Irgendwas mit Dings |
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| Das neue Dings | ||
| (Foto: Dunja Bialas) | ||
Von Dunja Bialas
Manche sagen: das Kino stirbt. Ich halte das für einen Irrtum. Aber es kann sein, dass das Kino bei seiner Wiedergeburt eine Gestalt annimmt, die wir nicht gleich wiedererkennen. – Alexander Kluge
»Das neue Dings«: So heißt die neue Location in den Räumen des stillgelegten Filmtheaters Sendlinger Tor. Der Münchner Eventmanager und Locationscout Matthias Schlick hat sich den neuen Namen ausgedacht. Er ist einerseits eine witzige Dekonstruktion des alten (es wurden ein paar Buchstaben weggelassen und ein S hinzugefügt), andererseits weist er symptomatisch den Weg in eine neue Beliebigkeit. Dings, das ist halt einfach alles. Dings ist auch Bums. Ist irgendwie egal, ein Platzhalter, wenn einem gerade nicht einfällt, was man sagen will. Drei Monate darf das Dings bleiben, dann ist die Zwischennutzung wieder vorbei. Bums.
Am vergangenen Wochenende wurde das Filmtheater wiedereröffnet – ziemlich genau ein Jahr nachdem die Erbengemeinschaft die Kinobetreiber-Familie Preßmar hinausgeklagt hatte. Diese hatte das Kino über mehrere Generationen seit Kriegsende geführt, zuletzt unter den schwierigen Bedingungen, die ein Ein-Saal-Kino mit sich bringt, und unter starkem Gegenwind der Vermieter (wir berichteten). Nach einem Jahr Leerstand tut sich jetzt wieder etwas im großen Kinosaal mit seinen 400 Plätzen. »So verrückt geht’s jetzt im Sendlinger Tor Kino ab«, jubelte das IN München anlässlich des Openings in den Sozialen Medien. »Disco-Einkaufswagen, der König von Bayern, immersive Licht-Shows und jede Menge Überraschungen« erwarteten die Besucherinnen und Besucher. Die Vermarktung zeigt, dass in den Geschichtsbüchern geblättert wurde: Ludwig III. kam im Jahr 1915 höchstpersönlich zur Vorstellung von Herrin des Nils.
Der Bayern-Aspekt ist Teil der Marketingstrategie, vertraut man den Worten von Fillin Guas von »Broke Today«, der für die Veranstaltungen mitverantwortlich ist. »Es entsteht ein kreativer Wolperdinger (sic).« Mit dabei ist das Streaming-Portal »Behind the Tree«, das für das Filmprogramm sorgen will und hinter dem zahlreiche prominente Schauspieler*innen stehen.
Das Filmtheater Sendlinger Tor war zuletzt das älteste Kino Münchens, gegründet 1913 vom Münchner Kino-Pionier Carl Gabriel. Mit dem Titel »Filmtheater« wollte er sich von den damals noch üblichen Jahrmarkt-Bespaßungen absetzen. Kino sollte wie das Theater und die Oper eine Kunstform der gehobenen Kultur für ein bürgerliches Publikum sein. Das sieht man dem Filmtheater Sendlinger Tor an: Innen ist es mit einem üppigen roten Vorhang, mit Balkon und Logen, Lüstern und Goldornamenten ausgestattet und erinnert in seiner ganzen Pracht an ein kleines Opernhaus.
Das Interieur mitsamt Kinofoyer ist denkmalgeschützt. Doch dies ist nur eine unter vielen Herausforderungen, die eine Nutzung erschweren, seitdem das Kino geschlossen wurde. Die hohe Mietforderung von monatlich 20.000 Euro steht der Wirtschaftlichkeit des Hauses erheblich entgegen. Bei den Verhandlungen nach der Schließung wurde die Forderung aufrechterhalten – und ein neues Kino unter neuen Betreibern verhindert. Es kam zum Dings.
Und zur großen Umwidmung des Kinos zu einer multimedialen Eventlocation. Nur eine einzige Veranstaltung im Kinoformat wird für die nächsten drei Monate bislang angekündigt, ansonsten vertraut das Programm lieber der Akustik im Kinosaal. Geplant ist eine Veranstaltung bei geschlossenem Vorhang, bei der keine Visuals ablenken: »Chelo – The Vinyl Cinema« will Vinyl, Geschichten und Musik zu einem »einzigartigen Hörerlebnis« verbinden. An zwei Abenden gibt es im Februar
außerdem ein Konzert von Niedeckens BAP (Tickets ab 56 Euro) und im März eine Show des Stand-up-Comedians Maximilian Lorenz.
Ach, und eine Filmvorführung ist auch angekündigt. Die fabelhafte Welt der Amélie wird am 30.1. ab 17:00 Uhr zusammen mit Austern und Champagner serviert. Aber vielleicht stimmt selbst das nicht: Der Film heißt auf der Website »…zauberhafte
Welt…«.
Schon die hohen Eintrittspreise lassen vermuten, dass der Mietzins immer noch eine Herausforderung darstellen könnte. Schließlich kommen noch Gagen, Technik und andere Ausgaben obendrauf. Falls es mehr wird als nur die bislang angekündigte Handvoll Events, könnte es klappen. An der gemischten Nutzung scheint jedenfalls etwas dran zu sein.
Beim Gedanken an die Filmvorstellung stülpt sich einem allerdings der Magen um. Austerngeschlürfe und –gekleckere im historischen Kinosaal, während anderswo sogar auf Popcorn verzichtet wird, weil es zu viel Dreck macht, hält dem angeblich kulinarischen Kino einen dekadenten Zerrspiegel vor.
