26.05.2022

Flugkunst und Kriegshandwerk

The Natural History of Destruction
Eine düstere Parabel...
(Foto: Presseservice 75. Filmfestspiele Cannes)

Loznitsas großartiger, subjektiver Dokumentarfilm über Krieg – Cannes-Tagebuch, 4. Folge

Von Rüdiger Suchsland

»Meiner Meinung nach ist jeder Versuch, eine Kultur zu boykot­tieren, an sich schon ein Akt der Barbarei.« – Sergei Loznitsa, Regisseur

»Für zwei Stunden schweißt der große Anlass die gesteu­erte und kommer­zia­li­sierte Soli­da­rität der Fußball­in­ter­es­senten zur Volks­ge­mein­schaft zusammen. Der kaum verdeckte Natio­na­lismus solcher scheinbar unpo­li­ti­schen Anlässe von Inte­gra­tion verstärkt den Verdacht ihres destruk­tiven Wesens.« – Theodor W. Adorno

»Seit der Sport so epochal geworden ist, wissen die Menschen endlich, was sie anfangen sollen. Es fliegen lauter Bällchen durch die Luft.« – Siegfried Kracauer

Fußball ist ein ständiges Thema bei diesem Festival und in diesem Jahr ganz besonders. Zum einen gibt es eine sonder­bare Affinität zwischen Fußball und Kino, die von manchen zwar geleugnet und von anderen ignoriert wird, die aber am Ende doch sehr eindeutig besteht. Zum zweiten gibt es eine ganze Menge Spiele, die alle jetzt hier während dieser Festi­val­tage liegen.

Lustig wird es besonders am heutigen Mittwoch werden, weil dann der AS Rom im Finale der Confe­rence League gegen Feyenoord Rotterdam spielt. Sowohl Freunde aus Holland wie aus Rom haben mich gefragt, ob wir zusammen Fußball gucken, also machen wir das alle gemeinsam und mal sehen was passiert...

Über­ra­schungen wie beim Fußball und das Uner­war­tete, die magische Macht dieses Spiels wünscht man sich auch im Kino viel öfter.

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Was hätten wohl Kracauer und Adorno über den Fußball-»Video­be­weis« gesagt? Dass aus dieser Schwach­sinns­frage irgend­etwas Vernünf­tiges rauskommt, kann man nur vermuten. Ich glaube wahr­schein­lich nicht. Aber man könnte mal über den Wahr­heits­ge­halt von Bildern und über die Wahrheit-schöp­fende Kraft von Bildern philo­so­phieren.

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»Sur les marches ce soir...«, »un programm magni­fique...«, »l’equipe de ce film...« – so kündigt allabend­lich oder genau gesagt bereits ab dem frühen Nach­mittag ein Sprecher über große Boxen das Programm der Premieren am Abend im »Lumieres« an, dem Haupt-Kino des Festivals. Für alle Fans und Foto­grafen die dicht gedrängt bereits Stunden vor Beginn des Defilees auf dem Roten Teppich um die besten Plätze kämpfen.
Dieser Auftritt heißt hier »Les Marches«. Und ein Film hat in Cannes eine »Equipe«, eine Mann­schaft wie beim Fußball, kein »Team«, keine »Talents« wie bei den Amis.

