05.10.2023

Fügungen des Schicksals

Das versteckte Kind
Spannendes psychologisches Kammerspiel: Das versteckte Kind
(Foto: Cinema! Italia!)

Zum 26. Mal tourt das Filmfestival CINEMA! ITALIA! durch Deutschland. In München machen die italienischen Filmtage vom 5. bis 18. Oktober 2023 Halt. Als roter Faden zieht sich durch alle Dramen und Komödien das Motiv einer Schicksalsgemeinschaft auf Zeit, die das Leben der Protagonistinnen und Protagonisten verändert

Von Elke Eckert

Gabriele hat früher als Pianist Konzerte gespielt, heute lebt der Musik­pro­fessor zurück­ge­zogen in einem Arbei­ter­viertel in Neapel und gibt Klavier­un­ter­richt. Eines Morgens entdeckt er den 10-jährigen Ciro in seiner Wohnung. Der Nach­bars­junge will sich bei Gabriele verste­cken, weil er in einen Unfall mit der Mutter eines Mafia-Bosses verwi­ckelt war und auch sein Vater der Camorra angehört. Der Professor zögert erst, Ciro Unter­schlupf zu gewähren. Doch dann beschließt er, dem Jungen zu helfen, wissend, dass er damit sein Leben riskiert… Roberto Andòs psycho­lo­gi­sches Kammer­spiel Das versteckte Kind (Il bambino nascosto) bezieht seine Spannung aus der immer inten­siver werdenden Beziehung zwischen dem einsamen Alten und dem rebel­li­schen Jungen und der bedroh­li­chen Situation, der die beiden auch in ihrem Refugium ausge­lie­fert sind. Der Regisseur hat nicht nur am Drehbuch mitge­schrieben, sondern ist auch der Autor der gleich­na­migen Roman­vor­lage. (Sonntag, 8.10., 18 Uhr / Donnerstag, 12.10., 18 Uhr / Mittwoch, 18.10., 18 Uhr)

Ein unglei­ches Gespann sind auch der 17-jährige Tarek und ein seltsamer Polizist, der den Jungen eines Nachts nötigt, in seinen Strei­fen­wagen zu steigen. Während der nächt­li­chen Fahrt durch entlegene Ecken Roms verstärkt sich Tareks Unbehagen, auch weil er immer weniger sicher ist, dass der Typ, der ihm seinen Willen aufzwingen will, tatsäch­lich ein Cop ist… Fulvio Risuleos dritter Langfilm Ghost Night (Notte Fantasma) ist ein unge­wöhn­li­ches und unwirk­lich wirkendes Roadmovie. Edoardo Pesce spielt den vermeint­li­chen Staats­diener angst­ein­flößend, Newcomer Yothin Claven­zani hält mit einer entwaff­nenden Gerad­li­nig­keit dagegen. Regisseur Risuleo ist in Rom geboren und aufge­wachsen, schon in seiner Jugend hat er kleine Kurzfilme gedreht. Kurz nachdem er sein Regie­stu­dium abge­schlossen hatte, wurde sein Kurzfilm Varicella 2015 in Cannes ausge­zeichnet. Ghost Night wurde beim Festival in Venedig urauf­ge­führt. (Freitag, 6.10., 20:30 Uhr / Dienstag, 10.10., 20:30 Uhr / Montag, 16.10., 18 Uhr)

Die Komödie Der Erzengel und ich (Beata te) dreht sich ebenfalls um eine Art Geis­ter­er­schei­nung. Single­frau Marta feiert als Thea­ter­re­gis­seurin Erfolge und hört auch mit 40 ihre biolo­gi­sche Uhr nicht ticken. Bis eines schönen Tages der Erzengel Gabriel vor ihr steht. Oder zumindest ein skurriler Bursche, der behauptet, genau dieser zu sein. Er macht Marta ein Angebot: Sie kann innerhalb der nächsten zwei Wochen entscheiden, ob sie Mutter werden will oder nicht. Weil der Erzengel sich in der Zwischen­zeit häuslich bei ihr einrichtet, bleibt Marta gar nichts anderes übrig, als sich Gründe für oder gegen ein Kind zu überlegen… Der märchen­hafte Plot basiert auf einem Thea­ter­s­tück. Bevor die Mailänder Regis­seurin Paolo Randi sich der Filmkunst widmete, studierte sie Jura und arbeitete bei verschie­denen NGOs. Ihren fanta­sie­vollen Film zeichnet eine gelungene Mischung aus Leich­tig­keit und Tiefgang aus. (Samstag, 7.10., 20:30 Uhr / Mittwoch, 11.10., 18 Uhr / Dienstag, 17.10., 18 Uhr)

