06.07.2023
40. Filmfest München 2023

Ein weites Feld

AND THE KING SAID, WHAT A FANTASTIC MACHINE
Der Drang nach immer mehr, immer gewagteren und verrückteren Bildern... (in: And The King Said, What A Fantastic Machine)
(Foto: 40. Filmfest München)

Die für das 40. Kinderfilmfest ausgewählten Filme umfassten in diesem Jahr ein besonders breites Spektrum

Von Christel Strobel

In der Film­fes­tival-Land­schaft ist es schon etwas Beson­deres, dass ein Kinder­film­fest genauso lange existiert wie das »große« Filmfest. Dieses Ereignis würdigte auch das jetzige Kinder­film­fest-Leitungs­team Tobias Krell & Tobias Obermeier:
»Ende Juni heißt es wieder eine Woche lang: KINDERFILMFEST MÜNCHEN. Und in diesem Jahr feiern wir eine ganz spezielle Ausgabe. Denn genau wie das FILMFEST MÜNCHEN haben wir Geburtstag und werden stolze 40 Jahre alt! Und das muss gebühr­lich gefeiert werden – und das am besten mit ganz viel Scha­ber­nack.«

Das war schon mit dem Eröff­nungs­film Neue Geschichten Vom Pumuckl – von Marcus H. Rosen­müller mit Gespür für diese urbay­ri­sche Geschichte über­zeu­gend neu verfilmt – in jeder Hinsicht garan­tiert. Mit der Fern­seh­serie Meister Eder und sein Pumuckl (1979-1988; TV-Erst­aus­strah­lung 1982) sind schon ganze Gene­ra­tionen aufge­wachsen. Die neuen Geschichten (drei gefühl­volle wie zauber­hafte Folgen waren für den Eröff­nungs­film zusam­men­ge­fasst und ergaben ein rundes Ganzes) werden weitere Gene­ra­tionen und deren Eltern erfreuen, schon allein weil es keine Geschichten aus der alten Zeit sind, sondern außer vergnüg­li­chen Szenen mit viel Sinn für Situa­ti­ons­komik auch nach­denk­liche Begeg­nungen vorkommen, wie der gemein­same Besuch der Kinder an Meister Eders Grab am Friedhof. Der Münchner Schau­spieler Florian Brückner ist eine konge­niale Besetzung für Meister Eders Neffen Florian Eder und dass die Stimme des Kaba­ret­tisten Maxi Schafroth in der Rolle vom Pumuckl dank KI wie die des legen­dären Hans Clarin seiner­zeit klingt, ist ein sicheres Zeichen für eine moderne Verfil­mung.

Dass die Neuen Geschichten vom Pumuckl schließ­lich den Kinder­film­fest-Publi­kums­preis erhielten und damit eine weitere ausver­kaufte Vorstel­lung, war kein Wunder bei dieser hörbaren Begeis­te­rung des Kino­pu­bli­kums.

Eine zweite – fast namens­gleiche – Neuver­fil­mung im Kinder­film­fest-Programm war mit der öster­rei­chisch-deutschen Kopro­duk­tion Neue Geschichten vom Franz zu sehen. Die Vorlage war hier der zweite Teil des bekannten und erfolg­rei­chen Kinder­buchs von Christine Nöst­linger. Mit viel Sinn für das Wiener Milieu insze­nierte Johannes Schmid eine Sommer­ge­schichte von Franz, Gabi und Eberhard, eigent­lich Freunde, die aber in diesen Sommer­fe­rien in Streit geraten, dann aber doch wieder zusam­men­halten, als es um die des Dieb­stahls verdäch­tige Nachbarin geht. Die Geschichte nimmt aber einen ganz anderen Verlauf. Mit diesem turbu­lenten Krimi knüpfte Johannes Schmid an seine früheren Filme für ein junges Publikum an (Blöde Mütze!, Winter­tochter).

Die für das 40. Kinder­film­fest ausge­wählten Filme umfassten in diesem Jahr ein besonders breites Spektrum: Richteten sich die »Neuen Geschichten« eher an ein jüngeres Publikum, so behandeln die folgenden drei Filme Themen, die für Jugend­liche inter­es­sant und nach­voll­ziehbar sind. Die Sektion »Gene­ra­tion« bei der Berlinale hat aus diesem Grund die Zwei­tei­lung in »Gene­ra­tion Kplus« (6-12 J.) – man mag über diesen »tech­no­kra­ti­schen« Begriff irritiert sein – und »Gene­ra­tion 14plus« schon vor Jahren einge­führt, was sich bewährt hat.

