19.02.2026
Cinema Moralia – Folge 378

Warum die Berlinfixierung dem deutschen Film schadet

Lola rennt
Es war einmal… ikonisch für Berlin, Nerv der Zeit: Tom Tykwers Lola rennt
(Foto: X Verleih)

Dies ist kein Berlinale-Text. Aber für die Berlinale gilt das alles auch – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 378. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Guten Morgen Berlin, du kannst so hässlich sein«
So dreckig und grau
Du kannst so schön schreck­lich sein
Deine Nächte fressen mich auf
Es wird für mich wohl das Beste sein
Ich geh nach Hause und schlaf mich aus
Und während ich durch die Straßen lauf
Wird langsam Schwarz zu Blau
Du bist nicht schön und das weißt du auch
Dein Panorama versaut
Siehst nicht mal schön von weitem aus
Doch die Sonne geht grade auf.
Schwarz zu Blau; Peter Fox

»Berlin ist over« hat jetzt auch Dietrich Diede­richsen begriffen und schreibt es im Artforum in seinem Jahres­rück­blick. Nur die ehemalige Stadt­zei­tung »Tip« protes­tiert nicht ganz unei­gen­nützig.

Diede­rich­sens These klingt so ähnlich wie die Fest­stel­lung des echten Linken Magnus Klaue in der Welt: »Wegeners Trüm­mer­stadt«. Trotzdem ist es inter­es­sant, beide Texte mitein­ander zu verglei­chen, weil sie aus zwei komplett unter­schied­li­chen linken Universen stammen.

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Alle klagen über das Wetter. Wir nicht. Wir reden über die Berliner Verhält­nisse. Natürlich ist es so, dass man sehr vorher­sehbar beob­achten kann, dass wenn das Wetter besonders mild ist, die Menschen nicht nur im Fernsehen erklären, dass sei jetzt ein Zeichen für den Klima­wandel und wie schlimm es ist, dass es nicht mehr richtig kalt wird und die Pflanzen zu früh glauben, es sei Frühling. 500 haben wir das schon gehört. Umgekehrt ist aber auch klar, dass, wenn es über­durch­schnitt­lich kalt und lange schnee­be­deckt ist, so wie jetzt wieder, die Experten uns erklären: das wird sich im Sommer rächen.

Wie es ist, ist es falsch. Wie es ist, ist es ein Indiz kommenden Unglücks.

Das gilt auch für Berlin und den deutschen Film.

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Wahr­schein­lich ist Berlin das perfekte Sinnbild für den deutschen Film. Eine geschei­terte Stadt, in der fast nichts mehr funk­tio­niert. Außer der schlechten Laune.

»Berlin ist keine kino­freund­liche Stadt. Kein Ort für das Kino.« Sage nicht ich, sondern ausge­rechnet die Kuratoren des »Talent Campus« der gerade statt­fin­denden Berlinale, auf ihrer Eröff­nungs­pres­se­kon­fe­renz vergan­gene Woche.

Trotzdem gilt die Metropole nicht nur als cinephil, in ihr wohnt auch der aller­größte Teil der deutschen Filme­ma­cher. Und viele nicht­deut­sche Film­schaf­fende.

Zugleich geht es dem deutschen Film nicht gut. Nicht ökono­misch und nicht ästhe­tisch. Es gibt einzelne tolle Filme, aber die Gesamt­si­tua­tion ist bescheiden.

Was tun?

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Um den deutschen Film zu verändern, muss man das Narrativ ändern. Und zwar das Narrativ, das der deutsche Film sich selbst erzählt, und der Sumpf aus dem dieses Narrativ immer neue Blüten treibt. Die deutsche Branche braucht neue Stimmen, neue Einflüsse, sie braucht neue kreative Anre­gungen. Die Berliner Suppe, in der der deutsche Film seine Blasen bildet, macht den deutschen Film in jedem Fall nicht besser.
Die Berlin­fi­xie­rung schadet dem deutschen Film.

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Der deutsche Film muss sich von Berlin lösen. Der deutsche Film darf nicht mehr der verkappte Berliner Film sein, der ist allzu oft ist. Das meine ich iden­ti­täts­po­li­tisch. Ich meine es aber noch mehr ästhe­tisch.

