08.10.2026

Wer ist das Ungeheuer?

Jenseits von Eden
The same river twice...
(Foto: Netflix)

Elia Kazan machte Steinbecks „Jenseits von Eden“ 1955 zum Filmklassiker. Siebzig Jahre später fragt seine Enkelin Zoe Kazan in ihrer Netflix-Serie neu: Ist das Böse angeboren – oder hat auch das Ungeheuer eine Geschichte?

Von Abil Hasanov

Der Roman beginnt mit einem Tal.

Die Serie mit einer verwun­deten Frau.

Zu Beginn von Jenseits von Eden beschreibt John Steinbeck das Salinas-Tal: die Berge, die Erde, das Licht und die Dunkel­heit. Die Menschen haben die Bühne noch nicht betreten. Zuerst entsteht der Ort, dann treten die Schick­sale in ihn ein.

Die sieben­tei­lige Adaption, die am 5. Oktober 2026 bei Netflix erschienen ist und deren Drehbuch Zoe Kazan geschrieben hat, trifft eine andere Wahl. Im Dunkeln sehen wir eine verwun­dete Frau: Cathy Ames. Und wir hören ihre Stimme.

Sie spricht von „Unge­heuern“, die von mensch­li­chen Eltern geboren werden. Mit diesem Begriff beschreibt Steinbeck eine mora­li­sche Entstel­lung im Menschen. So beginnt die Frau, über die ein Urteil gefällt werden soll, schon in der ersten Minute aus diesem Urteil heraus zu sprechen.

Diese Entschei­dung verrät gleich am Anfang die Absicht der Serie: den Menschen, über den Steinbeck geurteilt hat, noch einmal anzusehen. Doch will Zoe Kazan Cathy frei­spre­chen? Nein. Sie will nur verhin­dern, dass das Urteil zu leicht fällt.

In Stein­becks Welt ist Cathy Ames eine vers­tö­rende Figur. Sie lügt, mani­pu­liert und zerstört. Lange sieht der Autor in ihr eine Dunkel­heit, die ihr gleichsam angeboren ist. Doch gegen Ende des Romans tut sich in diesem Urteil ein Riss auf. Cathy ist nicht mehr nur das abstrakte Böse, sondern ein Mensch, der Angst hat, altert und der eigenen Leere begegnet.

Zoe Kazan erweitert diesen Riss. Ihre Frage lautet: Ist die Dunkel­heit, die wir in einem Menschen sehen, immer mit ihm geboren? Oder gibt es eine Vergan­gen­heit, die sie hervor­ge­bracht hat?

Die Serie kehrt beharr­li­cher als der Roman in Cathys Kindheit zurück und deutet Gewalt in ihrer Vergan­gen­heit an. Hier streitet die Adaption mit dem Roman, ohne ihn zu verlassen. Steinbeck fragt: Gibt es im Menschen ein Böses, das wir nicht erklären können? Zoe Kazan fügt hinzu: Und wenn das, was wir böse nennen, weil wir es nicht erklären können, eine Geschichte hat?

Die beiden Fragen heben einander nicht auf. Darin liegt der Reiz des neuen „Jenseits von Eden“.

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Noch bevor Cathy kommt, hat in der Familie Trask eine andere Tragödie begonnen. Adam und Charles sind Brüder, aber die Liebe ihres Vaters Cyrus ist nicht gleich verteilt.

Stein­becks Roman trägt eine der ältesten Bruder­ge­schichten der Bibel in sich: Kain und Abel. Kains Tragödie beginnt nicht mit dem Mord. Sie beginnt mit der Zurück­wei­sung. Sein Opfer wird nicht ange­nommen, das seines Bruders schon.

Auch in der Familie Trask wird diese Wunde von Gene­ra­tion zu Gene­ra­tion weiter­ge­geben. Cyrus sieht seine Söhne nicht mit gleichen Augen. Charles sehnt sich nach seiner Aner­ken­nung, während Adam, oft gegen seinen Willen, zum auser­wählten Sohn wird. Unter der Eifer­sucht der Brüder verbirgt sich eine einzige Frage: Warum liebst du ihn mehr als mich?

