07.07.2022

Schmetterlingsvisionen

Butterfly Vision
Verletzungen am Flügel aka Schulterblatt
(Foto: FILMFEST MÜNCHEN / Maksym Nakonechnyi)

Über die Einflussangst und den Kulturboykott. Oder lieber doch Selenskij auf Instagram folgen? Ein Ukraine-Panel gab auf dem 39. Filmfest München erhellende Einblicke in das Denken der jungen ukrainischen, filmemachenden Generation

Von Dunja Bialas

Die Geschichte von der jungen, »Schmet­ter­ling« genannten Frau, die im umkämpften Donbass eine als gigan­ti­scher Schmet­ter­ling getarnte Drohne starten lässt, kostet die Antipoden aus: hier die Poesie des zerbrech­li­chen Insekts, dort die harten Metalle der Kano­nen­rohre. Hier das zarte Geschöpf in Gestalt einer jungen Frau, dort die Bruta­lität des Kriegs­ein­satzes. Butterfly Vision hat der ukrai­ni­sche Regisseur Maksym Nakon­echnyi seinen poeti­schen Ausflug in die Welt der Militärs genannt, der sein Lang­film­debüt ist. Zuvor hatte er bei Arlina Gorlovas bild­ge­wal­tiger Medi­ta­tion This Rain Will Never Stop (2020) über den Krieg als Conditio humana als Dreh­buch­autor und Produzent mitge­wirkt.

Butterfly Vision verbreitet trotz der der Haupt­figur inhä­renten Poetik eine unan­ge­nehme, kalte Atmo­s­phäre. Immer wieder wird die junge Lilya (Rita Burkovska) im Heimat­ur­laub von Flash­backs heim­ge­sucht. Sie entdeckt schließ­lich, dass sie schwanger ist, der Vater aber kann nach dem Kriegs­dienst nicht mehr ins zivile Leben zurück­finden. Schließ­lich, und das muss man verraten, um die Radi­ka­lität dieser Erzählung in ihrer ganzen Dimension zu erfassen, entscheidet sie sich dafür, das Neuge­bo­rene zur Adoption frei­zu­geben und in den Krieg im Donbass zurück­zu­kehren.

Dunkel-Dystopien

Portrai­tiert wird in Butterfly Vision eine Genera­tion ohne Zukunft und ohne Hoffnung, eine, die sich nicht für das Leben entscheiden kann, nur für den alptraum­haften Tod. Eine, die nicht lieben kann, nur kämpfen, das aber sehr gut. Eine bittere Botschaft geht von diesem jungen Film aus, wenn die Entschei­dung zwischen Adop­ti­ons­frei­gabe und Kriegs­dienst in keinem Moment als mora­li­sches Dilemma aufscheinen darf, wie es viel­leicht in den großen Tragödien der Fall wäre. Die Adop­tiv­el­tern sprechen englisch, sind gut situierte Leute aus dem Westen, mit creme­far­benen Kinder­zim­mern. Was wird damit gezeigt, und vor allem: Genügt das schon? Stimmt das denn?

In den letzten Monaten habe ich viele Filme aus der Ukraine gesehen. Ihnen gemeinsam war, dass sie alle in der Zeit seit dem russi­schen-ukrai­ni­schen Krieg im Donbass spielen, der 2014 begann. Alle online gesehenen Filme der Festivals von Vilnius und GoEast in Wiesbaden erwiesen sich als unheil­volle Dunkel-Dystopien, angezogen vom Schweren, Unheil­vollen, Aussichts­losen. Als ich laut überlegte, wo der utopische Gegen­ent­wurf, den ja zumindest die Fiktion als Korrektiv der Geschichte leisten kann, bliebe, wurde klar, dass diese Frage derzeit – noch nicht einmal in Gedanken – gestellt werden kann.

Wichtig ist daher, ihnen zuzuhören, um besser zu verstehen, warum das gerade nicht denkbar sein soll. Auf dem »Ukraine-Panel«, das auf dem letztes Woche­n­ende zuende gegan­genen Filmfest München abge­halten wurde, nahmen der Butterfly Vision-Regisseur Maksym Nakon­echnyi, die Münchner HFF-Studentin Mila Zhluk­tenko und der sehr junge Archie Navarro, der seit wenigen Wochen in einem rasch einge­rich­teten englisch­spra­chigem Sonder­stu­di­en­gang ebenfalls an der HFF studieren kann, teil.

Schweres Aufnah­me­gerät an die Front

Spek­ta­kulär ist die Initia­tive von Mila Zhluk­tenko. Die Ukrai­nerin lebt seit 2004 in Deutsch­land und hat in einer Fund­rai­sing-Kampagne einen fünf­stel­ligen Betrag für »Babylon 13« gesammelt, einem Doku­men­tar­film­verein, der sich während der Maidan-Revo­lu­tion gegründet hatte. Der Verein ist »berühmt für das furcht­lose Filmen in den Kriegs­ge­bieten und besetzten Gebieten«, heißt es auf der Seite des Spen­den­auf­rufs.

Seitdem schickt die HFF schweres Gerät »an die vorderste Front«, Kameras, Tonauf­nah­me­geräte und andere Ausrüs­tung. Das Risiko, das im bloßen Doku­men­tieren liegt, lässt sich leicht am Schicksal des litaui­schen Regis­seurs Mantas Kvedara­vičius ablesen, der am 2. April dieses Jahres in Mariupol getötet wurde.

