12.03.2026
Cinema Moralia – Folge 381

Kabale und Triebe

Der Tod wird kommen
So viele gute Filme in einer Woche – einer davon ist Christoph Hochhäuslers Der Tod wird kommen
(Foto: W-Film)

Streit gibt es überall. Wir müssen ihn anerkennen und führen. Gute Filme gibt es auch viele. Gerade vielleicht zu viele auf einmal – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 381. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Ich habe gehört der Kanzler trinkt nicht/ Er ist kein Fleisch und er raucht nicht/ Und er wohnt in einer kleinen Wohnung./«
Aber ich habe auch gehört, die Armen/ Hungern und verkommen im Elend.
Viel besser wäre da doch ein Staat, wo es hieße:/ Der Kanzler sitzt betrunken im Kabi­nettsrat/
Dem Rauch ihrer Pfeifen nach­se­hend, ändern/ Einige Unge­lehrte die Gesetze/ Arme gibt es nicht.
– Bertolt Brecht

Wieder mal so ein Mittwoch! Warum der neue, ganz tolle Film von Christoph Hoch­häusler (Der Tod wird kommen) und der neue aufre­gende Film von Mona Fastvold (The Testament of Ann Lee) und der neue überaus einneh­mende hervor­ra­gende Film von Richard Linklater (Nouvelle Vague) alle an einem Tag starten und dazu noch ein Doku­men­tar­film über Elon-Musk und der sehens­werte Film No Mercy von Isa Willinger alle am gleichen Tag starten, kann niemandem einleuchten. Sie alle muss man als Cine­philer sehen! Das ist wieder ein Beispiel, wie sich im Kino gerade alles selber kanni­ba­li­siert und wo kein Beob­achter begreift, warum man nicht gut und gerne einen oder zwei dieser Filme auch hätte früher starten und einen nach hinten hätte schieben können.
Aber die Verleiher wissen bestimmt, was sie tun.

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Vom 2. bis 7. März 1953 fand in Paris der »Vierte Inter­na­tio­nale Kurz­film­kon­gress« statt. Einer der Teil­nehmer war Peter Weiss, der damals noch als Filme­ma­cher firmierte, und auf dieser Paris-Reise womöglich auf die Idee zu seinem »Marat/Sade« kam. (Gruß an Lilly und das Münchner Resi­denz­theater!).
Angekün­digt waren seiner­zeit 120 Film­pro­duk­tionen, auch west­deut­sche, und das keine acht Jahre nach dem Krieg. Nicht zuge­lassen waren »Filme zu Werbe­zwe­cken, solche mit poli­ti­scher Tendenz« überhaupt Wochen­schauen nicht, und »Filme, deren Inhalt den mora­li­schen oder reli­giösen Sinn verletzen oder solche, die die bestehenden Bezie­hungen zwischen verschie­denen Ländern beein­träch­tigen könnten«.
Man wünschte sich solche ästhe­ti­schen Verhal­tens­re­geln auch für die Film­fes­ti­vals unserer Gegenwart. Dann müsste kein Minister die Kunst­frei­heit gegen einige Künstler vertei­digen.

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Man muss die Ereig­nisse um die Berlinale und Tricia Tuttle mit etwas mehr Gelas­sen­heit sehen, und sollte sie viel­leicht nicht für die empörende Ausnahme, sondern für die Regel halten. Die Hysterie vor allem im Bereich der Berliner Film- und Kura­to­ren­szene ist jeweils einer­seits komplett unan­ge­messen, ande­rer­seits syste­misch.

