02.02.2023

Kleine Fluchten, kühle Herzen

Alaska
Gewonnen: Max Gleschinski mit Alaska
(Foto: Max Ophüls Preis)

Das Festival »Max-Ophüls-Preis« geht zu Ende und beweist: Der Filmnachwuchs schüttelt die Pandemie allmählich ab

Von Rüdiger Suchsland

Im Herzen Eiszeit, Verglet­scherung der Gefühle und das langsame Auftauen, verhär­teter, verharschter Charak­tere – es waren solche der Jahres­zeit und den poli­ti­schen Verhält­nissen gemäße Metaphern, die einem immer wieder mal in den Sinn kamen während der vergan­genen Woche beim »Film­fes­tival Max-Ophüls-Preis«. Und tatsäch­lich war der Haupt­ge­winner-Film, Alaska von Max Gleschinski, nicht der einzige Film, der die Kälte­me­ta­pher bereits im Titel trug.

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In diesem poeti­schen, still-melan­cho­li­schen Film geht es um einsame Menschen, den Rückzug in die Natur und geheim­nis­volle Fluchten.
In der Meck­len­bur­gi­schen Seen­platte, wo dieser Film spielt, und in den Gemütern der Menschen ist die DDR noch nicht ganz verschwunden. Privates, Persön­li­ches steht im Vorder­grund, man ist routi­niert reser­viert, gele­gent­liche Badegäste wecken mehr Miss­trauen als Verheißung, Tourismus und Tristesse gehen Hand in Hand. Ziellos gleiten die Menschen an den vielen Flüssen und Seen entlang in diesem Film.
Regisseur Max Gleschinski, geboren 1993 in Rostock, mag hier auch persön­liche Lebens­ge­fühle einfließen lassen. Das wissen wir nicht. Was wir wissen: Gleschinski ist gerade so etwas wie der Shooting-Star im deutschen Nach­wuchs­kino. Alaska ist sein zweiter Film, für den ersten hatte er bereits einen Preis bei den Hofer Filmtagen gewonnen.

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Mit der 44. Ausgabe ging das »Film­fes­tival Max-Ophüls-Preis« am Sams­tag­abend mit der Preis­ver­lei­hung zu Ende. Es gab eine ganze Menge Preise für die Filme in den verschie­denen Kate­go­rien und Wett­be­werben bei diesem wich­tigsten deutsch­spra­chigen Nach­wuchs­fes­tival. Sie wurden bunt verteilt, und gingen vor allem nach Deutsch­land und nach Öster­reich. Damit verbunden gab es auch eine ganze Menge Geld – insgesamt fast 120.000 EUR Preisgeld wurden von den verschie­denen Jurys ausge­schüttet. Dafür kann man schon fast einen Film machen.

Lukas Nathrath bekam für die emotio­nale Achter­bahn­fahrt Letzter Abend den Regie­preis. Der Film hatte mehr die Tendenz, das Publikum vor Ort zu spalten, Begeis­te­rung bei den einen, Desin­ter­esse bei den anderen hervor­zu­rufen.

Tatsäch­lich nur Neugier und Begeis­te­rung weckte Breaking the Ice von der Öster­rei­cherin Clara Stern, die den Preis für das »Beste Drehbuch« ebenso gewann wie zwei weitere Auszeich­nungen. Ihr heraus­ra­gender, reifer Film dreht sich um eine junge Frau, die in einem Eishockey-Team und auch sonst Leadership-Quali­täten zu entfalten scheint, tatsäch­lich aber ihre Rolle in einer unsi­cheren Welt noch nicht gefunden hat – ein so elegantes wie mitreißendes Drama.

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Es war eine intensive Woche in Saar­brü­cken, mit Filmen, die durchaus opti­mis­tisch stimmen können, was die Lage des deutschen, vor allem des deutsch­spra­chigen Nach­wuchs­films angeht.

Diese Fest­stel­lung gilt fast noch mehr für den richtigen Nachwuchs, also dieje­nigen, die noch keine Langfilme präsen­tierten, sondern mittel­lange und kurze Filme. Und für die Doku­men­tar­filme.
Aber auch die Spiel­filme waren stärker als in den letzten beiden von der Pandemie geschä­digten Saar­brü­cken-Jahr­gängen.

Das mag auch mit an der neuen Programm­lei­tung liegen: Die Deutsche Carolin Weidner und die Öster­rei­cherin Theresa Winkler setzten erste neue Akzente in Richtung des etwas weniger Gefäl­ligen, das in Saar­brü­cken sonst sehr dominiert hat. Der frische Wind tut dem Festival Max-Ophüls-Preis gut.

Die Jurys der Lang­film­wett­be­werbe zeich­neten unter allen Kandi­daten dann wieder eher die braven, konsens­fähigen, bildungs­bür­ger­li­chen und insofern auch ein bisschen erwart­baren Filme aus. Die extremen, heraus­for­dernden, die, die einen noch tagelang beschäf­tigten, ließen sie dafür links liegen.

Dabei war es bedau­er­lich, dass die schräge Phan­tastik von Daniel Limmers Enter Mycel ebenso leer ausging wie Birgit Möllers Franky Five Star, der dem arg stra­pa­zierten Modethema »Identität« sehr origi­nelle – Was bedeutet es, man selbst zu sein? Darf man auch Viele sein? – und gele­gent­lich absurd komische Seiten abgewinnt, und dafür immerhin den Preis der Ökume­ni­schen Jury bekam.

In der Begrün­dung heißt es: »Der Film verleiht dem komplexen und aktuellen Thema der psychi­schen Belas­tungen eine Leich­tig­keit. Diese macht es uns möglich, Frankys Kopfkino zu besuchen und sich dort wohl­zu­fühlen. Ein außer­ge­wöhn­li­cher, lebens­s­atter Film, der eine Brücke baut zwischen den Welten.«

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Die insgesamt inter­es­san­testen Filme kamen wieder einmal aus Öster­reich, vor allem von der Film­aka­demie Wien.

Dass eine gute oder wenigs­tens besondere Geschichte noch keinen guten Film ausmacht, ist zwar eigent­lich eine Binsen­weis­heit. Man muss sie trotzdem dem deutschen Nachwuchs immer wieder mal erzählen, denn tenden­ziell machen auch die Jungen hier­zu­lande das, was die Älteren meist sowieso machen: Nämlich inhal­tis­ti­sche Filme, die die Bedeutung eines Stoffes mit seiner Qualität verwech­seln. Oder die so viel zu sagen haben, dass ihnen das Herz und der Film schier über­quillt, die aber keine Form finden, in der sie das Ideen­ge­sprudel in irgend­einer Weise in eine Ordnung bringen, die auch für Zuschauer nach­voll­ziehbar ist.
Man merkt diesen Filmen an, dass an den Film-Hoch­schulen zu viel über Dreh­bücher geredet wird und zu wenig über das, was die Kamera aufnimmt, zu viel über Worte und zu wenig über Bilder.

Es bleibt also weiterhin einiges zu tun und zu verändern im deutschen Film, aber die dies­jäh­rige Ausgabe des Film­fes­ti­vals Max-Ophüls-Preis machte Hoffnung.