Arabische Filme im Fokus |
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| Szene aus Ameer Fakher Eldins Yunan | ||
| (Foto: ImmerGuteFilme) | ||
Seit nunmehr neun immer wieder inspirierenden Jahren markiert der Frühlingsanfang für viele Filmkritiker einen festen Termin im Kalender: die Critics Awards for Arab Films des Arab Cinema Centre. Durch diese Initiative erhalten europäische Journalistinnen und Journalisten Zugang zu einigen der bemerkenswertesten arabischen Produktionen des vergangenen Jahres – und damit die Möglichkeit, die sich wandelnden Dynamiken, ästhetischen Entdeckungen und politischen wie kulturellen Verschiebungen einer Region zu beobachten, deren Kino derzeit eine bemerkenswerte Vitalität entfaltet.
Die Auswahl des Jahres 2025 erwies sich dabei als besonders ergiebig. Filmemacherinnen und Filmemacher aus der gesamten arabischen Welt widmen sich sozialen, geschlechtsspezifischen, politischen, ökologischen und zutiefst persönlichen Themen mit einer Sensibilität, die zugleich zurückhaltend und eindringlich wirkt. Die folgende Auswahl versammelt acht Filme – Spielfilme, Dokumentarfilme und Kurzfilme –, die sich als unverzichtbare Seherlebnisse herausheben.
1. Yunan
An erster Stelle steht Yunan, ein intimer und zugleich meditativer Film des syrischstämmigen Regisseurs Ameer Fakher Eldin, der heute in Deutschland lebt. Mit beeindruckender künstlerischer Reife nähert sich der Film der Psyche seines Protagonisten Munir, eindrucksvoll verkörpert von Georges Khabbaz.
Khabbaz’ Spiel tritt dabei in einen subtilen Dialog mit dem, was man fast als zweiten Protagonisten des Films bezeichnen könnte: seiner Landschaft. Eine abgelegene Insel im Norden Deutschlands, von Wind und Wetter gezeichnet und von einer beinahe urzeitlichen Leere durchdrungen, wird zur idealen Projektionsfläche für Munirs innere Odyssee. Geplagt von Erinnerungsfragmenten – Kindheitsgeschichten, unbewältigten Ängsten und nagenden Zweifeln – bewegt sich der Protagonist durch einen labilen psychischen Zustand, während er sich einer existenziellen Entscheidung nähert.
Obwohl er den Menschen begegnet, die diesen Grenzraum bewohnen, zunächst fremd bleibt, entstehen langsam fragile, tastende Verbindungen. Gleichzeitig lockert sich sein Halt in der Gegenwart, während Visionen der Vergangenheit immer intensiver werden.
Beim Yunan fühlte ich mich an Theo Angelopoulos’ Film Die Ewigkeit und ein Tag erinnert. Beide Werke teilen eine kontemplative Struktur und kreisen um Männer, die sich den letzten Kapiteln ihres Lebens stellen. Humanistisch und von stiller Melancholie getragen, überschreiten solche Geschichten geografische und generationelle Grenzen. Yunan wird so zu einer poetischen Meditation über die Zerbrechlichkeit des Lebens, die Unausweichlichkeit des Todes und die heilende Kraft einfacher menschlicher Güte.
2. Die Löwen am Tigris
Vor nicht allzu langer Zeit war ich zu einem Filmfestival in Kurdistan im Irak eingeladen. Von dort aus war die historische Stadt Mossul – einst ein Zentrum kultureller Vielfalt, später ein Symbol der Verwüstung während der Besatzung durch den sogenannten Islamic State – nur eine Stunde entfernt. Dennoch war es unmöglich, dorthin zu reisen.
Der Dokumentarfilm The Lions by the River Tigris des kurdisch-norwegischen Regisseurs Zaradasht Ahmed eröffnet einen seltenen und zutiefst bewegenden Zugang zu diesem Ort. Ahmed zeigt Mossul nicht allein durch seine Ruinen, sondern vor allem durch die Menschen, die dort leben – Bewohner, die mit bemerkenswerter Beharrlichkeit versuchen, Fragmente ihrer früheren Welt zu bewahren.