Auch die Coming-of-Age-Geschichte Am Rand (Margini) hat mehrere Ebenen. Regisseur Niccolò Falsetti erzählt mit Witz, Selbst­ironie und einem großen Gespür für die Heraus­for­de­rungen der italie­ni­schen Provinz von drei Freunden aus dem toska­ni­schen Grosseto. Gemeinsam spielen sie in einer Punkband und kommen damit mehr schlecht als recht über die Runden. Bis sich endlich die große Chance zum Durch­bruch bietet: Defense, eine angesagte US-Band, will das Trio als Vorgruppe für ihr Konzert in Bologna. Als dieser Auftritt plötzlich abgesagt wird, beschließen die Jungs mit dem Mut der Verzweif­lung, Defense nach Grosseto zu holen… Falsettis Kinodebüt merkt man an, dass es auf eigenen Erfah­rungen beruht. Er und seine Co-Autoren stammen nicht nur aus Grosseto, sondern sind auch Punk­mu­siker. Deshalb kann Falsettis Film, der beim Film­fes­tival von Venedig urauf­ge­führt wurde, mit einer großen Glaub­wür­dig­keit punkten. (Montag, 9.10., 19:30 Uhr / Freitag, 13.10., 18 Uhr)

Ebenfalls auf wahren Bege­ben­heiten basiert die Tragi­komödie Alles nur Theater? (Grazie ragazzi). Schau­spieler Antonio versteht seine Arbeit als Berufung. Weil er deswegen finan­ziell oft kürzer­treten muss, nimmt er gerne das Angebot eines Freundes an, einen Thea­ter­work­shop für Häftlinge zu leiten. Als nur eine Handvoll Teil­nehmer kommt, beschließt Antonio, Samuel Becketts „Warten auf Godot“ mit ihnen zu proben. Nach und nach schafft er es, das Vertrauen seiner Schütz­linge zu erlangen, nur die Gefäng­nis­di­rek­torin bleibt miss­trau­isch… Regisseur Riccardo Milani gelingt das Kunst­stück, einer Geschichte, die schon mehrfach als Vorlage diente, seine ganz eigene Hand­schrift zu geben. Milani, der am Anfang seiner Karriere unter anderem als Assistent von Nanni Moretti gear­beitet hat, wirft in seinem Film exis­ten­zi­elle Fragen auf. Und das sehr mitreißend, emotional und ironisch. (Donnerstag, 5.10., 18 Uhr / Samstag, 14.10., 18 Uhr)

Anläss­lich des 50. Todes­tages der italie­ni­schen Film­le­gende Anna Magnani und des 101. Geburts­tages von Star­re­gis­seur Pier Paolo Pasolini wurde der Film­klas­siker Mamma Roma von 1962 in restau­rierter Fassung ins dies­jäh­rige Programm aufge­nommen. Eine Prosti­tu­ierte zieht in dem Verlangen, ihr altes Leben hinter sich zu lassen und ihrem Sohn ein besseres zu ermög­li­chen, von der römischen Vorstadt in ein bürger­li­ches Viertel. Doch ihr früherer Zuhälter, der auch der Vater des Jungen ist, und ihre übergroße Mutter­liebe führen sie und ihren Sohn nicht in eine gute Zukunft, sondern immer weiter in den Abgrund … Das sozi­al­kri­ti­sche Drama war Pasolinis zweiter Spielfilm. Nach dessen Premiere vor 60 Jahren kam es zu heftigen Protesten, die in einer Anzeige wegen »Verstoßes gegen das allge­meine Anstands­ge­fühl« gipfelten. (Sonntag, 15.10., 11 Uhr)

Alle Filme werden im italie­ni­schen Original mit Unter­ti­teln in der Theatiner Filmkunst gezeigt.