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Mit Italie­nern vor dem Film im Kino zu sitzen, das heißt sich über Fußball zu unter­halten. Weil ein Gespräch über Fußball nie nur eines über Fußball ist, sondern über den Menschen und seine Heimat. Sondern in diesem Fall auch über Indus­trie­ge­schichte, über die Kultur- und Sozi­al­ge­schichte Italiens Anfang des 20. Jahr­hun­derts. Weil wir uns vor dem Film für das gemein­same Fußball­schauen am Mitt­woch­abend verab­re­deten – kamen wir auf die Abschluss­ta­belle der italie­ni­schen Liga: Der FC Genua 93, der zwei­täl­teste Fußball­club Italiens, ist gerade in die 2. Liga abge­stiegen, und weil Genua immer noch am vier­t­häu­figsten die italie­ni­sche Meis­ter­schaft gewonnen hat, die letzte aller­dings 1924, und ich daher etwas naiv fragte, wer denn eigent­lich sonst so die italie­ni­schen Spit­zen­teams in den 20er und 30er Jahren gewesen waren, war das Anlass für die Italiener, dem Deutschen mal ein bisschen die italie­ni­schen Fußball­ver­hält­nisse zu erklären: Sie erzählten mir vom »triangolo« und davon, dass eigent­lich die aller­meisten italie­ni­schen Fußball­meis­ter­schaften nur von den jeweils zwei Mann­schaften aus drei Städten im Norden gewonnen wurden und jenen Städten, die im Dreieck zwischen diesen drei liegen: Genua, Turin und Mailand. Nur Bologna, Rom, Neapel und je einmal Verona und Cagliari konnten das Bild etwas auflo­ckern.

Die Ursachen für dieses einsei­tige Bild liegen in der Geschichte der Indus­tria­li­sie­rung: Fußball war Arbei­ter­sport und selbst­ver­ständ­lich waren in den Indus­trie­städten des italie­ni­schen Nord­wes­tens nicht nur die Fabriken, sondern auch die Fußball­clubs die modernsten und damit erfolg­reichsten.

Dies alles nun hat tatsäch­lich etwas mit dem Film zu tun, den wir danach sahen. In dem spielen nämlich Arbeiter und die prole­ta­ri­schen Massen letztlich die zentrale Rolle.

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»Die Natur­ge­schichte der Zerstö­rung« steht da als aller­erstes, der Titel in Frak­tur­schrift – das irritiert schon mal ein bisschen. Das ein bisschen Affek­tierte des Titels – Warum jetzt eigent­lich Natur­ge­schichte? – liegt aber nicht am Regisseur. Der orien­tiert sich hier am Buch W.G.Sebalds, das auf Deutsch Luftkrieg und Literatur heißt, auf Englisch aber genau so: »The Natural History of Dest­ruc­tion«. Sebald analy­sierte darin das deutsche Verhalten gegenüber der kollek­tiven Erin­ne­rung an den Bomben­krieg, genauer: Dessen Ausblen­dung durch das »auffal­lend geschichts­blinde und tradi­ti­ons­lose Volk« der Deutschen.

Loznitsa liefert einen Essayfilm, der komplett auf zum Teil stark bear­bei­tetem und neu kompo­niertem Archiv­ma­te­rial besteht, das die Luft­an­griffe auf Deutsch­land im Zweiten Weltkrieg darstellt. Man sieht zunächst Idyllen des alte Deutsch­land, imn die sich dann das Haken­kreuz einschleicht. Man denkt an Gordian Maugg und seinen Zeppelin-Film, als die »Hinden­burg« über Berlin zu sehen ist.

Das Hinden­burg-Unglück in Lakehurst mit seinen bren­nenden Menschen wird dann die Vorweg­nahme des Bomben­kriegs und seiner Schrecken.

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Der stärkste Moment sind etwa 10 Minuten Bomben­krieg pur: Eine völlig abstrakte Situation in Schwarz-Weiß, »Christ­bäume« und Bomben regnen vom Himmel. Erstaun­lich wie deutlich man Straßen­züge erkennt.

Über die vielen Zerstö­rungen und die Wellen von Halifax- und Lancaster-Bombern vergisst man hier ein wenig, dass die Deutschen übrigens auch Bomben hatten.

Insgesamt aber eine tolle Archäo­logie der Medien und ihrer Luft­kriegs­bilder. Dass sie losgelöst von Kriegs­ur­sa­chen sind, ist das Argument Loznitsas, und auch das Problem des Films.

Tote Kinder sind immer ein Argument. Und man sieht in diesen Film viele tote Kinder. Fein säuber­lich aufge­reiht, teilweise gesäubert in einer großen Halle, in der viel­leicht ein paar Tage vorher noch NSDAP-Partei­reden und Durch­hal­te­pa­rolen in bier­se­lige Massen geschmet­tert worden.

