19.03.2026

Arabische Filme im Fokus

Yunnan
Szene aus Ameer Fakher Eldins Yunan
(Foto: ImmerGuteFilme)

Arabisches Kino 2025: Acht unverzichtbare Filme als Resonanzraum einer Region

Von Elena Rubashevska

Seit nunmehr neun immer wieder inspi­rie­renden Jahren markiert der Früh­lings­an­fang für viele Film­kri­tiker einen festen Termin im Kalender: die Critics Awards for Arab Films des Arab Cinema Centre. Durch diese Initia­tive erhalten europäi­sche Jour­na­lis­tinnen und Jour­na­listen Zugang zu einigen der bemer­kens­wer­testen arabi­schen Produk­tionen des vergan­genen Jahres – und damit die Möglich­keit, die sich wandelnden Dynamiken, ästhe­ti­schen Entde­ckungen und poli­ti­schen wie kultu­rellen Verschie­bungen einer Region zu beob­achten, deren Kino derzeit eine bemer­kens­werte Vitalität entfaltet.

Die Auswahl des Jahres 2025 erwies sich dabei als besonders ergiebig. Filme­ma­che­rinnen und Filme­ma­cher aus der gesamten arabi­schen Welt widmen sich sozialen, geschlechts­spe­zi­fi­schen, poli­ti­schen, ökolo­gi­schen und zutiefst persön­li­chen Themen mit einer Sensi­bi­lität, die zugleich zurück­hal­tend und eindring­lich wirkt. Die folgende Auswahl versam­melt acht Filme – Spiel­filme, Doku­men­tar­filme und Kurzfilme –, die sich als unver­zicht­bare Seherleb­nisse heraus­heben.

1. Yunan
An erster Stelle steht Yunan, ein intimer und zugleich medi­ta­tiver Film des syrischs­täm­migen Regis­seurs Ameer Fakher Eldin, der heute in Deutsch­land lebt. Mit beein­dru­ckender künst­le­ri­scher Reife nähert sich der Film der Psyche seines Prot­ago­nisten Munir, eindrucks­voll verkör­pert von Georges Khabbaz.

Khabbaz’ Spiel tritt dabei in einen subtilen Dialog mit dem, was man fast als zweiten Prot­ago­nisten des Films bezeichnen könnte: seiner Land­schaft. Eine abge­le­gene Insel im Norden Deutsch­lands, von Wind und Wetter gezeichnet und von einer beinahe urzeit­li­chen Leere durch­drungen, wird zur idealen Projek­ti­ons­fläche für Munirs innere Odyssee. Geplagt von Erin­ne­rungs­frag­menten – Kind­heits­ge­schichten, unbe­wäl­tigten Ängsten und nagenden Zweifeln – bewegt sich der Prot­ago­nist durch einen labilen psychi­schen Zustand, während er sich einer exis­ten­zi­ellen Entschei­dung nähert.

Obwohl er den Menschen begegnet, die diesen Grenzraum bewohnen, zunächst fremd bleibt, entstehen langsam fragile, tastende Verbin­dungen. Gleich­zeitig lockert sich sein Halt in der Gegenwart, während Visionen der Vergan­gen­heit immer inten­siver werden.

Beim Yunan fühlte ich mich an Theo Ange­lo­poulos’ Film Die Ewigkeit und ein Tag erinnert. Beide Werke teilen eine kontem­pla­tive Struktur und kreisen um Männer, die sich den letzten Kapiteln ihres Lebens stellen. Huma­nis­tisch und von stiller Melan­cholie getragen, über­schreiten solche Geschichten geogra­fi­sche und gene­ra­tio­nelle Grenzen. Yunan wird so zu einer poeti­schen Medi­ta­tion über die Zerbrech­lich­keit des Lebens, die Unaus­weich­lich­keit des Todes und die heilende Kraft einfacher mensch­li­cher Güte.

2. Die Löwen am Tigris
Vor nicht allzu langer Zeit war ich zu einem Film­fes­tival in Kurdistan im Irak einge­laden. Von dort aus war die histo­ri­sche Stadt Mossul – einst ein Zentrum kultu­reller Vielfalt, später ein Symbol der Verwüs­tung während der Besatzung durch den soge­nannten Islamic State – nur eine Stunde entfernt. Dennoch war es unmöglich, dorthin zu reisen.

Der Doku­men­tar­film The Lions by the River Tigris des kurdisch-norwe­gi­schen Regis­seurs Zaradasht Ahmed eröffnet einen seltenen und zutiefst bewe­genden Zugang zu diesem Ort. Ahmed zeigt Mossul nicht allein durch seine Ruinen, sondern vor allem durch die Menschen, die dort leben – Bewohner, die mit bemer­kens­werter Beharr­lich­keit versuchen, Fragmente ihrer früheren Welt zu bewahren.

