, was eine Aussage vor der Kamera leisten kann.

Die Ähnlich­keit scheint ober­fläch­lich zunächst plausibel. Beide Filme verzichten auf die vertraute Drama­turgie des histo­ri­schen Doku­men­tar­films. Beide inter­es­sieren sich mehr für die Struk­turen, innerhalb derer Menschen verschwinden und zu Betei­ligten an Gewalt­taten werden. Beide setzen darauf, dass die Konfron­ta­tion mit den Aussagen der Betei­ligten mehr Erkenntnis erzeugt als ein Kommentar, der dem Publikum bereits erklärt, was es zu denken hat.

Doch diese Gemein­sam­keiten begründen keine Gleich­heit oder auch nur Ähnlich­keit der filmi­schen Methode. Naza will ein inves­ti­ga­tiver Doku­men­tar­film sein. »Shoah« entwi­ckelt dagegen eine umfas­sende filmische Form für die Zeugen­schaft über ein fest­ste­hendes histo­ri­sches Verbre­chen, dessen Folgen, Erin­ne­rung und Darstell­bar­keit selbst zum Gegen­stand werden.

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Naza fragt vor allem: Wie funk­tio­nierte diese Kriegs­füh­rung, und wer wusste was? Shoah fragt darüber hinaus: Wie können Menschen von einem Verbre­chen sprechen, das ihre Welt zerstört hat – und was geschieht, wenn wir ihnen dabei zuhören?

Der offen­sicht­lichste Unter­schied liegt in der Darstel­lung der Menschen vor der Kamera. In Naza sitzen die Gesprächs­partner nachts auf den Dächern von Tel Aviv. Ihre Gesichter bleiben im Schatten, ihre Erschei­nung und ihre Stimmen sind digital verändert. Die Anony­mi­sie­rung ist legitim, sie schützt die Quellen vor möglichen Konse­quenzen ihrer Aussagen. Zugleich wird sie zu einem zentralen ästhe­ti­schen Prinzip: Die Menschen erscheinen als Silhou­etten vor einer Stadt, deren Lichter und alltäg­li­ches Leben im Hinter­grund sichtbar bleiben.

Aber die Anony­mität hat einen Preis. Der Zuschauer kann die Aussagen nicht anhand der sicht­baren Identität, der indi­vi­du­ellen Biografie oder der konkreten Funktion des Sprechers über­prüfen. Er muss sich auf die Recherche der Filme­ma­cher und die Glaub­wür­dig­keit ihrer Quellen verlassen. Die digitale Verfrem­dung entzieht zudem jene körper­li­chen und mimischen Nuancen, die bei einem Gespräch Hinweise auf Unsi­cher­heit, Scham, Stolz oder Ausweich­be­we­gungen geben können.

Hier liegt ein wesent­li­cher Unter­schied zu Shoah. Lanzmann inter­es­siert sich nicht nur für das Gesagte, sondern für den Menschen, der es sagt. Ein Gesicht ist bei ihm kein deko­ra­tives Beiwerk der Aussage. Es ist Teil des Zeug­nisses. Die Kamera beob­achtet, wie eine Erin­ne­rung sich im Gesicht nieder­schlägt, wie jemand stockt, den Blick abwendet oder sich einer Frage wider­setzt. Die Person ist nicht lediglich Trägerin von Infor­ma­tionen, sondern ein Gegenüber, dessen Verhalten die Aussage begleitet, verändert und mitunter infrage stellt.

Der entschei­dende Unter­schied liegt daher nicht schlicht darin, dass Lanzmann Gesichter zeigt und Abraham und Szor sie verbergen. Er liegt in der Funktion, die das Gesicht im jewei­ligen Film erhält. Bei Lanzmann ist die körper­liche Gegenwart des Zeugen ein eigen­s­tän­diger Teil der Erkenntnis. Bei Naza wird sie zugunsten der Sicherung der Quelle weit­ge­hend ausge­schaltet. Der Zeuge tritt vor allem als Träger eines Wissens auf, das der Film für die Öffent­lich­keit erschließen will.

