27.10.2022

Wiener Blut. Wiener Mut

Pacifiction
Sieht so der Missing Link zwischen reinen Blockbustern und reinem Kunstkino aus?
(Foto: 60. Viennale | Pacifiction)

Viennale, Viennale, nur du alleine: Werner Herzog, Albert Serra und drei Gläser Mezcal – erste Erlebnisse auf dem schönsten Festival des Herbstes

Von Rüdiger Suchsland

»Wiener Blut, in diesem Saft die Kraft
Die Wiener Glut
Wia hom die Medizin
Dea Dekadenz hom wia an Preis verliehn
Dabei san wia moralisch über­bliebn
Wia stehn und foin und liegn
Wia hom de Medizin«

- Falco, Wiener Blut

Da geht man sich nur mal kurz für 5 Minuten oben im 9. Stock des InterConti im Akkre­di­tie­rungs­büro seine Akkre­di­tie­rung holen und als man nach diesen fünf Minuten wieder rauskommt, sind zwei­ein­halb Stunden vergangen.
Wasser, Bier, Kaffee, Mezcal, Wasser dazu, nochmal Mezcal und nochmal, dann noch ein Kaffee, das alles zwischen 14 und 16 Uhr; Fredi, Sarah, Markus, Nina, Marius, Eva; Massage im Hotel­zimmer; ist das, wenn sechs Leute dabei sind, eine Orgie, oder ein kontrol­lierter Safe Space? Gilt Pres­se­be­ob­ach­tung als Intimacy-Coaching? In Öster­reich kann man über solche Fragen noch lachen, auch nach der Causa Seidl. Der Gäste­ser­vice macht hier kompe­ten­tere Film­pro­gramm­be­ra­tung als die meisten deutschen Auswahl­ko­mi­tees. Und das Quali­täts­me­dium Kronen­zei­tung wird wieder berichten, die Viennale sei nur dazu da, dass sich irgend­welche deka­denten Film­spinner im Inter­conti auf Staats­kosten schon nach­mit­tags besaufen.

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So wie die verschie­denen Sorten Mezcal sich in Geschmack und Alko­hol­an­teil unter­scheiden, in Rauchig­keit und »Dichte« wie der Kenner sagt, so unter­scheiden sich auch die Filme. Es gibt keinen prin­zi­pi­ellen Unter­schied zwischen Quali­täts­fragen im Kino und Quali­täts­fragen bei guten Getränken und Speisen, keinen prin­zi­pi­ellen Unter­schied zwischen Geschmack auf dem Gaumen und dem Geschmack aller anderen Sinne. Beides ist eine Frage des Trainings, der Erfahrung, der Kenner­schaft. Beides ist nicht gott­ge­geben und einfach so da. Und beides ist schon nicht einfach »Meinung«.

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Filme machen und Filme sehen hat viel mit der Fähigkeit zu tun, auf Zeit zu spielen. Das auf Zeit spielen, das einfache Aussitzen der Dinge, das Geschehen-lassen und sitzen­bleiben, das beharr­lich bleiben, das einfach dableiben, das wirkt erstmal ober­fläch­lich wie Trägheit, wie Konser­va­tismus pur. Es ist bei genauerem Hinsehen aber das Gegenteil: Eine Wider­stands­hand­lung und insofern auch progressiv. Es bedeutet, es sich nicht mit dem Zeitgeist gemein zu machen.
»Man muss der Zeit Zeit lassen«, das ist etwas, was man von dem großen Filme­ma­cher Francois Mitterand, der auch Politiker war und Staats­prä­si­dent der fran­zö­si­schen Republik, was man von Francois Mitterand lernen konnte. Jaja, er hat in dem Sinn keinen Film gemacht. Aber sein ganzes Leben war ein einziger Film.

Der Zeit Zeit zu lassen, das kann man von der Viennale lernen. Nicht weil sie auch viele Filme zeigt, die der Zeit Zeit lassen, die sich in diesem Festi­val­jahr, der 60. Ausgabe, viel­leicht fast etwas zu sehr dem »slow cinema« also dem Zeitgeist des soge­nannten Kunst­kinos hingeben. Sondern schon eher, weil das inter Conti­nental, das vor fünf Jahren schon abge­rissen sein sollte, immer noch steht wie das blühende Leben und entspre­chend weiterhin Festi­val­zen­trum ist. Aber vor allem weil man hier nicht auf plumpe Neuig­keits­werte setzt und sich Premie­ren­fe­ti­schismus hingibt, sondern zeigt, was gezeigt werden muss und dazu ein paar Sachen, die überhaupt nicht gezeigt werden müssen, aber gezeigt werden sollten.

