15.09.2022

Wuchernde Haut, verschlungene Orte

When the Waves Are Gone
Diaz für Einsteiger...
(Foto: 79. Filmfestspiele Venedig | When the Waves are Gone)

Lav Diaz hat mit When the Waves Are Gone einen erstaunlich zugänglichen, meisterhaft komponierten Neo Noir über das erbitterte Duell zweier Schuldbeladener gedreht.

Von Janick Nolting

Mit drei Stunden ist When the Waves Are Gone eines der kürzeren Werke von Lav Diaz. Man wird ja kaum müde, die Länge zu betonen! Das ist schließ­lich ein Regisseur, dessen umfang­reichste Filme gerne zur Tages­auf­gabe werden. Ein weiterer neuer Film von ihm, der 2022 in Deutsch­land erstmals beim Filmfest Hamburg gezeigt werden wird, dauert etwa knapp sieben Stunden. Festi­val­vor­füh­rungen sind ohnehin meist die einzige Gele­gen­heit, Diaz' Viel­stünder zu sehen. Meist verschwinden sie im Anschluss sang- und klanglos. Um den gran­diosen When the Waves Are Gone wäre es jedoch besonders schade, weil er sich nicht nur hinsicht­lich seines Umfangs zugäng­li­cher, nied­rig­schwel­liger als sonst entpuppt – ohne auf die gewohnten Lav-Diaz-Zutaten verzichten zu müssen.

Alles ist wieder da: das Spiel mit der Zeit, das Pfeifen auf Aufmerk­sam­keitsö­ko­nomie, das Aufar­beiten histo­ri­scher Vergehen, ein Verlieren in Räumen und Land­schaften, in welche vom Leben gezeich­nete Körper platziert sind. Nur erzählt Diaz dieses Mal viel strin­genter und stärker verdichtet als in so manch anderer seiner Arbeiten. Die Kontem­pla­tion, das Aushalten von einzelnen Kame­ra­ein­stel­lungen wird deut­li­cher von einem kompakten Hand­lungs­gerüst zusam­men­ge­halten, das konse­quent auf die Konfron­ta­tion zweier getrie­bener Männer zusteuert. Als einen Einstei­ger­film in Diaz' Oeuvre könnte man dieses Werk bezeichnen, ohne es damit schmälern zu wollen.

Der phil­ip­pi­ni­sche Regisseur hat hier den Grafen von Monte Christo adaptiert. Es geht um offene Rech­nungen, eine Rückkehr aus der Isolation in den Alltag. Eine Gefan­gen­schaft ersetzt die andere. Da ist auf der einen Seite Lieu­tenant Hermes Papauran, der früher am Anti-Drogen­krieg teil­ge­nommen und seine Familie im Stich gelassen hat. Nun taucht er bei seiner Schwester auf und wird von der Vergan­gen­heit heim­ge­sucht. Und da ist auf der anderen Seite Primo Maca­bantay, sein ehema­liger Mentor und Kollege, den Hermes hinter Gitter gebracht hat. Jetzt will er Rache für die jahre­lange Haft.

Lav Diaz führt beide Hand­lungs­stränge fort­wäh­rend zusammen. Er verfolgt ausgiebig die Wege der beiden Männer, bevor er sie über­kreuzt. Sein Talent offenbart er ebenso im Schreiben und Insze­nieren von gespro­chenen Dialogen wie im Spiel mit dem rein Visuellen. Man kommt leicht in Versu­chung, das Über­deut­liche besagter Dialoge als plakativ beisei­te­zu­schieben. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall: Sie zeugen in diesem üppigen Werk einfach von einer enormen Effizienz, die mit wenigen Worten viel auszu­drü­cken und zu skiz­zieren weiß.

