08.01.2026
Cinema Moralia – Folge 372

Die Zukunft, von der Heiner Müller sprach, ist unsere Gegenwart

Die Werckmeisterschen Harmonien
Unvergessen: Lars Rudolph in Béla Tarrs Die Werckmeisterschen Harmonien
(Foto: Goëss Film Airtime International Media)

Auf der »Bahn der Beschleunigung«: Abschied von Béla Tarr, dem Regisseur der bösen schwarzen Klötze, vorwärts in die Katastrophe mit dem heimlichen Futuristen Heiner Müller, der auch das Kino inspirierte – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 372. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Heiner war ein freund­li­cher Stoiker. Sein Zynismus war Güte, die reine Menschen­freund­lich­keit, weil er Konflikte zu Ende dachte, die andere – weit grausamer – mit Illu­sionen verschlei­erten.«
Durs Grünbein über Heiner Müller, am 02.01.1996

»Ich habe Schwie­rig­keiten, die ganze enorme Häßlich­keit der Gegenwart zu akzep­tieren.«
Rolf Dieter Brinkmann, 1974

70 ist kein Alter, und so ist es auch bei Béla Tarr, dessen allzu­vor­ei­liger Tod jetzt gemeldet wurde, und an die traurige Bilanz von 2025, dem Jahr der vielen Toten im Kino, gleich schon wieder fatal anknüpfte.

Ich habe Tarr zweimal ein bisschen persön­lich erlebt; einmal im Foyer des Arsenal am Berliner Potsdamer Platz, als ich zum Kino kam, während sein Film Das Turiner Pferd dort lief, und er draußen nervös auf und ab schritt. Er war empört, dass einer nur zum Film­ge­spräch kam, ohne sich den Film auch anzu­gu­cken, stellte mich zur Rede und schien erst dann etwas beruhigt, als er mir glaubte, was ich ihm hoch und heilig versi­cherte: Ich hatte den Film schon gesehen, sogar zweimal. Trotzdem blieb ein bisschen Unver­s­tändnis in seinem Gesicht, vermut­lich darüber, dass ich mir alles nicht noch ein drittes Mal anschauen mochte.
Später dann war er freund­lich, ruhig und humorvoll, gar nicht der rabaukige Grantler, als der er galt, und den er zumindest ein paar Tage vorher bei der Berlinale-Preis­ver­lei­hung gegeben hatte, als er aus seiner Verär­ge­rung auf der Bühne kein Hehl machte, weil er nur den »Großen Preis der Jury« bekam, aber nicht den Goldenen Bären, der mal wieder an einen Iraner, an Asghar Farhadis Nader und Simin – Eine Trennung vergeben wurde. (So war es, auch wenn jetzt der »Spiegel« irre­füh­rend vom »Berlinale-Sieger 2011« schreibt, weil man glaubt, sonst gibt es keine Klicks).

Das zweite Mal war ein Abend­essen in Istanbul, während des Festivals. Dort war er char­manter, aufgeräumter, und man ahnte, was sein Charisma ausmachte, warum so viele mit ihm zusam­men­ge­ar­beitet hatten, oder bei ihm studiert, wie viele meiner Freunde an der DFFB.

Mir selbst hat der letzte Zugang zu seinem Werk gefehlt, aber das Ringen darum, das, was sich hinter diesen bösen schwarzen Klötzen von Film verbarg, in ange­mes­sene Gedanken und Formu­lie­rungen zu bringen, war in seinem Fall so spannend und lohnens­wert, wie kaum sonst.

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Manchmal ist das Fernsehen wie ein Aasgeier. Das zeigte sich bei jenem Ereignis, das bereits am dritten Tag des Jahres alle Hoff­nungen, 2026 könnte ein bisschen besser werden als 2025, über den Haufen geworfen hat.

