79. Filmfestspiele Cannes 2026
(Un)Bewohnte Bilder |
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| (Foto: Cannes · bocalupo · Ivan Marković) | ||
Das Festival ist vorüber, es ist der letzte Tag in Cannes. Wir durchqueren die Straßen, steigen hinauf zur »Place de la Castre«, die oberhalb des Hafens liegt. Vor uns breitet sich die endlos erscheinende Stadt aus. Die Häuser überwuchern die Hügel, sie sind dicht aneinandergedrängt. Ein Kontrast zu den leerstehenden Architekturen der kambodschanischen Stadtlandschaft in Ivan Markovićs Promised Spaces, der in der unabhängigen Parallelsektion »ACID« zu sehen war. Jährlich wählt der Verein für die Förderung des unabhängigen Kinos (Association du Cinéma Indépendant pour sa Diffusion) neun Filme aus.
Während einige Beiträge aus der offiziellen Sektion bereits verblasst sind, haben die Filme der unabhängigen Parallelsektionen einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Neben Lisandro Alonsos La libertad doble (Double Freedom) und Bruno Dumonts Les roches rouges (Red Rocks) aus der »Quinzaine des Cinéastes« haben sich die Bilder aus Promised Spaces am stärksten eingeprägt.
Neben seiner Kameraführung für Angela Schanelecs Ich war zuhause, aber... (2019) und Music (2023) arbeitet Ivan Marković auch selbst als Regisseur. Nach Centar (2018) und From Tomorrow On, I Will (2019) ist dies sein erster Langfilm, in dem er erneut den Blick auf Räume und ihre gesellschaftliche Transformation richtet. In seinem letzten dokumentarischen Kurzfilm Inventory (2025) beobachtete er das 1978 in Jugoslawien errichtete Sava Centar, dessen symbolisches Fortschrittsversprechen sich mit dem Zerfall des Landes verschoben hat. Promised Spaces setzt sein Interesse nun fort: Diesmal richtet er den Blick auf ein Urbanisierungsprojekt in Südostasien. Dabei legt sich ein dokumentarischer Gestus über die Erzählung der parallelen Lebensrealitäten des Ortes.
Zunächst tauchen wir in das nächtliche Kambodscha ein. Die Lichter einer entfernten Stadt spiegeln sich in den Pfützen einer abgelegenen Baustelle. Sie gehört zu einem gigantischen Wohnbauprojekt, das die Veränderung der Stadtlandschaft hervorbringen soll. Doch dieser Ort steht im Schatten der großen Vision. Die Baustelle versinkt in Dunkelheit, an der Schwelle zur Nicht-Existenz, während die Stadt im Hintergrund ununterbrochen leuchtet. Das Funkeln der verschiedenfarbigen Lichter legt sich auf das Stück Land.
Verlassen ist die Baustelle jedoch nicht: Auch bei Nacht sind die Arbeiter dort. Über sie führt Marković in diese Welt ein: die Ausführenden eines Projekts, das ihnen selbst keinen Raum verspricht. Ihre Lebensbedingungen sind prekär, sie bewohnen die unfertigen Rohbauten, sitzen nachts beieinander. Im Angesicht der Ungerechtigkeit entsteht ein Gefühl von Gemeinschaft.
Bei Tag sehen wir die massiven Rohbauten in ihrer ganzen Wucht. Nichts hat den Anschein, in absehbarer Zeit fertig zu werden. Der Fortschritt trägt das Gesicht einer Ruine – einer Ruine ohne menschliche Vergangenheit, die allein auf die Ausbeutung der Arbeiter verweist. Die ruhige Kamera lässt die Massivität dieser Architektur förmlich ins Bild einbrechen. Gleichzeitig ist der architektonische Körper permanent von der Natur umgeben: das leuchtende Grün tropischer Pflanzen umringt das Grau des Betons. Als strömender Regen einsetzt, dringt die Physis der Natur in die Räume ein. Der Ton des einprasselnden Regens verstärkt das Gefühl, die Natur versuche, sich den Raum zurückzuholen.
Parallel zu der Leere des unfertigen Teils steht die luxuriöse – und leerstehende – Wohnanlage »Oasis Park«. Eine reiche Frau namens Seda (Vita Vong) zieht dort ein. Schon bei der Wohnungsbesichtigung wird deutlich, dass das Versprechen des Neuen längst beschädigt ist: Jemand hat hier bereits gewohnt. Jedes störende Detail zieht den Blick auf sich – die beschlagene Fensterscheibe, der Wasserschaden an der Wand, der festgesetzte Fleck auf dem Tisch. Die Makellosigkeit beginnt zu bröckeln.
In ihrer ersten Nacht dort teilt Seda die Erfahrung der Arbeiter: Die ausgefallene Klimaanlage macht Schlaf unmöglich. Die Schweißperlen stehen nun auch auf ihrer Haut. Sie liegt still, konzentriert auf ihren Atem, die Augen geöffnet. Ringend nach Luft schlägt sie sich mit der Hand auf den Brustkorb.
Einige Blocks entfernt liegt das einzige Restaurant der Umgebung. Sedas nächtlicher Spaziergang bildet eine Brücke zum Raum der Arbeiter. Die unfertigen Straßen lassen die Stadt erneut in unbewohnte Leere versinken. Im Restaurant kommt es schließlich wieder zu menschlichem Kontakt. Doch auch dort bleibt die Erschöpfung allgegenwärtig: Die Besitzerin, selbst von der Hitze gezeichnet, verzögert Sedas Bestellung.
Als Seda schließlich den privaten Raum der Köchin betritt, hören wir aus der Dunkelheit eine Stimme, die sie auffordert zu gehen. Der sonst so offenbarende Blick der Kamera hält hier inne; er dringt nicht weiter in den Raum ein. Das private Zimmer bleibt unsichtbar – als wäre es innerhalb dieser Stadt nur noch ein Versprechen. Seda ist damit Gegen- und zugleich Spiegelfigur der Arbeiter, die Räume errichten, die niemals ihre sein werden.
Promised Spaces erzählt von Einsamkeit und den Formen des Zusammenlebens, die aus ihr entstehen. Die Figuren stehen sich nicht bloß gegenüber, sondern rücken zunehmend näher zueinander. Die deutlich markierten Klassenunterschiede werden in Gesten der Empathie durchlässig.
Marković zeigt auch die versprochenen Räume – doch sie sind nicht seine Bilder. Sie erscheinen lediglich auf Werbeplakaten, die das fertige Leben simulieren. In einer Einstellung füllt ein solches Plakat die Leinwand, bevor der Wind den Bildrand anhebt und die unfertige Baustelle dahinter sichtbar macht. Genau dort liegt das Interesse des Films: das Versprechen einer Wirklichkeit, die hinter dem Bild verschwindet.