Es ist, wie immer hier in Wien, ein großar­tiges Festival mit einem wunder­baren Programm aus dem man kaum einen Film müssen möchte. Manches haben wir schon gesehen, und freuen uns, es nochmal zu sehen, zu wieder­holen. Anderes holen wir nach. Wieder anderes über­rascht uns, und wird am Ende zum Wichtigen dieses Kino­jahres gehören.

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Es ist jetzt schon wieder zwei Jahre her, dann kam noch eine Pandemie dazwi­schen, dass ich bei der Viennale war. Es war höchste Zeit, wieder herzu­kommen. Für diesen Eindruck genügte schon der aller­erste Abend. Man trifft sie alle, Mathieu Amalric in der Lounge vom Garten­bau­kino, später in der Straßen­bahn, Gaston Solnicki nervös wie immer vor seinem Film, mit viel zu viel Karten, die er noch verteilt, »bitte nimm zwei«, am Schluss ist dieses sagen­hafte Kino mit seinen 736 Plätzen natürlich doch voll, davor schon Werner Herzog, der auf kein deutsches Film­fes­tival kommt, hierhin aber schon. Albert Serra beim besagten Mezcal-trinken. Hier kann man sie treffen, hier kann man unge­zwungen mitein­ander reden.

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Nach dem Besuch im Garten­bau­kino dann noch ein Gespräch über das, was dem Kino heute so fehlt. Nicht nur dem deutschen, sondern dem Kino überhaupt.
Ich stelle nicht zum ersten Mal die These auf, dass das Kino heute zu normiert ist zwischen reinen Block­bus­tern und reinem Kunstkino, das Unreine fehlt. Albert Serras Paci­fic­tion käme dem doch nahe, sagt mein Gegenüber. Ja schon, aber auch der macht es dem Publikum nicht leicht genug. Meine Frage ist eher die: Wo sind die Filme, wie sie früher Francois Truffaut und Claude Sautet gemacht haben? Filme, in denen früher Belmondo und Romy Schneider gespielt haben Piccoli und Jeanne Moreau? Wer macht die heute?

Viel­leicht ist es das Mythische, das fehlt, vermutet mein Gesprächs­partner.

Viel­leicht ist das wirklich der Punkt: Wir brauchen Mythen, Mythos, Mytho­logie auch in der zeit­genös­si­schen Kunst. Wir brauchen Zukunft, Utopie, Wieder­ver­zau­be­rung der Welt.

Wer unter den heutigen Filme­ma­chern versteht diese Frage überhaupt noch? Und wer ist fähig zu einer Antwort? Zu einer Antwort, die über Verrät­se­lung und Intel­lek­tua­li­sie­rung hinaus­geht und die auch nicht Vulga­ri­sie­rung bedeutet. Also weder Apichat­pong noch Marvel. Wo ist der Hitchcock von heute?
Oder glaubt irgendwer ernsthaft, dass wir den nicht mehr brauchen Frage­zei­chen des wir auf Mythen verzichten könnten? Wohl­ge­merkt: moderne Mythen, »Mythen des Alltags« (Roland Barthes), »Neue Mytho­logie« (Friedrich Schlegel).

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Einer, der ganz gewiss nicht glaubt, ist Werner Herzog.

»Ich werde erwachsen.« meinte der 80-jährige im Film­ge­spräch in Wien. Erstmal schimpfte er über die Strea­ming­dienste: »Streamen – da will ein Algo­rithmus den Redakteur spielen. Alle zehn Sekunden muss einer sprechen.«
Man müsse gegen so etwas ankämpfen, auch wenn der Filme­ma­cher gegen Konzerne unter­legen sei: »Man muss street­wise sein oder eine krimi­nelle Energie haben. Man muss Grenzen über­schreiten! Es ist die Natur des Filme­ma­chens, dass sich alles in den Weg stellt – und es zu über­winden.
Das einzige was zählt, ist, was ich auf der Leinwand sehe. Seelen­qualen sind mir völlig egal.«

Über Herzogs wirklich ausge­zeich­neten und über­ra­schend facet­ten­rei­chen Vulkan­film schreiben wir dann nächste Woche. Wie überhaupt über die Filme auf der Viennale.