28.05.2026
79. Filmfestspiele Cannes 2026

(Un)Bewohnte Bilder

Promised Spaces
(Foto: Cannes · bocalupo · Ivan Marković)

Ivan Markovićs »Promised Spaces« erkundet die Leere urbaner Zukunftsversprechen – eine bemerkenswerte Entdeckung der 34. Ausgabe der Parallelsektion »ACID«

Von Amelie Hochhäusler

Das Festival ist vorüber, es ist der letzte Tag in Cannes. Wir durch­queren die Straßen, steigen hinauf zur »Place de la Castre«, die oberhalb des Hafens liegt. Vor uns breitet sich die endlos erschei­nende Stadt aus. Die Häuser über­wu­chern die Hügel, sie sind dicht anein­an­der­ge­drängt. Ein Kontrast zu den leer­ste­henden Archi­tek­turen der kambo­dscha­ni­schen Stadt­land­schaft in Ivan Markovićs Promised Spaces, der in der unab­hän­gigen Paral­lel­sek­tion »ACID« zu sehen war. Jährlich wählt der Verein für die Förderung des unab­hän­gigen Kinos (Asso­cia­tion du Cinéma Indé­pen­dant pour sa Diffusion) neun Filme aus.

Während einige Beiträge aus der offi­zi­ellen Sektion bereits verblasst sind, haben die Filme der unab­hän­gigen Paral­lel­sek­tionen einen nach­hal­tigen Eindruck hinter­lassen. Neben Lisandro Alonsos La libertad doble (Double Freedom) und Bruno Dumonts Les roches rouges (Red Rocks) aus der »Quinzaine des Cinéastes« haben sich die Bilder aus Promised Spaces am stärksten einge­prägt.

Neben seiner Kame­rafüh­rung für Angela Scha­nelecs Ich war zuhause, aber... (2019) und Music (2023) arbeitet Ivan Marković auch selbst als Regisseur. Nach Centar (2018) und From Tomorrow On, I Will (2019) ist dies sein erster Langfilm, in dem er erneut den Blick auf Räume und ihre gesell­schaft­liche Trans­for­ma­tion richtet. In seinem letzten doku­men­ta­ri­schen Kurzfilm Inventory (2025) beob­ach­tete er das 1978 in Jugo­sla­wien errich­tete Sava Centar, dessen symbo­li­sches Fort­schritts­ver­spre­chen sich mit dem Zerfall des Landes verschoben hat. Promised Spaces setzt sein Interesse nun fort: Diesmal richtet er den Blick auf ein Urba­ni­sie­rungs­pro­jekt in Südostasien. Dabei legt sich ein doku­men­ta­ri­scher Gestus über die Erzählung der paral­lelen Lebens­rea­li­täten des Ortes.

Zunächst tauchen wir in das nächt­liche Kambo­dscha ein. Die Lichter einer entfernten Stadt spiegeln sich in den Pfützen einer abge­le­genen Baustelle. Sie gehört zu einem gigan­ti­schen Wohn­bau­pro­jekt, das die Verän­de­rung der Stadt­land­schaft hervor­bringen soll. Doch dieser Ort steht im Schatten der großen Vision. Die Baustelle versinkt in Dunkel­heit, an der Schwelle zur Nicht-Existenz, während die Stadt im Hinter­grund unun­ter­bro­chen leuchtet. Das Funkeln der verschie­den­far­bigen Lichter legt sich auf das Stück Land.

Verlassen ist die Baustelle jedoch nicht: Auch bei Nacht sind die Arbeiter dort. Über sie führt Marković in diese Welt ein: die Ausfüh­renden eines Projekts, das ihnen selbst keinen Raum verspricht. Ihre Lebens­be­din­gungen sind prekär, sie bewohnen die unfer­tigen Rohbauten, sitzen nachts beiein­ander. Im Angesicht der Unge­rech­tig­keit entsteht ein Gefühl von Gemein­schaft.