Trotz der allgegenwärtigen Spuren des Verlusts versinkt der Film niemals in Verzweiflung. Humor, Würde und Widerstandskraft entstehen organisch aus dem Alltag der Protagonisten. Das Ergebnis ist zugleich ein unschätzbares historisches Zeugnis und eine eindringliche Erinnerung daran, wie schnell kulturelles Erbe im Schatten des Krieges verschwinden kann.
3. My Father and Gaddafi
Auch wenn seine erzählerische Struktur gelegentlich etwas ungleichgewichtig wirkt, bleibt My Father and Gaddafi ein mutiger Dokumentarfilm der libysch-amerikanischen Filmemacherin Jihan K.. Das Werk ist zugleich zutiefst persönlich und politisch bedeutsam: Es erzählt die Geschichte des Vaters der Regisseurin, eines prominenten Gegners des
libyschen Diktators Muammar Gaddafi.
Besonders bemerkenswert ist die Zurückhaltung, mit der die Regisseurin ihrem Sujet begegnet. Selbst als sie dem Mann gegenübersteht, der für die Inhaftierung und den Tod ihres Vaters verantwortlich ist, wahrt sie eine bemerkenswerte Form der Objektivität. Anstatt sich auf einfache moralische Gegensätze oder erwartbare politische Rhetorik zu stützen, nähert sie sich dem Thema mit intellektueller Neugier und emotionaler Disziplin.
Der Titel des Films bringt diese Haltung bereits zum Ausdruck: My Father and Gaddafi – bemerkenswerterweise mit einem „und“ statt eines „gegen“. Er signalisiert den Versuch zu verstehen, nicht nur zu verurteilen. Diese Perspektive spiegelt sich auch in den Worten der Mutter der Regisseurin wider, die trotz des schmerzlichen Verlusts ihres Mannes zugibt, dass sie Gaddafis Tod nie gefeiert hat – und uns damit daran erinnert, dass selbst die brutalsten Gestalten einst unschuldige Menschen waren. Ein unbequemer Gedanke, aber einer, der zum Nachdenken zwingt.
4. Promised Sky
Die französisch-tunesische Regisseurin Erige Sehiri zeigt in Promised Sky, einem frauenzentrierten Drama über Migration und prekäre Lebensverhältnisse, erneut ihr Engagement für jene unsichtbaren Existenzen, die gesellschaftliche Narrative häufig übergehen.
Der Film folgt drei Frauen – Wirtschaftsmigrantinnen, die in Tunesien leben –, deren Alltag von Instabilität, ökonomischem Druck und wachsender sozialer Entfremdung geprägt ist. Sehiri vermeidet jede moralische Vereinfachung: Ihre Figuren sind weder Heilige noch passive Opfer. Ihre Entscheidungen sind manchmal fragwürdig, gelegentlich moralisch ambivalent.
Gerade diese Ambivalenz macht sie zutiefst menschlich. Verletzlich, orientierungslos und oft verzweifelt bewegen sie sich in einer Welt, die nie dafür geschaffen wurde, sie willkommen zu heißen. Und doch blitzen selbst unter solch feindseligen Bedingungen Momente von Solidarität, Freundlichkeit und flüchtigem Glück auf – fragile Gegengewichte zur Gleichgültigkeit politischer und wirtschaftlicher Systeme.
5. My Father’s Scent
Mit My Father’s Scent legt der ägyptische Filmemacher Mohamed Siam eine intensive und spannungsgeladene Auseinandersetzung mit Männlichkeit, familiären Konflikten und weitergegebenen Traumata vor.
Vor der nächtlichen Kulisse Alexandrias verbindet der Film die archetypische Vater-Sohn-Konfrontation mit einer zeitgenössischen urbanen Sensibilität. Durch eindringliche Bilder und starke schauspielerische Leistungen erkundet Siam die dunkleren Winkel der menschlichen Psyche – jene instinktiven Impulse, die Philosophen und Psychologen seit Langem zu verstehen versuchen, die aber weiterhin das menschliche Verhalten prägen.
