Rosa Tagträume und nächtliche Würgegeister |
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| Wellness in den Niederlanden: Treat Her Like a Lady gewann den Fipresci-Preis | ||
| (Foto: Mastercard OFF Camera · Filip van Roe) | ||
Eine Reise in die alte Königsstadt Krakau bedeutet immer eine Reise in die polnische Geschichte. Wenn am 1. Mai hierzulande vereinzelt noch rote Fahnen zu sehen sind, so ist in Krakau rund um den Rynek Glówny, den mit 40.000 Quadratmetern größten Marktplatz Europas, zu diesem Datum alles rotweiß beflaggt. Die polnischen Nationalfarben kündigen den Tag der Verfassung am 3. Mai an. Auch der Museumswärter, der beim abendlichen Empfang die Tür zur Schatzkammer des Wawel öffnet, der ehrwürdigen Burg hoch über der Weichsel, trägt eine rotweiße Kokarde am Revers.
Bei allem Traditionsbewusstsein herrscht in unserem östlichen Nachbarland eine anhaltende Begeisterung für den Kapitalismus. In Warschau zog die Börse zeitweise ins Hauptquartier der früheren kommunistischen Partei ein, einen strengen hellgrauen Palast aus den 1950er Jahren, was sich aber nicht als praktikabel erwies. Dieser Tendenz folgend tragen auch manche Kulturveranstaltungen, die durch die Pandemie in finanzielle Not gerieten, den Namen ihrer Sponsoren im Titel. »Mastercard OFF Camera« heißt das internationale Filmfestival offiziell, das in der Universitätsstadt Krakau die Aufmerksamkeit auf Debütfilme und zweite Werke von Regisseurinnen und Regisseuren richtet. Sie konkurrieren im internationalen Hauptwettbewerb »Making Way« um den Andrzej Wajda Kraków Film Award, dotiert mit 25.000 US-Dollar. Die Hauptjury prämiierte den litauischen Film Renovacija (Renovation) von Gabriele Urbonaite. Darin geht es um ein junges Paar, das gerade in die erste eigene Wohnung gezogen ist. Als sich die freie Übersetzerin Ilona in einen ukrainischen Bauarbeiter verliebt, der vor ihrem Fenster die Fassade renoviert, droht die Beziehung zu ihrem Freund, einem Stadtführer in Vilnius, in die Brüche zu gehen.
Die Fipresci-Jury hatte dieselbe Auswahl zu begutachten. Unter den zehn nominierten Werken fanden sich in diesem Jahr auffallend viele mit ungewöhnlichen Familienkonstellationen. Wie ein bonbonfarbenes Musical wirkt zunächst Paloma Aguilera Valdebenitos Film Treat Her Like a Lady, der in Amsterdam angesiedelt ist. Die Sängerin und Moderatorin Nienke Plas verleiht ihrer Rolle eine unglaubliche Präsenz. Welche Schicksalsschläge und soziale Härten auf die alleinerziehende Mutter zweier Töchter auch immer zukommen mögen: Sandra und ihre »meisjes« Harrie und Stella bewahren ihren Humor und vor allem ihre Würde. Das gelingt ihnen selbst dann, als der Familie wegen unbezahlter Rechnungen im Hochsommer das Wasser abgedreht wird. Sogar als die drei ihre knallbunt gestrichene Wohnung direkt an der Stadtautobahn wegen Mietschulden räumen müssen und ein Hotelzimmer für obdachlose Familien zugewiesen bekommen, verzweifelt Sandra nicht. Stattdessen kauft sie den Mädchen Strohhüte und Sonnenbrillen für einen ausgelassenen Tag im Freibad.
Ihrem Freund und Stellas Vater (Claude Musungayi), mit dem sie illegal gefangenen Kabeljau in der Nachbarschaft verkaufte, hat Sandra zu diesem Zeitpunkt längst wegen Untreue den Laufpass gegeben: Er hat eine andere geschwängert. Sandras ältere Tochter Harrie, herausragend gespielt von der zwölfjährigen Aimee Klaassenbos, ist ein eher ernstes Mädchen mit dennoch komischem Talent. Sie blickt oft streng drein, als missbillige sie die spontanen Aktionen ihrer Mutter. Das verleiht dem Film, der seinen Titel einem Song der Temptations aus Detroit verdankt, eine entscheidende realistische Grundierung.