Trotz der allge­gen­wär­tigen Spuren des Verlusts versinkt der Film niemals in Verzweif­lung. Humor, Würde und Wider­stands­kraft entstehen organisch aus dem Alltag der Prot­ago­nisten. Das Ergebnis ist zugleich ein unschätz­bares histo­ri­sches Zeugnis und eine eindring­liche Erin­ne­rung daran, wie schnell kultu­relles Erbe im Schatten des Krieges verschwinden kann.

3. My Father and Gaddafi
Auch wenn seine erzäh­le­ri­sche Struktur gele­gent­lich etwas ungleich­ge­wichtig wirkt, bleibt My Father and Gaddafi ein mutiger Doku­men­tar­film der libysch-ameri­ka­ni­schen Filme­ma­cherin Jihan K.. Das Werk ist zugleich zutiefst persön­lich und politisch bedeutsam: Es erzählt die Geschichte des Vaters der Regis­seurin, eines promi­nenten Gegners des libyschen Diktators Muammar Gaddafi.

Besonders bemer­kens­wert ist die Zurück­hal­tung, mit der die Regis­seurin ihrem Sujet begegnet. Selbst als sie dem Mann gegen­ü­ber­steht, der für die Inhaf­tie­rung und den Tod ihres Vaters verant­wort­lich ist, wahrt sie eine bemer­kens­werte Form der Objek­ti­vität. Anstatt sich auf einfache mora­li­sche Gegen­sätze oder erwart­bare poli­ti­sche Rhetorik zu stützen, nähert sie sich dem Thema mit intel­lek­tu­eller Neugier und emotio­naler Disziplin.

Der Titel des Films bringt diese Haltung bereits zum Ausdruck: My Father and Gaddafi – bemer­kens­wer­ter­weise mit einem „und“ statt eines „gegen“. Er signa­li­siert den Versuch zu verstehen, nicht nur zu verur­teilen. Diese Perspek­tive spiegelt sich auch in den Worten der Mutter der Regis­seurin wider, die trotz des schmerz­li­chen Verlusts ihres Mannes zugibt, dass sie Gaddafis Tod nie gefeiert hat – und uns damit daran erinnert, dass selbst die brutalsten Gestalten einst unschul­dige Menschen waren. Ein unbe­quemer Gedanke, aber einer, der zum Nach­denken zwingt.

4. Promised Sky
Die fran­zö­sisch-tune­si­sche Regis­seurin Erige Sehiri zeigt in Promised Sky, einem frau­en­zen­trierten Drama über Migration und prekäre Lebens­ver­hält­nisse, erneut ihr Enga­ge­ment für jene unsicht­baren Exis­tenzen, die gesell­schaft­liche Narrative häufig übergehen.

Der Film folgt drei Frauen – Wirt­schafts­mi­gran­tinnen, die in Tunesien leben –, deren Alltag von Insta­bi­lität, ökono­mi­schem Druck und wach­sender sozialer Entfrem­dung geprägt ist. Sehiri vermeidet jede mora­li­sche Verein­fa­chung: Ihre Figuren sind weder Heilige noch passive Opfer. Ihre Entschei­dungen sind manchmal frag­würdig, gele­gent­lich moralisch ambi­va­lent.

Gerade diese Ambi­va­lenz macht sie zutiefst mensch­lich. Verletz­lich, orien­tie­rungslos und oft verzwei­felt bewegen sie sich in einer Welt, die nie dafür geschaffen wurde, sie will­kommen zu heißen. Und doch blitzen selbst unter solch feind­se­ligen Bedin­gungen Momente von Soli­da­rität, Freund­lich­keit und flüch­tigem Glück auf – fragile Gegen­ge­wichte zur Gleich­gül­tig­keit poli­ti­scher und wirt­schaft­li­cher Systeme.

5. My Father’s Scent
Mit My Father’s Scent legt der ägyp­ti­sche Filme­ma­cher Mohamed Siam eine intensive und span­nungs­ge­la­dene Ausein­an­der­set­zung mit Männ­lich­keit, fami­liären Konflikten und weiter­ge­ge­benen Traumata vor.

Vor der nächt­li­chen Kulisse Alex­an­drias verbindet der Film die arche­ty­pi­sche Vater-Sohn-Konfron­ta­tion mit einer zeit­genös­si­schen urbanen Sensi­bi­lität. Durch eindring­liche Bilder und starke schau­spie­le­ri­sche Leis­tungen erkundet Siam die dunkleren Winkel der mensch­li­chen Psyche – jene instink­tiven Impulse, die Philo­so­phen und Psycho­logen seit Langem zu verstehen versuchen, die aber weiterhin das mensch­liche Verhalten prägen.