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Kultur-Kabale gibt es auch in Öster­reich. »Aufstand für die falsche Sache« schreibt der Falter und kommt auf eine These, die leider meistens zutrifft: »Es geht um viel aber nicht um Kunst«.
Auch dort offene Briefe von »xxx-schaf­fenden« (ekliges Nazi-Wort übrigens, von Goebbels erfunden, die kulti­vierten Kultur­men­schen sollten sich sofort eine bessere Selbst­be­zeich­nung überlegen).
immerhin geht es im Gegensatz zum Berlinale-Streit wirklich um Kunst und künst­le­ri­sche Ausrich­tung, nicht um poli­ti­sche Lager.
Und immer wieder beob­achtbar: Die anstren­gende Unfähig­keit der Leute, die nicht zur Kenntnis nehmen möchten, dass eine Sache zugleich zwei Seiten haben kann und ihre eigenen Schritte Gegen­läu­figes bewirken können. Die Verwei­ge­rung der Dialektik und mangelnde Diffe­ren­zie­rungs­fähig­keit.

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Kabale gibt es ebenso auch ein Luxemburg. Gerade erschien heute ein gepfef­ferter, sehr pole­mi­scher Text über den Leiter des natio­nalen Film und Bild­ar­chivs CNA. Wenn man den Text liest, denkt man, der Mann muss sofort raus­fliegen. Lies man dann aber einen anderen, nicht minder gut infor­mierten und noch detail­lier­teren Text, der bereits vom Dezember 2024 stammt, dann scheint es alles doch ein bisschen kompli­zierter und viel mehr syste­misch als persön­lich zu sein.

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Streit gibt es überall. Wir müssen ihn aner­kennen und führen.

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Souver­ä­nität ist was anderes. Egal ob man im Einzel­fall zustimmt oder nicht, aber Wolfram Weimar macht als Kultur­staats­mi­nister gerade insgesamt keine gute Figur. Er wirkt irgendwie getrieben, nicht wie ein Entscheider.

Im Streit um die Buch­hand­lungen, denen Weimer mit Verweis auf die Über­prü­fungen durch den Verfas­sungs­schutz den Buch­han­dels­preis verwei­gerte, wäre zunächst einmal zu bemerken, dass dies nie hätte geschehen dürfen!
Die Politik hat souverän zu sein und Kultur­po­litik sollte auf keinen Fall der Partei­po­litik unter­worfen werden, sondern darüber stehen.
Alle Kritiker Weimers, die jetzt schon wieder von »Präze­denz­fällen« raunen und das alles ganz unmöglich finden, nicht nur dumm, sondern empörend, sollte man zugleich daran erinnern, dass Claudia Roth dasselbe Über­prü­fungs­ver­fahren durch den Verfas­sungs­schutz zu ihrer Zeit als Kultur­staats­mi­nis­terin ebenfalls angewandt hat. Ohne Lärm und Aufschrei.

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Es zeigt sich im Gegenteil hier wie auch in der ganzen Kabale um die Berlinale, das Wolfram Weimer eine Art Unions-Ausgabe von Claudia Roth ist. Man kann beide in ihrer Art der kläg­li­chen und schlechten Poli­ti­sie­rung der Kultur­po­litik recht gut mitein­ander verglei­chen.
Zugleich gehört dazu die Fest­stel­lung, dass die Kunst- und Kultur­szene total unter­schied­lich darauf reagiert. Bei Claudia Roth sagte man immer irgend­welche Dinge wie »die Frau muss sich noch einar­beiten«; »Gebt ihr doch etwas Zeit, wenigs­tens 100 Tage, wenigs­tens 6 Monate, wenigs­tens ein Jahr...« Dann als das Jahr vorüber war und nichts besser wurde, sprach man über die vielen bösen Menschen, die Roth nicht wohl wollten. Natürlich gab es die auch. Wie im Fall von Wolfram Weimer. Aber natürlich kann sich ein Politiker hierauf nicht hinaus­reden.

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Wie es Brecht gemeint hat: Moral sollte man von Poli­ti­kern nicht verlangen. Sondern Handwerk. Sie sollten einfach ihre Arbeit machen. Und die Finger von den Dingen lassen, die nicht zu ihrer Arbeit gehören.