Cinema Moralia – Folge 381
Kabale und Triebe |
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| So viele gute Filme in einer Woche – einer davon ist Christoph Hochhäuslers Der Tod wird kommen | ||
| (Foto: W-Film) | ||
»Ich habe gehört der Kanzler trinkt nicht/ Er ist kein Fleisch und er raucht nicht/ Und er wohnt in einer kleinen Wohnung./«
Aber ich habe auch gehört, die Armen/ Hungern und verkommen im Elend.
Viel besser wäre da doch ein Staat, wo es hieße:/ Der Kanzler sitzt betrunken im Kabinettsrat/
Dem Rauch ihrer Pfeifen nachsehend, ändern/ Einige Ungelehrte die Gesetze/ Arme gibt es nicht.
– Bertolt Brecht
Wieder mal so ein Mittwoch! Warum der neue, ganz tolle Film von Christoph Hochhäusler (Der Tod wird kommen) und der neue aufregende Film von Mona Fastvold (The Testament of Ann Lee) und der neue überaus einnehmende hervorragende Film von Richard Linklater (Nouvelle Vague) alle an einem Tag starten und dazu noch ein Dokumentarfilm über Elon-Musk und der sehenswerte Film No Mercy von Isa Willinger alle am gleichen Tag starten, kann niemandem einleuchten. Sie alle muss man als Cinephiler sehen! Das ist wieder ein Beispiel,
wie sich im Kino gerade alles selber kannibalisiert und wo kein Beobachter begreift, warum man nicht gut und gerne einen oder zwei dieser Filme auch hätte früher starten und einen nach hinten hätte schieben können.
Aber die Verleiher wissen bestimmt, was sie tun.
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Vom 2. bis 7. März 1953 fand in Paris der »Vierte Internationale Kurzfilmkongress« statt. Einer der Teilnehmer war Peter Weiss, der damals noch als Filmemacher firmierte, und auf dieser Paris-Reise womöglich auf die Idee zu seinem »Marat/Sade« kam. (Gruß an Lilly und das Münchner Residenztheater!).
Angekündigt waren seinerzeit 120 Filmproduktionen, auch westdeutsche, und das keine acht Jahre nach dem Krieg. Nicht zugelassen waren »Filme zu Werbezwecken, solche mit
politischer Tendenz« überhaupt Wochenschauen nicht, und »Filme, deren Inhalt den moralischen oder religiösen Sinn verletzen oder solche, die die bestehenden Beziehungen zwischen verschiedenen Ländern beeinträchtigen könnten«.
Man wünschte sich solche ästhetischen Verhaltensregeln auch für die Filmfestivals unserer Gegenwart. Dann müsste kein Minister die Kunstfreiheit gegen einige Künstler verteidigen.
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Man muss die Ereignisse um die Berlinale und Tricia Tuttle mit etwas mehr Gelassenheit sehen, und sollte sie vielleicht nicht für die empörende Ausnahme, sondern für die Regel halten. Die Hysterie vor allem im Bereich der Berliner Film- und Kuratorenszene ist jeweils einerseits komplett unangemessen, andererseits systemisch.
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Kultur-Kabale gibt es auch in Österreich. »Aufstand für die falsche Sache« schreibt der Falter und kommt auf eine These, die leider meistens zutrifft: »Es geht um viel aber nicht um Kunst«.
Auch dort offene Briefe von »xxx-schaffenden« (ekliges Nazi-Wort
übrigens, von Goebbels erfunden, die kultivierten Kulturmenschen sollten sich sofort eine bessere Selbstbezeichnung überlegen).
immerhin geht es im Gegensatz zum Berlinale-Streit wirklich um Kunst und künstlerische Ausrichtung, nicht um politische Lager.
Und immer wieder beobachtbar: Die anstrengende
Unfähigkeit der Leute, die nicht zur Kenntnis nehmen möchten, dass eine Sache zugleich zwei Seiten haben kann und ihre eigenen Schritte Gegenläufiges bewirken können. Die Verweigerung der Dialektik und mangelnde Differenzierungsfähigkeit.
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Kabale gibt es ebenso auch ein Luxemburg. Gerade erschien heute ein gepfefferter, sehr polemischer Text über den Leiter des nationalen Film und Bildarchivs CNA. Wenn man den Text liest, denkt man, der Mann muss sofort rausfliegen. Lies man dann aber einen anderen, nicht minder gut informierten und noch detaillierteren Text, der bereits vom Dezember 2024 stammt, dann scheint es alles doch ein bisschen komplizierter und viel mehr systemisch als persönlich zu sein.
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Streit gibt es überall. Wir müssen ihn anerkennen und führen.
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Souveränität ist was anderes. Egal ob man im Einzelfall zustimmt oder nicht, aber Wolfram Weimar macht als Kulturstaatsminister gerade insgesamt keine gute Figur. Er wirkt irgendwie getrieben, nicht wie ein Entscheider.
Im Streit um die Buchhandlungen, denen Weimer mit Verweis auf die Überprüfungen durch den Verfassungsschutz den Buchhandelspreis verweigerte, wäre zunächst einmal zu bemerken, dass dies nie hätte geschehen dürfen!
Die Politik hat souverän zu sein und Kulturpolitik sollte auf keinen Fall der Parteipolitik unterworfen werden, sondern darüber stehen.
Alle Kritiker Weimers, die jetzt schon wieder von »Präzedenzfällen« raunen und das alles ganz unmöglich finden, nicht nur
dumm, sondern empörend, sollte man zugleich daran erinnern, dass Claudia Roth dasselbe Überprüfungsverfahren durch den Verfassungsschutz zu ihrer Zeit als Kulturstaatsministerin ebenfalls angewandt hat. Ohne Lärm und Aufschrei.
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Es zeigt sich im Gegenteil hier wie auch in der ganzen Kabale um die Berlinale, das Wolfram Weimer eine Art Unions-Ausgabe von Claudia Roth ist. Man kann beide in ihrer Art der kläglichen und schlechten Politisierung der Kulturpolitik recht gut miteinander vergleichen.
Zugleich gehört dazu die Feststellung, dass die Kunst- und Kulturszene total unterschiedlich darauf reagiert. Bei Claudia Roth sagte man immer irgendwelche Dinge wie »die Frau muss sich noch einarbeiten«;
»Gebt ihr doch etwas Zeit, wenigstens 100 Tage, wenigstens 6 Monate, wenigstens ein Jahr...« Dann als das Jahr vorüber war und nichts besser wurde, sprach man über die vielen bösen Menschen, die Roth nicht wohl wollten. Natürlich gab es die auch. Wie im Fall von Wolfram Weimer. Aber natürlich kann sich ein Politiker hierauf nicht hinausreden.
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Wie es Brecht gemeint hat: Moral sollte man von Politikern nicht verlangen. Sondern Handwerk. Sie sollten einfach ihre Arbeit machen. Und die Finger von den Dingen lassen, die nicht zu ihrer Arbeit gehören.