Bei Tag sehen wir die massiven Rohbauten in ihrer ganzen Wucht. Nichts hat den Anschein, in abseh­barer Zeit fertig zu werden. Der Fort­schritt trägt das Gesicht einer Ruine – einer Ruine ohne mensch­liche Vergan­gen­heit, die allein auf die Ausbeu­tung der Arbeiter verweist. Die ruhige Kamera lässt die Massi­vität dieser Archi­tektur förmlich ins Bild einbre­chen. Gleich­zeitig ist der archi­tek­to­ni­sche Körper permanent von der Natur umgeben: das leuch­tende Grün tropi­scher Pflanzen umringt das Grau des Betons. Als strö­mender Regen einsetzt, dringt die Physis der Natur in die Räume ein. Der Ton des einpras­selnden Regens verstärkt das Gefühl, die Natur versuche, sich den Raum zurück­zu­holen.

Parallel zu der Leere des unfer­tigen Teils steht die luxuriöse – und leer­ste­hende – Wohn­an­lage »Oasis Park«. Eine reiche Frau namens Seda (Vita Vong) zieht dort ein. Schon bei der Wohnungs­be­sich­ti­gung wird deutlich, dass das Verspre­chen des Neuen längst beschä­digt ist: Jemand hat hier bereits gewohnt. Jedes störende Detail zieht den Blick auf sich – die beschla­gene Fens­ter­scheibe, der Wasser­schaden an der Wand, der fest­ge­setzte Fleck auf dem Tisch. Die Makel­lo­sig­keit beginnt zu bröckeln.

In ihrer ersten Nacht dort teilt Seda die Erfahrung der Arbeiter: Die ausge­fal­lene Klima­an­lage macht Schlaf unmöglich. Die Schweiß­perlen stehen nun auch auf ihrer Haut. Sie liegt still, konzen­triert auf ihren Atem, die Augen geöffnet. Ringend nach Luft schlägt sie sich mit der Hand auf den Brustkorb.

Einige Blocks entfernt liegt das einzige Restau­rant der Umgebung. Sedas nächt­li­cher Spazier­gang bildet eine Brücke zum Raum der Arbeiter. Die unfer­tigen Straßen lassen die Stadt erneut in unbe­wohnte Leere versinken. Im Restau­rant kommt es schließ­lich wieder zu mensch­li­chem Kontakt. Doch auch dort bleibt die Erschöp­fung allge­gen­wärtig: Die Besit­zerin, selbst von der Hitze gezeichnet, verzögert Sedas Bestel­lung.

Als Seda schließ­lich den privaten Raum der Köchin betritt, hören wir aus der Dunkel­heit eine Stimme, die sie auffor­dert zu gehen. Der sonst so offen­ba­rende Blick der Kamera hält hier inne; er dringt nicht weiter in den Raum ein. Das private Zimmer bleibt unsichtbar – als wäre es innerhalb dieser Stadt nur noch ein Verspre­chen. Seda ist damit Gegen- und zugleich Spie­gel­figur der Arbeiter, die Räume errichten, die niemals ihre sein werden.

Promised Spaces erzählt von Einsam­keit und den Formen des Zusam­men­le­bens, die aus ihr entstehen. Die Figuren stehen sich nicht bloß gegenüber, sondern rücken zunehmend näher zuein­ander. Die deutlich markierten Klas­sen­un­ter­schiede werden in Gesten der Empathie durch­lässig.

Marković zeigt auch die verspro­chenen Räume – doch sie sind nicht seine Bilder. Sie erscheinen lediglich auf Werbe­pla­katen, die das fertige Leben simu­lieren. In einer Einstel­lung füllt ein solches Plakat die Leinwand, bevor der Wind den Bildrand anhebt und die unfertige Baustelle dahinter sichtbar macht. Genau dort liegt das Interesse des Films: das Verspre­chen einer Wirk­lich­keit, die hinter dem Bild verschwindet.