05.02.2026
Cinema Moralia – Folge 376

Böse Menschen haben schlechte Bilder

Seom
Im Kino waren Inseln schon immer suspekt, auch in Seom von Kim Ki-duk
(Foto: CJ Entertainment)

Auf der Insel der Sehnsucht und eine auffällige Stille im deutschen Film – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 376. Folge

Von Rüdiger Suchsland

Alle, Medien und ihre Konsu­menten, lassen sich wieder mal von Donald Trump am Nasenring von den wichtigen Themen ablenken und sprechen und schreiben statt­dessen wieder nur über Epstein, als sei das irgendwie von Bedeutung.
Aber wenn schon denn schon erlaube ich mir die Frage: Warum gibt es auf der ominösen Liste eigent­lich keinen einzigen deutschen Namen? Keinen Film­pro­du­zenten, Regisseur, West­ver­leiher oder Ostschau­spieler? Keinen Film­för­derer. Stellen wir uns nur mal vor, was dann bei uns los wäre.
Aber keine Spur davon.
Sind die Deutschen selbst dafür zu lang­weilig? Sogar Norweger, Briten sowieso, Franzosen und Italiener findet man da, aber keinen Deutschen. Was sagt das über Deutsch­land aus? Wirklich nur, dass wir mal wieder die ganz Anstän­digen sind?

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Auch in Deutsch­land verwech­selt man Kultur­be­richt­erstat­tung mit der über die Epstein-Files, und als hätte es irgend­etwas mit Kultur zu tun, müssen sich auch die Kultur­be­richt­erstatter mit dem Quatsch befassen. Platz für Wich­ti­geres wird für diese Boulavard-Wellen­rei­terei geopfert.

Was dabei heraus­kommt, ist mehr als vorher­sehbar: Böse Menschen haben natürlich auch schlechte Kunst, anders darf es offenbar für die Mora­listen des Betriebs nicht sein, und so wird erklärt, Epstein habe keine gute Kunst gesammelt, als ob er damit ganz allein wäre, dann hört man im Deutsch­land­funk noch eine ganz über­ra­schende Mittei­lung: »Die Kunstwelt ist kein Paral­lel­uni­versum«, sie sei, so wörtlich »nicht anders als der Rest der Welt.« Potzblitz!

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Wenn schon, dann ist der düstere Mythos dieser Insel, des »Epstein-Island«, das Inter­es­san­teste und das, was tatsäch­lich auch etwas mit Kunst, mit dem Kino zu tun hat. Im Kino waren Inseln schon immer suspekt. Wenn man mal von Robinson Crusoe und Tom Cast Away Hanks absieht, aber die waren ja auch ganz allein, jeden­falls bis Freitag kam.
Aber in Die Insel des Doktor Moreau und in The Most Dangerous Game hausten auf ihr die Perversen, die Reichen, die mit dem Leben der Gemeinen spielten. In Insel des Terrors oder Insel der Ungeheuer andere Unmen­schen. Bei King Kong, Lost World und Jurassic Park waren es die wilden Tiere und Monster, die sie bewohnten. Aber auch in harmo­ni­scheren Insel­sze­na­rien erweisen sich die Inseln immer als Ort des Unein­deu­tigen, Suspekten, der Ambi­va­lenz.
Denken wir nur an Seom vom unver­ges­senen Kim Ki-duk. Aber in Die geheim­nis­volle Insel und in Zwei Jahre Ferien ist die Insel auch der Ort eines anderen freieren Lebens. »Ship me somewhere East of Suez« schrieb Kipling: »By the old Moulmein Pagoda, lookin' lazy at the sea,
There’s a Burma girl a-settin', and I know she thinks o' me;
For the wind is in the palm-trees, and the temple-bells they say:
'Come you back, you British soldier; come you back to Mandalay!'«

Hoffent­lich können und dürfen wir weiter wenigs­tens von Inseln träumen.

