25.05.2023

Wo Pommes???

All the Beauty and the Bloodshed
All the Beauty and the Bloodshed: Mehr als eine zusammengekleisterte stimmungsvolle Collage?
(Foto: Plaion Pictures/Studiocanal)

Dokumentarfilme im Mai Teil 2 – Der Dokumentarfilm und die Kunst: Zu All the Beauty and the Bloodshed von Laura Poitras und Charlotte Salomon, Life And The Maiden von Delphine und Muriel Coulin

Von Nora Moschuering

Betritt man den Kunstbau des Lenbach­hauses und damit die Ausstel­lung »Leben? oder Theater?«, so wird man durch drei Akte eines Sing­spiels geführt, das Lebens­werk Charlotte Salomons (1917 Berlin – 1943 Auschwitz), das innerhalb von zwei Jahren in Südfrank­reich entstanden ist. Der Ausstel­lungs­raum öffnet sich zu einem Theater oder auch einem Kino, in dem man in seiner eigenen Zeit von Bild zu Bild und von Szene zu Szene geht. Jedes Bild ist dabei eine eigene Geschichte, ein Gefühl, eine Kompri­mie­rung und Ausar­bei­tung gelebter und geträumter Momente. Das Singspiel, die Musik, spielt dabei auf mehreren Ebenen eine Rolle, sowohl inhalt­lich, z.B. durch die Stief­mutter Paulinka Bimbam, die Sängerin ist oder Amadeus Daberlohn, Kriegs­heim­kehrer und Gesangs­pä­d­agoge, als auch als Musik­ein­lagen in den Szenen, die als Notizen auf den Blättern stehen. Man folgt Salomons Geschichte und Geschichten: sie erzählt vom Freitod ihrer Tante, dem Leben ihrer Mutter, der Liebes­ge­schichte ihrer Eltern, der eigenen Geburt, dem Leben in Berlin, dem Verlust der Mutter, der Stief­mutter – eben jener Paulina Bimbam –, der ersten Liebe – eben zu jenem Amadeus Daberlohn –, der Flucht vor den Natio­nal­so­zia­listen nach Südfrank­reich zu den Großel­tern und dem Finden des Zeichnens und Malens als Ausdruck. Salomon arbeitet das Biogra­fi­sche, die Figuren, subjektiv aus, addiert Dinge, fügt Szenen hinzu, erinnert sich, meint sich zu erinnern, erinnert sich für andere. Dabei geht es um zwischen­mensch­liche Bezie­hungen, Depres­sion, Liebe, Erwar­tungs­hal­tungen, das Verhältnis von Männern und Frauen, aber auch um das Leiden durch den 1. Weltkrieg und die Mach­ter­grei­fung der Natio­nal­so­zia­listen. Salomon malt sich eine Lebens­er­zäh­lung, ein Verwo­ben­sein ihrer Gefühle mit der Umgebung.
Die Raum­er­fah­rung der Ausstel­lung ist sehr zu empfehlen, das Jewish Cultural Quartier in Amsterdam hat das gesamte Werk aber auch aufge­ar­beitet, Musik hinzu­ge­fügt und zugäng­lich gemacht.

CHARLOTTE SALOMON, LIFE AND THE MAIDEN
Auf dem DOK.fest lief Charlotte Salomon, Life And The Maiden von Delphine und Muriel Coulin, ein Doku­men­tar­film, der wie Salomons Werk ebenso doku­men­ta­risch wie fiktional ist. Die beiden Regis­seu­rinnen ergänzen Salomons Bilder durch Archiv­ma­te­rial, das aus der erzählten Zeit stammt, also etwas vom »echten« Leben mit reinnimmt. Sonst konzen­trieren sie sich auf Salomons Bilder, die sie dezent animieren, ohne dabei etwas hinein­zu­geben, was nicht in den Bildern liegt. Die Erfahrung im Kino ist dabei noch mal eine andere als im Museum, man bewegt sich nicht selber durch die Geschichte, sondern die Bilder kommen einem in Groß näher, man wird geleitet und sie werden gewichtet. Vicky Krieps spricht Charlotte Salomon mit dieser leicht rauen, etwas knar­zenden Zartheit, die einer­seits Verletz­lich­keit, aber auch Stärke und Trotz trans­por­tiert.

