08.01.2026

Schaun wir mal

1. Münchner Filmgipfel
1. Münchner Filmgipfel · Auch das Publikum ist prominent besetzt
(Foto: Kurt Krieger)

Einsparungen, Mieterhöhungen, Bündnisse: Was die Münchner Kultur im Wahljahr 2026 erwartet

Von Dunja Bialas

Und dann kam auch noch das Aus der Eisbach­welle. Sie hat wegen ihres Versie­gens und auch, weil sie wegen illegaler Einbauten plötzlich wieder zum Surfen mitten in der Stadt einlud, zum Jahres­wechsel für viele Wogen gesorgt. Auch, dass der urlau­bende Münchner Ober­bür­ger­meister dazu schwieg und seine Stell­ver­tre­terin Verena Dietl die amtlichen Kommen­tare übernahm, sorgte für Aufregung. »Wellen-Reiter« Dieter Reiter ist bekann­ter­maßen ein Befür­worter des image­för­dernden Surf­ge­sche­hens am nörd­li­chen Ausläufer des Engli­schen Gartens. Vermut­lich wollte er aber gerade keinen Streit mit der Verwal­tung und dem haus­ei­genen Baure­ferat, das »erheb­liche Bedenken« gegen die Welle hat.

Aus’kehrt ist

Die Auskehr­ak­tion des Bachbetts vor knapp zwei Monaten, die ein Verschwinden der surf­fähigen Welle zur Folge hatte, bewies wieder einmal, dass München bei der Spaß­be­sei­ti­gung keinen Spaß versteht. Jetzt ist das hedo­nis­ti­sche Stadtbild, zu dem neben Kastanien auch Surf­bretter gehören, ernsthaft in Gefahr.

Die zerstö­re­ri­sche Bach­aus­kehr könnte bis zur Olym­pia­be­wer­bung Wellen schlagen und Auswir­kungen auf den durch Volks­ent­scheid herbei­ge­hofften IOC-Zuschlag haben: Zumindest orakelt die »Abend­zei­tung«: »Eisbach­welle weg, Olympia-Chancen weg?« Im Herbst wird über die von zwei Dritteln der Münch­ne­rinnen und Münchner befür­wor­tete Bewerbung entschieden – allein bis jetzt belaufen sich Kosten bereits auf rund 8 Millionen Euro.

Eing’spart ist

Was dort ausge­geben wird, wird woanders wieder einge­spart. Jedoch: Im städ­ti­schen Gesamt­haus­halt sind 8 Millionen Euro Ausgaben nichts gegenüber den Spar­vor­gaben von 300 Millionen Euro durch die Stadt­käm­merei. Sparen müssen alle: vom Verkehr über die Bildung bis hin zum Sozialen und zur Kultur. Mit einer Grund­satz­an­sprache eröffnete Reiter daher im Dezember die Haus­halts­de­batte: »Das Thema der kommu­nalen Finanzen treibt uns alle um. (…) Es gibt aber keinen Grund, eine hoch­emo­tio­nale Debatte zu führen und gegenüber den Bürge­rinnen und Bürgern den falschen Eindruck zu vermit­teln, dass hier alles den Bach runter­geht.« Ein schöneres Bild hätte er nicht finden können…

Für die Kultur konnte im Haus­halts­be­schluss ein kleiner Erfolg errungen werden. Statt 23 müssen jetzt »nur« 18 Millionen Euro einge­spart werden. Das macht sieben Prozent des gesamten Kultur­haus­halts aus. Der hat im städ­ti­schen Gesamt­etat nur etwas mehr als drei Prozent Anteil und wird jetzt über­pro­por­tional belastet.

Besonders stark trifft es die städ­ti­schen Insti­tu­tionen: das NS- Doku­men­ta­ti­ons­zen­trum, die Stadt­bi­blio­thek, die Phil­har­mo­niker, die Kammer­spiele, das Volks­theater, das Lenbach­haus. Letztere drei weisen darauf hin, dass ihnen seit Jahren die Mittel gekürzt werden. Gleiches kann auch das Film­mu­seum München berichten. Schon seit den Covid-Jahren muss es mit zehn Prozent weniger auskommen. Das Stadt­mu­seum, dem das Film­mu­seum angehört, ist gerade wegen Umbaus geschlossen, deshalb kann hier ohne weiteren Aderlass eine Million Euro einge­spart werden. Der Aufga­ben­be­reich »Förderung von Kunst und Kultur«, unter den auch die freien Projekte fallen, wird um 9 Millionen Euro (das entspricht 6 Prozent) gekürzt. (Hier ist der Haus­halts­be­schluss Kultur nach­zu­lesen.)

Während jedoch in den Insti­tu­tionen die Kultur­schaf­fenden durch Stellen und Tarif­ver­träge abge­si­chert sind, muss die freie Kultur­szene ange­sichts stei­gender Kosten und gekürzter Zuwen­dungen den Gürtel enger schnallen (oder auf die Berufs­ausü­bung verzichten): Ihre Honorare sind Diäten.

