Die Paradoxie des Seitensprungs |
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| Die Vertretung des Landes Baden-Württemberg beim Bund am Berliner Tiergarten. | ||
| (Foto: Oliver Mann/Landesvertretung Baden-Württemberg) | ||
Die weißen Flecken in der Medienlandschaft nehmen zu. Es herrschen Monokultur und zu wenig Problembewusstsein. Der freie Markt »regelt« und »reguliert« ganz offensichtlich gar nichts: Im Verdrängungswettbewerb fressen die Großen die Kleinen, bevor sie von den noch Größeren verschluckt werden, die einzige erkennbare Tendenz dabei ist konsequentes Downsizing der Qualität und Kaputtsparen des Produkts, bis es irgendwann verschwindet.
Davon abgesehen, dass damit eine über Jahrhunderte gewachsene Medienlandschaft und -Tradition ersatzlos an ihr Ende zu kommen scheint, hat das höchstwahrscheinlich auch Folgen für die Demokratie: Die »Vierte Gewalt« als Gegenmacht und Kontrollinstanz der Mächtigen verschwindet, aus dem »Sturmgeschütz der Demokratie« (Rudolf Augstein über den Spiegel) ist ein klappriger Bollerwagen geworden. Wo soll sich der Bürger noch verlässlich informieren? Wie soll er Fake News und Propaganda von Fakten und politischer Bildung unterscheiden, wenn mit der Medienkonkurrenz die Kriterien und die Verlässlichkeit abhanden kommen, oder die Medien so eng mit den Herrschenden verbunden sind, dass alle Informationen derart »kuratiert« werden, dass sie der Macht in die Hände spielen? Und wenn sie nicht von der abhängig sind, dann vom Wankelmut des Publikums.
Als eine mögliche Antwort wird seit Jahren eine »Europäische Medienplattform« ins Spiel gebracht. Im Schwarz-Roten Koalitionsvertrag heißt es: »Wir unterstützen den Aufbau einer europäischen Medienplattform unter Einbeziehung von ARTE«.
Aber was soll so eine »Europäische Medienplattform« überhaupt sein? Was gehört dazu, wieviel kostet es, und wer garantiert Vielfalt und Verzicht auf Zensur? Über solche Fragen debattierte man am Mittwoch in der Berliner Landesvertretung des Bundeslands Baden-Württemberg beim »Medienpolitischen Kongress 2026«.
Es war ein erstes Ausloten der Fragen, mehr nicht, und schon hier zeigte sich, dass man bei diesem Thema vorläufig noch stark, aneinander vorbeiredet – und das war keineswegs ausschließlich der Zusammensetzung des Podiums
geschuldet.
Dass die jetzige Mediensituation gefährlich sei, darüber war man sich schnell einig. »Die Demokratie ist bedroht« alarmierte re:publica-Gründer Markus Beckedahl gleich zu Beginn die Zuhörer, »zu wenige bestimmen über Inhalte«, alles sei zu teuer, und die Bürger zum passiven Konsum verdammt. Die Medienvielfalt werde ersetzt durch die Übermacht der US-Konzerne. SWR-Chefredakteur Kai Gniffke sekundierte: Die Tech-Konzerne regulierten Stimmungen und Wahlergebnisse. Gniffke erinnerte an die Initiative Eurosky auf der Basis von blue sky.
Aber wovon war überhaupt die Rede? Von Social Media? Den öffentlich-rechtlichen Sendern? Den Zeitungen? Einem europapolitischen Projekt? Oder vom Publikum?
Letzteres, »die Bürger« also läuft nämlich nicht immer den besten, klügsten, informativsten und kultiviertesten Programmen nach, im Gegenteil: Der Titel des über Jahre meistangeklicktesten Artikels in der FAZ berichtete Moderatorin Helene Bubowski, habe »Die Paradoxie des Seitensprungs« gelautet. Das ist die
Wirklichkeit. Solche Konsumenten würden sich wohl eher »eine europäische Medienplattform unter Einbeziehung von RTL« wünschen.
Darum noch einmal ein Rückblick in die jüngere Mediengeschichte.
4,10 Euro kostet heute eine FAZ, knapp viermal soviel wie am letzten Tag, als noch mit D-Mark bezahlt wurde. Dafür war sie am Ende des Jahres 2001 noch etwa viermal so dick. Zeitungen sind längst vom Alltagsprodukt zum Luxusgut geworden; sie finanzieren sich auch kaum mehr durch Anzeigen, und die Tendenz, Printausgaben einzustellen und komplett ins Digitale auszuwandern, scheint unumkehrbar. Zeitungen sind zum Luxusprodukt geworden. Nice to have, aber eher ein Statussymbol, als ein Teil der essentiellen Daseinsvorsorge.
