20.11.2025
Cinema Moralia – Folge 367

Tote Nazis leben kürzer

Hein Rühmann
Heinz Rühmann (1946)
(Foto: Deutsche Fotothek‎, · CC BY-SA 3.0 DE)

Keine Ehre mehr für Heinz Rühmann – Cinema Moralia, Tagebuch eines Kinogehers, 367. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Ein Freund bleibt immer Freund, und wenn die ganze Welt zusam­men­fällt.«
– Aus Heinz Rühmanns größten Hits

Jetzt wird, knapp 80 Jahre zu spät viel­leicht, der deutsche Film gesäubert. Die Film­för­de­rungs­an­stalt FFA wird, wie zu hören ist, eine Studie in Auftrag geben, die sich mit der »NS-Belastung« ehema­liger Vorstände und Gremi­en­mit­glieder beschäf­tigt. Voraus­ge­gangen war die aktuell von der SPIO, der Spit­zen­or­ga­ni­sa­tion der Film­wirt­schaft veröf­fent­lichte Studie des Instituts für Zeit­ge­schichte.

Aus der geht hervor, dass deutlich mehr ehemalige NSDAP-Mitglieder, NS-Funk­ti­onäre und NS-Täter zum Spit­zen­per­sonal dieses Dach­ver­bandes gehörten, als bisher bekannt war. 31 von 91 unter­suchten Personen stuft die Studie als in unter­schied­li­chem Maß belastet ein, unter ihnen mehrere Preis­träger der seit 1961 verge­benen Ehren­me­daille der deutschen Film­wirt­schaft.

Die SPIO reagiert darauf nun mit der etwas merk­wür­digen Entschei­dung, diese Ehren­me­daille einfach abzu­schaffen. Merk­würdig, weil ja am sich ein Ehren­preis nichts Schlechtes ist, und bestimmt auch viele Ehren­preis­träger der Vergan­gen­heit keine Nazis waren oder sind. Eine Über­re­ak­tion ist auch der Preis, der die Ehren­me­daille ersetzen soll: Bei diesem neuen Preis muss es nun nicht mehr nur um Verdienste um den Film, also die Kunst und die eigene Zustän­dig­keit gehen, sondern auch um »Verdienste um die Demo­kratie«. Das rela­ti­viert den künst­le­ri­schen Wert des Preises und klingt ein bisschen so, als ob in Zukunft poli­ti­sches Wohl­ver­halten prämiert werden soll.

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Der Preis wird nun allen belas­teten Preis­trä­ge­rinnen und Preis­trä­gern im Nach­hinein aberkannt. Bei Leni Riefen­stahl und dem Schau­spieler Heinz Rühmann ist das leicht zu verstehen, bei der weitaus arglo­seren und harm­lo­seren Schau­spie­lerin Olga Tschechowa fällt es mir schwerer. Wenn es nur darum gehen soll, wer alles »im Natio­nal­so­zia­lismus als Filmstar Karriere gemacht« hat, dann kann man den größten Teil der deutschen Nach­kriegs-Film­ge­schichte gleich in den Orkus kippen – übrigens auch im Osten.

»Wir begrüßen es sehr, dass die SPIO die NS-Belastung des eigenen Führungs­per­so­nals sowie der Empfänger der SPIO-Ehren­me­daille mit wissen­schaft­li­cher Expertise hat aufar­beiten lassen und daraus Konse­quenzen für zukünf­tige Auszeich­nungen zieht«, kommen­tiert FFA-Vorstand Peter Dinges. »Die Studie zeigt auf, in welchem Umfang Spit­zen­funk­ti­onäre der deutschen Film­wirt­schaft, auch solche der FFA, eine NS-Vergan­gen­heit hatten. Die FFA möchte dieses wichtige Thema nun auch für das eigene Haus mit einer Studie aufar­beiten.«

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Keine Ehre mehr für Heinz Rühmann ist unbedingt richtig. Aber wie geht man in Zukunft damit um dass der berühm­teste Rühmann-Film der rassis­ti­sche NS-Propa­gan­da­film Die Feuer­zan­gen­bowle als Winter-Vorweih­nachts­ver­gnügen und Studenten-Gaudi nach wie vor gern an deutschen Univer­si­täten gezeigt wird?
Zumal jede Vorfüh­rung einer AfD-Funk­ti­onärin Geld in die Kassen spült.

Mit toten Nazis wird man aber halt auch viel leichter fertig, als mit denen, die in der deutschen Politik noch höchst lebendig sind.

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Aktuellen Ärger hat Kultur­staats­mi­nister Wolfram Weimer. Der »Deutsch­land­funk« berichtet über Inter­es­sens­kon­flikte und unbe­ant­wor­tete Fragen, die Oppo­si­tion fordert Aufklärung.

