22.01.2026

Irgendwas mit Dings

Das neue Dings
Das neue Dings
(Foto: Dunja Bialas)

Die Neueröffnung des Filmtheaters Sendlinger Tor als multimediale Unterhaltungslocation wirft wieder einmal Fragen zur Zukunft des Kinos auf

Von Dunja Bialas

Manche sagen: das Kino stirbt. Ich halte das für einen Irrtum. Aber es kann sein, dass das Kino bei seiner Wieder­ge­burt eine Gestalt annimmt, die wir nicht gleich wieder­erkennen. – Alexander Kluge

»Das neue Dings«: So heißt die neue Location in den Räumen des still­ge­legten Film­thea­ters Send­linger Tor. Der Münchner Event­ma­nager und Loca­ti­ons­cout Matthias Schlick hat sich den neuen Namen ausge­dacht. Er ist einer­seits eine witzige Dekon­struk­tion des alten (es wurden ein paar Buch­staben wegge­lassen und ein S hinzu­ge­fügt), ande­rer­seits weist er sympto­ma­tisch den Weg in eine neue Belie­big­keit. Dings, das ist halt einfach alles. Dings ist auch Bums. Ist irgendwie egal, ein Platz­halter, wenn einem gerade nicht einfällt, was man sagen will. Drei Monate darf das Dings bleiben, dann ist die Zwischen­nut­zung wieder vorbei. Bums.

Kreativer »Wolper­dinger«

Am vergan­genen Wochen­ende wurde das Film­theater wieder­eröffnet – ziemlich genau ein Jahr nachdem die Erben­ge­mein­schaft die Kino­be­treiber-Familie Preßmar hinaus­ge­klagt hatte. Diese hatte das Kino über mehrere Gene­ra­tionen seit Kriegs­ende geführt, zuletzt unter den schwie­rigen Bedin­gungen, die ein Ein-Saal-Kino mit sich bringt, und unter starkem Gegenwind der Vermieter (wir berich­teten). Nach einem Jahr Leerstand tut sich jetzt wieder etwas im großen Kinosaal mit seinen 400 Plätzen. »So verrückt geht’s jetzt im Send­linger Tor Kino ab«, jubelte das IN München anläss­lich des Openings in den Sozialen Medien. »Disco-Einkaufs­wagen, der König von Bayern, immersive Licht-Shows und jede Menge Über­ra­schungen« erwar­teten die Besu­che­rinnen und Besucher. Die Vermark­tung zeigt, dass in den Geschichts­büchern geblät­tert wurde: Ludwig III. kam im Jahr 1915 höchst­per­sön­lich zur Vorstel­lung von Herrin des Nils.

Der Bayern-Aspekt ist Teil der Marke­ting­stra­tegie, vertraut man den Worten von Fillin Guas von »Broke Today«, der für die Veran­stal­tungen mitver­ant­wort­lich ist. »Es entsteht ein kreativer Wolper­dinger (sic).« Mit dabei ist das Streaming-Portal »Behind the Tree«, das für das Film­pro­gramm sorgen will und hinter dem zahl­reiche promi­nente Schau­spieler*innen stehen.

Das Film­theater Send­linger Tor war zuletzt das älteste Kino Münchens, gegründet 1913 vom Münchner Kino-Pionier Carl Gabriel. Mit dem Titel »Film­theater« wollte er sich von den damals noch üblichen Jahrmarkt-Bespaßungen absetzen. Kino sollte wie das Theater und die Oper eine Kunstform der gehobenen Kultur für ein bürger­li­ches Publikum sein. Das sieht man dem Film­theater Send­linger Tor an: Innen ist es mit einem üppigen roten Vorhang, mit Balkon und Logen, Lüstern und Gold­or­na­menten ausge­stattet und erinnert in seiner ganzen Pracht an ein kleines Opernhaus.

Das Interieur mitsamt Kinofoyer ist denk­mal­ge­schützt. Doch dies ist nur eine unter vielen Heraus­for­de­rungen, die eine Nutzung erschweren, seitdem das Kino geschlossen wurde. Die hohe Miet­for­de­rung von monatlich 20.000 Euro steht der Wirt­schaft­lich­keit des Hauses erheblich entgegen. Bei den Verhand­lungen nach der Schließung wurde die Forderung aufrecht­erhalten – und ein neues Kino unter neuen Betrei­bern verhin­dert. Es kam zum Dings.

