Cinema Moralia – Folge 376
Böse Menschen haben schlechte Bilder |
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| Im Kino waren Inseln schon immer suspekt, auch in Seom von Kim Ki-duk | ||
| (Foto: CJ Entertainment) | ||
Alle, Medien und ihre Konsumenten, lassen sich wieder mal von Donald Trump am Nasenring von den wichtigen Themen ablenken und sprechen und schreiben stattdessen wieder nur über Epstein, als sei das irgendwie von Bedeutung.
Aber wenn schon denn schon erlaube ich mir die Frage: Warum gibt es auf der ominösen Liste eigentlich keinen einzigen deutschen Namen? Keinen Filmproduzenten, Regisseur, Westverleiher oder Ostschauspieler? Keinen Filmförderer. Stellen wir uns nur mal vor, was
dann bei uns los wäre.
Aber keine Spur davon.
Sind die Deutschen selbst dafür zu langweilig? Sogar Norweger, Briten sowieso, Franzosen und Italiener findet man da, aber keinen Deutschen. Was sagt das über Deutschland aus? Wirklich nur, dass wir mal wieder die ganz Anständigen sind?
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Auch in Deutschland verwechselt man Kulturberichterstattung mit der über die Epstein-Files, und als hätte es irgendetwas mit Kultur zu tun, müssen sich auch die Kulturberichterstatter mit dem Quatsch befassen. Platz für Wichtigeres wird für diese Boulavard-Wellenreiterei geopfert.
Was dabei herauskommt, ist mehr als vorhersehbar: Böse Menschen haben natürlich auch schlechte Kunst, anders darf es offenbar für die Moralisten des Betriebs nicht sein, und so wird erklärt, Epstein habe keine gute Kunst gesammelt, als ob er damit ganz allein wäre, dann hört man im Deutschlandfunk noch eine ganz überraschende Mitteilung: »Die Kunstwelt ist kein Paralleluniversum«, sie sei, so wörtlich »nicht anders als der Rest der Welt.« Potzblitz!
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Wenn schon, dann ist der düstere Mythos dieser Insel, des »Epstein-Island«, das Interessanteste und das, was tatsächlich auch etwas mit Kunst, mit dem Kino zu tun hat. Im Kino waren Inseln schon immer suspekt. Wenn man mal von Robinson Crusoe und Tom Cast Away Hanks absieht, aber die waren ja auch ganz allein, jedenfalls bis Freitag kam.
Aber in Die Insel des Doktor
Moreau und in The Most Dangerous Game hausten auf ihr die Perversen, die Reichen, die mit dem Leben der Gemeinen spielten. In Insel des Terrors oder Insel der Ungeheuer andere Unmenschen. Bei King
Kong, Lost World und Jurassic Park waren es die wilden Tiere und Monster, die sie bewohnten. Aber auch in harmonischeren Inselszenarien erweisen sich die Inseln immer als Ort des Uneindeutigen, Suspekten, der Ambivalenz.
Denken wir nur an Seom vom unvergessenen Kim Ki-duk. Aber in Die geheimnisvolle Insel und in Zwei Jahre Ferien ist die Insel auch der Ort eines anderen freieren Lebens. »Ship me somewhere East of Suez« schrieb Kipling:
»By the old Moulmein Pagoda, lookin' lazy at the sea,
There’s a Burma girl a-settin', and I know she thinks o' me;
For the wind is in the palm-trees, and the temple-bells they say:
'Come you back, you British soldier; come you back to Mandalay!'«
Hoffentlich können und dürfen wir weiter wenigstens von Inseln träumen.
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Nun aber zu einem wirklich wichtigen und mehr als überfälligen Thema: Die Filmemacherin Katja Fedulova macht auf Facebook auf die Filmförderungsreform in Deutschland aufmerksam und beklagt »eine auffällige Stille«:
»Wie erlebt ihr die Situation? Merkt ihr etwas von der Reform? Ein Jahr nach Inkrafttreten des neuen Filmförderungsgesetzes (FFG) ist es erstaunlich still geworden. Große Reformen wurden angekündigt – mehr Chancen für Nachwuchs, mehr Vielfalt, mehr
internationale Wettbewerbsfähigkeit. In der Praxis bleibt vieles offen.
Offiziell gibt es mehr Geld und neue Programme. Bei der FFA können inzwischen sogar Dokumentarfilmprojekte in der Recherchephase, inklusive Produktionsförderung, bis zu 100.000 Euro gefördert werden. Das klingt vielversprechend. Doch entscheidend ist nicht nur, was möglich ist, sondern wer tatsächlich gefördert wird, wie groß die Konkurrenz ist und welche Rolle Prominenz und Erfahrung
spielen.
Beim Medienboard zeigt sich ein strukturelles Problem: Für kleine Produzent:innen und Autor:innen fühlt sich der Zugang zu Online-Antragstellung oft wie eine 'Face-Control bei Berghain' an. Schon bei einer kleinen Stoffentwicklung (10.000 Euro) wird geprüft, ob man 'genug' Referenzen, Reputation und Sichtbarkeit mitbringt. Wer nicht bereits etabliert ist, hat es schwer, überhaupt ernsthaft in Betracht gezogen zu werden.
(Ich habe es beim zweiten mal mit Ach und
Krach geschafft, beim ersten Mal durchgefallen, weil ich angeblich 'nur' drei abendfüllende Filme produziert hatte. Damals wurde mir auch direkt gesagt, mit Dokumentarfilm seien die Chancen eher schlecht bis null, ich solle es gar nicht versuchen. Eine Antragstellung wurde mir nicht genehmigt.)
Ein Blick auf die geförderten Projekte der letzten Jahre beim Medienboard verstärkt diesen Eindruck:
Dokumentarfilme sind dort selten. Und die Namen der Geförderten gehören meist
zu bereits renommierten Regisseur:innen und Produktionsfirmen. Neue, unbekannte Stimmen erscheinen nur vereinzelt.
Berlin gilt als Filmstadt. Doch wie offen ist ihre Förderung wirklich?
Wo sind die Räume für riskante, essayistische, unbequeme Dokumentarfilme?
Und wo bleiben die Chancen für diejenigen, die noch nicht Teil des etablierten Systems sind? Jedes Jahr werden neue Talente ausgebildet – was passiert mit ihnen?
Ein Blick nach Frankreich zeigt, dass es
auch anders geht:
Dort sind Streamingplattformen wie Netflix gesetzlich verpflichtet, einen Teil ihrer Einnahmen in nationale Film- und Serienproduktionen zu investieren. Diese verbindliche Investitionspflicht schafft Planungssicherheit, stärkt lokale Filmkulturen und eröffnet auch neuen Stimmen reale Chancen.
Mehr Geld im System bedeutet nicht automatisch mehr Vielfalt.
Manchmal bedeutet es vor allem die Stabilisierung des Bekannten.
Vielleicht liegt genau
hier das stille Problem der deutschen Filmförderung.«
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Ein sehr guter Beitrag. Allerdings mit einer Einschränkung: Es geht gerade nicht um Vielfalt, sondern um das Überleben des Filmstandorts. Die kleinen Firmen sterben gerade. Wenn Vielfalt, dann nur und ausschließlich ästhetische Vielfalt.