Für den deutsch-fran­zö­si­schen Kultur­kanal »arte« Anlass folgender Pres­se­mit­tei­lung: »Bei US-Mili­tär­schlägen gegen Venezuela am 3. Januar wurde Staats­chef Nicolás Maduro fest­ge­nommen und in die USA gebracht, wo er wegen Drogen­ter­ro­rismus angeklagt wird. Nun wollen die USA über die poli­ti­sche Entwick­lung in Venezuela mitent­scheiden. Als Inte­rims­prä­si­dentin wurde Maduros Vize Delcy Rodríguez bestimmt. Die Angriffe und die Entfüh­rung Maduros folgen einer Politik der schritt­weisen Eska­la­tion durch die USA in den vergan­genen Monaten.
arte erweitert sein Programm am 6. Januar um die Doku 'Venezuela – Maduros Macht­kampf'. Die ursprüng­lich geplante Doku 'Drogen­krieg in Ecuador' wird im Anschluss gezeigt.«

Schon das »Wording« wirft Fragen auf. Im Deutsch­land­funk erklärt der Medi­en­wis­sen­schaftler Thomas Wiegold sehr schlüssig, warum es nicht nur in diesem Fall in der Bericht­erstat­tung auf die Sprache ankommt.
Wiegold findet die fehlende Distanz der Bundes­re­gie­rung und mancher Medien zu den USA »merk­würdig«: »Wir müssen uns nur mal vorstellen, das Ganze wäre von Russen irgendwo in Zentral­asien gelaufen, dann wäre die Kommen­tie­rung und die Begriff­lich­keit sicher eine ganz andere.«

Darum, liebe Freunde von »arte«: Egal, was man über ihn persön­lich denken mag, aber Maduro wurde nicht »fest­ge­nommen« und in die USA »gebracht«, denn mit ganz normaler Rechts­staat­lich­keit hat all das aber auch gar nichts zu tun. Er wurde in einem gewalt­samen mili­täri­schen Angriff ohne rechts­staat­liche Grundlage und gegen UNO-Konven­tionen gekid­napped und in die USA verschleppt.

Naja, und dann fragt man sich, warum »arte« dem Publikum einen zwei Jahre alten, spätes­tens von den neueren Ereig­nissen über­holten Film noch einmal vorsetzen und mit einem aktuellen Framing versehen muss. Wenn schon denn schon wäre eine tatsäch­lich aktuelle Debatte über die Unter­schiede zwischen Frank­reich und Deutsch­land in der Wahr­neh­mung dieses Gesche­hens inter­es­sant gewesen. Emmanuel Macron hat die US-Aktion nämlich bereits am Sonntag kriti­siert. Das Vorgehen der USA werde von Frank­reich »weder unter­s­tützt noch gebilligt«, sagte Macron, »wir vertei­digen das Völker­recht und die Freiheit der Völker«.

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Der iranische Regisseur Jafar Panahi, Gewinner der Goldenen Palme mit Ein einfacher Unfall, steht ein weiteres Mal vor irani­schen Gerichten.
Laut einem Bericht von Mansour Jahani, einem unab­hän­gigen inter­na­tio­nalen Film­jour­na­listen, schrieb der Anwalt Mostafa Nili in den sozialen Medien auf X: »Nach der Berufung gegen die einjäh­rige Haft­strafe wegen propa­gan­dis­ti­scher Akti­vi­täten gegen das Regime von Herrn Jafar Panahi hat die Abteilung 26 des Teheraner Revo­lu­ti­ons­ge­richts den Verhand­lungs­termin auf den Januar 2026 fest­ge­setzt.«
Am Montag, dem 1. Dezember 2025, verur­teilte die Abteilung 26 des Isla­mi­schen Revo­lu­ti­ons­ge­richts in Teheran Jafar Panahi in Abwe­sen­heit zu einem Jahr Haft sowie zu einem zwei­jäh­rigen Ausrei­se­verbot. Zusätz­lich wurde ihm die Mitglied­schaft in poli­ti­schen und sozialen Gruppen oder Frak­tionen untersagt. Als Begrün­dung wurden propa­gan­dis­ti­sche Akti­vi­täten gegen das Regime angeführt.

Derzeit hält sich Panahi aber nicht im Iran auf, sondern im Ausland – vor allem in Frank­reich und den USA, wo er derzeit seinen Film präsen­tiert und die Oscar-Kampagne begleitet. Das liegt daran, dass er nach jahre­langem Ausrei­se­verbot 2023 erstmals wieder aus dem Iran ausreisen konnte.

