Wer bleibt, wenn alle gehen mussten? |
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| The Babushkas of Chernobyl von Anne Bogart und Holly Morris | ||
| (Foto: Prime Video) | ||
Von Paula Ruppert
Es war eine leicht zu übersehende Meldung, die nur wenige Zeilen in der sowjetischen Zeitung Pravda am 30. April 1986 der untersten Ecke der zweiten Seite einnahm: Im Atomkraftwerk Tschernobyl sei es in Reaktorblock vier zu einem Unfall gekommen, zwei Menschen seien dabei gestorben, die Anwohner der umliegenden Siedlungen würden evakuiert. Und das war sogar noch ausführlich: Die Tageszeitung Isvestija kürzte die Meldung auf vier knappe Sätze und stellte sie zwar auf die erste Seite, jedoch ebenfalls klein ins untere Eck, wo sie leicht überblättert werden würde.
Die Ereignisse, von denen die Zeitungen endlich zu berichten begannen, hatten bereits in der Nacht des 26. April ihren Lauf genommen und unwiederbringlichen Schaden angerichtet. Bei der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl handelte es sich um den bis dahin schwersten Unfall in der zivilen Nutzung der Atomenergie, dessen Auswirkungen bis heute zu spüren sind; v.a. Gebiete in der Ukraine und Belarus sind seitdem radioaktiv verseucht und unbewohnbar. Um das havarierte Atomkraftwerk herum wurde eine 30km weite Sperrzone eingerichtet, sämtliche Bewohnerinnen und Bewohner evakuiert und umgesiedelt.
Ein paar jedoch kamen zurück, und wohnten offiziell illegal, aber von den Behörden geduldet, in der Sperrzone. Den überwiegend älteren Frauen widmet der Film The Babushkas of Chernobyl von Anne Bogart und Holly Morris aus dem Jahr 2015 ein herzliches Portrait. Im Rahmen des Belarussisches Kulturfestivals Minsk x Minga 2026 ist der Film nun in München zu sehen.
Die Natur hat sich die menschliche Sperrzone zurückgeholt. Saftiges Grün, farbige Beeren, atemberaubender Wald und ein Fluss, in dessen klares Blau man am liebsten hineinspringen würde. Es sieht aus wie das Paradies auf Erden – bis man die zunehmend zerfallenen Häuser sieht, die Spuren der einst dort gewesenen Menschen, die Verlassenheit, die den auf den ersten Blick so lebendigen Ort prägt. In dieser Landschaft wohnen die Protagonistinnen des Films, die fast völlig auf sich alleingestellt sind. Jede wohnt für sich, nur wenige wohnen gemeinsam in denselben Dörfern. Vernetzt sind sie trotzdem untereinander, es gibt sogar ein Handy zur Außenwelt. Die Damen tragen Röcke und meist bunt gemusterte Kopftücher, legen Gurken ein, machen Marmelade, brennen Schnaps, kurzum – sie sind genau so, wie man sich eine ukrainische Oma auf dem Dorf vorstellt.
Und doch bleibt ein gewisses Unwohlsein beim Publikum. Man weiß, wo sich die Frauen befinden, man weiß, dass die Gefahr, die starke radioaktive Belastung in der Gegend, sehr gefährlich und vielleicht tödlich ist. Die Frauen wissen das auch. Sie bleiben trotzdem, da sie sich sicher sind, dass sie außerhalb ihrer Heimat nicht glücklich wären und vermutlich an der Sehnsucht sterben würden. Also bleiben sie lieber, bauen Gemüse in dem stark kontaminierten Boden an, angeln Fische aus dem verseuchten Fluss, sammeln Pilze, die im Wald aus dem Boden sprießen.
Der Film verknüpft die historischen Ereignisse mit den persönlichen Erinnerungen der einzelnen Personen, erzählt, wie sie die Katastrophe erlebt haben und was das für sie ganz persönlich bedeutet. Immer wieder lässt er auch Menschen zu Wort kommen, deren Verhältnis zur Zone ein anderes ist und die sich auch dort aufhalten, wenn auch immer nur für kurze Zeit. Darunter sind Wissenschaftler, die Proben von allen verfügbaren Organismen nehmen, um die Folgen der nuklearen Verseuchung zu dokumentieren und erforschen; eine junge Frau, die Besucher durch die Sperrzone führt; aber auch eine Gruppe Frauen in einem ähnlichen Alter wie die Protagonistinnen, die ebenfalls infolge der Havarie evakuiert wurden und sich nach ihrer Heimat sehnen, die es nicht mehr gibt. Auch Videoaufnahmen von sogenannten Stalkern werden gezeigt, zumeist junge Männer, die sich, vom gleichnamigen Computerspiel inspiriert, illegal in die Zone begeben.
Der Kontrast zwischen der Verlassenheit, der unsichtbaren Gefahr und dem doch so vielfältig gestalteten Leben in der atomaren Sperrzone wird in The Babushkas of Chernobyl besonders eindrücklich dargestellt; auf übermäßige Emotionalisierung und Dramatisierung wird dabei verzichtet. Die alten Frauen, denen der Film ein Denkmal setzt, sind ein von Sympathie gezeichnetes Mahnmal für die Folgen einer menschengemachten Katastrophe.
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Das Belarussische Kulturfestival Minsk x Minga 2026 findet vom 9.-11. Oktober in München statt. Die Filmvorführung von The Babushkas of Chernobyl erfolgt in Kooperation mit der Filmstadt München; daran anschließend findet eine Diskussion über 40 Jahre Tschernobyl mit Viktoryia Murashka von der NGO Ecohome statt.