Das Resultat ist ein Film, der roh, kompro­misslos und zugleich magne­tisch beun­ru­hi­gend wirkt.

6. Calle Malaga
Auf den ersten Blick erscheint Maryam Touzanis Calle Málaga – Ein Zuhause in Tanger fast konven­tio­nell. Die erste halbe Stunde – geprägt von vertrauten melo­dra­ma­ti­schen Motiven – hätte mich beinahe dazu gebracht, die Sichtung des Films abzu­bre­chen.

Zum Glück zahlt sich Geduld aus. Was sich nach und nach entfaltet, ist eine über­ra­schend zarte und bewegende Geschichte über María Ángeles, eine 79-jährige Bewoh­nerin von Tanger, die von Carmen Maura mit warm­her­ziger Gelas­sen­heit gespielt wird.

Der Film bedient sich offen der Konven­tionen des Melo­dramas: nost­al­gi­sche Stim­mungen, leuch­tende Farben und eine narrative Unschuld, die fast an Märchen erinnert. Doch wenn man die kritische Distanz für einen Moment beisei­telässt und sich auf dieses emotio­nale Universum einlässt, entfaltet Calle Málaga – Ein Zuhause in Tanger eine uner­wartet erhebende Kraft.

7. Beneath Which Rivers Flow
Der in Bagdad lebende Filme­ma­cher Aly Yahya präsen­tiert mit dem expe­ri­men­tellen Kurzfilm Beneath Which Rivers Flow eine der faszi­nie­rendsten Entde­ckungen dieser Auswahl.

Der Film ist mini­ma­lis­tisch und rätsel­haft; er verzichtet weit­ge­hend auf klas­si­sche Narration und setzt statt­dessen auf sinnliche Erfahrung. Durch sorg­fältig kompo­nierte Bilder und ein präzises Sound­de­sign fängt Yahya die geheim­nis­vollen Land­schaften der Sümpfe im Süden des Irak ein.

Das Ergebnis ist ein hypno­ti­sches, zugleich leicht beun­ru­hi­gendes filmi­sches Erlebnis – ein Werk, das Atmo­sphäre und Erin­ne­rung vermit­telt, statt eine konven­tio­nelle Geschichte zu erzählen.

8. The Devil and the Bicycle
Verspielt und respektlos erzählt der Kurzfilm The Devil and the Bicycle der liba­ne­si­schen Regis­seurin Sharon Hakim eine lebhafte Coming-of-Age-Geschichte.

Der Film begleitet die 13-jährige Yasma bei ihren Vorbe­rei­tungen auf ihre Erst­kom­mu­nion – einen Moment spiri­tu­ellen Übergangs, der durch das Erwachen ihrer eigenen sinn­li­chen Neugier kompli­ziert wird. Hakim begegnet diesem Thema mit Humor und Leich­tig­keit und findet eine feine Balance zwischen jugend­li­cher Unbe­hol­fen­heit und subtiler eroti­scher Spannung.

In dieser char­manten Erzählung treffen religiöse Rituale auf jugend­liche Streiche, während das titel­ge­bende Fahrrad über­ra­schend zum Auslöser einer kleinen Selbst­fin­dungs­reise wird. Der Film fängt auf sensible Weise die fragile Schwelle zwischen kind­li­cher Unschuld und aufkei­mender Weib­lich­keit ein.

+ + +

Am Ende fällt auf, dass einige der span­nendsten zeit­genös­si­schen arabi­schen Filme von Regis­seu­rinnen und Regis­seuren stammen, die in der Diaspora arbeiten – Künstler, die ihre Herkunfts­länder verlassen haben oder im Ausland geboren wurden. Sie tragen die Last histo­ri­scher Traumata, nutzen zugleich aber die kreative Freiheit und die filmi­schen Tradi­tionen ihrer neuen Heimat­länder.
Zwischen Kulturen schwebend und doch von beiden geprägt, arti­ku­lieren sie Erfah­rungen, die Millionen von Vertrie­benen teilen. Durch das Kino verwan­deln sie Verlust, Vertrei­bung und Erin­ne­rung in Geschichten, die weit über geogra­fi­sche Grenzen hinaus nach­hallen – Geschichten, die nicht nur Zeugnis ablegen, sondern auch eine leise, beharr­liche Hoffnung auf Erneue­rung vermit­teln.