Charlotte Salomon, Life And The Maiden ist die sensible Über­tra­gung einer Kunst in eine andere, ohne dass dabei die andere, also der Film, vergisst, was er für eigene Quali­täten hat. Damit ist er dem Film All the Beauty and the Bloodshed (»All die Schönheit und das Blut­ver­gießen«, Goldener Löwe in Venedig) von Laura Poitras nicht unähnlich, der Nan Goldins Leben und Werk behandelt.

ALL THE BEAUTY AND THE BLOODSHED
Anders als der Film Charlotte Salomon, der sehr konzen­triert und klar in seinen Bildern und Text­pas­sagen ist und Zeit und Lücken für eigene Gedanken lässt, hat dieser Film fast etwas Barockes, etwas Über­bor­dendes, denn hinter jeder Falte, die sich auftut, kommt wieder eine neue Falte zu Tage und noch eine. Da sind die zwei Haupt­themen: Der Kampf der Foto­grafin Goldin gegen die Familie Sackler und ihren Pharma-Konzern Perdue, der das Opioid Oxycontin herstellt und vertreibt und nach­ge­wie­sen­er­weise für die Opioid-Krise in den USA mitver­ant­wort­lich ist. Die Familie tritt gleich­zeitig als große Mäzenin zahl­rei­cher Kultur­in­sti­tu­tionen auf, in denen auch Werke von Goldin ausge­stellt sind. Die andere Falte: Das Leben und Werk der Künst­lerin Goldin, die selber Oxycontin-abhängig war, nachdem sie es wegen einer Hand­ge­lenk-OP verschrieben bekommen hatte. Man folgt ihr durch die 70er- und 80er-Jahre, nach dem Selbst­mord ihrer Schwester und dem Verlassen ihrer Familie und mit ihrer queeren Wahl­fa­milie, die sie in ihren Foto­gra­fien zeigt.

Das ist eine nahe­lie­gende Entschei­dung, die in der Umsetzung aber komplex ist, entstanden ist dadurch ein sehr dichter Film, bei dem man ab und an verpasst, aus Fakten ein Gefühl zu entwi­ckeln oder anders­herum. Beispiels­weise vergisst man aufgrund eines guten Gefühls, dass die Fakten gar nicht so gut sind. 2021 beispiels­weise müssen drei Sackler-Familien-Mitglieder per Zoom Opfer anhören. Das ist gelinde gesagt eigent­lich nichts, bedenkt man, dass sie für Hundert­tau­sende von Opioid-Toten mitver­ant­wort­lich sind und mit einem lächer­li­chen Vergleich aus dem Gerichts­ver­fahren kommen, u.a. weil Perdue Pharma Konkurs anmeldet und damit die Fami­li­en­mit­glieder Milli­ar­däre bleiben. Der Film verkauft diese Anhörung wie einen sehr emotio­nalen Sieg. Das ist viel­leicht auch ein Hollywood-Thema: Die »David gegen Goliath-Geschichte«, sie muss gut ausgehen (wobei hier mal dahin­ge­stellt sein mag, ob ausge­rechnet Goldin eigent­lich ein »David« ist). Hier wäre ein bisschen mehr Zeit für Reflexion und auch Wut gut gewesen und ein Blick auf das große Ganze, z.B. auf Justiz- und Staats­ver­sagen. Die Sacklers haben Oxycontin mit der aggres­siven und falschen Behaup­tung vermarktet, dass es nicht stark sei und nicht süchtig mache, bei einem Opioid, das chemisch mit Heroin verwandt und doppelt so stark wie Morphium ist.