Und zur großen Umwidmung des Kinos zu einer multi­me­dialen Event­lo­ca­tion. Nur eine einzige Veran­stal­tung im Kino­format wird für die nächsten drei Monate bislang angekün­digt, ansonsten vertraut das Programm lieber der Akustik im Kinosaal. Geplant ist eine Veran­stal­tung bei geschlos­senem Vorhang, bei der keine Visuals ablenken: »Chelo – The Vinyl Cinema« will Vinyl, Geschichten und Musik zu einem »einzig­ar­tigen Hörer­lebnis« verbinden. An zwei Abenden gibt es im Februar außerdem ein Konzert von Niede­ckens BAP (Tickets ab 56 Euro) und im März eine Show des Stand-up-Comedians Maxi­mi­lian Lorenz.
Ach, und eine Film­vor­füh­rung ist auch angekün­digt. Die fabel­hafte Welt der Amélie wird am 30.1. ab 17:00 Uhr zusammen mit Austern und Cham­pa­gner serviert. Aber viel­leicht stimmt selbst das nicht: Der Film heißt auf der Website »…zauber­hafte Welt…«.

Schon die hohen Eintritts­preise lassen vermuten, dass der Mietzins immer noch eine Heraus­for­de­rung darstellen könnte. Schließ­lich kommen noch Gagen, Technik und andere Ausgaben obendrauf. Falls es mehr wird als nur die bislang angekün­digte Handvoll Events, könnte es klappen. An der gemischten Nutzung scheint jeden­falls etwas dran zu sein.

Kino ohne Film

Beim Gedanken an die Film­vor­stel­lung stülpt sich einem aller­dings der Magen um. Austern­ge­schlürfe und –gekle­ckere im histo­ri­schen Kinosaal, während anderswo sogar auf Popcorn verzichtet wird, weil es zu viel Dreck macht, hält dem angeblich kuli­na­ri­schen Kino einen deka­denten Zerr­spiegel vor.

Ob Austern nun das neue Popcorn sind, sei dahin­ge­stellt. Fest steht: Das kuli­na­ri­sche Kino lenkt absichts­voll vom Lein­wand­ge­schehen ab und konter­ka­riert die alte Idee eines Licht­spiel­thea­ters. Vor genau hundert Jahren defi­nierte der Film­kri­tiker Rudolf Harms: »Das Indi­vi­duum befindet sich während der Film­vor­füh­rung in einer durch die Dauer des Films fest­ge­legten, licht­losen Umgebung, in die es künstlich hinein­ge­führt und aus der es ebenso wieder heraus­ge­rissen wird.« Heute nennt man den Umstand, während der Film­vor­füh­rung seine unmit­tel­bare Umgebung zu vergessen und sich physisch und psychisch im Film aufzu­lösen, Immersion. Die Über­wäl­ti­gungs­äs­thetik der Block­buster und die psycho­lo­gi­sche Figu­ren­zeich­nung der bürger­li­chen Arthouse-Filme sind Stra­te­gien dieses Kinos.

Das neue Dings
Filme sind auch nur Dings. (Foto: Dunja Bialas)

Das Dings denkt, wenn überhaupt, das Kino nun über­wie­gend ohne den Film. Und selbst, wenn Film ist, ist er nur Beiwerk. Damit reiht es sich in eine Entwick­lung ein, die seit der Digi­ta­li­sie­rung im ersten Jahrzehnt des neuen Jahr­tau­sends ihren Anfang nahm. »Ganz im Gegensatz zu dem Anschein, die Digi­ta­li­sie­rung würde eine größere Verfüg­bar­keit von Filmen für die Kinos bedeuten, hat sie in Wirk­lich­keit eine Entlee­rung mit sich gebracht«, resümiert die Film­wis­sen­schaft­lerin Heide Schlüp­mann in ihrem Buch »Raumgeben – der Film dem Kino«.

Das Verschwinden des Films aus dem Kinosaal und ein Kino, das verzwei­felt versucht, kein Kino mehr zu sein: Das ist ein Backlash, eine Abwendung von Kunst und Kultur und eine Umkehrung der Kino­ge­schichte. Wir kehren zurück in eine Ära der Unter­hal­tung, zurück zum Jahr­markts­spek­takel und zu den Attrak­tionen aus den Anfängen des Kinos. Die Light­shows im Kinosaal am Send­linger Tor scheinen mit ihren Laser­strahlen verzwei­felt die histo­ri­sche Archi­tektur nach mehr Zeitgeist abzu­su­chen; die Jongleure und Confé­ren­ciers vor dem geschlos­senen roten Vorhang sind um die Gunst des Publikums buhlende Markt­schreier.

