Schaun wir mal |
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| 1. Münchner Filmgipfel · Auch das Publikum ist prominent besetzt | ||
| (Foto: Kurt Krieger) | ||
Von Dunja Bialas
Und dann kam auch noch das Aus der Eisbachwelle. Sie hat wegen ihres Versiegens und auch, weil sie wegen illegaler Einbauten plötzlich wieder zum Surfen mitten in der Stadt einlud, zum Jahreswechsel für viele Wogen gesorgt. Auch, dass der urlaubende Münchner Oberbürgermeister dazu schwieg und seine Stellvertreterin Verena Dietl die amtlichen Kommentare übernahm, sorgte für Aufregung. »Wellen-Reiter« Dieter Reiter ist bekanntermaßen ein Befürworter des imagefördernden Surfgeschehens am nördlichen Ausläufer des Englischen Gartens. Vermutlich wollte er aber gerade keinen Streit mit der Verwaltung und dem hauseigenen Baureferat, das »erhebliche Bedenken« gegen die Welle hat.
Die Auskehraktion des Bachbetts vor knapp zwei Monaten, die ein Verschwinden der surffähigen Welle zur Folge hatte, bewies wieder einmal, dass München bei der Spaßbeseitigung keinen Spaß versteht. Jetzt ist das hedonistische Stadtbild, zu dem neben Kastanien auch Surfbretter gehören, ernsthaft in Gefahr.
Die zerstörerische Bachauskehr könnte bis zur Olympiabewerbung Wellen schlagen und Auswirkungen auf den durch Volksentscheid herbeigehofften IOC-Zuschlag haben: Zumindest orakelt die »Abendzeitung«: »Eisbachwelle weg, Olympia-Chancen weg?« Im Herbst wird über die von zwei Dritteln der Münchnerinnen und Münchner befürwortete Bewerbung entschieden – allein bis jetzt belaufen sich Kosten bereits auf rund 8 Millionen Euro.
Was dort ausgegeben wird, wird woanders wieder eingespart. Jedoch: Im städtischen Gesamthaushalt sind 8 Millionen Euro Ausgaben nichts gegenüber den Sparvorgaben von 300 Millionen Euro durch die Stadtkämmerei. Sparen müssen alle: vom Verkehr über die Bildung bis hin zum Sozialen und zur Kultur. Mit einer Grundsatzansprache eröffnete Reiter daher im Dezember die Haushaltsdebatte: »Das Thema der kommunalen Finanzen treibt uns alle um. (…) Es gibt aber keinen Grund, eine hochemotionale Debatte zu führen und gegenüber den Bürgerinnen und Bürgern den falschen Eindruck zu vermitteln, dass hier alles den Bach runtergeht.« Ein schöneres Bild hätte er nicht finden können…
Für die Kultur konnte im Haushaltsbeschluss ein kleiner Erfolg errungen werden. Statt 23 müssen jetzt »nur« 18 Millionen Euro eingespart werden. Das macht sieben Prozent des gesamten Kulturhaushalts aus. Der hat im städtischen Gesamtetat nur etwas mehr als drei Prozent Anteil und wird jetzt überproportional belastet.
Besonders stark trifft es die städtischen Institutionen: das NS- Dokumentationszentrum, die Stadtbibliothek, die Philharmoniker, die Kammerspiele, das Volkstheater, das Lenbachhaus. Letztere drei weisen darauf hin, dass ihnen seit Jahren die Mittel gekürzt werden. Gleiches kann auch das Filmmuseum München berichten. Schon seit den Covid-Jahren muss es mit zehn Prozent weniger auskommen. Das Stadtmuseum, dem das Filmmuseum angehört, ist gerade wegen Umbaus geschlossen, deshalb kann hier ohne weiteren Aderlass eine Million Euro eingespart werden. Der Aufgabenbereich »Förderung von Kunst und Kultur«, unter den auch die freien Projekte fallen, wird um 9 Millionen Euro (das entspricht 6 Prozent) gekürzt. (Hier ist der Haushaltsbeschluss Kultur nachzulesen.)
Während jedoch in den Institutionen die Kulturschaffenden durch Stellen und Tarifverträge abgesichert sind, muss die freie Kulturszene angesichts steigender Kosten und gekürzter Zuwendungen den Gürtel enger schnallen (oder auf die Berufsausübung verzichten): Ihre Honorare sind Diäten.
