18.08.2022

Enjoy your summer!

Magic Moment
Magic Moments: die »artechock«-Autoren Ulrich Mannes, Anna Edelmann und Thomas Willmann hielten Film Lectures bei den diesjährigen Filmkunstwochen München. Hier genießen sie den Abend
(Foto: Filmkunstwochen München)

Sommerliche Atempause mit ein paar Gedanken zum rastlosen Unterfangen, beruflich mit dem Kino zu tun zu haben

Von Dunja Bialas

»Enjoy your summer.« Einer meiner Kollegen hat diesen E-Mail-Betreff gewählt, um auf sehr elegante Weise von seiner Abwe­sen­heit abzu­lenken, indem er den Spieß einfach umdreht. Denn er gönnt sich gerade Offline-Müßiggang. Das Perfide an der Film­kritik, am Kino und bei allen Kultur­schaf­fenden ist: das Rad steht niemals still, nach dem Festival ist vor dem Festival. Gerade erst sind die Film­kunst­wo­chen München zu Ende gegangen, die die Kino­be­treiber in höchste Anspan­nung versetzt haben, während die Leute zu ihnen kommen, um für ein paar Stunden nicht nur Kurzweil, sondern auch Kühle zu tanken. Der Stress hat sich gelohnt, die Vorstel­lungen waren über­durch­schnitt­lich besucht, sagen die Kino­be­treiber.

Während die Kino­be­treiber Münchens jetzt wieder in den Alltag zurück­kehren, sind andere schon wieder im Vorbe­rei­tungs­stress. Das ist das Schicksal der Festi­val­ar­beiter: Planung von langer Hand, azykli­sches Frei­zeit­ver­halten. Wenn im Herbst der große Festi­val­reigen beginnt (ab Oktober: UNDERDOX, DOK Leipzig, Viennale; ab November: Mannheim-Heidel­berg, IDFA), kann man davon ausgehen, dass die Mache­rinnen und Macher keinen Sommer am Strand hatten. Höchstens ein paar Brücken­tage im kommu­nalen Schwimmbad, oder an der Isar. Die E-Mail-Korre­spon­denz flutscht in diesen Tagen geradezu, bis auf meinen Kollegen erreichen mich keine Absenz-Notizen, noch nicht einmal verschämte.

»Kinos für die Zukunft« war das dies­jäh­rige Motto der Film­kunst­wo­chen München. Eigent­lich ist das Kino­ge­schäft ein einziger Dialog mit der Zukunft, fast sogar der Blick in die Glaskugel: Wird der Film gut laufen? Werden die Leute kommen?
Der »Zukunft des Kinos« ist auch das Siegfried-Kracauer-Stipen­dium gewidmet, für das man sich noch bis 20. August bewerben kann. Hier die Einrei­chungs­mo­da­li­täten.

Bei Zukunft denkt man immer auch an »Future is now.« Der kana­di­sche Medi­en­phi­lo­soph Marshall McLuhan hat rich­ti­ger­weise die Zukunft gleich in der Gegenwart verankert. Ohne Gegenwart ist die Zukunft nicht denkbar, ande­rer­seits ist Zukunft ohnehin nicht erfahrbar, ist sie doch, wenn sie eintritt, ihrer­seits Gegenwart geworden. Deshalb ist »Future« natürlich immer »now«. Nur sagen musste es eben mal einer.

Ein lang­fris­tiges Handeln, wie es Festi­val­leiter, Film­ein­käufer und Verleiher prak­ti­zieren, ist nur möglich mit einem uner­schro­ckenen Vertrauen in das Eintreten der Zukunft, mit einer Zuver­sicht­lich­keit, ja fast schon Gewiss­heit darüber, was werden wird. Corona hat uns allen auch deshalb einen Schlag in die Magen­grube versetzt. Wir konnten nicht mehr planen und projek­tieren, die Zukunft war zum Still­stand gekommen.

Ich möchte ausdrück­lich darauf hinweisen, dass folgender Passus bereits von 2018 stammt. Da schrieb ich doch glatt: »Das Home-Office [Anmerkung von heute: arrgh, ich dachte, das sei eine Corona-Erfindung!] und das Heimkino, heute begrüßt als Unab­hän­gig­keit, werden die alltä­g­liche Begleit­erschei­nung leiden­schafts­loser Couch-Potatoes und Pantof­fel­helden sein.« Schon damals habe ich sie wohl gehasst.

Was mir wieder einmal zeigt: Die Entwick­lungen seit Corona, angeblich wegen Corona gehorchen in vielem den Inter­essen der Technik und der dahin­ter­ste­henden Industrie (warum aber funk­tio­niert das bei den neuen Tech­no­lo­gien nicht so wirklich?). Wir laufen die ganze Zeit nur hinterher, viel­leicht sind wir auch deshalb so rastlos oder haben deswegen andauernd das Gefühl, dass uns die Zeit zwischen den Fingern zerrinnt. Future is now, was stehst du hier noch rum?

In die UNDERDOX-Pres­se­mappe schreibe ich heute: »Die Welt um uns herum erleben wir in den letzten Monaten als hoch­gradig flüchtig.« Und weiter: »Ein Krieg zieht eine Ener­gie­krise nach sich, lange ange­kün­digt in dem sich still voll­zie­henden Klima­wandel. Dürre, Brände, Bomben sind der entsetz­liche Dreiklang dieses 'Summer of War'.« Hm, viel­leicht besser noch mal darüber schlafen, das ist schon sehr negativ, das wollen die Leute nicht. Aber genau deshalb hatte doch der geor­gi­sche Regisseur Alexandre Koberidze seinen Monu­men­tal­film Lass den Sommer nie wieder kommen genannt. Der Sommer verband sich mit dem Krieg.

Der Filmtitel kehrte in den vergan­genen Wochen hart­nä­ckig in mein wehrloses Hirn zurück, es war heiß, die Synapsen weich: »Lass den Sommer nie wieder kommen.«

Den Sommer aber wollen wir ungetrübt, mit strahlend blauem Himmel und weißem Strand. Er ist die liebste Jahres­zeit der Deutschen (neben den fünften Jahres­zeiten Karneval und Okto­ber­fest). Der Sommer ist super­wichtig, mit Badesee, Radl-Ausflug, Bier­gar­ten­be­such. Und weil wir ein Kino­ma­gazin sind, lassen wir natürlich das kühle Kino nicht unerwähnt. Womit feststeht: Die Film­kunst­wo­chen sind die fünfte Jahres­zeit der Münchner Kinos!

Da diese jetzt vorbei sind, gönnen auch wir uns bei »artechock« eine großes Verschnaufen mit einer kleinen Mitte-August-Ausgabe. Enjoy your summer!

Nota bene: Die Autorin ist orga­ni­sa­to­ri­sche Leiterin der Film­kunst­wo­chen München, kura­to­ri­sche Leiterin des UNDERDOX-Film­fes­ti­vals und fühlt sich gerade wie »Sommer vorm Balkon«