Kino war in seiner Frühzeit als kultu­relle Praxis noch nicht eingeübt, deshalb brauchte man die Attrak­tionen, und es scheint, als würde alles getan, damit die Praxis nun auch wieder verlernt werde. Selbst wenn die Schau­spie­le­rinnen und Schau­spieler um Frederick Lau, die die Strea­ming­platt­form »Behind the Trees« kura­tieren, eigent­lich ganz gut in die Tradition des Film­thea­ters Send­linger Tor als Abspielstätte für den populären deutschen Film passen, sollten sie doch aufpassen, das eigene Metier nicht dem Dings preis­zu­geben.

Der zweite Atem des Kinos

Der einst im Kultur­re­ferat München für Film verant­wort­liche Andreas Rost stellte bereits 1996 die Frage nach der Zukunft des Kinos – die im Übrigen seit den Anfängen des Kinos immer schon gestellt wurde. Das Kino ist eine Tech­nik­ge­schichte, die immer wieder alte Formen und Formate ablöste: den Stummfilm durch den Tonfilm, den Schwarz­weiß­film durch den Farbfilm, den Analog­film durch die Digi­ta­li­sie­rung usw. »Was ist es wert«, schreibt Rost in »Der zweite Atem des Kinos«, »über die Zeiten hinweg in eine Zukunft des Kinos hinüber gerettet zu werden? Woran hatte sich die Lust des Kino­gän­gers über die letzten Dekaden entzündet?«

Es gibt eine junge Cine­philie, die hier Antwort geben könnte. Oder wir fragen Josef Loibl, Betreiber des Park-Kino in Bad Reichen­hall, der vergan­genes Jahr den Spit­zen­preis der baye­ri­schen Kino­pro­gramm­prämie erhielt. Er weiß: Das Kino­pu­blikum sehnt sich nach einem nost­al­gi­schen Kino, nach alten Filmen und nach viel Feier­lich­keit im Kinosaal. Ein Film sollte jedoch auch »aus sich heraus funk­tio­nieren und der Kino­be­such als solcher wieder ein Event werden«, findet er. Im Dings ist man offen­sicht­lich anderer Meinung.

Wir warten auf die Vorfüh­rung stummer Filme mit Orches­ter­be­glei­tung, wie es die Preßmars taten. Wenigs­tens Lubitschs Austern­prin­zessin hätte drin sein können. Wir warten auf eine Vorstel­lung mit den KI-Filmen des über 90-jährigen Kinoden­kers Alexander Kluge. Der käme bestimmt sehr gerne. Wir warten auf junge Formate, um das Kino mit neuem Leben zu füllen. Die Studie­renden der HFF stehen mit ihren Filmen bereit. Niedecken und BAP, ein zweit­klas­siger Comedian und ein abge­stan­denes Film­pro­gramm sind das phan­ta­sie­lose Wunsch­kon­zert der Silber­rü­cken.

Selbst wenn es nicht der Anspruch des Dings ist, dem Kino zweiten Atem einzu­hau­chen – schließ­lich handelt es sich nur um eine drei­mo­na­tige Zwischen­nut­zung –, könnte es zumindest den Anschein erwecken, tatsäch­lich irgendwas mit Kino zu tun haben zu wollen. Auch um den Vermie­tern zu signa­li­sieren: Das mit dem Kino und dem Erbe solltet ihr gefäl­ligst ernst nehmen. Die Beson­der­heit des Film­thea­ters Send­linger Tor ist nun mal, bevor es vergessen wird: dass es ein Kino ist. Und kein Variété-Theater.

Es gilt das Fazit einer Besu­cherin nach der Eröffnung: »So sieht es aus, wenn ein fantas­ti­sches Kino versuchen muss, kein Kino zu sein.«

Literatur:

  • Alexander Kluge, »Geschichten vom Kino«, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2007
  • Andreas Rost (Hg.), »Der zweite Atem des Kinos«, München: Verlag der Autoren, 1996.
  • Heide Schlüp­mann, »Raumgeben – der Film dem Kino«, Berlin: Vorwerk 8, 2020.
  • Karsten Witte, »Theorie des Kinos«, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1973.