04.05.2023
38. DOK.fest München 2023

Wo Pommes???

She Chef
She Chef: ein feministischer Coming of Age/Entwicklungsfilm
(Foto: Camino)

Dokumentarfilme im Mai – der Kochfilm und die Nahrungsmittel: Zu She Chef von Melanie Liebheit und Gereon Wetzel, Wir und das Tier – Ein Schlachthausmelodram von David Spaeth und Unser täglich Brot von Nikolaus Geyrhalter

Von Nora Moschuering

»Wo Pommes???« könnte darauf hindeuten, dass ich aus der Snack- und Imbiss-Fraktion komme, was jetzt nicht ganz stimmt, aber schon ein bisschen, denn ja, ich habe tatsäch­lich erst spät gelernt dass »Paradies Creme« gar kein richtiger Pudding ist und Kartof­fel­brei auch mühsam selbst gestampft werden kann. Meine kuli­na­ri­sche Sozia­li­sa­tion ist praktisch und alltags­taug­lich gewesen. Auch inter­es­siere ich mich bis heute nicht sonder­lich fürs Selber­ko­chen, auch wenn ich Essen an sich super finde. Mir Kochende anzusehen, finde ich aber ziemlich entspan­nend, weil es so was Hand­werk­li­ches, Sinn­li­ches und Ziel­füh­rendes hat. Zu Recherche-Zwecken habe ich mich wieder an eines der entspan­nendsten Formate erinnert: »Alfre­dis­simo« mit Alfred Biolek. Hier ein paar Zitate daraus, die man heute nur noch selten hört:
»Kannst du mit jedem Öl machen.«
»Leckere gefrorene Erbsen.«
»Ist ja auch egal, Haupt­sache ist lecker.«
»Du hast dem Fernsehen ein Opfer gebracht!«
»Ein guter Wein passt zu allem!«

Auf dem DOK.fest laufen einige Filme, die sich mit Kochen und Lebens­mit­teln beschäf­tigen. She Chef, der am 18.05. auch in die Kinos kommt, führt uns dabei radikal weg von den Snacks, hin zum »Kunst«-Handwerk, der Sterne-Küche. Man begleitet darin die Jung-Köchin Agnes und das erst einmal dabei, wie sie sich ordent­liche Messer kauft. Dann macht sie sich auf die Walz, zu drei Praktika in Sterne-Küchen: im Vendôme in Köln, dem Disfrutar in Barcelona und dem Koks auf den Färöer-Inseln. She Chef ist, frei asso­zi­iert, ein femi­nis­ti­scher Coming of Age/Entwick­lungs­film, Koch- und Reise-Film. Ein Film über die Arbeit in Sterne-Küchen und die Position, die diese Arbeit in Agnes’ Leben einnimmt, die Leiden­schaft dafür, aber auch die Reflexion darüber, was man sonst noch sucht: Familie, Freunde und wie das zu verein­baren ist. Auf den Reisen lernt man verschie­dene Arten der Küche kennen und wie dort mitein­ander gear­beitet wird. Insgesamt ist es aber vor allem ein Porträt von Agnes. Es ist schön, sie zu beob­achten, bei den konzen­trierten, ruhigen Vorgängen, bei der klein­tei­ligen Pinzet­ten­ar­beit (es sieht zumindest nach einer Pinzette aus), aber auch der groberen Arbeit. Dazwi­schen wird gekostet, gesammelt, gefangen, geschnitten, filetiert, ange­richtet und expe­ri­men­tiert, aber auch mitein­ander gegessen und getrunken. Immer mit Agnes. Dabei ist sie im ersten Moment viel­leicht eine etwas spröde Prot­ago­nistin, die sich für ihr Alter merk­würdig sicher scheint, der man aber sehr schnell sehr gerne folgt, weil sie inter­es­sant ist und auch, weil man das Gefühl hat, dass sie die Kamera und das Team vergisst oder zumindest als selbst­ver­s­tänd­lich nimmt. Man ist schließ­lich wirklich an ihrer Seite, beim Arbeiten und auch bei schwie­rigen Entschei­dungen, sehr persön­li­chen Gesprächen und einer Liebes­ge­schichte.

