14.05.2026

Rosa Tagträume und nächtliche Würgegeister

TREAT HER LIKE A LADY
Wellness in den Niederlanden: Treat Her Like a Lady gewann den Fipresci-Preis
(Foto: Mastercard OFF Camera · Filip van Roe)

Beim 19. OFF Camera Festival in Krakau stehen Debütfilme im Mittelpunkt

Von Katrin Hillgruber

Eine Reise in die alte Königs­stadt Krakau bedeutet immer eine Reise in die polnische Geschichte. Wenn am 1. Mai hier­zu­lande verein­zelt noch rote Fahnen zu sehen sind, so ist in Krakau rund um den Rynek Glówny, den mit 40.000 Quadrat­me­tern größten Markt­platz Europas, zu diesem Datum alles rotweiß beflaggt. Die polni­schen Natio­nal­farben kündigen den Tag der Verfas­sung am 3. Mai an. Auch der Muse­ums­wärter, der beim abend­li­chen Empfang die Tür zur Schatz­kammer des Wawel öffnet, der ehrwür­digen Burg hoch über der Weichsel, trägt eine rotweiße Kokarde am Revers.

Bei allem Tradi­ti­ons­be­wusst­sein herrscht in unserem östlichen Nach­bar­land eine anhal­tende Begeis­te­rung für den Kapi­ta­lismus. In Warschau zog die Börse zeitweise ins Haupt­quar­tier der früheren kommu­nis­ti­schen Partei ein, einen strengen hell­grauen Palast aus den 1950er Jahren, was sich aber nicht als prak­ti­kabel erwies. Dieser Tendenz folgend tragen auch manche Kultur­ver­an­stal­tungen, die durch die Pandemie in finan­zi­elle Not gerieten, den Namen ihrer Sponsoren im Titel. »Master­card OFF Camera« heißt das inter­na­tio­nale Film­fes­tival offiziell, das in der Univer­si­täts­stadt Krakau die Aufmerk­sam­keit auf Debüt­filme und zweite Werke von Regis­seu­rinnen und Regis­seuren richtet. Sie konkur­rieren im inter­na­tio­nalen Haupt­wett­be­werb »Making Way« um den Andrzej Wajda Kraków Film Award, dotiert mit 25.000 US-Dollar. Die Hauptjury prämi­ierte den litaui­schen Film Reno­va­cija (Reno­va­tion) von Gabriele Urbonaite. Darin geht es um ein junges Paar, das gerade in die erste eigene Wohnung gezogen ist. Als sich die freie Über­set­zerin Ilona in einen ukrai­ni­schen Bauar­beiter verliebt, der vor ihrem Fenster die Fassade renoviert, droht die Beziehung zu ihrem Freund, einem Stadt­führer in Vilnius, in die Brüche zu gehen.

Die Fipresci-Jury hatte dieselbe Auswahl zu begut­achten. Unter den zehn nomi­nierten Werken fanden sich in diesem Jahr auffal­lend viele mit unge­wöhn­li­chen Fami­li­en­kon­stel­la­tionen. Wie ein bonbon­far­benes Musical wirkt zunächst Paloma Aguilera Valdebe­nitos Film Treat Her Like a Lady, der in Amsterdam ange­sie­delt ist. Die Sängerin und Mode­ra­torin Nienke Plas verleiht ihrer Rolle eine unglaub­liche Präsenz. Welche Schick­sals­schläge und soziale Härten auf die allein­er­zie­hende Mutter zweier Töchter auch immer zukommen mögen: Sandra und ihre »meisjes« Harrie und Stella bewahren ihren Humor und vor allem ihre Würde. Das gelingt ihnen selbst dann, als der Familie wegen unbe­zahlter Rech­nungen im Hoch­sommer das Wasser abgedreht wird. Sogar als die drei ihre knallbunt gestri­chene Wohnung direkt an der Stadt­au­to­bahn wegen Miet­schulden räumen müssen und ein Hotel­zimmer für obdach­lose Familien zuge­wiesen bekommen, verzwei­felt Sandra nicht. Statt­dessen kauft sie den Mädchen Strohhüte und Sonnen­brillen für einen ausge­las­senen Tag im Freibad.

Ihrem Freund und Stellas Vater (Claude Musungayi), mit dem sie illegal gefan­genen Kabeljau in der Nach­bar­schaft verkaufte, hat Sandra zu diesem Zeitpunkt längst wegen Untreue den Laufpass gegeben: Er hat eine andere geschwän­gert. Sandras ältere Tochter Harrie, heraus­ra­gend gespielt von der zwölf­jäh­rigen Aimee Klaas­senbos, ist ein eher ernstes Mädchen mit dennoch komischem Talent. Sie blickt oft streng drein, als miss­bil­lige sie die spontanen Aktionen ihrer Mutter. Das verleiht dem Film, der seinen Titel einem Song der Tempt­a­tions aus Detroit verdankt, eine entschei­dende realis­ti­sche Grun­die­rung.