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Der »Spiegel« hat sich statt­dessen in dieser Woche mal wieder auf das Dauer­thema des öffent­lich-recht­li­chen Rundfunks einge­schossen. Alle Gehälter der Inten­danten werden veröf­fent­licht, was vor allem den Sozi­al­neid des Publikums bedient, und der Sache, einem besseren Rund­funk­pro­gramm und etwas mehr poli­ti­scher Ausge­wo­gen­heit nicht dient. Man könnte ja mal die Gehälter der »Spiegel«-Redaktion veröf­fent­li­chen.
Insgesamt ein extrem kontra­pro­duk­tiver Titel-Aufmacher

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Versuchen wir mal über Stars zu reden. Angeblich kommt das Kino ja ohne sie gar nicht aus. Für manche sind sie »das Herz des Kinos« und in jedem Fall gibt es ziemlich viele, in seltenen Fällen auch ernst­zu­neh­mende Kollegen aus der Film­kritik, die sich vor allem als Star-Reporter verstehen. Sie melden dann aus Cannes, Venedig oder von der Berlinale komische Dinge, wie: »die Star­dichte« sei in diesem Jahr besonders groß, oder »die Stars stehen Schlange« (was sie, wenn sie wirkliche Stars sind, nie tun) und glauben, es sei lobens­wert, wenn ein Festival es angeblich geschafft hat, »in diesem Jahr« »ganz besonders viele Stars« zu holen. Die gemeinten Stars sind meistens Ameri­kaner, aber das ist nur das erste Problem. Denn tatsäch­lich liegt solchen Kommen­taren eine totale Fehlein­schät­zung zugrunde, die leider durch ihre Wieder­ho­lung auch noch in den Köpfen des Publikums einge­pflanzt wird.

Stars sind Mittel und nicht Zweck; sie sind die Instru­mente und nicht die Partitur; sie sind nicht der Inhalt, sondern sie sind leere Hüllen. Nur wenn sie sehr gute Schau­spieler sind, dann sind sie nicht ganz so leere Hüllen, dann geben sie dem, was sie spielen und verkör­pern sollen, tatsäch­lich etwas hinzu.

Stars sind genau dafür da, dass die breite Masse auf sie herein­fällt, sie sind dazu da, dass man in Boule­vard­me­dien und zunehmend auch in den boule­var­di­sierten Quali­täts­me­dien vermeiden kann, über Filme, das heißt über eine filmische Form, über den Stil und über die Geschichten, über die Inhalte zu reden.
Trotzdem ist das doch irgendwie alles in Ordnung so; es gibt keinen Grund, darüber zu lästern. Reduktion von Komple­xität ist die Aufgabe. Es ist sogar die Aufgabe der Film­kritik. Denn auch wir brechen natürlich sehr kompli­zierte Sachen runter.

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»Tut mir leid, New York, aber ich singe nicht für Kommu­nisten.«
Barbra Streisand hat unter­dessen alle ihre geplanten New Yorker Konzerte für nächstes Jahr abgesagt! Laut einer Erklärung ist Strei­sands Entschei­dung ein Zeichen für künst­le­ri­sche Inte­grität und Mitgefühl. Der Star betonte, dass sie sich »weigert, in einem Umfeld aufzu­treten, das von Spaltung oder Hass geprägt ist«. »Musik sollte Menschen verbinden, nicht spalten«, sagte Streisand. »Wenn Liebe und Respekt nicht will­kommen sind, bin ich es auch nicht.«
Streisand, die seit Langem dafür bekannt ist, ihre Bekannt­heit für Empathie, Wahrheit und Einheit einzu­setzen, meint den neu gewählten New Yorker Bürger­meister Zohran Mamdani, ohne Frage ein Link­saußen innerhalb der Demo­kra­ti­schen Partei, in dem auch manche einen Anti­se­miten und Israel-Feind sehen. In jedem Fall ist Mamdani, Jet-Set-Kino und Sohn der welt­be­kannten Film­re­gis­seurin Mira Nair und eines indischen Profes­sors, aber ein Angehö­riger der ameri­ka­ni­schen Cham­pa­gner-Linken, der Streisand selbst angehört.

(Anmerkung des Autors: Die hier oben fett und kursiv gesetzte Passage möchte ich zurück­nehmen. Es handelt sich hier und auch bei der verlinkten Seite, um einen – offenbare KI-gene­rierten – Hoax, also um Fake-News. Zwar bin ich nicht der Einzige, der darauf rein­ge­fallen ist, aber ich bitte alle unsere Leser um Entschul­di­gung. Danke an Marco Abel und Eva C. Schweitzer für Eure Hinweise.)