Im Münchner Kinder­film­fest wäre die deutsche Produk­tion Boyz von Sylvain Cruiziat (Buch und Regie – FSK: 12, hier empfohlen ab 14 J.) dafür ein gutes Beispiel. Der Film lief auch in der Reihe »Neues deutsches Kino«.
»Sylvain Cruiziat nutzt die Vertraut­heit zu seinem Bruder, um ein faszi­nie­rend intimes Doku­men­tar­por­trät über die Sorgen und Wünsche einer jungen Gene­ra­tion zu zeichnen.« Entstanden ist das sympa­thi­sche Bild einer unbe­schwerten Studen­ten­gruppe in München, einer intimen Freund­schaft – und »es wird sichtbar, was hinter der Fassade der männ­li­chen Jugend nur schwer zu erahnen ist.«

Auch der kana­di­sche Film Before I Change My Mind von Trevor Anderson (FSK und empfohlen ab12 J.) wendet sich an Zwölf­jäh­rige aufwärts und erzählt – sensibel und humorvoll – in seinem Coming-of-Age-Film, der 1987 in der kana­di­schen Provinz spielt, vom non-binären Robin, der neu in die Klasse kommt und zunächst auf Ablehnung stößt. Über­ra­schend entsteht mit dem rüpel­haften Schul­ka­me­raden Carter eine Verbin­dung, die für Robin plötzlich proble­ma­tisch wird. Dieser Film war auch für die Reihe »Inter­na­tional Inde­pend­ents« program­miert.

Mit dem türki­schen Film Schuld von Ümran Safter (Buch und Regie – FSK ab 6, hier empfohlen ab 12) wurde das eindring­liche Beispiel eines eman­zi­pa­to­ri­schen Mädchen­films vorge­stellt. Wie immer verbringt Reyhan, inzwi­schen 13 Jahre, die Sommer­fe­rien mit ihrer Mutter in einem anato­li­schen Dorf bei der strengen und nach alther­ge­brachten Regeln lebenden Groß­mutter. Reyhan ist in einem Alter, das nicht mehr alles gläubig hinnimmt und so kommt es immer wieder zu ange­spannten Situa­tionen. Als die 13-Jährige ihre erste Periode bekommt, beseitigt sie – unter den primi­tiven länd­li­chen Umständen – alle Spuren aus Angst vor den reli­giösen Ritualen der Groß­mutter. Diesem »Feri­en­leben« wider­setzt sich Reyhan immer stärker, zunächst auf ihre leise, aber beharr­liche Art, doch der Wunsch nach Unab­hän­gig­keit lässt sich nicht unter­drü­cken, was der Schluss des Films eindrucks­voll zeigt.
Eine spontane Ergänzung des anschließenden Film­ge­sprächs kam mit Reyhan (!), der türkisch-stämmigen Über­set­zerin und Einspre­cherin, die nach dem Film ihren Platz in der Kabine verließ, zur Bühne wechselte und eigene Erfah­rungen in das Gespräch einbrachte.

Mit Ernest & Célestine:, dem fanta­sie­vollen Anima­ti­ons­film von Jean-Chris­tophe Roger & Julien Chheng, Frank­reich 2022, war eine neue Geschichte der beiden liebens­werten Figuren zu sehen. Diesmal begeben sich der Bär Ernest und seine beste Freundin, die kleine Maus Célestine, auf eine Reise ins Unbe­kannte. Nachdem Ernests Geige kaputt gegangen ist, wollen sie diese in Ernests ferner Heimat repa­rieren lassen. Doch als sie ankommen, stellen sie fest, dass seit vielen Jahren dort jegliche Art von Musik verboten ist und ein strenges, Furcht einflößendes Regime darüber wacht. Unvor­stellbar! Das kann so nicht bleiben – und dafür lassen sich Ernest und Célestine was einfallen, denn die Gegner sind stark. In der gegen­wär­tigen Weltlage bietet der Film eine Reihe von aktuellen Bezügen zum Gespräch.