Die Regis­seurin Paloma Aguilera Valdebe­nito hat chile­ni­sche Wurzeln. Für ihren Film hat sie nach eigenen Angaben Erfah­rungen ihrer Mutter verar­beitet, die in Amsterdam die Familie als Putzfrau durch­brachte. Bei einem ihrer Jobs ruft Sandra ihre Töchter ins Bade­zimmer einer wohl­ha­benden Familie. Ange­wi­dert zeigt sie ihnen die schmut­zige Toilette: Reiche Leute hätten es nicht nötig sauber­zu­ma­chen, da sie wüssten, dass das vom Personal erledigt wird. Doch auch solche bitteren Lehren einer Sozi­al­studie federt Treat Her Like a Lady mit Humor und bonbon­far­benen Über­zeich­nungen sowie einem offenen Ende ab. Seine Origi­na­lität und über­ra­schende Viel­schich­tig­keit machen Valdebe­nitos zweiten Film nach Out of Love (2016) zu einem würdigen Fipresci-Preis­träger.

Eine starke schwarze Komödie im gleißend hellen Licht der kroa­ti­schen Adriaküste ist dem Kroaten Igor Jelinović mit seinem Debütfilm Honey Bunny (Koke) gelungen. Inspi­riert von einem Erbschafts­streit in seiner eigenen Familie, schlüpft der Regisseur ganz in die Perspek­tive von Tonina, einer resoluten bis herri­schen Zagreber Geschäfts­frau im soge­nannten besten Alter. Ihren Mann und die schweig­same Tochter hat Tonina schon völlig unter Kontrolle, nun strebt sie das auch bei ihrer jüngeren Schwester Tatjana (Alek­sandra Janković) und deren Familie an. Gleich in der Eingangs­szene bei einem Gebraucht­wa­gen­händler beweist Snježana Sinovčić Šiškov als Tonina ihr rheto­ri­sches Vermögen, als sie das bestellte Auto wegen angeb­li­cher Kunst­le­der­sitze in einem Wort­schwall der gespielten Empörung wieder zurück­gehen lässt.

Tonina träumt davon, das Häuschen auf der Insel Kvar ganz für sich allein zu haben, das sie sich noch mit der Schwester teilen muss. Als diese von ihrem Manöver erfährt, kommt es zwischen den beiden zum Showdown, gefilmt in einer einzigen langen Einstel­lung auf einer Treppe. Die Jüngere läuft dabei mehrfach die Stufen zur Älteren hinauf und wieder hinab und zertritt am Ende beherzt den Inhalt von Toninas Einkaufs­beutel. Diese Szene erinnert an Alfred Hitch­cocks Film noir Notorious, wo ein Glas Milch – bedroh­lich erleuchtet durch eine Glühbirne in der Flüs­sig­keit – in quälender Lang­sam­keit die Treppe zur kranken Ingrid Bergman hinauf­ge­tragen wird.

Um ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen, versucht Tonina mittels ihrer Bezie­hungen ihrem Neffen Igor, einem phleg­ma­ti­schen dreißig­jäh­rigen Jour­na­listen, eine Anstel­lung zu verschaffen. In Kroatien wolle niemand so recht arbeiten, meint Igor Jelinović, der mit dieser medi­ter­ranen Tragi­komödie eine viel­ver­spre­chende Talent­probe vorlegt. In der Schluss­szene wirft Tonina eine Tüte weg, als wolle sie sich endgültig vom fami­liären Ballast befreien.

Um die Gemüts­zu­stände von vier Geschwis­tern an der Schwelle zum Erwach­se­nen­alter geht es in Emi Buchwalds No Ghosts on Good Street (Nie ma duchów w mieszkaniu na dobrej). Der in Polen viel­be­ach­tete Film wurde in Warschau gedreht. Benek (Bartło­miej Deklewa) teilt sich eine große Wohnung mit seinem Bruder Franek (Tymoteusz Rożynek). In dessen Abwe­sen­heit neigt er zu Panik­at­ta­cken und träumt davon, ein Würge­geist (polnisch »duch«) würde nachts über ihn laufen. Franek will sich dadurch nicht unter Druck setzen lassen und sucht Abstand. Das wiederum beschäf­tigt seine Zwil­lings­schwester Nastka (Izabella Duziak) so sehr, dass sie darüber bezie­hungs­un­fähig wird. Als vierte kommt die Schwester Jana (Karolina Rzepa) ins Spiel.

Das Debüt der 34-jährigen Emi Buchwald wirkt in weiten Teilen impro­vi­siert und impres­sio­nis­tisch wie das Gemälde »Der Alptraum« von Henry Fuseli aus dem Jahr 1781. Es zeigt eine Schla­fende im weißen Nachthemd, die von zwei Unge­heuern bedrängt wird. Das Bild inspi­rierte bereits die »Fran­ken­stein«-Autorin Mary Shelley und beschert nun dem empfind­samen Benek entspre­chende Träume. Mag vieles auch gesucht erscheinen und mögen die Dialoge des Quartetts etwas dünn wirken, so offenbart No Ghosts on Good Street doch eine bemer­kens­werte stilis­ti­sche Hand­schrift. Mit seiner schwe­benden roman­ti­schen Atmo­sphäre passt der Film gut ins elegante Krakau.