Cinema Moralia – Folge 367
Tote Nazis leben kürzer |
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| Heinz Rühmann (1946) | ||
| (Foto: Deutsche Fotothek, · CC BY-SA 3.0 DE) | ||
»Ein Freund bleibt immer Freund, und wenn die ganze Welt zusammenfällt.«
– Aus Heinz Rühmanns größten Hits
Jetzt wird, knapp 80 Jahre zu spät vielleicht, der deutsche Film gesäubert. Die Filmförderungsanstalt FFA wird, wie zu hören ist, eine Studie in Auftrag geben, die sich mit der »NS-Belastung« ehemaliger Vorstände und Gremienmitglieder beschäftigt. Vorausgegangen war die aktuell von der SPIO, der Spitzenorganisation der Filmwirtschaft veröffentlichte Studie des Instituts für Zeitgeschichte.
Aus der geht hervor, dass deutlich mehr ehemalige NSDAP-Mitglieder, NS-Funktionäre und NS-Täter zum Spitzenpersonal dieses Dachverbandes gehörten, als bisher bekannt war. 31 von 91 untersuchten Personen stuft die Studie als in unterschiedlichem Maß belastet ein, unter ihnen mehrere Preisträger der seit 1961 vergebenen Ehrenmedaille der deutschen Filmwirtschaft.
Die SPIO reagiert darauf nun mit der etwas merkwürdigen Entscheidung, diese Ehrenmedaille einfach abzuschaffen. Merkwürdig, weil ja am sich ein Ehrenpreis nichts Schlechtes ist, und bestimmt auch viele Ehrenpreisträger der Vergangenheit keine Nazis waren oder sind. Eine Überreaktion ist auch der Preis, der die Ehrenmedaille ersetzen soll: Bei diesem neuen Preis muss es nun nicht mehr nur um Verdienste um den Film, also die Kunst und die eigene Zuständigkeit gehen, sondern auch um »Verdienste um die Demokratie«. Das relativiert den künstlerischen Wert des Preises und klingt ein bisschen so, als ob in Zukunft politisches Wohlverhalten prämiert werden soll.
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Der Preis wird nun allen belasteten Preisträgerinnen und Preisträgern im Nachhinein aberkannt. Bei Leni Riefenstahl und dem Schauspieler Heinz Rühmann ist das leicht zu verstehen, bei der weitaus argloseren und harmloseren Schauspielerin Olga Tschechowa fällt es mir schwerer. Wenn es nur darum gehen soll, wer alles »im Nationalsozialismus als Filmstar Karriere gemacht« hat, dann kann man den größten Teil der deutschen Nachkriegs-Filmgeschichte gleich in den Orkus kippen – übrigens auch im Osten.
»Wir begrüßen es sehr, dass die SPIO die NS-Belastung des eigenen Führungspersonals sowie der Empfänger der SPIO-Ehrenmedaille mit wissenschaftlicher Expertise hat aufarbeiten lassen und daraus Konsequenzen für zukünftige Auszeichnungen zieht«, kommentiert FFA-Vorstand Peter Dinges. »Die Studie zeigt auf, in welchem Umfang Spitzenfunktionäre der deutschen Filmwirtschaft, auch solche der FFA, eine NS-Vergangenheit hatten. Die FFA möchte dieses wichtige Thema nun auch für das eigene Haus mit einer Studie aufarbeiten.«
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Keine Ehre mehr für Heinz Rühmann ist unbedingt richtig. Aber wie geht man in Zukunft damit um dass der berühmteste Rühmann-Film der rassistische NS-Propagandafilm Die Feuerzangenbowle als Winter-Vorweihnachtsvergnügen und Studenten-Gaudi nach
wie vor gern an deutschen Universitäten gezeigt wird?
Zumal jede Vorführung einer AfD-Funktionärin Geld in die Kassen spült.
Mit toten Nazis wird man aber halt auch viel leichter fertig, als mit denen, die in der deutschen Politik noch höchst lebendig sind.
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Aktuellen Ärger hat Kulturstaatsminister Wolfram Weimer. Der »Deutschlandfunk« berichtet über Interessenskonflikte und unbeantwortete Fragen, die Opposition fordert Aufklärung.
