08.10.2026

Wer bleibt, wenn alle gehen mussten?

The Babushkas of Chernobyl
The Babushkas of Chernobyl von Anne Bogart und Holly Morris
(Foto: Prime Video)

Das Belarussische Kulturfestival Minsk x Minga widmet sich mit The Babushkas of Chernobyl der Frage, wie das Leben in der atomaren Sperrzone weitergeht, was der Mensch dort macht und was Heimat ist, wenn ihre Geborgenheit zur Gefahr geworden ist

Von Paula Ruppert

Es war eine leicht zu über­se­hende Meldung, die nur wenige Zeilen in der sowje­ti­schen Zeitung Pravda am 30. April 1986 der untersten Ecke der zweiten Seite einnahm: Im Atom­kraft­werk Tscher­nobyl sei es in Reak­tor­block vier zu einem Unfall gekommen, zwei Menschen seien dabei gestorben, die Anwohner der umlie­genden Sied­lungen würden evakuiert. Und das war sogar noch ausführ­lich: Die Tages­zei­tung Isvestija kürzte die Meldung auf vier knappe Sätze und stellte sie zwar auf die erste Seite, jedoch ebenfalls klein ins untere Eck, wo sie leicht über­blät­tert werden würde.

Die Ereig­nisse, von denen die Zeitungen endlich zu berichten begannen, hatten bereits in der Nacht des 26. April ihren Lauf genommen und unwie­der­bring­li­chen Schaden ange­richtet. Bei der Nukle­ar­ka­ta­strophe von Tscher­nobyl handelte es sich um den bis dahin schwersten Unfall in der zivilen Nutzung der Atom­energie, dessen Auswir­kungen bis heute zu spüren sind; v.a. Gebiete in der Ukraine und Belarus sind seitdem radio­aktiv verseucht und unbe­wohnbar. Um das hava­rierte Atom­kraft­werk herum wurde eine 30km weite Sperrzone einge­richtet, sämtliche Bewoh­ne­rinnen und Bewohner evakuiert und umge­sie­delt.

Ein paar jedoch kamen zurück, und wohnten offiziell illegal, aber von den Behörden geduldet, in der Sperrzone. Den über­wie­gend älteren Frauen widmet der Film The Babushkas of Chernobyl von Anne Bogart und Holly Morris aus dem Jahr 2015 ein herz­li­ches Portrait. Im Rahmen des Bela­rus­si­sches Kultur­fes­ti­vals Minsk x Minga 2026 ist der Film nun in München zu sehen.

Die Natur hat sich die mensch­liche Sperrzone zurück­ge­holt. Saftiges Grün, farbige Beeren, atem­be­rau­bender Wald und ein Fluss, in dessen klares Blau man am liebsten hinein­springen würde. Es sieht aus wie das Paradies auf Erden – bis man die zunehmend zerfal­lenen Häuser sieht, die Spuren der einst dort gewesenen Menschen, die Verlas­sen­heit, die den auf den ersten Blick so leben­digen Ort prägt. In dieser Land­schaft wohnen die Prot­ago­nis­tinnen des Films, die fast völlig auf sich allein­ge­stellt sind. Jede wohnt für sich, nur wenige wohnen gemeinsam in denselben Dörfern. Vernetzt sind sie trotzdem unter­ein­ander, es gibt sogar ein Handy zur Außenwelt. Die Damen tragen Röcke und meist bunt gemus­terte Kopf­tücher, legen Gurken ein, machen Marmelade, brennen Schnaps, kurzum – sie sind genau so, wie man sich eine ukrai­ni­sche Oma auf dem Dorf vorstellt.

Und doch bleibt ein gewisses Unwohl­sein beim Publikum. Man weiß, wo sich die Frauen befinden, man weiß, dass die Gefahr, die starke radio­ak­tive Belastung in der Gegend, sehr gefähr­lich und viel­leicht tödlich ist. Die Frauen wissen das auch. Sie bleiben trotzdem, da sie sich sicher sind, dass sie außerhalb ihrer Heimat nicht glücklich wären und vermut­lich an der Sehnsucht sterben würden. Also bleiben sie lieber, bauen Gemüse in dem stark konta­mi­nierten Boden an, angeln Fische aus dem verseuchten Fluss, sammeln Pilze, die im Wald aus dem Boden sprießen.

Der Film verknüpft die histo­ri­schen Ereig­nisse mit den persön­li­chen Erin­ne­rungen der einzelnen Personen, erzählt, wie sie die Kata­strophe erlebt haben und was das für sie ganz persön­lich bedeutet. Immer wieder lässt er auch Menschen zu Wort kommen, deren Verhältnis zur Zone ein anderes ist und die sich auch dort aufhalten, wenn auch immer nur für kurze Zeit. Darunter sind Wissen­schaftler, die Proben von allen verfüg­baren Orga­nismen nehmen, um die Folgen der nuklearen Verseu­chung zu doku­men­tieren und erfor­schen; eine junge Frau, die Besucher durch die Sperrzone führt; aber auch eine Gruppe Frauen in einem ähnlichen Alter wie die Prot­ago­nis­tinnen, die ebenfalls infolge der Havarie evakuiert wurden und sich nach ihrer Heimat sehnen, die es nicht mehr gibt. Auch Video­auf­nahmen von soge­nannten Stalkern werden gezeigt, zumeist junge Männer, die sich, vom gleich­na­migen Compu­ter­spiel inspi­riert, illegal in die Zone begeben.

Der Kontrast zwischen der Verlas­sen­heit, der unsicht­baren Gefahr und dem doch so viel­fältig gestal­teten Leben in der atomaren Sperrzone wird in The Babushkas of Chernobyl besonders eindrück­lich darge­stellt; auf über­mäßige Emotio­na­li­sie­rung und Drama­ti­sie­rung wird dabei verzichtet. Die alten Frauen, denen der Film ein Denkmal setzt, sind ein von Sympathie gezeich­netes Mahnmal für die Folgen einer menschen­ge­machten Kata­strophe.

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Das Bela­rus­si­sche Kultur­fes­tival Minsk x Minga 2026 findet vom 9.-11. Oktober in München statt. Die Film­vor­füh­rung von The Babushkas of Chernobyl erfolgt in Koope­ra­tion mit der Filmstadt München; daran anschließend findet eine Diskus­sion über 40 Jahre Tscher­nobyl mit Viktoryia Murashka von der NGO Ecohome statt.