Abrech­nung mit dem Duterte-Regime

Diaz verflicht einmal mehr die düsteren Kapitel phil­ip­pi­ni­scher Geschichte mit der Gegenwart und zeigt sich als einer der großen poli­ti­schen Filme­ma­cher der Gegenwart. Es ist eine Anpran­ge­rung des Regimes von Präsident Rodrigo Duterte und seines brutalen Kampfes gegen Drogen und Krimi­na­lität, ein Verzwei­feln an einem hoff­nungslos verlo­renen System, das sich mit Gewalt, Falsch­in­for­ma­tionen und Macht­miss­brauch am Leben erhält. Lav Diaz findet umwer­fende, alle­go­ri­sche Bilder für einen erstarrten, trau­ma­ti­sierten Zustand, der daraus resul­tiert. Ihre grobe Körnung legt sich wie ein ersti­ckender Dunst­schleier über die finstere Welt, die der Regisseur auf die Leinwand bringt.

So viel ist sicher: When the Waves Are Gone gehört zu den heraus­ra­gendsten Titeln der 79. Film­fest­spiele von Venedig, wo er seine Urauf­füh­rung feierte. Das war ein Festival, welches jede Menge Pomp versam­melte. Man kann etwa von einem magisch-realis­ti­schen Zauber­film wie Alejandro González Iñárritus Bardo mit seinen prot­zenden Tricks nun halten, was man will: Von der tief­schür­fenden Wirkmacht von Lav Diaz' Film kann ein tech­ni­zis­ti­sches Werk wie jenes von Iñárritu, von denen es mehrere im Programm zu sehen gab, nur träumen. When the Waves Are Gone besitzt schlicht und ergrei­fend etwas, das vielen Biennale-Werken fehlte: Zurück­hal­tung. Lav Diaz' Schwarz-Weiß-Bilder sind eigent­lich so simpel gestrickt. In ihnen sind weder ausufernde Budgets noch große digitale Effekte oder aufwendig konstru­ierte Sets erkennbar. Ihnen reichen ein schmuck­loses Haus am Strand, ein Korridor im Gegen­licht, durch den sich Menschen bewegen, oder ein nackter Körper in einem Hotel­zimmer, um eine ungemein hypno­ti­sche Kraft frei­zu­setzen. Das sind keine Aufnahmen, die über­wäl­tigen wollen, aber sie atmen eine bestimmte Lebens­wirk­lich­keit und Geschichte, eine Schönheit im Unge­schönten. Sie erzählen, studieren, wissen, wie man Kino beein­dru­ckend in Licht und Schatten zerlegt – gerade in ihrer rauen, teils morbide anmu­tenden Schmuck­lo­sig­keit.

Schuld zerfrisst den Körper

Immer wieder verharrt die Kamera auf der Stelle und sieht diesen in sich gefan­genen Menschen zu. Allen voran dem wahn­sin­nigen Primo, der als reli­giöser Fanatiker die Welt vom Sünd­haften befreien will und Prosti­tu­ierte für obskure Tauf­ri­tuale miss­braucht. Schwer auszu­hal­tende Momente sind das, weil Diaz' Echt­zeit­auf­nahmen kein Wegsehen erlauben. Sie kreieren intensive, kontrol­lierte Tableaus über das Kontrol­lier­bare. Sie zeugen von schmerz­hafter, über­sprin­gender Performanz. Irgend­wann wird Primo eine Leiche besei­tigen müssen. Auch das zeigt Lav Diaz in erbar­mungslos gedehnten Einstel­lungen.

Ein langer Film über das Töten ist When the Waves Are Gone geworden. Es geht im archaischsten Sinne um Fressen und Gefres­sen­werden. Viel­leicht ist er damit gar nicht allzu weit von Luca Guada­gninos Kanni­balen-Romanze Bones and All entfernt, die ebenfalls in Venedig Premiere feierte. Hier ist es vor allem ein markanter Körper, der sich selbst verzehrt: Eine tief sitzende Schuld frisst Leib und Seele in Form eines Haut­aus­schlags auf. Zerfall schreibt sich in Fassaden ein. Das Haus am Meer, zu dem Hermes zurück­kehrt, ein Erin­ne­rungsort, wird schon von der Flut eingeholt. Zwei abge­half­terte Männer bekriegen sich bis aufs Messer, um Frieden zu finden. Lav Diaz peitscht dieses Szenario bis zur Kata­strophe und einem gran­diosen letzten Akt.