Aller­dings hat er erklärt, dass er plane, trotz eines Haft­be­fehls und der Verur­tei­lung in Iran zurück­zu­kehren, um weiterhin dort zu arbeiten und seine Familie nicht dauerhaft verlassen zu müssen. Berichten zufolge könnte seine Rückkehr dazu führen, dass er im Iran fest­ge­nommen wird.

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70 ist kein Alter, 66 schon gar nicht. Vor 30 Jahren ist Heiner Müller gestorben. Der Verlust wirkt zumindest in Berlin nach wie vor so stark nach, als sei dies erst vor einem Jahr geschehen. Aller­dings gilt das für Ost- und West­deut­sche sehr unter­schied­lich: Für den deutschen Osten war sein Tod ein exis­ten­ti­eller Verlust, für den Westen Deutsch­lands war er schon seit dem Mauerfall tot.

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Der »Spiegel« brachte das seiner­zeit ganz gut und bissig auf den Punkt: »Für Peter Iden in der 'Frank­furter Rundschau' und Arno Widmann in 'Der Zeit' verendete der Drama­tiker mit der Wieder­ver­ei­ni­gung, für Gerhard Stadel­maier in der 'FAZ' schon mit dem Mauerfall. Richard Herzinger im 'Tages­spiegel' sah Müller nach dem Ende der DDR von Marx zu Jünger fliehen und dann vollends zum Enter­tainer schrumpfen. ... 'Heiner Müller: Wer erbt seine Mios?' fragt deshalb das Boule­vard­blatt BZ...«
Dann weiter:
»4. November auf dem Berliner Alex­an­der­platz. Jeder schmiert jedem Honig um die Backe. Nur Parisbar-Müller, schon ein paar Wodka intus, lässt den 'dritten Weg' links liegen, sich einen Zettel in die Hand drücken und kommt dem enthu­si­as­mierten Volk mit Schweiß: 'Die nächsten Jahre werden für uns kein Zucker­schle­cken. Der Staat fordert Leistung, bald wird er mit Entlas­sungen drohen.' Unruhe, schließ­lich Pfiffe, doch Müller, weit gereist, weiß, wovon er spricht. Ein paar Monate später weiß es auch der Rest und beginnt zu lamen­tieren. Doch da steckte er schon bis zum Hals in der Scheiße, in die er sich selber ritt.«

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Jetzt steht in unserer Quali­täts­presse so gut wie nichts dazu. Ausschließ­lich – und auch das ist bezeich­nend – in der »Berliner Zeitung«, die sich gerade erstaun­li­chen Eigensinn und Wege quer zu allem Main­stream erlaubt. Es gibt Kollegen, die einen gerade davor warnen, für diese Zeitung zu schreiben; es gibt andere, die sagen, gerade dort mache es jetzt noch beson­deren Spaß. Über­flüssig hinzu­zu­fügen, welcher Seite ich mehr zuneige.
Inter­es­santer noch als was Autoren sagen, ist das, was die Leser meinen. Ich kenne ziemlich viele Leute in Berlin, die die »Berliner Zeitung« im letzten Jahr wieder zu lesen ange­fangen haben, nicht unbedingt, weil sie darin ihre Meinung bestätigt bekommen, aber zumindest, weil sie nicht so lang­weilig ist wie all die anderen.
Es ist eine Zeitung für Quer­denker, aber vor allem für jene, die bei dem Wort nicht an Aluschwurbler, Impf­gegner und AFD-Wähler denken, sondern an Peter Glotz, Kurt Bieden­kopf, Gerhart Baum und Heiner Geißler, an poli­ti­sche Köpfe also, die nicht doof genug für bedin­gungs­lose Partei­dis­zi­plin waren, und sich einen Blick übern Teller­rand, sozusagen poli­ti­sche Feind­auf­klärung heraus­nahmen – einfach weil sie es wollten und konnten.

Heiner Müller hat auch die »Berliner Zeitung« gelesen, nicht das »Neue Deutsch­land«.