Das ist ein legitimes jour­na­lis­ti­sches Verfahren. Es ist aber nicht dieselbe filmische Methode.

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Ein weiterer Unter­schied betrifft die zeitliche Situation des Sprechens. Lanzmann befragt Menschen Jahr­zehnte nach dem Holocaust. Für die Über­le­benden ist das Erinnern ein Rückgang in eine zerstörte Lebens­welt. Ihre Aussagen entstehen aus dem Abstand zwischen dem damaligen Erleben und der heutigen Gegenwart. Dieser Abstand ist nicht bloß ein Mangel, den der Film über­winden müsste. Er gehört zum Gegen­stand. Was kann erinnert werden? Was bleibt unaus­sprech­lich? Wie verändert sich eine Erfahrung, wenn sie nach Jahr­zehnten vor einer Kamera erzählt wird?

Die Zeit in Shoah ist deshalb eine Zeit der Erin­ne­rung. Sie wird durch Pausen, Wieder­ho­lungen und die Dauer der Gespräche filmisch erfahrbar. Die Vergan­gen­heit kehrt nicht als unmit­tel­bares Geschehen zurück, sondern als etwas, das in der Gegenwart des Sprechens aufscheint und sich ihr zugleich entzieht.

Naza dagegen entsteht aus der Dring­lich­keit eines laufenden histo­ri­schen Konflikts. Die Befragten berichten über Struk­turen und Praktiken, die sie selbst erlebt haben und deren Folgen noch gegen­wärtig sind. Ihre Aussagen dienen dazu, Vorgänge aufzu­de­cken, die politisch umkämpft sind und deren öffent­liche Aufar­bei­tung unmit­tel­bare Konse­quenzen haben kann.

Das verleiht dem Film eine andere Spannung. Es geht um Wissen, das noch in die Gegenwart eingreifen kann. Die Aussagen können Debatten verändern, Verant­wort­liche unter Druck setzen und die Recht­fer­ti­gungen mili­täri­scher Entschei­dungen erschüt­tern. Die Nähe zum Geschehen ist ein jour­na­lis­ti­scher Vorteil.

Doch sie verändert auch die Bedeutung der Zeugen­schaft. Die Inter­viewten sprechen nicht primär aus einer histo­ri­schen Distanz heraus. Sie sind Insider, deren Aussagen zur Aufklärung eines aktuellen Vorgangs beitragen sollen. Der Film muss deshalb nicht nur die Bedin­gungen des Erinnerns reflek­tieren, sondern auch die Zuver­läs­sig­keit, Reich­weite und poli­ti­sche Funktion der Infor­ma­tionen beur­teilen.

Naza ist in diesem Sinne ein Film der Enthül­lung. Shoah ist ein Film, in dem die Zeugen­schaft selbst zum Ereignis wird.

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Die formalen Unter­schiede sind ebenso deutlich. Die nächt­li­chen Dächer von Tel Aviv verleihen Naza eine prägnante Bild­sprache. Die anonymen Figuren sitzen über einer Stadt, deren beleuch­tete Wohnungen und Straßen ein unge­störtes Alltags­leben erkennen lassen. Die Kamera blickt auf Gebäude, Fenster und Menschen, die von den Vorgängen in Gaza räumlich nahe und zugleich scheinbar weit entfernt sind. Diese Bilder erinnern an die Logik der Über­wa­chung: Menschen werden aus der Distanz beob­achtet, iden­ti­fi­ziert und zu Objekten einer Entschei­dung gemacht.

Die Form spiegelt somit den Gegen­stand. Eine Kriegs­füh­rung, die mit Daten, digitalen Spuren und auto­ma­ti­sierter Zielaus­wahl arbeitet, wird durch eine Ästhetik der Dunkel­heit, der Verde­ckung und des distan­zierten Blicks vermit­telt. Die Anony­mi­sie­rung schützt die Inter­viewten, lässt sie aber zugleich wie Bestand­teile jenes Systems erscheinen, dessen Funk­ti­ons­weise sie beschreiben. Die Bild­sprache ist analy­tisch und meta­pho­risch zugleich.