Poitras arbeitet hier ganz anders als bei dem im Vergleich dazu »mini­ma­lis­ti­schen« Citi­zen­four (2014), für den sie den Oscar bekommen hat und der zum großen Teil aus einem Interview mit dem Whist­le­b­lower Edward Snowden in einem Hotel besteht. All The Beauty And The Bloddshed wurde von Goldin produ­ziert und man kann davon ausgehen, dass es ein kolla­bo­ra­tives Filme­ma­chen war, denn wie Salomons Bilder sind auch Goldins Foto­gra­fien cine­as­tisch, sie hat sowohl ein Gefühl für Bilder als auch fürs Geschich­ten­er­zählen. Ihr bekann­testes Werk: »Die Ballade von der sexuellen Abhän­gig­keit« besteht aus 800 Bildern und zeigt die schwie­rige Beziehung von Männern und Frauen und wurde in privaten Kreisen, in Bars, Galerien, Museen, aber auch in Kinos, als Diashow mit Musik gezeigt. Goldin hatte zudem schon Material der Aktionen gegen die Sackler-Familie gefilmt, bevor 2019 Poitras in das Projekt einstieg. Goldin ist sich der Bedeutung von Sicht­bar­ma­chung und Öffent­lich­keit bewusst, für ihre Foto­gra­fien und sicher für diesen Film: »Ich war immer eine Akti­vistin!« Auch der Film hat eine klare Haltung, er begleitet die doch recht kleine P.A.I.N.-Gruppe, »Prescrip­tion Addiction Inter­ven­tion Now«, die von Goldin gegründet wurde, bei ihren Aktionen, z.B. im Metro­po­litan Museum of Art (MET) oder im Guggen­heim Museum, wo sie Pillen­dosen und Rezepte verteilen und sich auf den Boden legen oder bei Demons­tra­tionen oder Einsatz­be­spre­chungen: Der Gegner ist klar. Anhand der Familie Sackler wird das Thema »Artwa­shing« ange­spro­chen. In den USA wird Kunst zum größten Teil privat gefördert, durch Stif­tungen und Mäzene, die damit auch ihren Namen und Image rein­wa­schen. Genau dagegen möchten Goldin und P.A.I.N. vorgehen, sie möchten, dass die Namen der Sacklers aus den Galerien verschwinden und diese kein Geld mehr von ihnen annehmen und, Spoiler, der Gruppe gelingt es – das ist das große »Happy End«.

Das ist auch beileibe kein Thema, das Goldin ange­stoßen hat. 2014 gab es Proteste, als das MET eine Spende des Multi­mil­lionärs David H. Koch annahm, dessen Familie zu den Haupt­un­ter­s­tüt­zern der rechts­kon­ser­va­tiven Tea-Party-Bewegung gehören. In Deutsch­land sind viel­leicht die Proteste rund um den Sammler Friedrich Christian Flick bekannt, Erbe des Flick-Konzerns, der 2003 seine Sammlung dem Hamburger Bahnhof geben wollte. Das Vermögen von Flick entstand durch Rüstungs­fa­briken, in denen Kriegs­ge­fan­gene und KZ-Häftlinge während des Natio­nal­so­zia­lismus ausge­beutet wurden. Natürlich war das ein Versuch, den Namen Flick auf eben diesem Weg von der Asso­zia­tion mit NS-Verbre­chen zu befreien. Ein aktueller Fall ist der Protest um die Kunst­aus­stel­lung »Dimen­sions« in Leipzig, die vom US-ameri­ka­ni­schen Daten­ana­lyse-Unter­nehmen Palantir gesponsort wird, das durch den rechts­kon­ser­va­tiven Peter Thiel gegründet wurde.