Das Resultat ist ein Film, der roh, kompromisslos und zugleich magnetisch beunruhigend wirkt.
6. Calle Malaga
Auf den ersten Blick erscheint Maryam Touzanis Calle Málaga – Ein Zuhause in Tanger fast konventionell. Die erste halbe Stunde – geprägt von vertrauten melodramatischen Motiven – hätte mich beinahe dazu gebracht, die Sichtung des Films abzubrechen.
Zum Glück zahlt sich Geduld aus. Was sich nach und nach entfaltet, ist eine überraschend zarte und bewegende Geschichte über María Ángeles, eine 79-jährige Bewohnerin von Tanger, die von Carmen Maura mit warmherziger Gelassenheit gespielt wird.
Der Film bedient sich offen der Konventionen des Melodramas: nostalgische Stimmungen, leuchtende Farben und eine narrative Unschuld, die fast an Märchen erinnert. Doch wenn man die kritische Distanz für einen Moment beiseitelässt und sich auf dieses emotionale Universum einlässt, entfaltet Calle Málaga – Ein Zuhause in Tanger eine unerwartet erhebende Kraft.
7. Beneath Which Rivers Flow
Der in Bagdad lebende Filmemacher Aly Yahya präsentiert mit dem experimentellen Kurzfilm Beneath Which Rivers Flow eine der faszinierendsten Entdeckungen dieser Auswahl.
Der Film ist minimalistisch und rätselhaft; er verzichtet weitgehend auf klassische Narration und setzt stattdessen auf sinnliche Erfahrung. Durch sorgfältig komponierte Bilder und ein präzises Sounddesign fängt Yahya die geheimnisvollen Landschaften der Sümpfe im Süden des Irak ein.
Das Ergebnis ist ein hypnotisches, zugleich leicht beunruhigendes filmisches Erlebnis – ein Werk, das Atmosphäre und Erinnerung vermittelt, statt eine konventionelle Geschichte zu erzählen.
8. The Devil and the Bicycle
Verspielt und respektlos erzählt der Kurzfilm The Devil and the Bicycle der libanesischen Regisseurin Sharon Hakim eine lebhafte Coming-of-Age-Geschichte.
Der Film begleitet die 13-jährige Yasma bei ihren Vorbereitungen auf ihre Erstkommunion – einen Moment spirituellen Übergangs, der durch das Erwachen ihrer eigenen sinnlichen Neugier kompliziert wird. Hakim begegnet diesem Thema mit Humor und Leichtigkeit und findet eine feine Balance zwischen jugendlicher Unbeholfenheit und subtiler erotischer Spannung.
In dieser charmanten Erzählung treffen religiöse Rituale auf jugendliche Streiche, während das titelgebende Fahrrad überraschend zum Auslöser einer kleinen Selbstfindungsreise wird. Der Film fängt auf sensible Weise die fragile Schwelle zwischen kindlicher Unschuld und aufkeimender Weiblichkeit ein.
+ + +
Am Ende fällt auf, dass einige der spannendsten zeitgenössischen arabischen Filme von Regisseurinnen und Regisseuren stammen, die in der Diaspora arbeiten – Künstler, die ihre Herkunftsländer verlassen haben oder im Ausland geboren wurden. Sie tragen die Last historischer Traumata, nutzen zugleich aber die kreative Freiheit und die filmischen Traditionen ihrer neuen Heimatländer.
Zwischen Kulturen schwebend und doch von beiden geprägt, artikulieren sie Erfahrungen,
die Millionen von Vertriebenen teilen. Durch das Kino verwandeln sie Verlust, Vertreibung und Erinnerung in Geschichten, die weit über geografische Grenzen hinaus nachhallen – Geschichten, die nicht nur Zeugnis ablegen, sondern auch eine leise, beharrliche Hoffnung auf Erneuerung vermitteln.