29.09.2022

Im Land des weißen Pferdes

SSIFF 2022 | Los Reyes del Mundo
Eine schöne Überraschung: der Siegerfilm Los Reyes del Mundo
(Foto: SSIFF 2022 | Los Reyes del Mundo)

»Kino ist nichts für Schwächlinge«: Jungs mit Macheten, traurige Komponisten, altes Europa: Spiel, Spaß und Spannung in San Sebastián, der Siegerfilm und eine Bilanz des Filmfestivals – Notizen aus San Sebastián, Folge 3

Von Rüdiger Suchsland

»Wir haben damals viele Filme gesehen und darüber geschrieben. Und dieses Schreiben war schon eine Art Filme zu machen. Deshalb finde ich auch, dass wir anders schrieben.«
– Jean-Luc Godard 1978, im Gespräch mit Wilfried Reichart

Es ist jedes Mal dasselbe in San Sebastián: Die Tage gehen zu schnell vorbei; selbst wenn man nicht so etwas wie die »Causa Ulrich Seidl« an der Backe hat. Und plötzlich ist es wieder Samstag und die Preis­ver­lei­hung steht bevor. Die letzten drei Tage war das Wetter ziemlich schlecht, es war gar nicht mal kalt, aber es hat ziemlich viel geregnet. Shit­wetter würde man in Hamburg sagen.

Und auch wenn es nicht Samstag wäre, dann ist es doch jedes Mal so, dass Carlos Boyero, der spanische Film­kri­tiker, über den ich neulich im Podcast gespro­chen habe, recht hat, wenn er sagt, dass San Sebastian »die schönste Stadt der Welt« ist. Ich weiß nicht, ob die aller­schönste, aber das ist auch ziemlich egal; es geht ja mehr um einen Ausdruck des Gefühls in dem Augen­blick, in dem man hier ist. In dem Augen­blick hat man das Gefühl, genau am richtigen Ort zu sein, und man will nicht wieder weg. Auch wenn die Filme nicht so gut sind wie in Cannes und wahr­schein­lich auch nicht so gut wie in Venedig, dann ist dies hier doch gegenüber Cannes allemal und erst recht gegenüber dem leider dann doch ein bisschen zu sehr Tourismus-infi­zierten Venedig genau der richtige Ort.

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Wenn ich mir eine Stadt aussuchen dürfte, wo ich leben dürfte und es nur um das Leben ginge, nicht auch ums Arbeiten und auch nicht darum, wo Freunde und Verwandte leben, dann wäre San Sebastián in der ganz engen Wahl. Natürlich auch eine Stadt wie Venedig, ja. Aber sonst keine Stadt, in der Film­fes­ti­vals statt­finden.

Es hebt schon diese beiden Städte ganz eindeutig heraus über alle anderen, in denen die großen Herbst­fes­ti­vals statt­finden und die so eng beiein­an­der­liegen, dass es fast schon in eins verschwimmt, dass man nach San Sebastián immer noch Eindrücke von Venedig mitnimmt, und manche Venedig-Filme hier nachholt, so wie man umgekehrt in Venedig, wo alles etwas anstren­gender ist, schon voller Vorfreude ist auf San Sebastián.

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Ein Film, der sich überlappt, und den ich mir hier noch mal ange­schaut habe, ist Blonde, die Verfil­mung der Biografie von Marilyn Monroe durch Andrew Dominik. Dies auch, weil es einen beson­deren Gimmick dazu gibt: Ins Kino gehen, das ist ja eben auch Spiel, Spaß und Spannung, und schon deswegen wollte ich mir den Auftritt dieser furiosen Darstel­lerin nicht entgehen lassen – und ich hatte ja schon aus Venedig geschrieben, dass man diesen Film gut zweimal sehen kann.

So ganz hat der Film die zweite Sichtung dann aber nicht ausge­halten, viel­leicht war ich in Venedig auch schon in Trance, habe den besseren Film vor allem geträumt. Die schlech­tere Wirk­lich­keit sah ich dann hier.

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Noch einmal gehe ich also am »Kursaal«, dem Festi­val­zen­trum vorbei, noch einmal über die Brücke rüber aufs Meer, auf den weiten Strand der Biskaya und die sonnen­be­strahlten Wolken am Horizont blickend zum »Teatro Victoria Eugenia«, wo ich gleich noch einen Film aus der Neben­reihe nachhole. Wenn ich rauskomme, werden die Preise fest­stehen. Was wird es wohl diesmal werden?

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Goldene Muschel. Es wurde denn der Film, den ich im von mir nicht voll­s­tändig gesehenen Wett­be­werbs­pro­gramm tatsäch­lich auch den besten und inter­es­san­testen fand: Los Reyes del Mundo von Laura Mora. Was für eine schöne Über­ra­schung!

Eine Handvoll Groß­stadt­jungs auf dem Land, die Macheten braucht man hier nicht, um Gegner zu beein­dru­cken, sondern um sich seinen Weg zu bahnen. Gewalt, über­schäu­mende Emotionen, aber auch eine Entde­ckungs­reise durch Kolumbien, die ein so zauber­haftes, verträumtes wie zerris­senes Land vorstellt.