Auch Nelly Rapp, die Heldin der gleich­na­migen Buchreihe von Martin Widmark, gewinnt in ihrem zweiten Film Nelly Rapp – Der dunkle Wald an Stärke, nachdem sie im ersten Teil das Fami­li­en­ge­heimnis gelüftet hat und nun selbst als uner­schro­ckene Mons­ter­agentin auftritt. Die Suche nach dem geheim­nis­vollen Spiegel des Todes führt sie in den gefürch­teten dunklen Wald, in dem schreck­liche Gestalten und Werwölfe hausen und in dem einst ihre Mutter verschwand. Matilda Gross als Nelly Rapp ist ein Glücks­fall, sie verkör­pert diese Rolle ganz souverän, weiß, was sie will und was notwendig ist für die Suche ihrer Mutter, die aber in dieser Folge noch nicht erfolg­reich ist.

CineKindl Award – Preis­träger
Der 2022 erstmalig verlie­hene Preis CineKindl Award ist mit 2.500 € dotiert und wird von megaherz gestiftet. In die drei­köp­fige Jury, die den Gewin­ner­film wählt, waren in diesem Jahr die Regis­seurin Joya Thome, der Kame­ra­mann Philip Henze und die Produ­zentin Maite Woköck berufen. Ihr eindeu­tiger Favorit der nomi­nierten Filme war Nelly Rapp – Der dunkle Wald von Johan Rosell, Schweden 2023:
»Der Film hat sowohl die Kinder als auch uns als Erwach­sene auf vielen Ebenen begeis­tert. Er erzählt das große Abenteuer von Mons­ter­agentin Nelly Rapp auf sehr spannende, lustige und berüh­rende Art und Weise. Dabei zeichnet er all seine Figuren unter­haltsam und immer authen­tisch. Der Film wert­schätzt Kinder als anspruchs­volles Publikum und funk­tio­niert dadurch quasi als Neben­ef­fekt für jedes Alter. Das tolle Zusam­men­spiel der Insze­nie­rung von Regisseur Johan Rosell mit allen anderen Gewerken lässt die Zuschauer in Nellys Welt eintau­chen und bescherte uns ein begeis­terndes Kino­er­lebnis.«

Lobende Erwähnung
Den Drang nach immer mehr, immer gewag­teren und verrück­teren Bildern, macht der tempo­reiche Doku­men­tar­film And The King Said, What A Fantastic Machine von Axel Danielson und Maxi­mi­lian Van Aertryck (Schweden / Dänemark 2022, 88 Min., FSK und empfohlen ab 12) zum Thema. Ausgehend von der Frage, welchen Einfluss das zunächst foto­gra­fi­sche Standbild hatte, dem die rapide Entwick­lung des bewegten Bildes folgte, bis hin zur Bilder­flut der sozialen Medien, die uns heute tagtäg­lich umgibt. Wie bereits der Titel andeutet, ist es ein außer­ge­wöhn­li­cher Film: mit Archiv­ma­te­rial über­bor­dend und atem­be­rau­bend belegt – aber auch nach­denk­lich und medi­en­kri­tisch – für das junge Publikum ausdrück­lich empfohlen!

Der Film erhielt von der Kinder­film­fest-Jury eine Lobende Erwähnung: »Es ist uns ein beson­deres Anliegen, diesen Film hervor­zu­heben. Statt das Thema nur auf theo­re­ti­scher Ebene zu erfassen, hat er uns ermög­licht, die Macht der Bilder am eigenen Leib zu erfahren.«

Alles in allem hat das Kinder­film­fest München in seinem 40. Jahr einen nach­hal­tigen Eindruck hinter­lassen. Das ausge­wählte Film­pro­gramm war viel­seitig, mit Geschichten, die Spaß machten, aber auch Filmen mit ernsten Bege­ben­heiten, die die Kinder heraus­for­derten. Die Frage der Alters­eig­nung unter dem allge­meinen Begriff »Kinder­film­fest« bzw. deren Diffe­ren­zie­rung sollte struk­tu­rell überdacht werden – auch wenn die empa­thi­sche Begrüßung von »CheckerTobi« Tobias Krell vor jedem Film schon eine erwar­tungs­freu­dige Atmo­sphäre schafft – besonders, wenn die Vorstel­lung im vollen Audimax der Hoch­schule für Film und Fernsehen HFF statt­findet, und das war oft der Fall. Überhaupt ist die HFF der ideale Ort fürs Kinder­film­fest, der sowohl den Kinder­film­fest-Leiter am Podium als auch das Publikum im groß­zü­gigen Saal beflügelt! In diesem Sinne können wir uns auf weitere Jahre freuen…