15.09.2022

Stummfilmstar in der TikTok-Welt

The Queen Netlix
Die Veralltäglichung des royalen Charisma in Netflix' The Crown
(Foto: Netflix)

Die Königin des Kinos: Die Queen als Figur in Spielfilmen

Von Rüdiger Suchsland

»Früher, da mussten wir uns nur auf Pfer­de­rü­cken gerade halten, und eini­ger­maßen eine gute Figur machen. Jetzt sind wir dazu verpflichtet, uns in die Wohnräume der Menschen zu begeben, uns bei ihnen einzu­schmei­cheln. Wir sind zu der würde­lo­sesten Lebens­form degra­diert worden, die es gibt, der des Schau­spie­lers.«
- Georg V. von England, in: The King’s Speech

In der kommenden Woche wird das auf uns zukommen, was man dann so »ein Medie­n­er­eignis« nennt: Liveü­ber­tra­gungen von Gottes­diensten, Blumen­meeren, trau­ernden Gesich­tern, schönen Chorälen; daneben Archiv­ma­te­rial aus der Sender­kon­serve.
Das Erstaun­lichste daran ist, dass dies weltweit funk­tio­niert, in Repu­bliken nicht minder wie in König­rei­chen. Und zwar obwohl Elisabeth Windsor – bei allem Respekt Ma'am – nicht die gleiche histo­ri­sche Bedeutung hat, wie ein Winston Churchill. Die Bilder von dessen Staats­be­gräbnis im Januar 1965, den wir auch am Montag wieder hören werden, können auch repu­bli­ka­ni­sche Betrachter noch immer rühren, nicht nur wegen des schönsten aller Choräle, »I vow to thee«, mit denen sie unterlegt sind, sondern auch wegen der unver­gleich­li­chen Schönheit des bril­lanten analogen Farb­film­ma­te­rials, in dem alles aufge­nommen ist. Und weil sich in allen Gesich­tern das Bewusst­sein spiegelt, es mit einem der ganz Großen zu tun zu haben, dem Retter des Vater­landes und der Freiheit Europas. Damals wurde wirklich ein Jahr­hun­dert zu Grabe getragen, und das Britische Empire mit ihm.

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Geboren wurde sie noch in der Zeit des Stumm­films, gestorben ist sie in der Ära von Netflix und TikTok. Sie war undurch­sichtig wie ein Stumm­film­star und sie war die »Königin des Jahr­hun­derts« wie jemand kommen­tiert hat, und ohne Zweifel war sie in mancher Hinsicht nicht nur die Königin von England, sondern die von Europa, die Königin der Demo­kratie, auch mit allen Schat­ten­seiten, die das bedeutet – die Queen of England, Elisabeth II, geboren 1926, gestorben am letzten Donnerstag im Alter von 96 Jahren in ihrem Schloss Balmoral.

Die Queen war vieles auf einmal – und eben längst nicht nur eine poli­ti­sche Figur, die manchen als Anachro­nismus, anderen als letzte Bastion des ewigen England erscheint, sondern auch eine Pop-Ikone und ein Film-Charakter. Über diese Rolle, über die Queen als Figur in Filmen und Serien und darüber, warum das Kino gerade in der gegen­wär­tigen TikTok-Welt monar­chis­tisch ist, soll es jetzt gehen.

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Die Queen im Kino – ist das überhaupt ein Thema? Natürlich gibt es da die berühmte Netflix-Serie The Crown, die Verall­tä­g­li­chung des royalen Charisma, die angeblich sogar die Royal Family selbst mit großem Amüsement gesehen hat.

