Cinema Moralia – Folge 378
Warum die Berlinfixierung dem deutschen Film schadet |
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| Es war einmal… ikonisch für Berlin, Nerv der Zeit: Tom Tykwers Lola rennt | ||
| (Foto: X Verleih) | ||
»Guten Morgen Berlin, du kannst so hässlich sein«
So dreckig und grau
Du kannst so schön schrecklich sein
Deine Nächte fressen mich auf
Es wird für mich wohl das Beste sein
Ich geh nach Hause und schlaf mich aus
Und während ich durch die Straßen lauf
Wird langsam Schwarz zu Blau
Du bist nicht schön und das weißt du auch
Dein Panorama versaut
Siehst nicht mal schön von weitem aus
Doch die Sonne geht grade auf.
Schwarz zu Blau; Peter Fox
»Berlin ist over« hat jetzt auch Dietrich Diederichsen begriffen und schreibt es im Artforum in seinem Jahresrückblick. Nur die ehemalige Stadtzeitung »Tip« protestiert nicht ganz uneigennützig.
Diederichsens These klingt so ähnlich wie die Feststellung des echten Linken Magnus Klaue in der Welt: »Wegeners Trümmerstadt«. Trotzdem ist es interessant, beide Texte miteinander zu vergleichen, weil sie aus zwei komplett unterschiedlichen linken Universen stammen.
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Alle klagen über das Wetter. Wir nicht. Wir reden über die Berliner Verhältnisse. Natürlich ist es so, dass man sehr vorhersehbar beobachten kann, dass wenn das Wetter besonders mild ist, die Menschen nicht nur im Fernsehen erklären, dass sei jetzt ein Zeichen für den Klimawandel und wie schlimm es ist, dass es nicht mehr richtig kalt wird und die Pflanzen zu früh glauben, es sei Frühling. 500 haben wir das schon gehört. Umgekehrt ist aber auch klar, dass, wenn es überdurchschnittlich kalt und lange schneebedeckt ist, so wie jetzt wieder, die Experten uns erklären: das wird sich im Sommer rächen.
Wie es ist, ist es falsch. Wie es ist, ist es ein Indiz kommenden Unglücks.
Das gilt auch für Berlin und den deutschen Film.
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Wahrscheinlich ist Berlin das perfekte Sinnbild für den deutschen Film. Eine gescheiterte Stadt, in der fast nichts mehr funktioniert. Außer der schlechten Laune.
»Berlin ist keine kinofreundliche Stadt. Kein Ort für das Kino.« Sage nicht ich, sondern ausgerechnet die Kuratoren des »Talent Campus« der gerade stattfindenden Berlinale, auf ihrer Eröffnungspressekonferenz vergangene Woche.
Trotzdem gilt die Metropole nicht nur als cinephil, in ihr wohnt auch der allergrößte Teil der deutschen Filmemacher. Und viele nichtdeutsche Filmschaffende.
Zugleich geht es dem deutschen Film nicht gut. Nicht ökonomisch und nicht ästhetisch. Es gibt einzelne tolle Filme, aber die Gesamtsituation ist bescheiden.
Was tun?
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Um den deutschen Film zu verändern, muss man das Narrativ ändern. Und zwar das Narrativ, das der deutsche Film sich selbst erzählt, und der Sumpf aus dem dieses Narrativ immer neue Blüten treibt. Die deutsche Branche braucht neue Stimmen, neue Einflüsse, sie braucht neue kreative Anregungen. Die Berliner Suppe, in der der deutsche Film seine Blasen bildet, macht den deutschen Film in jedem Fall nicht besser.
Die Berlinfixierung schadet dem deutschen Film.
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Der deutsche Film muss sich von Berlin lösen. Der deutsche Film darf nicht mehr der verkappte Berliner Film sein, der ist allzu oft ist. Das meine ich identitätspolitisch. Ich meine es aber noch mehr ästhetisch.