Jahre später wird ein anderer Sohn dieselbe Frage in sich tragen.

Hier entsteht eine Brücke zwischen der Verfil­mung von Jenseits von Eden aus dem Jahr 1955 und der Serie von 2026. Stein­becks Roman über Väter und Söhne, Brüder­lich­keit und Erbe verfilmte Elia Kazan. Mehr als siebzig Jahre später kehrt seine Enkelin Zoe Kazan zu diesem Roman zurück. Ein Werk über das Erbe trägt nun auch sein eigenes filmi­sches Erbe.

Elia Kazan konzen­trierte sich auf den letzten Teil des Romans. James Deans Cal wurde zum Zentrum des Films: ein junger Mann, der um die Liebe seines Vaters ringt, zornig wird, wenn sie ihm verwehrt bleibt, und seinen Bruder zugleich liebt und bekämpft.

Die Enkelin dagegen erzählt die Geschichte von Anfang an. Die Gene­ra­tion von Adam und Charles, die der Großvater nicht zeigte, wird sichtbar. Dadurch erscheint die spätere Tragödie weniger als plötz­li­ches Ereignis denn als Wieder­kehr einer älteren Verlet­zung.

Was gibt der Vater dem Sohn weiter? Was gibt der Bruder dem Bruder? Das eigent­liche Erbe in „Jenseits von Eden“ ist viel­leicht weder Land noch Geld.

Es ist die Wunde.

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Als Cathy vor der Tür von Adam und Charles steht, sehen die beiden Brüder sie verschieden. Adam sieht einen Menschen, der gerettet werden muss. Charles spürt Gefahr.

Die Serie macht diesen Unter­schied auch in der Besetzung sichtbar. Chris­to­pher Abbotts Adam und Mike Faists Charles sind als Gegen­sätze angelegt. Zoe Kazan erzählte, dass die Rolle des Charles erst besetzt wurde, nachdem Adam feststand, und dass man bewusst nach einem Kontrast suchte. In Faists eigener Deutung begegnet Charles Cathy vom ersten Augen­blick an mit Miss­trauen, weil er in ihr etwas von sich selbst erkennt.

Adam hingegen sieht Cathy nicht, wie sie ist, sondern wie er sie sehen will. Hier beginnt seine Tragödie. Seine Liebe ist oft mehr Vorstel­lung als Liebe. Cathy wider­setzt sich seinen Vorstel­lungen von gemein­samer Zukunft und Familie, doch Adam hält an ihnen fest. Wer einen anderen Menschen idea­li­siert, kann aufhören, seine Stimme zu hören.

Adam ist kein schlechter Mensch. Doch guter Wille heißt nicht immer, den anderen zu verstehen.

Cathy wiederum versucht, sich aus den Vorstel­lungen zu befreien, die andere von ihr entwerfen. Unter einem neuen Namen schafft sie sich später eine Existenz, in der sie nicht mehr Objekt fremder Entschei­dungen sein will. Doch dabei macht sie zunehmend andere Menschen zu Objekten ihrer eigenen Macht.

Hier zeigt sich die Grenze, die die Serie in ihrem Blick auf Cathy zieht. Ihre Vergan­gen­heit verstehen zu wollen heißt nicht, ihre Taten rein­zu­wa­schen. Ein Trauma kann eine Ursache sein, aber keine Recht­fer­ti­gung. Das Unrecht, das uns angetan wurde, recht­fer­tigt nicht das Unrecht, das wir anderen antun.

Cathy ist zugleich verletzt worden und verletzt andere. Viel­leicht macht gerade das sie so fesselnd.

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Dann vergeht die Zeit, und die Geschichte beginnt, sich zu wieder­holen.

An die Stelle von Adam und Charles treten Cal und Aron: wieder zwei Brüder, wieder ein Vater, wieder die Frage nach einer Liebe, die nicht gleich verteilt scheint. Doch diesmal gewinnt die Wieder­ho­lung eine neue Dimension. Cal beginnt, die Dunkel­heit, die er in sich selbst wahrnimmt, mit seiner Herkunft zu verbinden.

