29.05.2022

Die Sonnenkönige von Cannes

Triangle of Sadness
Die Goldene Palme auf großer Tour...
(Foto: Presseservice 75. Filmfestspiele Cannes)

Der Schwede Ruben Östlund gewinnt mit der Sozialsatire Triangle of Sadness seine zweite Goldene Palme – Cannes-Tagebuch, 8. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Wer das Ancien Régime nicht kannte, wird niemals wissen können, wie süß das Leben war.« – Charles Maurice de Talley­rand

Der Film Triangle of Sadness, eine bissig-sarkas­ti­sche Gesell­schafts­sa­tire vom Schweden Ruben Östlund gewann am Samstag die Goldene Palme von Cannes. Freuen können sich damit auch die deutschen Schau­spie­le­rinnen Sunnyi Melles und Iris Berben, die mit zum Ensemble dieser auch filmi­schen Tour de Force gehören, die von einem Dutzend Wohl­stand­bür­gern erzählt, die sich ein Leben ohne Moral, Yoga und Mandel-Latte mit Hafer­milch nicht mehr vorstellen können, die aber plötzlich in einen exis­ten­ti­ellen Über­le­bens­kampf geworfen werden: »Zehn kleine Olig­ar­chen«...

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Dieser Sieger schien fast zu klar fest­zu­stehen. Mit Triangle of Sadness gewann am Samstag der Film, der von Anfang an für die meisten Kontro­versen gesagt hatte, für schwär­me­ri­sche Begeis­te­rung wie für wütende Ablehnung, und das sowohl unter profes­sio­nellen Festi­val­be­su­chern, wie unter den »normalen« Zuschauern die hier in Cannes allen (deutschen) Gerüchten zum Trotz natürlich auch ins Kino dürfen.

Ein Glücks­griff für das Festival, ein Geschenk für das Kino in Zeiten seiner exis­ten­ti­ellen Krise: Indem er das Publikum spaltet, indem er provo­ziert, indem er dazu anregt, nach dem Film weiter zu debat­tieren, nach­zu­denken und ihn sich viel­leicht gleich noch mal anzu­schauen, um zu verstehen, was man da eigent­lich genau gesehen hat, ist Triangle of Sadness eigent­lich ideales Autoren­kino. Wir haben es nur ein bisschen verlernt, auf solche Filme ange­messen zu reagieren und die Unein­deu­tig­keit die sie in uns hervor­rufen, als Vorzug wert­zu­schätzen und zu begrüßen.
Viele von uns möchten vom Kino Eindeu­tig­keit, viele möchten eine klare poli­ti­sche und mora­li­sche Haltung der Filme­ma­cher, und zwar möglichst genau die, die sie selber haben. Viele möchten »etwas Positives« mitnehmen, Botschaften fürs Poesie­album am besten. Andere möchten darin bestätigt werden, dass sie selber das Richtige tun, dass sie gute Menschen sind und dass sie sich eben nicht ändern müssen, um auf der sicheren Seite zu stehen. Sie möchten weiterhin im Kosmos ihrer Empfind­lich­keiten ungestört mäandern dürfen, sie möchten ihre Sensi­bi­li­täten ausstellen, aber nicht in Frage stellen.

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Alles das will Ruben Östlund ihnen nicht bieten – im Gegenteil! Er will irri­tieren und provo­zieren, er will einen unan­ge­nehmen Nach­ge­schmack in Mund Herz und Hirn zurück­lassen, er will unser Weltbild erschüt­tern, anstatt es zu bestä­tigen. Und dabei zugleich Schönheit und alter­na­tive Welten auf die Leinwand bringen. Kino ist nicht nur, wenn schöne Menschen schöne Dinge tun, sondern auch wenn kluge und über­ra­schende Sachen in schöner Weise gezeigt werden.
Der Grund auf dem Östlunds eigener Film und sein vermut­li­ches Weltbild stehen, ist so schlüpfrig und schwan­kend wie der, auf dem sich seine Figuren befinden – und nicht erst, als in seinem Film ein wilder Sturm aufkommt und das Traum­schiff der Reichen und früher mal Schönen zum Schwanken und schließ­lich zum Sinken bringt.

Wir sind längst alle Passa­giere der Titanic – moralisch und politisch. Das ist es, was dieser Film sagt.

Die Film­fest­spiele von Cannes hingegen und das Weltkino befinden sich keines­wegs auf Fron­tal­kurs in den Untergang – auch wenn das Festival Palais mit seiner Neobru­ta­lismus-Archi­tektur aus der Ferne eigent­lich ganz ähnlich aussieht wie eine riesige Titanic aus Beton.

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Die Über­ra­schung am Samstag war nicht die Wert­schät­zung für den Film, sondern nur die Entschei­dung der Jury, hier keine Rück­sichten auf Festival, auf Politik und auf Moral zu nehmen. Denn mit diesem Preis gehört Östlund nun nicht nur endgültig zur Elite des Weltkinos, sondern zu dem höchst exklu­siven Club der nur 9 Filme­ma­cher, die schon zweimal mit dieser wich­tigsten Auszeich­nung des euro­päi­schen Kinos prämiert wurden. Drei goldene Palmen konnte noch niemals ein Filme­ma­cher gewinnen.