Die Produkte spielen bei She Chef eine Rolle, wobei ihre Herkunft nur im Koks thema­ti­siert ist, dort ziehen sie oft los, sammeln Muscheln, Gräser oder Wurzeln direkt aus der Umgebung.
Zurück zu Biolek, der immer darum bemüht ist, etwas über seine guten Produkte zu erklären, beispiels­weise dass er sein Fleisch gerne selber durch einen Fleisch­wolf dreht, weil er dann weiß, woher das Fleisch kommt und was im Hack wirklich drin ist. Das erklärt er seinem Gast Dirk Bach, der zu Beginn der Sendung erst mal 6-7 Dosen öffnet – Highlight ist die Ananas-Dose – und mehrere Tüten von Fixen für Chili con Carne, und alles zum Hack in einen Topf gibt (später noch vier sehr große Stück Gouda und verschie­dene Gewürze, u.a. auch Senf, die er in den Schränken findet). Das ist sehr witzig und eine Art »Unter­laufen«, viel­leicht sogar eine Persi­flage des Koch­sen­dungs-Formats durch Bach. Im Gegensatz zu Biolek möchte Bach dabei ganz und gar nicht wissen, woraus sein in Plastik einge­packtes Hack genau ist, also er möchte das Tier in ihm nicht sehen, weshalb er grund­sätz­lich nur Hack und Wurst isst.

Um eben diese Entfrem­dung geht es bei Wir und das Tier – Ein Schlacht­haus­me­lo­dram von David Spaeth, der auf dem DOK.fest läuft. Der Film dreht sich um das Töten von Tieren und bleibt konzen­triert bei dem, was kurz vorher, während­dessen und danach geschieht und befragt die Menschen, die es tun, danach, was das mit ihnen macht. Wie geht es den Menschen, die ganz nah dran sind am Tod, die selber töten, damit Biolek, Bach und der Großteil von uns unser abstraktes Stück Fleisch auf den Teller bekommen? Zugang dazu bekommt man zum großen Teil über die Menschen und ihre Reak­tionen, das heißt aber nicht, dass die Tiere keine Rolle spielen, sie ist viel­leicht geringer, aber am Ende doch die eindrück­li­chere. Es ist gut zu hören und zu sehen, dass es selbst die Menschen bewegt, die es tagtäg­lich oder auch nicht so täglich tun – also zumindest die Auswahl, die wir sehen. Da sind beispiels­weise die beiden Freun­dinnen, die eine hat der anderen, deren Hobby es ist, Wurst in ihrer Garage herzu­stellen, einen Schlach­ter­kurs geschenkt, an dem sie beide teil­nehmen. Das sind dann ganz feine Momente, in denen man beob­achten kann, wie in der einen etwas zusam­men­bricht, bzw. Zusam­men­hänge geknüpft werden, die mögli­cher­weise dazu führen, weniger oder kein Fleisch zu essen. Die Frage nach der Haltung des Films ist für mich in solchen Momenten geklärt, in anderen ist es schwie­riger zu erkennen, ob der Film Pro oder Contra Fleisch­essen ist: Man kann dabei über die Auswahl der Prot­ago­nist*innen nach­denken, die alle sehr reflek­tiert und bewusst handelnde Menschen sind, denen man gerne und inter­es­siert zuhört und die einzelne Tiere oder kleine Gruppen töten, aber eben nicht im Akkord und unter widrigen Bedin­gungen. Auch zeigt Spaeth kein Töten von kleineren Tieren, wie z.B. Hühnern oder das Töten für etwas anderes als Fleisch. Alle wollen es so schnell und schmerzlos wie möglich für die Tiere machen und viele von ihnen sprechen von einer Belastung für sich selbst. Tiere töten ist nicht leicht und selbst den Schlach­ter­meister, der das seit 40 Jahren macht, bewegt und berührt es bis heute. Dann wird auch ange­spro­chen, dass sich unser Verhalten in diesem Bereich mögli­cher­weise gerade ändert und ändern muss. Das ist alles ganz fein beob­achtet und bewegt zu eigenem Nach­denken und für mich ist darin auch die Haltung des Filmes erkennbar, aber es ist auch ein schmaler Grat, weil man (wenn man möchte) auch zu dem Schluss gelangen könnte: Dass es doch eigent­lich ganz gut läuft, wenig und schnell geschlachtet wird. Das entspricht aber nicht der Realität, Groß­schlach­te­reien und ihr Umgang mit Tieren ist ein anderer und es kaufen auch mehr Menschen wie Bach ein und weniger wie Biolek, und es ist, wie der Film zeigt, meist auch eine Belastung für die schlach­tenden Menschen.