Wenn meine Mutter so ist – bin ich dann viel­leicht auch so?

Die Angst vor sich selbst ist ein schweres Erbe.

Hier tritt Lee hervor. Er ist nicht nur der Diener der Familie Trask, sondern zunehmend ihr Gewissen und für die Brüder beinahe eine zweite Eltern­figur.

Die Serie hebt Lees doppelte Existenz eigens hervor. Hoon Lee verleiht ihm einen Intellekt und eine Beob­ach­tungs­gabe, die er hinter einem stereo­typen „Pidgin“ verbirgt. Diese Maske ist nicht nur ein Mittel der Anpassung; sie entsteht aus seinem Wissen darum, wie die anderen ihn sehen. So wird die Figur, die im Roman die philo­so­phi­sche Stimme trägt, zugleich zu einem Menschen, der seine Identität gegen die Zuschrei­bungen seiner Umwelt bewahren muss.

Lee trägt den zentralen Gedanken des Romans in den Alltag: Der Mensch ist nicht die Sünde seines Vaters, seiner Mutter oder seines Bruders. Seine Vergan­gen­heit prägt seine Zukunft, aber sie schreibt sie nicht zu Ende.

Denn die Wahl bleibt.

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Ein Wort, über das Lee und Samuel Hamilton anhand der Geschichte Kains nach­denken, wird zum mora­li­schen Zentrum des Romans: „Timshel“. In ihrer Deutung ist der Mensch nicht zur Sünde verur­teilt. Er hat die Möglich­keit, sie zu über­winden.

Auch die Serie bewahrt diesen Gedanken. Doch wäre die Wahl nur tröstlich, wäre „Jenseits von Eden“ kein so schmerz­haftes Werk. Die Möglich­keit zu wählen bedeutet nicht, dass der Mensch richtig wählen wird.

Gerade an Cal zeigt sich das. Seine Sehnsucht nach Aner­ken­nung wieder­holt die alte Geschichte der Trasks, und wie schon bei Charles verwan­delt sich Verlet­zung in die Versu­chung, selbst zu verletzen. Die Serie zeigt, wie mächtig die Vergan­gen­heit ist.

Aber Macht ist nicht dasselbe wie Schicksal.

„Meine Mutter war so, also bin ich auch so.“ – „So ist unsere Familie.“ – „Es liegt uns im Blut.“ All diese Sätze wären Möglich­keiten, Verant­wor­tung in Herkunft aufzu­lösen.

Steinbeck hält eine andere Wahrheit dagegen: Die Vergan­gen­heit erklärt, warum eine Entschei­dung schwer ist. Sie trifft die Entschei­dung nicht.

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Auch Cathys Geschichte kreist um diesen Gedanken. Im Zentrum der Welt, die sie sich geschaffen hat, wird sie immer einsamer. Sie glaubt, sich durch Kontrolle vor Gefahr schützen zu können. Doch Macht schenkt ihr keine Sicher­heit.

Die Serie führt ihre Gegenwart deshalb immer wieder auf ihre Kindheit zurück. Ein bereits bei Steinbeck ange­legtes „Alice im Wunder­land“-Motiv wird von Zoe Kazan erweitert und mit der Frage nach Cathys früher Erfahrung von Gewalt verbunden.

In einem Gespräch erklärte Kazan, sie sehe in Stein­becks Text Hinweise darauf, dass Cathy als Kind sexuelle Gewalt erfahren haben könnte. Die Serie nimmt diese Lesart auf, ohne daraus eine einfache psycho­lo­gi­sche Erklärung zu machen.

Dieser Ansatz hat einen Vorzug und ein Risiko: Cathy wird vers­tänd­li­cher. Doch je mehr erklärt wird, desto kleiner wird das Geheimnis.

Stein­becks Cathy verstört gerade deshalb, weil es auf die Frage „Warum?“ keine volls­tän­dige Antwort gibt. Die Cathy der Serie erscheint stärker inmitten von Ursachen. Das macht sie mensch­li­cher, aber auch ein wenig weniger furcht­erre­gend.