Ob Austern nun das neue Popcorn sind, sei dahingestellt. Fest steht: Das kulinarische Kino lenkt absichtsvoll vom Leinwandgeschehen ab und konterkariert die alte Idee eines Lichtspieltheaters. Vor genau hundert Jahren definierte der Filmkritiker Rudolf Harms: »Das Individuum befindet sich während der Filmvorführung in einer durch die Dauer des Films festgelegten, lichtlosen Umgebung, in die es künstlich hineingeführt und aus der es ebenso wieder herausgerissen wird.« Heute nennt man den Umstand, während der Filmvorführung seine unmittelbare Umgebung zu vergessen und sich physisch und psychisch im Film aufzulösen, Immersion. Die Überwältigungsästhetik der Blockbuster und die psychologische Figurenzeichnung der bürgerlichen Arthouse-Filme sind Strategien dieses Kinos.
Das Dings denkt, wenn überhaupt, das Kino nun überwiegend ohne den Film. Und selbst, wenn Film ist, ist er nur Beiwerk. Damit reiht es sich in eine Entwicklung ein, die seit der Digitalisierung im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends ihren Anfang nahm. »Ganz im Gegensatz zu dem Anschein, die Digitalisierung würde eine größere Verfügbarkeit von Filmen für die Kinos bedeuten, hat sie in Wirklichkeit eine Entleerung mit sich gebracht«, resümiert die Filmwissenschaftlerin Heide Schlüpmann in ihrem Buch »Raumgeben – der Film dem Kino«.
Das Verschwinden des Films aus dem Kinosaal und ein Kino, das verzweifelt versucht, kein Kino mehr zu sein: Das ist ein Backlash, eine Abwendung von Kunst und Kultur und eine Umkehrung der Kinogeschichte. Wir kehren zurück in eine Ära der Unterhaltung, zurück zum Jahrmarktsspektakel und zu den Attraktionen aus den Anfängen des Kinos. Die Lightshows im Kinosaal am Sendlinger Tor scheinen mit ihren Laserstrahlen verzweifelt die historische Architektur nach mehr Zeitgeist abzusuchen; die Jongleure und Conférenciers vor dem geschlossenen roten Vorhang sind um die Gunst des Publikums buhlende Marktschreier.
Kino war in seiner Frühzeit als kulturelle Praxis noch nicht eingeübt, deshalb brauchte man die Attraktionen, und es scheint, als würde alles getan, damit die Praxis nun auch wieder verlernt werde. Selbst wenn die Schauspielerinnen und Schauspieler um Frederick Lau, die die Streamingplattform »Behind the Trees« kuratieren, eigentlich ganz gut in die Tradition des Filmtheaters Sendlinger Tor als Abspielstätte für den populären deutschen Film passen, sollten sie doch aufpassen, das eigene Metier nicht dem Dings preiszugeben.
Der einst im Kulturreferat München für Film verantwortliche Andreas Rost stellte bereits 1996 die Frage nach der Zukunft des Kinos – die im Übrigen seit den Anfängen des Kinos immer schon gestellt wurde. Das Kino ist eine Technikgeschichte, die immer wieder alte Formen und Formate ablöste: den Stummfilm durch den Tonfilm, den Schwarzweißfilm durch den Farbfilm, den Analogfilm durch die Digitalisierung usw. »Was ist es wert«, schreibt Rost in »Der zweite Atem des Kinos«, »über die Zeiten hinweg in eine Zukunft des Kinos hinüber gerettet zu werden? Woran hatte sich die Lust des Kinogängers über die letzten Dekaden entzündet?«
Es gibt eine junge Cinephilie, die hier Antwort geben könnte. Oder wir fragen Josef Loibl, Betreiber des Park-Kino in Bad Reichenhall, der vergangenes Jahr den Spitzenpreis der bayerischen Kinoprogrammprämie erhielt. Er weiß: Das Kinopublikum sehnt sich nach einem nostalgischen Kino, nach alten Filmen und nach viel Feierlichkeit im Kinosaal. Ein Film sollte jedoch auch »aus sich heraus funktionieren und der Kinobesuch als solcher wieder ein Event werden«, findet er. Im Dings ist man offensichtlich anderer Meinung.
Wir warten auf die Vorführung stummer Filme mit Orchesterbegleitung, wie es die Preßmars taten. Wenigstens Lubitschs Austernprinzessin hätte drin sein können. Wir warten auf eine Vorstellung mit den KI-Filmen des über 90-jährigen Kinodenkers Alexander Kluge. Der käme bestimmt sehr gerne. Wir warten auf junge Formate, um das Kino mit neuem Leben zu füllen. Die Studierenden der HFF stehen mit ihren Filmen bereit. Niedecken und BAP, ein zweitklassiger Comedian und ein abgestandenes Filmprogramm sind das phantasielose Wunschkonzert der Silberrücken.
Selbst wenn es nicht der Anspruch des Dings ist, dem Kino zweiten Atem einzuhauchen – schließlich handelt es sich nur um eine dreimonatige Zwischennutzung –, könnte es zumindest den Anschein erwecken, tatsächlich irgendwas mit Kino zu tun haben zu wollen. Auch um den Vermietern zu signalisieren: Das mit dem Kino und dem Erbe solltet ihr gefälligst ernst nehmen. Die Besonderheit des Filmtheaters Sendlinger Tor ist nun mal, bevor es vergessen wird: dass es ein Kino ist. Und kein Variété-Theater.
Es gilt das Fazit einer Besucherin nach der Eröffnung: »So sieht es aus, wenn ein fantastisches Kino versuchen muss, kein Kino zu sein.«