Das Bündnis »#MünchenIs­tKultur« spricht deshalb auch von einem »drama­ti­schen Schritt in die falsche Richtung«. Den Zusam­men­schluss von Münchner Künstler*innen und Kultur­in­sti­tu­tionen gibt es seit 2024, als die ersten Einspar­maß­nahmen kamen. »München leuchtet nicht mehr«, titelte vor einem Jahr die Berliner »taz«.

Aus’knipst ist

Im Krea­tiv­quar­tier droht seit dem 1. Januar ganz buchs­täb­lich das Licht auszu­gehen. Seit Jahres­be­ginn muss auf dem Gelände an der Dachauer Straße mehr als doppelt so viel Miete an die Münchner Gewer­behöfe gezahlt werden. Die städ­ti­sche GmbH hatte das Kunst­labor-Areal 2019 von der Stadt über­tragen bekommen. Seitdem feststeht, dass sie auch lang­fristig Vermie­terin sein wird, muss sie der Tatsache gerecht werden, keine Räume unter Wert vermieten zu dürfen. Dies wäre anders, wenn das Areal wie zuvor wieder in den Händen der Stadt läge, was die Mieter des Krea­tiv­quar­tiers fordern, aber kaum eintreten wird. Ein Miet­wert­gut­achten bildet die Grundlage für die Mieter­höhungen von acht auf 18 Euro pro Quadrat­meter. Für Mieter wie das DOK.fest und den Dach­ver­band Filmstadt München, die mit vielen Quadrat­me­tern entspre­chende Summen auf den Tisch legen müssen, bedeutet die Erhöhung eine signi­fi­kante Etat­be­las­tung. Diese könnte sich wiederum auf das Kern­ge­schäft auswirken, die Durch­füh­rung von Festivals – die zum guten Image Münchens als Film- und Kinostadt beitragen.

Der im letzten Jahr erstmals abge­hal­tene Film­gipfel könnte bei einer Wieder­auf­lage ein starkes film­po­li­ti­sches Gewicht bilden. In einem Posi­ti­ons­pa­pier wurden mehrere Ziel­vor­gaben formu­liert, die vor allem um das neur­al­gi­sche Thema »Räume« kreisen. So wird ein kommu­nales Filmhaus ange­strebt, für Film­ver­mitt­lung und als Abspielort. Die mehr­jäh­rige Schließung des kommu­nalen Film­mu­seums als Vorführ­s­tätte ab Mitte 2027 steht bereits fest – ob sich Ausweich­quar­tiere finden lassen, ist fraglich. Damit entfiele für Film­vor­füh­rungen die zweite städ­ti­sche Insti­tu­tion seit der Gasteig-Schließung: Der »Projektor« im HP8 ist aufgrund der schlechten baulichen Konzep­tion kein Kinoä­qui­va­lent, darin sind sich die Film­ver­an­stalter einig.

Kunst und Kultur haben keine Lobby – oder doch? »#MünchenIs­tKultur« und der Münchner Film­gipfel könnten erste Schritte zu mehr kultu­rellem Selbst­be­wusst­sein und Durch­set­zungs­kraft bedeuten, wenn sie die künst­le­ri­sche Vielfalt bündeln.

Aus’zählt ist

Auch die Wahlen sind eine Chance, München als Kultur­stadt zu erhalten. Diese Zuver­sicht zumindest treibt das neuge­grün­dete »Bündnis Kultur« an, das bei der Kommu­nal­wahl am 8. März als Liste antreten will – noch fehlen ein paar Unter­schriften, die bis zum 19. Januar getätigt werden können (Infos hier). Chris­tiane Pfau, Chefin des »Münchner Feuil­leton« (MF) und Öffent­lich­keits­ar­bei­terin Kathrin Schäfer sind die Spit­zen­kan­di­da­tinnen. »Kultur ist der Bereich, wo du die Leute zusam­men­bringst und Lebens­qua­lität für eine Stadt entsteht«, sagen sie im Interview mit dem MF. Würde bei der Kultur gespart, würde auch an den »Wurzeln der Demo­kratie« gespart.

Auch wenn vieles nicht so schlimm wurde wie befürchtet, wird sich die ganze Wahrheit wohl erst nach der Wahl zeigen. Mit verhal­tener Zuver­sicht betrachtet Kultur­re­fe­rent Marek Wiechers die Lage. Froh sei er über den »konstruk­tiven Austausch zwischen Frak­tionen, Stadt­spitze und den Insti­tu­tionen« ange­sichts der ange­spannten Haus­halts­lage, und auch für das Krea­tiv­quar­tier erwarte er keinen Exodus. Das Bündnis #MünchenIs­tKultur mahnt hingegen an: »Für die Kunst- und Kultur­land­schaft der Stadt beginnen entschei­dende Jahre, in denen sich zeigt, ob München sein kultu­relles Profil bewahren kann – oder unwie­der­bring­lich verlieren wird.«

Schaun wir mal.