Und dann natürlich The Queen vom Engländer Stephen Frears, der wohl bekann­teste Film über Elisabeth II und das Strick­muster für alle weiteren Queen-Filme und für The CrownThe Queen erzählt von jener denk­wür­digen Woche, die auf den Tod der Lady Di am 31. Juli 1997 folgte. Damals reagierte Königin Elisabeth II. in den Augen der partei­ischen Beob­achter allzu lange nicht mit öffent­lich zur Schau getra­gener Betrof­fen­heit auf das Geschehen, sondern verharrte – verständ­li­cher­weise wenig persön­lich berührt – uner­schüt­tert im Dienst nach Vorschrift im Feri­en­schloss Balmoral, was zu einer tiefen Entfrem­dung in der innigen Beziehung zwischen der Queen und ihren Unter­tanen führte. Es waren drama­ti­sche Tage, erfährt man aus dieser behaup­teten Innen­an­sicht eines höfischen Lebens in unseren Tagen, die Frears mit ähnlichem Fein­ge­fühl entfal­tete, wie er dies vor bald 40 Jahren in Gefähr­liche Lieb­schaften mit der Gesell­schaft des Ancien Regime tat. The Queen ist eine Komödie der Macht und zur gleichen Zeit ein Thriller der Emotionen. Denn Frears nimmt die Königin und ihre Anver­wandten nicht über Gebühr ernst, lässt ihr aber immer ihre Würde, und zeigt, wie sie mit sich und ihrer Wut auf die ober­fläch­liche Glamour­prin­zessin ringt, die noch im Tod die Monarchie in Gefahr bringt. Zugleich zeigt er auch seine Version des Paral­lel­hofes, der Familie und Berater des seiner­zeit frisch­ge­wählten Tony Blair, der schnell erkennt, wie er von Dianas Popu­la­rität profi­tieren kann, aber zugleich die Monarchie rettet, indem er die Königin am Ende erfolg­reich drängt, ihr Verhalten zu verändern.

The Queen, an der Ober­fläche durchaus eine unter­halt­same Komödie, ist zugleich ein Film über die Spannung zwischen Monarchie und Demo­kratie, Tradition und Moderne. Helen Mirren verkör­perte die Königin wunderbar, freilich mit einer Intel­li­genz und Ironie, die man dem realen Vorbild bei allem Respekt doch nicht zutraut, der Darstel­lerin, einem ehema­ligen wilden Hippie-Girl, aber einen Oscar einbrachte.
Und auch Michael Sheen war glänzend als Premier, der anfangs als uner­fah­rener Spießer erscheint, der mehr und mehr an Profil gewinnt und am Ende ins Zentrum von Film und Handlung rückt – was natürlich auch ein Kommentar zur Sache ist.

Über­ra­schen kann Frears Film aber auch im Rückblick an keiner Stelle, und filmisch brachte er schon vor 16 Jahren nichts Neues. Zudem bleiben hier die Gründe von Blairs Handeln – das auch histo­risch nicht belegt ist – ebenso im Dunkeln wie die Gründe für Frears, diesen Stoff zu verfilmen – will man sich nicht damit begnügen, dass hier einer eben eine gute Geschichte erzählen will.
Was hat das alles mit uns zu tun, was könnten wir aus der Story erfahren? »Uneasy lies the head, that wears a crown«, zitiert der Film eingangs Shake­speares Heinrich IV. Aber die Dimension eines Königs­dramas fehlt dem Film, und die sollte er wohl auch nicht haben, aber es bietet sich hier natürlich auch ein anderer Vergleich an: der Film Sofia Coppolas: Marie Antoi­nette. Der hatte einen Stil­be­griff, eine Haltung, wo Frears nur schmun­zelt, und erwartet, dass wir alle das mit ihm tun. Coppola war im Zwei­fels­fall progressiv und anstößig und einfalls­reich, wo Frears gefällig ist, konser­vativ und konven­tio­nell.
Frears zeigt die Queen, so wie viele sie allzu gern sehen wollen: Mensch­lich, außer­ge­wöhn­lich. Klüger als der Durch­schnitt.

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Was gibt es sonst noch neben diesem Film?

272 Film­auf­tritte der Queen listet ein Inter­net­portal auf. Bei den meisten handelt es sich natürlich um Doku­men­tar­filme, in denen die Queen selbst irgend­wann vorkommt. Aber während ihrer langen Amtszeit bot das Leben von Queen Elizabeth II. immer wieder auch Inspi­ra­tion für Spiel­filme und Serien.

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Kennen könnte man The King’s Speech, der zwar von ihrem mit seinem Stottern hadernden Vater König Georg VI. handelt. Elizabeth ist darin immerhin als Mädchen zu sehen. Und der Film zeigt en passent, wie die für die Kron­prin­zessin histo­risch wichtige Beziehung zu Winston Churchill begründet wird.

Gerade in den letzten 15 Jahren gibt es viele Filme um die britische Königs­fa­milie. Viel­leicht ist dies das Symptom für ein Konser­va­ti­verwerden unserer Gesell­schaften, für heimliche Sehn­süchte nach Pomp und Ritualen.