Die Regisseurin Paloma Aguilera Valdebenito hat chilenische Wurzeln. Für ihren Film hat sie nach eigenen Angaben Erfahrungen ihrer Mutter verarbeitet, die in Amsterdam die Familie als Putzfrau durchbrachte. Bei einem ihrer Jobs ruft Sandra ihre Töchter ins Badezimmer einer wohlhabenden Familie. Angewidert zeigt sie ihnen die schmutzige Toilette: Reiche Leute hätten es nicht nötig sauberzumachen, da sie wüssten, dass das vom Personal erledigt wird. Doch auch solche bitteren Lehren einer Sozialstudie federt Treat Her Like a Lady mit Humor und bonbonfarbenen Überzeichnungen sowie einem offenen Ende ab. Seine Originalität und überraschende Vielschichtigkeit machen Valdebenitos zweiten Film nach Out of Love (2016) zu einem würdigen Fipresci-Preisträger.
Eine starke schwarze Komödie im gleißend hellen Licht der kroatischen Adriaküste ist dem Kroaten Igor Jelinović mit seinem Debütfilm Honey Bunny (Koke) gelungen. Inspiriert von einem Erbschaftsstreit in seiner eigenen Familie, schlüpft der Regisseur ganz in die Perspektive von Tonina, einer resoluten bis herrischen Zagreber Geschäftsfrau im sogenannten besten Alter. Ihren Mann und die schweigsame Tochter hat Tonina schon völlig unter Kontrolle, nun strebt sie das auch bei ihrer jüngeren Schwester Tatjana (Aleksandra Janković) und deren Familie an. Gleich in der Eingangsszene bei einem Gebrauchtwagenhändler beweist Snježana Sinovčić Šiškov als Tonina ihr rhetorisches Vermögen, als sie das bestellte Auto wegen angeblicher Kunstledersitze in einem Wortschwall der gespielten Empörung wieder zurückgehen lässt.
Tonina träumt davon, das Häuschen auf der Insel Kvar ganz für sich allein zu haben, das sie sich noch mit der Schwester teilen muss. Als diese von ihrem Manöver erfährt, kommt es zwischen den beiden zum Showdown, gefilmt in einer einzigen langen Einstellung auf einer Treppe. Die Jüngere läuft dabei mehrfach die Stufen zur Älteren hinauf und wieder hinab und zertritt am Ende beherzt den Inhalt von Toninas Einkaufsbeutel. Diese Szene erinnert an Alfred Hitchcocks Film noir Notorious, wo ein Glas Milch – bedrohlich erleuchtet durch eine Glühbirne in der Flüssigkeit – in quälender Langsamkeit die Treppe zur kranken Ingrid Bergman hinaufgetragen wird.
Um ihr schlechtes Gewissen zu beruhigen, versucht Tonina mittels ihrer Beziehungen ihrem Neffen Igor, einem phlegmatischen dreißigjährigen Journalisten, eine Anstellung zu verschaffen. In Kroatien wolle niemand so recht arbeiten, meint Igor Jelinović, der mit dieser mediterranen Tragikomödie eine vielversprechende Talentprobe vorlegt. In der Schlussszene wirft Tonina eine Tüte weg, als wolle sie sich endgültig vom familiären Ballast befreien.
Um die Gemütszustände von vier Geschwistern an der Schwelle zum Erwachsenenalter geht es in Emi Buchwalds No Ghosts on Good Street (Nie ma duchów w mieszkaniu na dobrej). Der in Polen vielbeachtete Film wurde in Warschau gedreht. Benek (Bartłomiej Deklewa) teilt sich eine große Wohnung mit seinem Bruder Franek (Tymoteusz Rożynek). In dessen Abwesenheit neigt er zu Panikattacken und träumt davon, ein Würgegeist (polnisch »duch«) würde nachts über ihn laufen. Franek will sich dadurch nicht unter Druck setzen lassen und sucht Abstand. Das wiederum beschäftigt seine Zwillingsschwester Nastka (Izabella Duziak) so sehr, dass sie darüber beziehungsunfähig wird. Als vierte kommt die Schwester Jana (Karolina Rzepa) ins Spiel.
Das Debüt der 34-jährigen Emi Buchwald wirkt in weiten Teilen improvisiert und impressionistisch wie das Gemälde »Der Alptraum« von Henry Fuseli aus dem Jahr 1781. Es zeigt eine Schlafende im weißen Nachthemd, die von zwei Ungeheuern bedrängt wird. Das Bild inspirierte bereits die »Frankenstein«-Autorin Mary Shelley und beschert nun dem empfindsamen Benek entsprechende Träume. Mag vieles auch gesucht erscheinen und mögen die Dialoge des Quartetts etwas dünn wirken, so offenbart No Ghosts on Good Street doch eine bemerkenswerte stilistische Handschrift. Mit seiner schwebenden romantischen Atmosphäre passt der Film gut ins elegante Krakau.