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Hier wird auch der Unter­schied zwischen dem Film von 1955 und der neuen Serie deutlich. Das emotio­nale Zentrum von Elia Kazans Film war Cal. In James Deans ikoni­schen Blicken, seiner Gereizt­heit und den unruhigen Bewe­gungen seines Körpers lebte ein Junge, der die Liebe seines Vaters brauchte.

Im ersten Teil von Zoe Kazans Serie verlagert sich das Gewicht auf Cathy. Florence Pugh spielt sie nicht nur als grausame Frau. Cathy ist gefähr­lich und zugleich verwundet; klug, doch sie macht ihren Verstand zur Waffe gegen andere; sie will Freiheit, doch während sie ihre eigene erkämpft, tritt sie die Freiheit der anderen mit Füßen.

Auch im Aufbau der Serie ist eine Wende spürbar. Die ersten vier Folgen insze­nierte Garth Davis, die letzten drei Laure de Clermont-Tonnerre. Der Übergang von der Linie Adam–Charles–Cathy zur Gene­ra­tion von Cal und Aron fällt ungefähr mit diesem Wechsel des Regie­blicks zusammen. Das könnte einer der Gründe sein, warum sich der Rhythmus der späteren Folgen anders anfühlt.

Mitunter entsteht dadurch der Eindruck, als seien zwei verschie­dene Geschichten anein­an­der­genäht. Doch gerade diese Struktur macht Stein­becks Idee der Gene­ra­tionen sichtbar. Die Geschichte muss sich wieder­holen, damit die entschei­dende Frage gestellt werden kann:

Lässt sich die Wieder­ho­lung aufhalten?

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Damit führt Zoe Kazans Adaption zu jenem Gedanken zurück, den Steinbeck seinem Roman einge­schrieben hat. Der Mensch kann seine Vergan­gen­heit nicht ändern. Er kann weder die Zurück­wei­sung unge­schehen machen, die er erfahren hat, noch zurück­nehmen, was er selbst anderen angetan hat.

Aber die Zukunft muss nicht nur aus Vergan­gen­heit bestehen.

Viel­leicht liegt darin der eigent­liche Sinn von „Jenseits von Eden“. Der Mensch kann nicht nach Eden zurück­kehren. Aber man kann auch jenseits von Eden leben: nach dem Fehler, nach der Zurück­wei­sung, selbst nachdem man einen anderen verletzt hat.

Unter einer Bedingung: dass der Mensch seine Vergan­gen­heit nicht zum Schicksal macht.

Zoe Kazans Adaption erzählt Stein­becks Roman deshalb nicht einfach für ein heutiges Publikum neu. Sie stellt manche seiner Urteile infrage, erweitert manche seiner Zeichen und blickt in manches seiner Leer­stellen hinein.

Der Großvater konzen­trierte sich auf das Ende der Geschichte. Die Enkelin geht an ihren Anfang zurück. Wo Elia Kazans Film vor allem die verzwei­felte Sehnsucht eines Sohnes nach väter­li­cher Liebe zeigte, fragt Zoe Kazans Serie stärker danach, wie Menschen zu denen werden, die sie sind.

Doch Verstehen ist noch kein Frei­spruch.

Das gilt für Cathy ebenso wie für Cal, Charles oder Adam. Je tiefer die Serie nach den Ursachen ihrer Verlet­zungen gräbt, desto wichtiger wird Stein­becks Gedanke der Wahl. Denn wenn jede Grau­sam­keit volls­tändig durch das erklärt wäre, was einem Menschen zuvor wider­fahren ist, gäbe es am Ende keine Verant­wor­tung mehr.

Darum klingt die Frage vom Anfang – „Wer ist das Ungeheuer?“ – am Ende anders. Viel­leicht lautet sie nicht mehr: Wer ist böse? Sondern: Was macht der Mensch mit dem, was in ihm dunkel geworden ist?

Stein­becks Antwort darauf ist „Timshel“: Du kannst wählen.