Auch in anderen traditionellen Medien herrscht Alarmstimmung: Was vor zwanzig Jahren, nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 unmittelbar nach der Boomzeit der 1990er im Printbereich begann, und sich rapide beschleunigte, bis die in den 1990er Jahren zentimeterdicken Tageszeitungen heute wieder so dünn sind, wie in den Nachkriegshungerjahren der frühen Fünfziger, setzt nun auch erkennbar im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ein: Die Radiosender der ARD legen
sich zusammen und suchen »Synergien«; der Deutschlandfunk schafft das »Deutschlandradio Kultur« nur dem Namen nach nicht ab; was die Mantelzeitungen bei Regionalblättern sind, sind ARD-Pools und zusammengelegte Redaktionen im Radio. Kultur wird massiv gekürzt, Auslandsberichterstattung und Wirtschaft auch stark, Innenpolitik und Sport geht es noch vergleichsweise gut.
Doch die schon heute sichtbar nachlassende Vielfalt wird die Grundtendenz noch beschleunigen: Wozu
9 Regional-Sender mit jeweils mehreren Programmen, also insgesamt etwa 70 einzelnen Radioprogrammen, wenn die Vielfalt zunehmend der Einfalt weicht, überall die gleichen Beiträge gespielt und im Lauf des Tages nochmal wiederholt werden?
Können all diese Probleme durch eine europäische Medienplattform gelöst werden? Man muss daran zweifeln. Das erste Podium in Berlin bot eher ein Beispiel für die Selbstlähmung der Akteure. Man ist sich zwar einig, dass gerade 50 Prozent der Werbeeinnahmen in Social Media an die Big-Techs gehen, dass Verlage von US-Konzernen erpresst und an die Wand gespielt werden, und insgesamt eine ungesunde Situation besteht, vor harten medienpolitischen Gegenmaßnahmen schrecken alle zurück.
Und die Privaten – Claus Grewenig von RTL vertrat deren Positionen auf dem Podium – wollen vor allem unreguliert und unangepasst an gesellschaftliche Bedürfnisse ihre Gewinne einfahren, auch um den Preis die Menschen weiter zu verdummen. Dafür pochen sie auf das Wettbewebsrecht.
Jeder Satz des RTL-Vertreters am Mittwoch bot neue Argumente dafür, warum man die privaten Rundfunkmedien mit Programm-Auflagen medienpolitisch noch ganz anders an die Kandare nehmen und regulieren muss. Medienpolitik müsste Konzerne für verbreitete Inhalte In die Haftung nehmen und vorhandene Monopole zerschlagen.
Im Übrigen – danke an den Kollegen für den Hinweis – gibt es klare Vorgaben für die privaten Vollprogramme: »Die Rundfunkvollprogramme sollen zur Darstellung der Vielfalt im deutschsprachigen und europäischen Raum mit einem angemessenen Anteil an Information, Kultur und Bildung beitragen« (§ 51 MStV)
Die Landesmedienanstalten setzen das nur nicht durch.
Keine Waffengleichheit zwischen den Akteuren
Das deutete ausgerechnet der Ländervertreter der Runde, der baden-württembergische Staatssekretär für Medienpolitik, Rudi Hoogvliet, an: Ob denn Medienpolitik in der Hoheit der Länder wirklich gut aufgehoben sei, fragte er spitz: »Ist die Zeit nicht über uns hinweg gegangen?« Zur Zeit herrsche keine Waffengleichheit zwischen den Akteuren .
Würde die denn durch eine Europäische Medienplattform hergestellt? Einig war man sich in Berlin vor allem, was die anvisierte Plattform nicht sein soll: »Keine Mediathek« die alle anderen Medientheken zusammenfasse, denn das gebe es in Aggregatorenform bereits, und »keine Kathedrale«, also nichts großes, teures. Also eine Art TikTok für Europa?
Markus Beckedahl gab mit roten adidas Turnschuhen den modernen Jugendversteher, und schwärmte von »Streaming, Social Network, Suchmaschine, Messenger, KI, Mediathek«, das alles als gemeinnützige GmbH organisiert und technisch über offene Protokolle in Dauerveränderung.
Aber gibt es diese Sehnsucht nach Interaktivität überhaupt, oder sind das nicht die vergangenen Träume der Neunziger Jahre, als man auch noch glaubte, die schöne neue digitale Welt werde die Demokratie auf neue Stufen heben, anstatt sie zu zerstören?
Auch die blumigen Ausführungen Beckedahls über die angeblich sehnlichst gesuchten »interaktiven Nutzererlebnisse« führen an den großen Problemen vorbei. Die Demokratie wird man durch solche interaktive Nutzererlebnisse nicht retten, sondern eher durch Medienbildung.
Schaut man genauer hin, so Wolfgang Kreißig, Chef der Landesmedienanstalt im Ländle, ist überdies klar erkennbar, dass allenfalls zehn Prozent der User eigene Inhalte »produzieren« möchten, und sei es nur als Troll im Leserforum: »Die allermeisten lesen, aber interagieren nicht.« Man müsse »den Druck mal runternehmen, vielleicht brauchen wir gar nicht die ganz große Idee.« Die Leute wollen in der Praxis gar nicht allzu »interaktiv« oder gar aktiv sein, sie wollen größtenteils passiv konsumieren.
Auch SWR-Chef Gniffke ergänzte: »Wenn sich alle an Recht und Gesetz halten würden, wäre ich schon zufrieden.«