Insgesamt waren die Preis­ent­schei­dungen in Cannes über­ra­schend. Und zwar, weil die Jury um ihren Präsi­denten, den fran­zö­si­schen Schau­spieler Vincent Lindon den Mut aufbrachte, fast völlig auf poli­ti­sche Gefäl­lig­keits­preise zu verzichten. Es werden eben, wenn es mit rechten Dingen zugeht, nicht mora­li­sche Ansichten ausge­zeichnet, nicht poli­ti­sche Werte, nicht Sympa­thien, sondern ästhe­ti­sche Haltungen und die Fähigkeit, etwas auf die Leinwand zu bringen, ein Publikum mitzu­reißen, ihm eine Achter­bahn­fahrt der Sinne und Gefühle zu bescheren, und es zum Nach­denken zu bringen.
Es wird aber – wie gesagt und wenn es mit rechten Dingen zugeht – nicht Politik ausge­zeichnet. Und auch eine Leni Riefen­stahl ist nicht etwa wegen ihrer poli­ti­schen Einstel­lungen welt­berühmt, sondern wegen der Einstel­lungen ihrer Kamera, wegen der Bilder, die sie geschaffen hat.

Ruben Östlund ist mögli­cher­weise auch ein Zyniker, er hat mögli­cher­weise recht konser­va­tive Ansichten, aber sein Film ist vor allem hervor­ra­gendes Kino. Und witzig. Nur darauf kommt es an.

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Der zweit­wich­tigste Preis für die »Beste Regie« ging an den Koreaner Park Chan wook für seinen Decision to Leave.

Fast alle anderen Preise wurden geteilt. Das schwächt die Auszeich­nungen, signa­li­siert zugleich, dass der Wett­be­werb neben den genannten Filmen wenig Heraus­ra­gendes bot.

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In drei Fällen gingen Filme und ihre Macher leider leer aus. Bei James Gray und Arnaud Desplechin über­rascht mich das gar nicht – Grays Film ist zu gefällig, zu ameri­ka­nisch und am Ende ein bisschen zu harmo­nisch, um in Cannes mehr zu gewinnen als mögli­cher­weise den Kompro­miss-Preis einer total zerris­senen Jury. Die Nicht-Auszeich­nung war also absehbar.
Und Desplechins Film ist das Gegenteil: Er spaltet selbst die Franzosen und die Nicht-Franzosen verstehen ihn einfach nicht, oder wollen nicht verstehen. Oder er ist wirklich ein ganz schlechter Filme­ma­cher oder einer, der einen schlechten Film gemacht hat, wie das viele glauben – ich finde das nicht. Ich finde, sein virtuoses Kino hätte gut einen Preis verdient.
Ein Film der eigent­lich allen gefiel, die ihn gesehen haben ist hingegen – für mich sehr über­ra­schend – Albert Serras hypno­ti­sche Kolo­ni­al­phan­tasie Paci­fic­tion. Ein ganz wunder­barer, großar­tiger Film, der – neben Skoli­mow­skis Eselsfilm – die viel­leicht stärksten, eindring­lichsten und nach­wir­kendsten Bilder des gesamten Wett­be­werbs bot. Ich habe ihn gestern in der Nach­mit­tags­vor­stel­lung gesehen und war trotz großer Müdigkeit hin und weg. In meinen Cannes-Abschluss­be­richten am Mittwoch wird darüber noch mehr stehen.

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Abseits des Wett­be­werbs wurde glück­li­cher­weise von vielen »Crowd­plea­sern« zugleich ange­messen klar­ge­macht, dass Kino mehr ist als nur stilles, sensibles Autoren­kino des Wett­be­werbs oder staats­tra­gende Reprä­sen­ta­ti­ons­filme, wie man sie dort auch findet. Elvis vom Austra­lier Baz Luhrman bot zwei Stunden Hoch­druck­kino und brachte am Mitt­woch­abend den Strand von Cannes zum Beben und auch Tom Hanks wackelte auf dem Roten Teppich ein bisschen mit den Füßen.

Schon einen Tag später sorgte der belgische Film Rebel für Aufsehen und minu­ten­lange, stehende Ovationen am Ende der »Mitter­nachts­vor­stel­lung« um kurz vor 3 Uhr nachts. Bei diesem Film des Belgiers Adil El Arbi handelt es sich um nichts Gerin­geres als um ein Dschihad-Musical, das mit Gesangs­ein­lagen von einer Mutter erzählt und ihren beiden Söhnen, die aus Leicht­sinn, aber am Ende unfrei­willig in die Fänge der syrischen »Isis« geraten. Rebel ist erstaun­lich gut und nicht wenige fragten sich später, warum dieser Film nicht im Wett­be­werb lief.

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Nach einem Festival ohne ganz klare Trends, im »Jahr 1« nach der Pandemie sucht das Weltkino noch nach seinem Weg in die Zukunft. Cannes hat ihn nicht aufzeigen können, zumal neue Hinder­nisse im Weg liegen: der allzu nahe Ukraine-Krieg und die aufkom­mende Wirt­schafts­krise. Der Grund, auf dem das Kino steht, bleibt unsicher wie die Lage der Welt insgesamt. Das Kino kann hier nichts verändern, aber es kann wohl­tu­enden Eska­pismus bieten, es kann alter­na­tive Welten bauen und es kann unsere Lage reflek­tieren. Das immerhin ist in Cannes alles gut gelungen.