Lanzmanns Land­schafts­bilder folgen einer anderen Logik. Sie versuchen nicht, den histo­ri­schen Apparat durch eine entspre­chende Ästhetik nach­zu­ahmen. Sie zeigen die konkreten Orte der Vernich­tung in ihrer heutigen Erschei­nung. Ihre Bedeutung entsteht aus der Verbin­dung mit den Aussagen der Zeugen. Der Film stellt nicht die Funk­ti­ons­weise eines Systems in einem visuellen Modell dar, sondern konfron­tiert uns mit der Differenz zwischen einem Ort und seiner Geschichte.

Auch beim Material unter­scheiden sich die Filme. Naza verbindet die Inter­views mit histo­ri­schen Aufnahmen und Bildern aus Gaza. Shoah verzichtet auf histo­ri­sches Archiv­ma­te­rial, um die Vergan­gen­heit nicht durch Bilder zu illus­trieren, die den Eindruck unmit­tel­barer Verge­gen­wär­ti­gung erzeugen könnten.

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Die Frage der Ethik – Wer darf sprechen, wer bleibt unsichtbar? – stellt sich bei beiden Filmen, aber auf unter­schied­liche Weise. Lanzmann setzt seine Gesprächs­partner unter Druck. Er insis­tiert, wenn sie verstummen, und greift teilweise zu verdeckten Aufnahmen. Seine Methode ist konfron­tativ, weil er davon ausgeht, dass die Wahrheit über das Verbre­chen nicht allein durch frei­wil­lige, kontrol­lierte und wohl­ge­ord­nete Aussagen ans Licht kommt. Die ethische Spannung liegt darin, dass er Zeugen­schaft ermög­li­chen will und dabei die Grenzen der Zeugen bean­sprucht.

Bei Naza liegt das Problem anders. Hier geht es zunächst darum, ob und unter welchen Bedin­gungen Insider überhaupt sicher sprechen können. Die Anony­mi­sie­rung ermög­licht Aussagen, die sonst mögli­cher­weise nicht öffent­lich würden. Zugleich begrenzt sie die Möglich­keit des Publikums, die Sprecher als konkrete Personen zu beur­teilen. Die Quelle wird geschützt, aber sie bleibt für den Zuschauer in wesent­li­chen Punkten unüber­prüfbar.

Hinzu kommt eine zweite Asym­me­trie: Naza lässt ausschließ­lich israe­li­sche Militär- und Geheim­dienstan­gehö­rige sprechen, die dem Geschehen kritisch gegen­ü­ber­stehen. Nicht aber Vertei­diger der Methoden oder der Perspek­tive der Armee.

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Die Gleich­set­zung wird besonders proble­ma­tisch, wenn die formale Ähnlich­keit – Menschen sprechen über die Betei­li­gung an einem Gewalt­ap­parat – dazu führt, die histo­ri­schen Unter­schiede zwischen dem Holocaust und dem Krieg in Gaza einzu­ebnen. Ein Film kann eine struk­tu­relle Analogie unter­su­chen, ohne die Ereig­nisse gleich­zu­setzen. Aber er muss kenntlich machen, worin die Analogie besteht und wo sie endet. Die Geschichte der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Vernich­tung der europäi­schen Juden ist nicht einfach ein univer­selles Modell, das sich auf jeden anderen Gewalt­kon­flikt über­tragen ließe.

Der Vergleich muss die Diffe­renzen schärfen, nicht sie besei­tigen. Sonst wird Lanzmanns Film zum bloßen Güte­siegel für eine andere doku­men­ta­ri­sche Arbeit – eine Instru­men­ta­li­sie­rung, die letztlich obszön ist.