Dies ist alles andere als ein üblicher Film über jugend­liche Gangster. Eher ein Roadmovie, der damit beginnt, dass ein knapp 20-jähriger Tauge­nichts im Zuge einer Land­re­form ein Stück Land von seiner Groß­mutter zurück­be­kommt. Mit vier Freunden macht er sich auf den Weg. Alle fünf sind noch nie aus der Stadt heraus­ge­kommen. Es wird eine Reise mit Verlusten. Es ist früh zu ahnen, dass diese Geschichte keinen guten Ausgang nehmen wird.

Davor aber lebt dieser Film, von Trance und Hypnose, von starker Sinn­lich­keit und von surrealen Szenen voller Träume, vor allem Angst­träume, Todes­ah­nungen – mehrfach sieht man ein imaginäres weißes Pferd, das für die Prot­ago­nisten eine Art poeti­scher Moby Dick ist. So reisen sie durch verschie­dene Szenen eines verwüs­teten Landes, um am Ende fest­zu­stellen, dass die Mächtigen das Land ohne Rücksicht auf jedes Gesetz weiter regieren und ausbeuten.

Ein harter, trauriger und zugleich sehr schöner Film. Eine surreale Odyssee durch das heutige Kolumbien, die viele schil­lernde Momente von nicht-ästhe­ti­sierter Schönheit voller Schmerz und Bitter­keit besitzt.

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So gewann eine Außen­sei­terin in einem Wett­be­werb, in dem so bekannte Namen wie Sebastian Lelio, Ulrich Seidl, Hong Sangsoo und Chris­tophe Honoré vertreten waren.
Statt­dessen domi­nierte die Jugend die Liste der Gewinner: Der Preis für die beste Regie ging an den japa­ni­schen Regisseur Genki Kawamura für seinen Film A Hundred Flowers, eine zärtliche Studie über eine Mutter und ihren Sohn, die durch die Demen­z­er­kran­kung des Sohnes ausein­an­der­ge­rissen werden. Der chine­si­sche Regisseur Wang Chao erhielt den Preis für das beste Drehbuch für A Woman, seine einfühl­same, empa­thi­sche Darstel­lung einer Frau aus der Arbei­ter­klasse, die durch eine Reihe unglück­li­cher Bezie­hungen im maois­ti­schen China allmäh­lich ihre kreative Stimme entfaltet.

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Chris­tophe Honorés Winter Boy ist eine persön­liche Reflexion von Trauer und Verlust. Es geht um einen 17-Jährigen, dessen unbe­schwertes Teenager-Dasein plötzlich durch den Tod seines Vaters erschüt­tert wird. Der Film handelt davon, wie jede der Haupt­fi­guren mit Trauer und Einsam­keit umgeht. Der junge Paul Kircher, der die Haupt­figur spielte, gewann am Ende den Schau­spiel­preis. Juliette Binoche spielt die trauernde Witwe.
Honoré nähert sich gewohnt obsessiv seinem Thema und dem Gesicht seiner Haupt­figur; sein Film quillt über, dehnt sich aus, schwelgt im Trau­er­ge­fühl und der Zurschau­stel­lung seiner mitunter pompösen ästhe­ti­schen Mittel.

Eine weitere Teenager-Geschichte, die sommer­liche, klas­sen­be­wusste Miniatur Spare Keys des fran­zö­si­schen Duos Jeanne Aslan und Paul Sain­tillan, wurde im dies­jäh­rigen Wett­be­werb für »Neue Regis­seure« mit dem ersten Preis ausge­zeichnet.

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Latein­ame­rika und Asien domi­nierten trotz dieser fran­zö­si­schen Preise die Auszeich­nungen im Basken­land – ein über­fäl­liges Gegen­ge­wicht zu den großen Festivals Cannes, Venedig, Berlin, die zwar in den letzten Jahren verstärkt und deutlich über­be­tont Frauen auszeichnen, sich zugleich dabei aber allzu oft auf Europa und US-Amerika beschränken, als ob die Welt nur zwei Konti­nente hätte.
In San Sebastián hat sie mehr.

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Letztes Bier im Baluarte. Aus dem wurden dann, wie voraus­zu­sehen war, vier, die Bedie­nungen und ich verab­schieden uns mit »Bis zum nächsten Jahr!«, dann gehe ich zur Abschluss­ver­an­stal­tung in der alten Sommer­re­si­denz der spani­schen Könige.
Davor ließ ich mir noch mal ein paar Schlag­lichter des dies­jäh­rigen Programms durch den Kopf gehen.