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Nun aber zu einem wirklich wichtigen und mehr als über­fäl­ligen Thema: Die Filme­ma­cherin Katja Fedulova macht auf Facebook auf die Film­för­de­rungs­re­form in Deutsch­land aufmerksam und beklagt »eine auffäl­lige Stille«:
»Wie erlebt ihr die Situation? Merkt ihr etwas von der Reform? Ein Jahr nach Inkraft­treten des neuen Film­för­de­rungs­ge­setzes (FFG) ist es erstaun­lich still geworden. Große Reformen wurden angekün­digt – mehr Chancen für Nachwuchs, mehr Vielfalt, mehr inter­na­tio­nale Wett­be­werbs­fähig­keit. In der Praxis bleibt vieles offen.
Offiziell gibt es mehr Geld und neue Programme. Bei der FFA können inzwi­schen sogar Doku­men­tar­film­pro­jekte in der Recher­che­phase, inklusive Produk­ti­ons­för­de­rung, bis zu 100.000 Euro gefördert werden. Das klingt viel­ver­spre­chend. Doch entschei­dend ist nicht nur, was möglich ist, sondern wer tatsäch­lich gefördert wird, wie groß die Konkur­renz ist und welche Rolle Prominenz und Erfahrung spielen.
Beim Medi­en­board zeigt sich ein struk­tu­relles Problem: Für kleine Produzent:innen und Autor:innen fühlt sich der Zugang zu Online-Antrag­stel­lung oft wie eine 'Face-Control bei Berghain' an. Schon bei einer kleinen Stoff­ent­wick­lung (10.000 Euro) wird geprüft, ob man 'genug' Refe­renzen, Repu­ta­tion und Sicht­bar­keit mitbringt. Wer nicht bereits etabliert ist, hat es schwer, überhaupt ernsthaft in Betracht gezogen zu werden.
(Ich habe es beim zweiten mal mit Ach und Krach geschafft, beim ersten Mal durch­ge­fallen, weil ich angeblich 'nur' drei abend­fül­lende Filme produ­ziert hatte. Damals wurde mir auch direkt gesagt, mit Doku­men­tar­film seien die Chancen eher schlecht bis null, ich solle es gar nicht versuchen. Eine Antrag­stel­lung wurde mir nicht genehmigt.)
Ein Blick auf die geför­derten Projekte der letzten Jahre beim Medi­en­board verstärkt diesen Eindruck:
Doku­men­tar­filme sind dort selten. Und die Namen der Geför­derten gehören meist zu bereits renom­mierten Regisseur:innen und Produk­ti­ons­firmen. Neue, unbe­kannte Stimmen erscheinen nur verein­zelt.
Berlin gilt als Filmstadt. Doch wie offen ist ihre Förderung wirklich?
Wo sind die Räume für riskante, essay­is­ti­sche, unbequeme Doku­men­tar­filme?
Und wo bleiben die Chancen für dieje­nigen, die noch nicht Teil des etablierten Systems sind? Jedes Jahr werden neue Talente ausge­bildet – was passiert mit ihnen?
Ein Blick nach Frank­reich zeigt, dass es auch anders geht:
Dort sind Strea­ming­platt­formen wie Netflix gesetz­lich verpflichtet, einen Teil ihrer Einnahmen in nationale Film- und Seri­en­pro­duk­tionen zu inves­tieren. Diese verbind­liche Inves­ti­ti­ons­pflicht schafft Planungs­si­cher­heit, stärkt lokale Film­kul­turen und eröffnet auch neuen Stimmen reale Chancen.
Mehr Geld im System bedeutet nicht auto­ma­tisch mehr Vielfalt.
Manchmal bedeutet es vor allem die Stabi­li­sie­rung des Bekannten.
Viel­leicht liegt genau hier das stille Problem der deutschen Film­för­de­rung.«

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Ein sehr guter Beitrag. Aller­dings mit einer Einschrän­kung: Es geht gerade nicht um Vielfalt, sondern um das Überleben des Film­stand­orts. Die kleinen Firmen sterben gerade. Wenn Vielfalt, dann nur und ausschließ­lich ästhe­ti­sche Vielfalt.