Zurück zum Film: Parallel zu der Erzählung der Aktionen geht es von Beginn an in einer anderen Ebene von den 60er-Jahren bis ins Heute (Goldin ist 1953 geboren). Den Rahmen bildet dabei ihre Schwester und deren Selbst­mord: Es geht um eine gutbür­ger­liche Fassade, Frau­en­fi­guren und ihre Schick­sale, Schweig­sam­keit und Verdrän­gung und besonders das Loch, das ihre Schwester hinter­ließ (ähnlich wie die Tante und die Mutter bei Salomon). Die Fami­li­en­fotos reiht der Film auf wie Goldins Fotostre­cken. Sie beschreibt ihr Leben in Pfle­ge­fa­mi­lien, ihre lähmende Schüch­tern­heit und Sprach­lo­sig­keit, bis sie auf David trifft, einen Freund und Foto­grafen. Goldin: »Wir haben uns gegen­seitig befreit!«, durch ihn begann sie zu foto­gra­fieren. Sie zieht mit ihrer Wahl­fa­milie zusammen, beschreibt aber auch Bezie­hungen, die man heute als toxisch bezeichnen würde, und zeigt Orte, wie die Tin Pan Alley Bar am Times Square, in der sie als Barkee­perin gear­beitet hat und die von Frauen geleitet wurde. Ende der 70er zieht sie in die Bowery, sie macht Kunst, arbeitet als Tänzerin und Sexar­bei­terin und stellt zum ersten Mal ihre Bilder aus. HIV bricht aus und der Inter­es­sens­ver­band Act Up entsteht, der gegen die Stig­ma­ti­sie­rung der Krankheit kämpft. Hier sind große Paral­lelen zur Opioid-Krise und P.A.I.N. zu finden. Das sind nur einige der Verstre­bungen, die es im Film gibt, und man kann doch viel mehr von einem drei­di­men­sio­nalen Myzel sprechen als von Falten.

Ich habe für diesen Text noch eine Reibungs­fläche gefunden: Einen Artikel von Catrin Lorch, der am 25.04.23 im SZ-Feuil­leton erschienen ist: Im Rausch des Erzählens. Der Text hat seit seinem Erscheinen in mir gear­beitet und das nicht nur, weil hier Begriffe einer­seits so lapidar genutzt wie ande­rer­seits so vehement und absolut gesetzt werden: Die Begriffe Kunst, Doku­men­ta­tion und Doku­men­tar­film.

Catrin Lorch beginnt mit: »Laura Poitras hat einen Film über die Foto­grafin Nan Goldin und ihren Kampf gegen schmut­ziges Geld in der Muse­ums­welt gemacht. Doch ist das noch Doku­men­ta­tion oder schon ein eigenes Kunstwerk?« Also ja, gute Frage. Oder halt nein: Gibt es da, zwischen diesen beiden Polen nicht noch etwas anderes? Den Doku­men­tar­film – oder auch den künst­le­ri­schen Doku­men­tar­film und unsere Rich­tungs­nei­gung, etwas klarer zu setzen? Viel­leicht ist das als Einfüh­rung catchy, ich weiß es nicht, aber zu was führt das eigent­lich: Kunst­be­flis­sene nicken und denken sich: Oho Kunst im sonst nur für Unter­hal­tung bekannten Kino, aber da stehe ich dann Schlange mit den Indiana Jones-Fans und die, die auf Infor­ma­tionen hoffen: Oha, das kann aber nicht gutgehen, ich mache lieber das TV an. Beide Seiten sind verwirrt. Das kann dazu führen, dass sie weiter­lesen, ihre Verwir­rung lösen wird das aber nicht.

Stellen wir uns den Doku­men­tar­film doch mal als eigenes filmi­sches Kunstwerk vor, auch hier gibt es sie nämlich, die deko­ra­tive, die l’art pour l’art, die unter­hal­tende, die akti­vis­ti­sche, surreale, expres­sive, perfor­ma­tive, ruhige, laute, aufklä­re­ri­sche, provo­kante, essay­is­ti­sche ... Kunst. Die klas­si­sche Doku­men­ta­tion ist die Art Fern­seh­for­ma­tie­rung und -Normie­rung, die eher selten ins Kino kommt, sondern in Sender­a­b­läufe und Struk­turen passt, einen anderen Auftrag hat und jour­na­lis­ti­scher arbeitet. Das heißt freilich nicht, dass ein Kino-Doku­men­tar­film nichts mit jour­na­lis­ti­schem Arbeiten zu tun haben muss, aber dazu gleich mehr.