Wie Groß­schlach­te­reien aussehen, sieht man z.B. in Unser täglich Brot (2005) von Nikolaus Geyr­halter, der eine Hommage auf dem DOK.fest hat und dessen Film Über die Jahre für mich einer der Doku­men­tar­film-Klassiker ist. Geyr­halter arbeitet hier mit monu­men­talen Bildern, die die Indus­tria­li­sie­rung und Globa­li­sie­rung unserer Nahrungs­pro­duk­tion zeigen. Gewaltige, viel­leicht manchmal schon fast zu »schöne«, über­wäl­ti­gende Bilder, die besonders auf der Leinwand einen Sog ausüben, in denen man aber manchmal auch eine Diskre­panz zwischen Inhalt und Form sehen kann. Tableaux von Feldern, Ställen, Plantagen, Gärt­ne­reien, Schlacht­häu­sern, Verpa­ckungs­hallen, von denen man gleich­zeitig abge­stoßen und faszi­niert ist. Bei Geyr­halter spricht niemand, die Menschen arbeiten, pflücken, sprühen, sortieren, schlachten, zerlegen und sind dabei Teil des Bildes, der Maschi­nerie. Nur in ihren Pausen schauen sie einen an und essen dabei ihr Lunchbrot oder ihr Kantinen-Schnitzel, rauchen, trinken Kaffee. Niemand spricht mit uns, sie werden uns als stumme Spiegel vorge­setzt, was ihnen einer­seits keine Stimme gibt, ande­rer­seits viel­leicht dazu führt, dass wir selber diese Leer­stelle ersetzen. Nach einer Zeit sprechen die Arbeiter*innen dann doch mitein­ander, und obwohl ich sie nicht verstehe, hat das bei mir zu mehr Einfüh­lung geführt. Manchmal ist es doch gut, mit der eigenen Strenge zu brechen. In jedem Fall sieht man hier das Schweine- und Rinder­schlachten noch mal ganz anders als bei Wir und das Tier, nicht an einzelnen Tieren oder kleinen Gruppen, sondern wirklich in Massen, groß­in­dus­triell und brutal.

Geyr­halter gibt am 07.05. um 11:00 im Audimaxx der HFF eine Master­class, die Spaeth moderiert. Viel­leicht disku­tieren die beide dann auch über Tiere und darüber, weshalb die Rinder immer zum Schluss kommen.

Eine Empfeh­lung noch für die ARTE-Mini-Serie Wen dürfen wir Essen?, die uns verschie­dene, sehr inter­es­sante Perspek­tiven auf den Fleisch­konsum gibt: was ist der Ursprung davon? Brauchen wir Fleisch? Ist es »natürlich« oder »normal«? Wie halten wir Tiere? Wie verhalten wir uns zu Tieren? Wie fühlen Tiere? Welche Alter­na­tiven gibt es?

Und eine Ankün­di­gung: Es gibt ein »Wo Pommes??? Teil 2 im Mai, zu All the Beauty and the Bloodshed von Laura Poitras (Kinostart am 25.05.). Darin werde ich u.a. auf den SZ-Artikel von Kunst­his­to­ri­kerin Catrin Lorch vom 24.04. eingehen, in dem sie der Frage nach­zu­gehen versucht, ob das ›noch Doku­men­ta­tion oder schon ein eigenes Kunstwerk‹ ist, weil sie das doku­men­ta­ri­sche ›Genre‹ Künst­ler­film und die Subjek­ti­vität des Films so unique findet. Da müssen wir mal die Begriffe ausein­an­der­klamü­sern und über Dinge wie (künst­le­ri­scher) Doku­men­tar­film, Doku­men­ta­tion, Recherche und Schnitt sprechen, liebe Frau Lorch, und uns diesem span­nenden DOKUMENTARFILM widmen, zu dem man außerdem gut über Akti­vismus und Kunst und über die Wirkung von Doku­men­tar­filmen nach­denken kann.«