Berlin war bei allen Grenzen, die ja auch dieser Film hat, irgend­wann einmal so wie Lola rennt, und Lola rennt ist so, wie Berlin einmal war. Aber diese Zeiten sind lange vorbei, über ein Vier­tel­jahr­hun­dert. Und so wie Deutsch­land in den 80er- und 90er-Jahren nichts mehr mit den frühen 60er Jahren zu tun hatte – so lang wie damals ist das nämlich schon her –, hat der deutsche Film heute nichts mit dem der späten 90er und frühen Nuller zu tun. Er hängt aber immer noch in den irrwit­zigen Haupt­stadt­träumen und der grund­sätz­li­chen Hybris Berlins fest, ohne aber den ästhe­ti­schen Mut, der auch zu dieser Zeit gehörte.

Das Scheitern Berlins, die geschei­terte Haupt­stadt und das Scheitern der Träume, dass unser aller Scheitern ist, das Scheitern der »Gene­ra­tion Berlin« (Heinz Bude), das Scheitern von Techno, das Scheitern der Über­tra­gung von Popli­te­ratur auf das Kino, die Tatsache, dass das deutsche Kino niemals ein Popkino gewesen ist, höchstens in einzelnen Filmen wie Lola rennt oder Angel Express oder Mädchen am Sonntag oder Sonnen­allee, die Tatsache, dass es heute ein Abbild des spießigen Klein­bür­ger­tums von Berlin-Mitte und seiner klein­bür­ger­li­chen poli­ti­schen Vorstel­lungen und ästhe­ti­schen Engstir­nig­keit ist, die Tatsache, dass Deutsch­land nirgendwo so provin­ziell ist wie in Berlin und im Berliner Umland – auf diese Tatsachen muss müssen wir, muss die deutsche Filmszene reagieren.

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Dies nur als Anregung: Wo bringt uns Berlin noch weiter? Im Film bestimmt nicht. Inwiefern ist Berlin ein künst­le­ri­sches Biotop, das kreativ und utopisch ist? Die Mieten und das Ausgehen sind ja längst nicht mehr billiger als in München oder Hamburg oder Frankfurt, genau genommen ist es in Hamburg und Frankfurt billiger als in Berlin. Und das Essen in den Restau­rants ist besser.
Die Berliner Taxi­fahrer erzählen mir, dass niemand mehr ausgeht in Berlin. Am Freitag und am Samstag natürlich noch ein bisschen, auch die Nicht­tou­risten, unter der Woche aber gar nicht und ihr, die ihr das jetzt lest, ihr alle habt jetzt in diesem Berlinale-Tagen die Erfahrung gemacht, die wir in Berlin tagtäg­lich machen: Dass man hier ab 22 Uhr spätes­tens nichts mehr zu essen bekommt; in manchen Lokalen schon ab 21 Uhr. Dass es kaum Clubs gibt, außer den paar bekannten Namen für die Touristen. Dass es in der ganzen Stadt viel­leicht zehn Bars gibt, an denen man länger als bis 1 Uhr nachts noch etwas trinken kann – all das ist einer Haupt­stadt nicht würdig. Aber all das ist auch ein Zeichen dafür, dass die einzige Krea­tiv­oase Berlin ausge­trocknet ist und zu einer öden Wüste mutiert.

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Für die Berlinale gilt das übrigens auch. Wenn alle es unfassbar finden, dass Deutsch­land seine Stärken verloren hat, dass es an Büro­kratie erstickt, dass es ein zunehmend normiertes, frei­heits­ver­ges­senes Land wird, dann geht das am Berliner Film­fes­tival nicht vorüber.
Wenn alle darauf mit der Forderung reagieren, neu zu denken und alte Zöpfe abzu­schneiden, muss die Kunst­szene damit anfangen.

So schwach wie die Berlinale ist: Irgend­wann darf man die Frage stellen, warum das deutsche A-Film­fes­tival eigent­lich in Berlin sein muss?
Wie toll könnte zum Beispiel das Filmfest München sein, wenn man den Filmfest-Etat der Stadt München und den des Frei­staats Bayern durch den Berlinale-Etat des Bundes aufsto­cken würde?

Viel­leicht liest Florian Herrmann in der Staats­kanzlei ja diesen Text und bekommt Lust, einmal darüber nach­zu­denken?

Jeden­falls haben die Münchner jetzt eine Chance: Die Berlinale liegt so am Boden, wie sie noch nie war in den Jahr­zehnten, an die ich mich erinnere.

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Dies ist nur mal ein Vorschlag zur Verbes­se­rung der Lage. Des deutschen Films und des deutschen A-Festivals. Denn so wie es ist, kann es nicht bleiben. Nicht in Berlin und nicht im deutschen Film.