Etwas später: »Im Mai läuft All the Beauty and the Bloodshed in deutschen Kinos an. Aber handelt es sich da wirklich um einen Doku­men­tar­film?« – gut also jetzt eben ein anderer Begriff, sie scheinen hier synonym verwendet zu werden. »Als Genre ist die Art von doku­men­ta­ri­schem Künst­ler­film, zu der All the Beauty and the Bloodshed gehört, noch vergleichs­weise jung. Es dauerte, bis Film- und Video­künstler zu der Unbe­fan­gen­heit fanden, die es braucht, um die Kamera so subjektiv zu verwenden wie Stift, Pinsel, Meißel«. Nun also »doku­men­ta­ri­scher Künst­ler­film«, das finde ich eigent­lich einen inter­es­santen Begriff, er meint also keine Künstler*innen-Biografie, sondern einen Film von einem Künstler oder einer Künst­lerin selber, der doku­men­ta­risch ist, also ein Kunstwerk. Wir erinnern uns an die Regis­seurin des Films, Laura Poitras (by the way Oscar-Gewin­nerin), die hier kurz mal wegge­wischt oder zu Goldins Hand­lan­gerin wird oder zu ihrem Stift, Pinsel oder Meißel.
Poitras wird von Lorch als »Chro­nistin einer David-gegen-Goliath-Geschichte« (ja das habe ich von ihr im oberen Teil des Textes zitiert) bezeichnet. Ich habe eben versucht, die vielen Facetten des Filmes zu beschreiben, seine Dichte, ihn als reine Chronik zu bezeichnen ist schon gewagt, denn eben diese sehr drama­tur­gi­sche David-gegen-Goliath-Geschichte muss ja von jemandem heraus­ge­ar­beitet werden. Außerdem geht es niemals einfach nur um eine reine Beglei­tung, die gibt es ohnehin nicht, immer stehen Fragen der Nähe, der Entfer­nung, der Perspek­tive, der Einstel­lungen, der Kame­ra­be­we­gung, der Vorbe­rei­tung und des Tons im Raum, ganz zu schweigen von Inter­views, Schnitt, Musik, Archiv­ma­te­rial, der Einbet­tung der Foto­ar­beiten von Goldin, der Einbet­tung der eigenen Person, der gesamten zusam­men­fas­senden Drama­turgie, des Grading und der Tonmi­schung ... puh, Atem holen ... also die Mittel, die Filme haben und die Poitras verwendet.

Lorch macht weiter: »(...) – doch wirft der Film durchaus Fragen auf zu einem Genre, das sich immer mehr durch­setzt: dem radikal subjek­tiven Doku­men­tar­film, dessen Thema selbst der Chef ist. Produ­ziert hat ihn Nan Goldin selbst. ›Es ist meine Stimme, die meine Geschichte erzählt in meinen Bildern, also muss es vor allem für mich wahr sein, es muss das zum Ausdruck bringen, was ich sagen will‹, sagte Goldin in einem Interview«, das ist tatsäch­lich von Goldin nicht weit gedacht und auch arrogant und ignorant. Zum »radikal subjek­tiven Doku­men­tar­film« (viel­leicht so was wie der biogra­fi­sche Autor*innenfilm?): Den gibt es schon eine ganze Weile und er ist zahlreich. Hier ein paar Filmtipps vom dies­jähirgen DOK.fest: Hypermoon von Mia Engberg, A Adieu Sauvage von Sergio Guata­quira Sarmiento oder einfach alle Tage­buch­filme von Jonas Mekas oder Jan Peters. Das sind Filme­ma­cher*innen, die Filme über sich machen, die Künst­lerin Goldin aller­dings macht keinen Film selber, über sich selber, sondern sie holt sich eine Filme­ma­cherin dazu. Denn obwohl oder viel­leicht sogar gerade, weil Goldin gleich­zeitig Prot­ago­nistin und Produ­zentin ist, macht das Sinn. Goldins Aussage dazu: Na ja.