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Verbre­chen der Zukunft. »I am bionic. I am the future« – das muss man erstmal über die Lippen bringen! Es war David Cronen­berg in der Pres­se­kon­fe­renz zum dies­jäh­rigen »Donostia-Award«.
Inzwi­schen kann Cronen­berg (geboren 1943) auf eine faszi­nie­rende Karriere als Regisseur zurück­bli­cken, die sich über fast ein halbes Jahr­hun­dert erstreckt. Sie begann als »Kult­filmer« im Horror- und Fantasy-Genre und endete als gefei­erter Filme­ma­cher so philo­so­phi­scher Filme wie Crash, eXistenZA History of ViolenceEastern Promises und Crimes of the Future. Titel, die Bilder liefern, die sich in die Gehirne von Genera­tionen von Cine­philen einge­brannt haben, und die ein eigenes Universum bilden, das sich mit seinen wieder­keh­renden Obses­sionen, wie dem Aufzeigen der Krank­heiten von Körper und Geist, des Unbe­wussten und der Beziehung zwischen dem Orga­ni­schen und der Tech­no­logie (»Body­horror«) von dem aller anderen Filme­ma­cher unter­scheiden.

Diese Beziehung zwischen dem Körper, der Tech­no­logie und der Zukunft, in die sie uns führen könnte, ist Cronen­bergs unver­meid­li­ches Thema, und ein erstaun­lich persön­li­ches: »Ich trage ein Hörgerät, damit ich hören kann, ich hatte vor kurzem eine Operation am Grauen Star, ich habe Implan­tate, also... ich bin bionisch. Die Zukunft bin ich.«
Cronen­berg sagte, er sei kein Optimist, er mache sich ernst­hafte Sorgen darüber, wie wir Menschen die Welt als Teil unserer eigenen Evolution als Spezies verändern, und ob unsere zerstö­re­ri­schen Impulse über die schöp­fe­ri­schen siegen werden.

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»Aber ich habe mich schon immer für Tech­no­logie und den Zugang zu ihr inter­es­siert. Heut­zu­tage kann man mit einem guten Mobil­te­lefon einen anstän­digen Film machen. In meiner Laufbahn habe ich immer Tech­no­lo­gien verwendet, die nicht als sehr profes­sio­nell für das Filme­ma­chen gelten, aber ich expe­ri­men­tiere gerne mit der Tech­no­logie und sehe, was junge Filme­ma­cher damit machen«.
Er fühle sich nicht befugt, kluge Ratschläge zu geben, aber er halte auch nichts von der neuen Empfind­sam­keit (»new sensi­ti­vity«) in Kreisen der Gebil­deten: »Seit ich ange­fangen habe, hat sich alles immer wieder verändert. Was soll ich Ihnen sagen? Seid stark!! Sie leiden beim Filme­ma­chen? Pech. Kino ist nichts für Schwäch­linge!!!«

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Cronen­bergs Werk war schon immer im aller­besten Sinne provokant, und zwar nicht wegen seiner Suche nach plumpen Schocks, sondern wegen seiner Fähigkeit, beim Zuschauer intensive Reak­tionen hervor­zu­rufen: »Man sagt, ich treibe das Publikum an seine Grenzen, aber das tue ich nicht. Ich treibe mich selbst an meine Grenzen. Ich gehe bis an meine Grenzen. Hitchcock sagte, das Publikum sei eine Mario­nette. Dem stimme ich nicht zu. Ich expe­ri­men­tiere mit meinen Filmen, während ich sie mache, um zu sehen, ob sie eine Wahrheit enthüllen, und dann überlasse ich es dem Publikum mit der Frage: Was fühlen Sie?«

In Crimes of the Future, seinem neuesten Film, den er nach der Cannes-Premiere in San Sebastián vorstellte, werden seine üblichen Obses­sionen wieder aufge­griffen. Eine Welt, in der die mensch­liche Spezies ständigen Muta­tionen unter­liegt, um sich an eine zunehmend synthe­ti­sche Umwelt anzu­passen, und in der die Kunst aus der öffent­li­chen Ausstel­lung von Opera­tionen und Autopsien besteht.

Hier fallen Künstler und Verbre­cher in eins. Ein überaus aktueller Gedanke in Zeiten, die Kunst zunehmend unter mora­li­sche, poli­ti­sche und auch juris­ti­sche Kuratel stellen will und Künstlern vor allem vorschreiben, was sie alles nicht dürfen.

»Künstler sind Krimi­nelle, weil Kunst im Grunde genommen kriminell ist. Wir haben unsere Instinkte unter­drückt, um uns als Zivi­li­sa­tion weiter­zu­ent­wi­ckeln. Der Künstler erforscht diese Instinkte und die unbe­wussten, zerstö­re­ri­schen Anteile in uns selbst. Die Anzie­hungs­kraft des Kinos, der Kunst, des Verbo­tenen, ist offen­sicht­lich.
Ich verspreche, in Zukunft mehr Verbre­chen in Form von Filmen zu begehen«.

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Die Französin Nicole Garcia konnte man hier am gleichen Tag im Abstand von 40 Jahren sehen: Einmal als die Mutter von Léa Seydoux im Film von Mia Hansen-Love und einmal als die Geliebte von Yves Montand im Film von Claude Sautet Garcon!