Berlin war bei allen Grenzen, die ja auch dieser Film hat, irgendwann einmal so wie Lola rennt, und Lola rennt ist so, wie Berlin einmal war. Aber diese Zeiten sind lange vorbei, über ein Vierteljahrhundert. Und so wie Deutschland in den 80er- und 90er-Jahren nichts mehr mit den frühen 60er Jahren zu tun hatte – so lang wie damals ist das nämlich schon her –, hat der deutsche Film heute nichts mit dem der späten 90er und frühen Nuller zu tun. Er hängt aber immer noch in den irrwitzigen Hauptstadtträumen und der grundsätzlichen Hybris Berlins fest, ohne aber den ästhetischen Mut, der auch zu dieser Zeit gehörte.
Das Scheitern Berlins, die gescheiterte Hauptstadt und das Scheitern der Träume, dass unser aller Scheitern ist, das Scheitern der »Generation Berlin« (Heinz Bude), das Scheitern von Techno, das Scheitern der Übertragung von Popliteratur auf das Kino, die Tatsache, dass das deutsche Kino niemals ein Popkino gewesen ist, höchstens in einzelnen Filmen wie Lola rennt oder Angel Express oder Mädchen am Sonntag oder Sonnenallee, die Tatsache, dass es heute ein Abbild des spießigen Kleinbürgertums von Berlin-Mitte und seiner kleinbürgerlichen politischen Vorstellungen und ästhetischen Engstirnigkeit ist, die Tatsache, dass Deutschland nirgendwo so provinziell ist wie in Berlin und im Berliner Umland – auf diese Tatsachen muss müssen wir, muss die deutsche Filmszene reagieren.
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Dies nur als Anregung: Wo bringt uns Berlin noch weiter? Im Film bestimmt nicht. Inwiefern ist Berlin ein künstlerisches Biotop, das kreativ und utopisch ist? Die Mieten und das Ausgehen sind ja längst nicht mehr billiger als in München oder Hamburg oder Frankfurt, genau genommen ist es in Hamburg und Frankfurt billiger als in Berlin. Und das Essen in den Restaurants ist besser.
Die Berliner Taxifahrer erzählen mir, dass niemand mehr ausgeht in Berlin. Am Freitag und am Samstag
natürlich noch ein bisschen, auch die Nichttouristen, unter der Woche aber gar nicht und ihr, die ihr das jetzt lest, ihr alle habt jetzt in diesem Berlinale-Tagen die Erfahrung gemacht, die wir in Berlin tagtäglich machen: Dass man hier ab 22 Uhr spätestens nichts mehr zu essen bekommt; in manchen Lokalen schon ab 21 Uhr. Dass es kaum Clubs gibt, außer den paar bekannten Namen für die Touristen. Dass es in der ganzen Stadt vielleicht zehn Bars gibt, an denen man länger als bis 1 Uhr
nachts noch etwas trinken kann – all das ist einer Hauptstadt nicht würdig. Aber all das ist auch ein Zeichen dafür, dass die einzige Kreativoase Berlin ausgetrocknet ist und zu einer öden Wüste mutiert.
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Für die Berlinale gilt das übrigens auch. Wenn alle es unfassbar finden, dass Deutschland seine Stärken verloren hat, dass es an Bürokratie erstickt, dass es ein zunehmend normiertes, freiheitsvergessenes Land wird, dann geht das am Berliner Filmfestival nicht vorüber.
Wenn alle darauf mit der Forderung reagieren, neu zu denken und alte Zöpfe abzuschneiden, muss die Kunstszene damit anfangen.
So schwach wie die Berlinale ist: Irgendwann darf man die Frage stellen, warum das deutsche A-Filmfestival eigentlich in Berlin sein muss?
Wie toll könnte zum Beispiel das Filmfest München sein, wenn man den Filmfest-Etat der Stadt München und den des Freistaats Bayern durch den Berlinale-Etat des Bundes aufstocken würde?
Vielleicht liest Florian Herrmann in der Staatskanzlei ja diesen Text und bekommt Lust, einmal darüber nachzudenken?
Jedenfalls haben die Münchner jetzt eine Chance: Die Berlinale liegt so am Boden, wie sie noch nie war in den Jahrzehnten, an die ich mich erinnere.
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Dies ist nur mal ein Vorschlag zur Verbesserung der Lage. Des deutschen Films und des deutschen A-Festivals. Denn so wie es ist, kann es nicht bleiben. Nicht in Berlin und nicht im deutschen Film.