Zugleich suchen sehr viele Filme nach einer Antwort auf die Frage: Wie war sie so? Dass wussten nur ihre engsten Freunde und ihre Familie. So eini­ger­maßen. Queen Elisabeth hat es geschafft, der Tyrannei der Intimität zu entkommen, und eini­ger­maßen der Souverän der Öffent­lich­keit zu sein, nicht ihre Sklavin.
Oder doch nicht: Denn gerade ihre könig­liche Zurück­hal­tung, ihre teil­nahms­lose Mimik, nährte die Speku­la­tionen, machte sie unwi­der­steh­lich. Sie war nur die Hülle eines Menschen, den alle nach Belieben ausfüllen konnten.

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In A Royal Night Out von 2015 geht es darum, wie Lilibeth und ihre Schwester Margaret mitten in der Euphorie des V-E Day in London im Jahr 1945 einmal ausbüxten und sich für ein paar Stunden der Dauer­be­wa­chung des Sicher­heits­per­so­nals entzogen, und inkognito unter die eksta­ti­sche Menge mischten. Sie verbringen eine wilde Nacht mit Trinken, Tanzen, Flirten, Waten in einem Brunnen und Busfahren. Angeblich hatte die zukünf­tige Königin da eine Romanze mit einem Mann aus dem Volk. Unglaub­lich!

Für das Volks­tüm­liche war dann später eine andere zuständig: Die »Peoples Princess« Diana Spencer. In Diana wird sie von Naomi Watts gespielt, in Spencer, der erst im letzten Jahr in die Kinos kam, verkör­pert Kristin Stewart die kulleräu­gige, nur vermeint­lich naive Königin der Herzen.
Elisabeth II. ist in solchen Stücken jeweils eine klare Rolle zuge­schrieben: Die der kalten Mächtigen, der hart­her­zigen oder verwöh­nenden Prin­zen­mami und der in jedem Fall garstigen Schwie­ger­mutter.

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Ganz anders trieb es Regisseur Peter Richardson in unserem persön­li­chen Geheim­tipp: Churchill: The Hollywood Years heißt seine wilde Parodie des United Kingdoms in der Zeit des Zweiten Welt­kriegs. Dort spielt Christian Slater einen über­ra­schend verjüngten Churchill, der eigent­lich ein US-Agent ist, und Neve Campell eine Prin­zessin mit Camou­flage-Mantel, Krönchen im Haar und Maschi­nen­pis­tole in der Hand, die sich gegen Nazi-Agenten vertei­digt, die sie entführen wollen und zur Braut des Führers machen. Und irgend­wann sogar Hitler trifft.

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Sind die übrigen Queen-Filme nicht eigent­lich alle zu unkri­tisch? Man müsste doch mit so einer anachro­nis­ti­schen Figur wie einer Königin ganz anders umgehen?

Auch das gibt es sehr wohl im Kino. Im Slapstick-Film Die nackte Kanone von 1988 wird ein Attentat auf die Königin geplant, ihr Double Jeannette Charles tritt darin an der Seite von Leslie Nielsen auf. In Zeichen­trick­filmen war die Monarchin ebenfalls zu sehen, hatte Auftritte in »Die Simpsons«, der Kinder-Serie »Peppa Wutz« und im Anima­ti­ons­film Minions von 2015. Um ihre pelzigen Lieblinge drehte sich der belgische Anima­ti­ons­film Royal Corgi – Der Liebling der Queen aus dem Jahr 2019.

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Trotzdem: Das Kino ist grund­sätz­lich monar­chis­tisch. Es kennt nur absolute Regenten, und es liebt die Despoten – auf dem roten Teppich auf der Kino­lein­wand, ich möchte keine allzu große Diffe­ren­zie­rung, keine Demo­kratie, keinen Wider­spruch. Die Stars regieren das Kino, und Demo­kratie in der Kunst ist ein Wider­spruch in sich und bewirkt, wo sie auftritt, selten Gutes.
Auch gute Regis­seure sind solche abso­lu­tis­ti­schen Monarchen. Natürlich nicht, wenn sie ihre Macht miss­brau­chen. Wo sie das aber nicht tun, da ist man froh, wenn sie einen in ästhe­ti­sche Gefilde zwingen, an Orte bringen, die wir nicht einmal erahnt haben, uns Erfah­rungen bieten, die unser Weltbild auf den Kopf stellen.
Vorsicht also vor den popu­lis­ti­schen Königs- und Königs­denk­mal­s­tür­mern – allzu schnell ist auch hier das Kind mit dem Bade ausge­schüttet, die Kunst mit der Unmoral.