Cinema Moralia – Folge 380
Das wird man doch noch sagen dürfen |
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| Kennt sich aus mit dem Rise of Dictatorship: Suchslands Film Von Caligari zu Hitler | ||
»You are the media now!«
– Donald Trump am 5.11.2024»Der neue Autoritarismus trägt das Gesicht des Antiautoritären.«
– Bernhard Pörksen, Medienwissenschaftler
Ich finde auch, die Politik sollte sich aus der Kunst heraushalten. Darum sollte es keine Diversitätslisten, Greenshooting-Pläne, inhaltliche Vorgaben, Überprüfungen und Ähnliches geben.
Die Politik hat aber sehr wohl die Aufgabe, die Kunstfreiheit zu sichern.
Das ist die eigentliche Frage im aktuellen, nur vorläufig befriedeten Kulturkampf um Ausrichtung und inhaltliches Verständnis der Berlinale: Gefährden die Vorgänge der Berlinale in den letzten Jahren die Kunst? Oder tun das die Eingriffe der Minister und die Versuche, die Berlinale wieder auf Kurs zu bringen? Auch Claudia Roth hatte eine Berlinale-Leitung abgesetzt, ohne dass die Filmakademie damals mobil wurde.
Die Kunstfreiheit ist eine der Künste, keine der Institutionen.
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Für die einen, meist identitätspolitisch orientierten Angehörigen der linken Kultur- und Wissenschaftsszene der Hauptstadt, wird bei der Berlinale die Meinungsfreiheit eingeschränkt, falls Araber auf der Berlinale-Bühne keine Drohungen mehr aussprechen dürfen, ohne dass der Veranstalter widerspricht. Für die anderen, meist republikanisch-liberal orientierten Bürger aus den übrigen Teilen der Republik, geht es gerade darum, die Kunstfreiheit gegen die Zumutungen zu verteidigen, die die allgegenwärtige Politisierung bedeuten. Die Kunst werde durch ihre Vereinnahmung für gesellschaftliche Zwecke und zur Propaganda beschädigt, argumentieren sie.
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Wir wollen keinen Polizeistaat. Wer will das schon? Aber selbstverständlich ist in Cannes und Venedig der Zugang zum Festival streng reglementiert, und wird von der Polizei und von Sicherheitskräften gesichert. Auch der Zugang zur Bühne. Nicht etwa, um die Kunstfreiheit einzuschränken, sondern im Gegenteil, um Kunstfreiheit zu sichern – auch vor politischen Zumutungen, die aus der Kunstszene selbst stammen.
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Tatsächlich ließ sich eine außerordentlich geschätzte Freundin von mir vergangene Woche zu der Bemerkung hinreißen, dass uns dieses »furchtbare und hochgefährliche Signal« Weimers, die vermeintliche Entlassung, »in einen ganz düsteren CDU-Faschismus führt.« Dieses völlig maßlose Zitat kann ich nur auf die Fiebererkrankung der Freundin zurückführen. Aber es ist ein treffendes Beispiel für die Übererregung und die totale Hysterisierung der Diskurse.
Der Kulturkampf führt zu einem doppelten Ansehensverlust für die Berlinale: Einerseits ist das internationale Vertrauen in das Festival angeknackst, sowohl das Vertrauen mancher jüdischer und israelischer Filmemacher, sich auf der Berlinale sicher zu fühlen, als auch das Vertrauen der internationalen Community darin, dass das Festival unabhängig von politischen Eingriffen weiterbesteht. Andererseits ist das Ansehen auch angeknackst, in dem Sinne, dass die Berlinale sich von dieser Debatte in Zukunft überhaupt nicht leicht lösen kann.
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Wie können wir den Kulturkampf vermeiden? Manche werden mir natürlich nicht glauben, dass ich ihn vermeiden will; das muss ich so stehen lassen. Für die, die es mir glauben wollen, aber einige Überlegungen.
Kulturkämpfe kann man nicht dadurch vermeiden, dass man mit dem Zeitgeist geht, dass man der Masse oder der Mehrheit zustimmt, dass man jeder Diskussion ausweicht oder, wie Ingo Fließ bei der Berlinale-Preisverleihung sinngemäß sagt, wir sollten uns doch nicht streiten, sondern besser vertragen, denn wir hätten ja einen gemeinsamen Feind. Das ist freundlich, und es ist humanistisches Denken.
Aber es geht an den Verhältnissen vorbei.
Für München hätte es gut gepasst. Angesichts der Berliner Verhältnisse der letzten drei Jahre ist es aber auch in dem Sinn typisch für München, dass es ein bisschen blauäugig und naiv ist. Denn tatsächlich glaube ich nicht, dass diese Anmerkung auf jeden zutrifft. Ich fürchte, wir haben vielleicht nicht alle den gemeinsamen Feind. Manche identitätspolitische Fundamentalisten unter den Linken haben als ihren größten Feind die liberale Mitte und alles, was mit Juden zu tun hat. Ihr Feind heißt Israel und die USA und andere Linke, nicht die AfD und Russland.
Mit schönen Reden oder Beschweigen lassen sich die Probleme jedenfalls nicht lösen. Aussprechen, ohne drumherum zu reden, wäre schon mal ein Anfang.