Das Bündnis »#MünchenIstKultur« spricht deshalb auch von einem »dramatischen Schritt in die falsche Richtung«. Den Zusammenschluss von Münchner Künstler*innen und Kulturinstitutionen gibt es seit 2024, als die ersten Einsparmaßnahmen kamen. »München leuchtet nicht mehr«, titelte vor einem Jahr die Berliner »taz«.
Im Kreativquartier droht seit dem 1. Januar ganz buchstäblich das Licht auszugehen. Seit Jahresbeginn muss auf dem Gelände an der Dachauer Straße mehr als doppelt so viel Miete an die Münchner Gewerbehöfe gezahlt werden. Die städtische GmbH hatte das Kunstlabor-Areal 2019 von der Stadt übertragen bekommen. Seitdem feststeht, dass sie auch langfristig Vermieterin sein wird, muss sie der Tatsache gerecht werden, keine Räume unter Wert vermieten zu dürfen. Dies wäre anders, wenn das Areal wie zuvor wieder in den Händen der Stadt läge, was die Mieter des Kreativquartiers fordern, aber kaum eintreten wird. Ein Mietwertgutachten bildet die Grundlage für die Mieterhöhungen von acht auf 18 Euro pro Quadratmeter. Für Mieter wie das DOK.fest und den Dachverband Filmstadt München, die mit vielen Quadratmetern entsprechende Summen auf den Tisch legen müssen, bedeutet die Erhöhung eine signifikante Etatbelastung. Diese könnte sich wiederum auf das Kerngeschäft auswirken, die Durchführung von Festivals – die zum guten Image Münchens als Film- und Kinostadt beitragen.
Der im letzten Jahr erstmals abgehaltene Filmgipfel könnte bei einer Wiederauflage ein starkes filmpolitisches Gewicht bilden. In einem Positionspapier wurden mehrere Zielvorgaben formuliert, die vor allem um das neuralgische Thema »Räume« kreisen. So wird ein kommunales Filmhaus angestrebt, für Filmvermittlung und als Abspielort. Die mehrjährige Schließung des kommunalen Filmmuseums als Vorführstätte ab Mitte 2027 steht bereits fest – ob sich Ausweichquartiere finden lassen, ist fraglich. Damit entfiele für Filmvorführungen die zweite städtische Institution seit der Gasteig-Schließung: Der »Projektor« im HP8 ist aufgrund der schlechten baulichen Konzeption kein Kinoäquivalent, darin sind sich die Filmveranstalter einig.
Kunst und Kultur haben keine Lobby – oder doch? »#MünchenIstKultur« und der Münchner Filmgipfel könnten erste Schritte zu mehr kulturellem Selbstbewusstsein und Durchsetzungskraft bedeuten, wenn sie die künstlerische Vielfalt bündeln.
Auch die Wahlen sind eine Chance, München als Kulturstadt zu erhalten. Diese Zuversicht zumindest treibt das neugegründete »Bündnis Kultur« an, das bei der Kommunalwahl am 8. März als Liste antreten will – noch fehlen ein paar Unterschriften, die bis zum 19. Januar getätigt werden können (Infos hier). Christiane Pfau, Chefin des »Münchner Feuilleton« (MF) und Öffentlichkeitsarbeiterin Kathrin Schäfer sind die Spitzenkandidatinnen. »Kultur ist der Bereich, wo du die Leute zusammenbringst und Lebensqualität für eine Stadt entsteht«, sagen sie im Interview mit dem MF. Würde bei der Kultur gespart, würde auch an den »Wurzeln der Demokratie« gespart.
Auch wenn vieles nicht so schlimm wurde wie befürchtet, wird sich die ganze Wahrheit wohl erst nach der Wahl zeigen. Mit verhaltener Zuversicht betrachtet Kulturreferent Marek Wiechers die Lage. Froh sei er über den »konstruktiven Austausch zwischen Fraktionen, Stadtspitze und den Institutionen« angesichts der angespannten Haushaltslage, und auch für das Kreativquartier erwarte er keinen Exodus. Das Bündnis #MünchenIstKultur mahnt hingegen an: »Für die Kunst- und Kulturlandschaft der Stadt beginnen entscheidende Jahre, in denen sich zeigt, ob München sein kulturelles Profil bewahren kann – oder unwiederbringlich verlieren wird.«
Schaun wir mal.