In der »Berliner Zeitung« schrieb zum Todestag der Dramaturg Stephan Suschke. Er berichtet von den letzten Tagen, davon wie Müller noch nach Weih­nachten gear­beitet hatte, wie schnell dann der Tod kam. Am BE, dessen Intendant er war, wurde gespielt: »Bevor die Vorstel­lung begann, trat Hermann Beyer vor den roten Vorhang und gab Müllers Tod bekannt. Es wurde mit eisiger Schwere gespielt, der Applaus am Ende durch den Eisernen Vorhang abge­schnitten.
...
Wir, im nun kalten, dunklen Theater, versuchten aus der depres­siven Starre heraus­zu­kommen und ... orga­ni­sierten Acht-Stunden-Lesungen im Foyer des Theaters. Schau­spieler aller Berliner Theater, Bühnen­ar­beiter, Dichter – aus Ost und West – lasen vom 2. bis zum 9. Januar, Müllers Geburtstag, seine Texte. Es war eine Möglich­keit, die Betrof­fen­heit produktiv zu machen, viel­leicht eine Ersatz­hand­lung, aber schnell erwies sich, dass zumindest Müllers Formu­lie­rung vom äußerst 'geringen Gebrauchs­wert des Todes' etwas vorschnell war.«

Die Lesungen wurden von Tag zu Tag voller; vor dem Foyer saßen junge Leute auf dem Boden – das Bewusst­sein, dass Müllers Tod eine Zäsur war, wuchs mit jeder Zeile: Man begab sich ins Auge des Taifuns, wo es sehr still, sehr konzen­triert war, unauf­ge­regt, manchmal komisch – eine endlose Trau­er­feier. Am 15. Januar fand zu Müllers Ehren unter dem Titel 'Whiskys and Cigars' eine große Party in der Volks­bühne statt, die bis in die Morgen­stunden dauerte. ... Aber Müller war immer noch tot.

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Das frühe Sterben Heiner Müllers ist auch ein schwerer Verlust für das deutsche Kino. Denn als Anreger ästhe­ti­scher Diskurse wie als Lehrer für Schau­spieler und Regis­seure, natürlich auch für Dreh­buch­au­toren ist Müller uner­setzbar. Man vergisst gerne, wie viele heute wichtige Darsteller durch ein »Müller-Training« hindurch­ge­gangen sind: Es ist faszi­nie­rend zuzuhören, wenn R.P. Kahl, der in sehr jungen Jahren bei Müllers »Hamlet­ma­schine« mitspielte, bei verschie­denen Gele­gen­heiten immer wieder mal öffent­lich davon erzählt.

Es gibt ein paar Filme über seine Arbeit, wie »Quartett« und auch die »Hamlet­ma­schine«.

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Müller war auch ein Kino­gänger. Von Godard hat er viel gelernt, ihn begriff er als »Anwendung von Brechts Ästhetik auf das Kino. Man sieht den Film bei ihm arbeiten, nicht einfach ein Abbild. Man sieht, wie Filme gemacht werden, dass Filme Arbeit sind und nicht Natur­pro­dukte wie im tradi­tio­nellen Kino.«
Es gebe ande­rer­seits auch Filme von Elia Kazan, die er nie vergessen werde: Die Faust im Nacken oder von Visconti Rocco und seine Brüder, die er Anfang der 90er Jahre nochmal in Origi­nal­fas­sung gesehen hat. Müller kommen­tierte dieses Erlebnis, solche Filme werde es in Europa nicht mehr geben, »weil die Wirk­lich­keit sie nicht mehr hergibt. Die mensch­liche Substanz ist aufge­braucht oder zermahlen und weil das Kino von den Künsten die am meisten kanni­ba­li­sche ist, gibt es da jetzt zunehmend nur noch Plas­tik­food, Remakes und Design. Die Ausnahmen kannst du an den Fingern deiner Freunde abzählen, deren Zahl auch schrumpft.«

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Heute kann man vom Apoka­lyp­tiker Heiner Müller unter anderem lernen, was noch alles auf uns zukommt: »In achtzig Jahren wird das alles hier Schutt sein«, sagte er 1986 beim Blick vom Balkon seines Plat­ten­baus in Fried­richs­hain über die Asphalt­stadt Berlin. Das ist natürlich unter anderem auch ein Brecht-Zitat – »Von diesen Städten wird bleiben: der durch sie hindurch­ging, der Wind!/ ...Wir wissen, daß wir Vorläu­fige sind/ Und nach uns wird kommen: nichts Nennens­wertes./ Bei den Erdbeben, die kommen werden, werde ich hoffent­lich/ Meine Virginia nicht ausgehen lassen durch Bitter­keit« –, aber auch das Wissen des »Kata­stro­phen­lieb­ha­bers« (Heiner Müller) um das Monströse der bleichen Mutter Germania: »Den Untergang der Bundes­re­pu­blik werde ich wohl nicht mehr erleben.«