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Die Meinungs- und Kunstfreiheit ist in keiner Weise eingeschränkt, wenn man bestimmte Symbole und Drohungen verbietet, und wenn man irgendwo einen Code of Conduct einsetzt. Zum Zweiten geht es etwa bei der Berlinale auch nicht um Meinungs- und Kunstfreiheit, sondern darum, wie die Berlinale-Leitung und die Berlinale als Institution auf bestimmte Exzesse reagieren, die im Rahmen der Meinungs- und Kunstfreiheit rechtlich erlaubt sind. Wie sie politisch reagiert, nicht rechtlich. Wo sie steht.
Drittens wird natürlich jedes Recht durch ein anderes Recht eingeschränkt, und wenn die Meinungs- und Kunstfreiheit dazu missbraucht wird, um menschenfeindliche Äußerungen zu tun, dann sollte zumindest die Frage erlaubt sein, ob das noch von der Meinungs- und Kunstfreiheit gedeckt ist und ob die Berlinale dafür eine Bühne bilden will.
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Journalismus ist für viele vor allem PR in eigener Sache. Sie gefallen sich als aufmüpfige antipolitische Verteidiger der angeblich bedrohten Meinungsfreiheit, vor allem der eigenen Meinung.
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Mir hat in dieser Woche ein politisch eindeutig linksstehender Philosoph, dem Adorno ein bisschen zu bürgerlich ist, geschrieben, dass er jetzt doch langsam beim Anblick der gegenwärtigen Linken auf Habermas einschwenkt und dessen These vom Linksfaschismus etwas abgewinnen kann. Dies nur fürs Protokoll.
Vielleicht hat der 7. Oktober 2023 für die Linke etwas Ähnliches bewirkt wie Corona für die Rechte: Es bildet sich eine Art Parallelwelt und Querdenkertum heraus, mindestens in Berlin. Dort lebt die Linke auch mit Schnittmengen in die linksliberale Kunst- und Wissenschaftsszene tatsächlich in einer anderen, ihrer ganz eigenen Welt.
Ohne Anerkennung der Wirklichkeit wird sich der Kulturkampf nicht vermeiden lassen, denn die Ignoranz oder die sehr einseitige Anerkennung von bestimmten Teilen der Wirklichkeit und Ausblendung von anderen ist genau eine der Voraussetzungen für das, was ich Kulturkampf nenne.
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»Der neue Autoritarismus trägt das Gesicht des Antiautoritären«, sagt Bernhard Pörksen gerade an diesem Mittwochabend in Berlin. Es passt großartig zur Lage.
»Der Journalismus braucht mehr Weichheit«, sagt er. »Aber auch mehr Härte. Man muss Quatsch Quatsch nennen, und Hetze Hetze.«
Zur Lage, in der reine Gesinnungsethik wieder aufersteht, in der es mehr und mehr parteiische Medien auf allen Seiten gibt, die mobilisieren und für die eigene Filterbubble sprechen wollen, nicht streiten, um zu verständigen, sondern mit dem Ziel zu spalten.
Man muss es ernst nehmen, wenn Menschen glauben, dass die CDU und ihr Minister elementare Grundrechte aus den Angeln heben wollten. Sie wollten in die Kunstfreiheit eingreifen, ein großes Kulturfestival und die wichtigste Kunstausstellung der Nachkriegszeit, zwei deutsche Kulturstandortvorteile, zerstören.
Kluge Leute stimmen dem zu.
Man muss das ernst nehmen, wenn so viele Leute sich merkwürdig und vor allem völlig überdreht zu einer im Prinzip banalen Personalfrage – wer von den 88 Millionen Bundesbürgern weiß denn, was die Berlinale ist und wer ihre Chefin? Und hängt an dieser Person wirklich das Schicksal der Filmkultur in Deutschland? Wohl kaum – äußern kluge, sensible Leute.
Man muss sich aber auch fragen, woher diese Überdrehung kommt.
Mir persönlich kommt es ähnlich vor, wie manche Entwicklungen, die wir während der Corona-Pandemie erlebt haben. In der Corona-Pandemie stiegen bestimmte Teile der Gesellschaft aus dieser aus und bilden seitdem die Gruppe jener Querdenker und Wutbürger, die sehr oft rechts oder rechtsaußen stehen. Ich habe den Verdacht, dass nach dem 7. Oktober etwas Ähnliches passiert auf der linken, vor allem auf der studentischen und akademischen Linken und in der Kunstszene, zu der natürlich auch die Filmszene gehört – dass ein bestimmter Teil dieser Szene gewissermaßen aussteigt und beginnt, die Welt komplett anders zu sehen und quasi in einer eigenen anderen Welt zu leben. Natürlich ist mir klar, dass solche Reden gefährlich sind, und immer auf den zurückfallen, der redet – also vielleicht lebe ich in meiner eigenen Welt. Aber wenn ich so lese, was manche kluge Menschen für Dinge schreiben, dann verstehe ich es nicht mehr. Das ist nicht eine unterschiedliche Interpretation von Fakten und Realitäten, sondern es sind ganz andere Fakten und Realitäten.
Mir scheint, dass die ganzen Debatten dadurch vergiftet sind, dass man ja schon elementare Beschreibung der Wirklichkeit nicht mehr akzeptiert und offenbar der Sinn für die feinen Unterschiede, das, was manche Wissenschaftler als Ambiguitätstoleranz bezeichnen, der Sinn für Ambivalenzen und für Unterschiede, verloren geht.