»Russia can not win the war«, weiß der junge Archie Navarro. Bei Kriegs­be­ginn sah er sich vor der Entschei­dung, in den Krieg zu ziehen oder im Ausland seinen Traum zu verfolgen und Film­re­gis­seur und Schau­spieler zu werden. Er wäre ein guter Soldat geworden, weiß er, sagt es zumindest auf dem Podium. Lieber aber will er jetzt die ukrai­ni­sche Kultur bekannt machen, von der viele nichts wissen. »Alle kennen nur die russische Kultur.« Auf die Frage, was wir alle für die Ukraine tun könnten, sagt er, zum Beispiel auf Instagram dem ukrai­ni­schen Präsi­denten Wolodymyr Selenskij folgen und seine Postings liken.

Die Sovexport-Filme

Das ist natürlich ein wenig jung und naiv gedacht, lässt hier aber auch kurz das Wirken des Staates auf die Ukrainer*innen und ihr Natio­nal­denken aufblitzen. Inter­es­santer wird es, wenn man über die von ihm ebenfalls aufge­wor­fene Frage nach der ukrai­ni­schen Kultur nachgeht. »Wie lange dauerte es, bis ein west­li­ches Publikum die Sovexport-Gewohn­heit wahrnahm, von Werken aus nicht­rus­si­schen Sowjet­re­pu­bliken jeweils nicht das regio­nal­spra­chige Original, sondern die russische Fassung zu expor­tieren?«, schreibt beispiels­weise der ehemalige Film­po­di­um­s­leiter Martin Girod leiden­schaft­lich in der neuesten Ausgabe von »Kinema Kommunal«.

Die Filme der Sowjet­union seien uns dadurch als »russische« Filme bekannt, und in der Tat kann das Primat des Russi­schen über die ehema­ligen Sowjet­länder als ein Haupt­motiv dafür genommen werden, weshalb die ukrai­ni­sche Film­aka­demie heute den Boykott russi­scher Filme auf Festivals fordert. Auch Maksym Nakon­echnyi spricht in diese Richtung. »Our culture was silenced during a very long time«, jetzt gilt es, die ukrai­ni­sche Kultur zu erhalten und vor allem auch zur Sicht­bar­keit zu bringen. Der Ukrai­ne­krieg war dafür ein »Boost«, sagt er auf dem Podium, für den sie aber einen hohen Preis bezahlen.

Revision der russi­schen Kultur

Ange­spro­chen auf den Gene­ral­kul­tur­boy­kott, unter­scheidet Maksym Nakon­echnyi zwischen dem allge­meinen Kultur­be­griff, unter den er auch die gesell­schaft­li­chen Umgangs­formen, die Tradi­tionen, das Essen subsu­miert, und der Kunst. Kunst aber sei ebenso wie die Kultur politisch. Kultur und Kunst werden von den Russen als Instru­ment benutzt, um den Angriffs­krieg zu recht­fer­tigen, so Nakon­echnyi, daher müsse man auch die euro­päi­sche Gesell­schaft vor der russi­schen (Propa­ganda-)Kultur schützen. Es müsse Zeit bleiben, die russische Kultur einer Revision zu unter­ziehen, unter histo­ri­schen Aspekten. Nakon­echnyi spricht statt von Boykott lieber von einer vorü­ber­ge­henden »Suspen­sion«.

Die »Einfluss­angst« (Nakon­echnyi) vor dem Russi­schen müsse nun dazu führen, die russische Kultur nun auch einmal beiseite zu schieben. Die Darstel­lungen von der großen russi­schen Kultur­na­tion müsse der Vorstel­lung weichen, dass sie vor allem eine Kultur der Aneignung (»appro­pria­tion«) sei. Das sind alles an westliche Diskus­sionen anschluss­fähige Diskurse und hört sich kaum nach Säbel­ras­seln an, wie es beim ukrai­ni­schen Botschafter Melnyk der Fall gewesen war, der sich zuletzt im Interview mit Tilo Jung (»Jung & naiv«) als Waffen­lob­byist und Bellizist zu erkennen gegeben hatte. Viele der russi­schen Künstler sind auf den Kolo­ni­al­ter­ri­to­rien geboren, daran erinnert Nakon­echnyi schließ­lich noch: Tschai­kow­skij, Tschechow, Gogol. Das aber sind vergan­gene Zeiten, die Gegenwart müsse neu gedacht werden. Man müsse neue Wege zur russi­schen Kultur finden und neuen Stimmen zuhören, aus neuen Regionen in Mittel­asien, die alle in gleich­ma­chender Weise unter das künst­liche Konstrukt des post­so­wje­ti­schen Raums gestellt waren.

Den neuen Stimmen zuzuhören ist sehr lohnens­wert, bleibt als Fazit des Panels zurück, auch weil eine junge Genera­tion mit neuen Vorstel­lungen auftaucht. Dennoch wird einem auch unbe­hag­lich, wie von »der« russi­schen Kultur gespro­chen wurde, um zu begründen, warum »die« russi­schen Filme ausge­schlossen werden. Denn zu diesen neuen Stimmen gehörte sicher­lich auch, eine neue russische, exilierte Genera­tion einzu­be­ziehen; jene Genera­tion, die nicht schon seit Jahren vom Kultur­nepo­tismus profi­tiert und künst­le­risch entwirft, was in der Realität nicht statt­finden kann. Auch mit Blick auf die Panel-Äuße­rungen war es daher eine mutige Entschei­dung des Filmfests, auch zwei Filme des inzwi­schen in Berlin lebenden russi­schen Regis­seurs Kirill Sere­bren­nikov im Programm zu haben – andere Festivals wie Wiesbaden sind mit diesem Dialog­an­gebot nicht ganz schadlos durch­ge­kommen und dort wurde auch prompt schärfer disku­tiert. Was wird mit der jungen, vom Dialog ausge­grenzten russi­schen Genera­tion? Der Konflikt wird so wohl weiter­ge­tragen, und immer weiter und weiter.