Wir schon. »Vorglühen mit Heiner Müller am Vorabend der Kata­strophe« hat darum die Film­re­gis­seurin und Schrift­stel­lerin Laura Laabs (Rote Sterne überm Feld) ihren Abend genannt, zu dem sie am 30.Todestag gemeinsam mit der Volks­bühne in den Roten Salon geladen hatte.

»Der Geist und die Weitsicht Müllers fehlen heute«, hieß es in der Einladung, »bereits mit dem Ende des Kalten Krieges, das angeblich mit dem Ende der Geschichte zusam­men­fallen sollte, sah Müller die 'Bahn der Beschleu­ni­gung, die in der Vernich­tung endet', betreten. Die Zukunft, von der Müller damals sprach, ist unsere Gegenwart. Eine Gegenwart der multiplen Krisen, in der die Kata­strophe greifbar ist, der wir wahlweise quasselnd oder sprachlos beiwohnen oder eben, wie es Müller sagen würde, gefangen in 'program­mierten Sinn­schleifen'.
In dem zeit­ge­schicht­li­chen Umbruch 1988 bis 1991 führte der Dramaturg und Publizist Frank Raddatz mit dem Drama­tiker Gespräche: über den Rückflug des Kapi­ta­lismus, über die Zukunft Europas, über das Klima (Ozonloch), die Welt­re­vo­lu­tion und über das Szenario einer möglichen Auslö­schung der Menschen. Aus heutiger Sicht wirken die Texte prophe­tisch.
Im Roten Salon dienen sie als Medium, um uns selbst wieder ins Sprechen zu bringen; mit dem Toten Heiner Müller. Und all den Toten, von deren Erfah­rungen wir lernen sollten, wenn die Gespenster der Vergan­gen­heit in unsere Gegenwart drücken. Und wir uns mit ihnen über unsere Lage vers­tän­digen können. In wen oder was wird der Geist von Heiner Müller fahren?«
Zu den denkbar einfachen Spiel­re­geln dieser Silvester-Beschwörung gehörten Getränke und Lesungen aus »Zur Lage der Nation und Jenseits der Nation; Gespräche von Frank Raddatz mit Heiner Müller«.

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»Auch die Gewalt­frei­heit der DDR-Revo­lu­tion 1989 war ein deutsches Verhängnis. Der versäumte Angriff auf die Inter­shops mündet in den Kotau vor der Ware. Von der Helden­stadt Leipzig zum Terror von Rostock: das unter­drückte Gewalt­po­ten­zial, keine Revo­lu­tion/Eman­zi­pa­tion ohne Gewalt gegen die Unter­drü­cker, bricht sich Bahn im Angriff auf die Schwächeren: Asylanten und (arme) Ausländer, der Armen gegen die Ärmsten, keinem Immo­bi­li­enhai, gleich welcher Nation, wird ein Haar gekrümmt. Die Reaktion auf den Wirt­schafts­krieg gegen das Wohnrecht ist der Krieg gegen die Wohnungs­losen. Im Meer der Über­frem­dung ist Deutsch­sein die letzte Illusion von Identität, die letzte Insel.«
Heiner Müller

Dieses Zitat kann man auch als Beschrei­bung der aktuellen Lage, nicht nur in der Bundes­re­pu­blik verstehen.

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Wir könnten ihn heute gut brauchen. Was bleibt, sind immerhin die Filme von Alexander Kluge in dessen »dctp›, zum Beispiel dieser hier oder auch dieser.‹«

Das Lite­ra­tur­forum im Brecht-Haus begeht den 30. Jahrestag von Müllers Beer­di­gung mit einer Veran­stal­tung am 16. Januar, um 19 Uhr. Mit dabei sind Corinna Harfouch, Mark Lammert, Nikolaus Müller-Schöll und Stephan Suschke.