When The Waves Are Gone ist bis dahin vieles: Fami­li­en­drama, Gesell­schafts­por­trät, Polemik, Orts­er­kun­dung, eine Stimmung. Irgend­wann schwingt er sich zum wasch­echten Noir auf, der in zwie­lich­tige Gassen führt, wo Prosti­tu­ierte warten, Nebel wabert, Schatten schaurige Formen werfen und zwei Rachsüch­tige aufein­ander losgehen. In der Tat, es sind trotz allem stili­sierte Kunsträume, in denen sich Diaz' Tragödie entfaltet. In ihnen treiben Geplagte ihr Unwesen, bis Blut fließt.

Bühne der Gewalt

Die trüge­ri­sche Ordnung der stati­schen Einstel­lungen bewegt sich jederzeit an der Grenze zur Eska­la­tion. When the Waves Are Gone erreicht damit eine ungeheure Inten­sität. Vor allem weiß er dabei auch seine eigene Illusion zu hinter­fragen – spätes­tens im Finale. Da gibt die Leinwand den Blick auf einen Kai frei, den Diaz als zentral­per­spek­ti­visch ausge­rich­tete Bühne insze­niert. Natürlich geht es zum Schluss ans Meer, der Titel verrät es ja schon! Unge­heu­er­li­ches wird sich dort abspielen, das in einer wunder­baren Irri­ta­tion gipfelt.

Diaz zeigt auf besagter Bühne Thea­ter­ge­walt, offen­sicht­liche Simu­la­tion, ein Als-ob mit über­trieben großen Gesten, die sich trotz ihres Schre­ckens an der Grenze zur Lächer­lich­keit bewegen. Solche Momente gibt es mehrfach in When The Waves Are Gone. Sie haben nichts mit hölzernem Schau­spiel zu tun. Vielmehr erreicht dieses Werk gerade seine Inten­sität, indem es dort vermeint­lich laien­hafte Brüche einbaut, wo Diaz in seinen schwel­ge­ri­schen Lang­zeit­auf­nahmen sonst gerne das Immersive, Versen­kende sucht. Wenn hier beispiels­weise ein halb­nackter Körper plötzlich aus reiner Provo­ka­tion und Selbst­dar­stel­lung zu tanzen beginnt, dann sind das Szenen, in denen Diaz seine filmi­schen Mittel und künst­le­ri­schen Praktiken in beson­derem Maße betont und auf sich selbst zurück­wirft. Das Gesamt­werk dieses faszi­nie­renden Regis­seurs erreicht dadurch noch einmal eine über­grei­fende Form der Selbst­re­fle­xion.

Sinnlose Tode werden in When the Waves Are Gone gestorben. Gewalt hat die Atmo­s­phäre vergiftet, auch das Meer kann sie nicht davon­s­pülen. Immer wieder hat sich der Autoren­filmer daran abge­ar­beitet. Aber was nützt es zum Schluss? Womöglich ist alles vergeb­lich in der Welt, das ganze fiktio­nale, künst­le­ri­sche und künst­liche Durch­spielen und Doku­men­tieren. Irgend­wann kommen unbe­darfte Fremde an einen Kriegs­schau­platz, ahnungslos, wo sie da hinein­ge­raten sind. Natürlich geht es hier auch um das Bezeugen und Zusehen. Sollen wir das sein? Eine düstere Pointe. Bloß schnell wieder weg, nichts damit zu tun haben wollen. Grausames Theater hat sich abge­spielt. Aber wer inter­es­siert sich noch für Theater?