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Der »Spiegel« hat sich stattdessen in dieser Woche mal wieder auf das Dauerthema des öffentlich-rechtlichen Rundfunks eingeschossen. Alle Gehälter der Intendanten werden veröffentlicht, was vor allem den Sozialneid des Publikums bedient, und der Sache, einem besseren Rundfunkprogramm und etwas mehr politischer Ausgewogenheit nicht dient. Man könnte ja mal die Gehälter der »Spiegel«-Redaktion veröffentlichen.
Insgesamt ein extrem kontraproduktiver
Titel-Aufmacher
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Versuchen wir mal über Stars zu reden. Angeblich kommt das Kino ja ohne sie gar nicht aus. Für manche sind sie »das Herz des Kinos« und in jedem Fall gibt es ziemlich viele, in seltenen Fällen auch ernstzunehmende Kollegen aus der Filmkritik, die sich vor allem als Star-Reporter verstehen. Sie melden dann aus Cannes, Venedig oder von der Berlinale komische Dinge, wie: »die Stardichte« sei in diesem Jahr besonders groß, oder »die Stars stehen Schlange« (was sie, wenn sie wirkliche Stars sind, nie tun) und glauben, es sei lobenswert, wenn ein Festival es angeblich geschafft hat, »in diesem Jahr« »ganz besonders viele Stars« zu holen. Die gemeinten Stars sind meistens Amerikaner, aber das ist nur das erste Problem. Denn tatsächlich liegt solchen Kommentaren eine totale Fehleinschätzung zugrunde, die leider durch ihre Wiederholung auch noch in den Köpfen des Publikums eingepflanzt wird.
Stars sind Mittel und nicht Zweck; sie sind die Instrumente und nicht die Partitur; sie sind nicht der Inhalt, sondern sie sind leere Hüllen. Nur wenn sie sehr gute Schauspieler sind, dann sind sie nicht ganz so leere Hüllen, dann geben sie dem, was sie spielen und verkörpern sollen, tatsächlich etwas hinzu.
Stars sind genau dafür da, dass die breite Masse auf sie hereinfällt, sie sind dazu da, dass man in Boulevardmedien und zunehmend auch in den boulevardisierten Qualitätsmedien vermeiden kann, über Filme, das heißt über eine filmische Form, über den Stil und über die Geschichten, über die Inhalte zu reden.
Trotzdem ist das doch irgendwie alles in Ordnung so; es gibt keinen Grund, darüber zu lästern. Reduktion von Komplexität ist die Aufgabe. Es ist sogar die Aufgabe der
Filmkritik. Denn auch wir brechen natürlich sehr komplizierte Sachen runter.
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»Tut mir leid, New York, aber ich singe nicht für Kommunisten.«
Barbra Streisand hat unterdessen alle ihre geplanten New Yorker Konzerte für nächstes Jahr abgesagt! Laut einer Erklärung ist Streisands Entscheidung ein Zeichen für künstlerische Integrität und
Mitgefühl. Der Star betonte, dass sie sich »weigert, in einem Umfeld aufzutreten, das von Spaltung oder Hass geprägt ist«. »Musik sollte Menschen verbinden, nicht spalten«, sagte Streisand. »Wenn Liebe und Respekt nicht willkommen sind, bin ich es auch nicht.«
Streisand, die seit Langem dafür bekannt ist, ihre Bekanntheit für Empathie, Wahrheit und Einheit einzusetzen, meint den neu gewählten New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani, ohne Frage ein Linksaußen innerhalb der
Demokratischen Partei, in dem auch manche einen Antisemiten und Israel-Feind sehen. In jedem Fall ist Mamdani, Jet-Set-Kino und Sohn der weltbekannten Filmregisseurin Mira Nair und eines indischen Professors, aber ein Angehöriger der amerikanischen Champagner-Linken, der Streisand selbst angehört.
(Anmerkung des Autors: Die hier oben fett und kursiv gesetzte Passage möchte ich zurücknehmen. Es handelt sich hier und auch bei der verlinkten Seite, um einen – offenbare KI-generierten – Hoax, also um Fake-News. Zwar bin ich nicht der Einzige, der darauf reingefallen ist, aber ich bitte alle unsere Leser um Entschuldigung. Danke an Marco Abel und Eva C. Schweitzer für Eure Hinweise.)