Und damit noch mal zum jour­na­lis­ti­schen Vorgehen, denn mit diesen Entwick­lungen fallen laut Lorch »(...) auch viele Regeln und Konven­tionen weg: das Über­prüfen von Fakten, Rück­fragen an Beschul­digte, das Einbetten in größere Zusam­men­hänge, um nur einige zu nennen«. Man kann davon ausgehen, dass Poitras und auch Goldin die Fakten kennen und ihre Zahlen stimmen – sonst würde das sowohl ihnen, als auch der Sache schaden. Recherche und das Über­prüfen von Fakten ist immer ein Teil des Filme­ma­chens, es ist nur die Frage, ob man sich dafür entscheidet, es mit in den Film zu nehmen. Außerdem wird das Thema durchaus in größere Zusam­men­hänge einge­bettet: z.B. mit den Paral­lelen zu HIV in den 80ern, auch über die Macht des Geldes und die Verstri­ckungen mit der Politik erfährt man etwas. Ich stimme aber zu, dass man da tiefer hätte gehen können und auch sollen, gerade für das inter­na­tio­nale Publikum wäre das wichtig gewesen. Die Zivil­klagen werden zwar erwähnt, ich finde aber auch, dass man andere Proteste hätte mit rein­nehmen sollen, das wäre sympa­thisch und richtig gewesen, so steht Goldin als einzelne Heldin dar, als Indi­vi­duum gegen den Rest, auch das ein alter US-ameri­ka­ni­scher Film-Topos, seit es Film gibt, in allen Western- und Super­hel­den­filmen oder bei Erin Brock­ovich.

In einer Passage geht es noch um den Einzug der Doku­men­ta­rismen in der Kunstwelt (dazu hat die Künst­lerin und Filme­ma­cherin Hito Steyerl ein empfeh­lens­wertes Buch verfasst: »Die Farbe der Wahrheit«). Lorch: »Es waren künst­le­ri­sche Werke, die sich als Realismus in der Folge eines Gustav Courbet begriffen. Aber auch als Gegen­schuss zu den schnellen Bildern der Jour­na­listen und Doku­men­ta­risten verstanden wurden.« Auch Doku­men­tar­filmer*innen haben sich mit dem Begriff Realismus beschäf­tigt, also das tun sie ja quasi schon qua defi­ni­tionem und dabei haben sie immer auch an »Gegen­schüssen« gear­beitet, also gegen diese »schnellen« Bilder: mit langen Einstel­lungen, Darstel­lungen des Alltags, Slow cinema ... das beginnt spätes­tens in den 60ern bei den Pionieren des Direct Cinemas. Da ist immer schon auch künst­le­ri­scher Wider­stand von Doku­men­tar­filmer*innen gegen die Bilder­flut.

»(…) Goldin und Poitras (haben) aus Musik und Archiv­ma­te­rial eine stim­mungs­volle Collage zusam­men­kleis­tern (...)«. Poitras hat ihren Goldenen Löwen an Goldin weiter­ge­leitet: »Ob das bedeutet, dass sie auch verstanden hat, dass ihr Film die Bezeich­nung Doku­men­tar­film nicht verdient, das wäre auch so eine Frage.« Offenbar ist es zum Schluss für Lorch weder ein eigenes Kunstwerk noch ein Doku­men­tar­film, sondern eine »zusam­men­ge­kleis­terte stim­mungs­volle Collage«. Na, auch eine Kategorie. Ich mache noch eine auf: Es ist ein akti­vis­ti­scher Film, weil er in seinem Ziel ganz klar und wenig ambi­va­lent ist, seine Drama­turgie gut konsu­mierbar und die Action, der Schnitt­rhythmus, oft so schnell, dass man keine Zeit zum Nach­denken hat. Aber es gibt sicher noch weitere.