Von dieser schmie­rigen Gemüt­lich­keit des Dritten Reichs zeigt dieser Film nur am Anfang eine Menge. Danach gerät sie schnell in Verges­sen­heit. Danach blicken wir in Gesichter, in verzwei­felte und wer möchte Verzweif­lung schon rela­ti­vieren? Und wir sehen Tote. Wie gesagt: Tote Kinder, viele tote Kinder, ganz schlimme Bilder. Ange­sichts toter Kinder ist es auch egal, ob ihre Eltern nun fana­ti­sche Nazis waren, oder viel­leicht Sozia­listen im Wider­stand. Man wünscht dies keinem.

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Inter­es­sant auch: am Ende sieht man die berühmten Farb­auf­nahmen der Ameri­kaner im Sommer 1945 während eines Fluges über das komplett zerstörte Berlin. Eine Mond­land­schaft. Sanft gleitet die Kamera über die Fried­rich­straße die Spree Oranien den Hacke­schen Markt auf die Orani­en­burger Straße. Am Horizont taucht bereits die von den Nazis verbrannte Synagoge. Doch bevor man sie richtig erkennen kann, macht der Film einen Schnitt und zeigt uns eben diese Synagoge nicht. Es wäre ein anderes Brand­opfer, es wären andere Täter, es wären andere Tote, an die wir uns beim Bild der Synagoge erinnern kann, als die die uns dieser Film zeigt. Warum will man hier nicht hinsehen?
Dabei waren doch die brennende Synagogen die eigent­liche Ursache und »Bomber Harris'« Bomben­krieg nur die Reaktion.

Eine Szene, die Loznitsa sehr lang zeigt, ist besonders inter­es­sant, nicht zuletzt im Kontrast zu ähnlichen Bildern aus Groß­bri­tan­nien. Der Besuch von Wilhelm Furt­wängler und den Berliner Phil­har­mo­ni­kern in einer Fabrik 1942. Während dort die werk­tä­tigen Massen als Menge, als Gruppe und irgendwie ein bisschen auch als Familie gezeigt werden, während Indi­vi­duen her in der Masse unter­gehen und diese Masse aber gleich­zeitig sehr gut gelaunt erscheint, werden die Arbeiter in den deutschen Wochen­schauen indi­vi­dua­li­siert, und Gemein­schafts­bil­dungen eher erschüt­tert. Man kann hier das Erbe der sowje­ti­schen Foto­grafie der 20er und 30er Jahre erkennen, wesent­li­cher aber ist.

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In einer virtuosen Montage alten Origi­nal­ma­te­rials konstru­iert Loznitsa den Bomben­krieg im 2. Weltkrieg. Inspi­riert von W.G. Sebald Essays zum Luftkrieg, gelingt ihm eine düstere Parabel, die nicht auf unsere aktuellen Kriege zielt, sie aber jede Sekunde mitdenken lässt.

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Drei Tage nach der russi­schen Invasion in die Ukraine trat Loznitsa aus der Euro­päi­schen Film­aka­demie aus und bezeich­nete deren »beschä­mende« Reaktion als »neutral, zahnlos und konfor­mis­tisch gegenüber der russi­schen Aggres­sion«. Weniger als einen Monat später wurde der Regisseur aber umgekehrt aus der ukrai­ni­schen Film­aka­demie ausge­schlossen, weil er sich weigerte, sich den Aufrufen zum pauschalen Boykott aller russi­schen Filmkunst anzu­schließen.

In Cannes geht diese Debatte weiter: Als Mitglieder der ukrai­ni­schen Film­in­dus­trie diese Woche in Cannes ihre Aufrufe erneu­erten, bekräf­tigte Loznitsa seine Unter­stüt­zung für russische Filme­ma­cher, die Putin und den Krieg in der Ukraine unter großem persön­li­chen Risiko kriti­siert haben. »Meiner Meinung nach ist jeder Versuch, eine Kultur zu boykot­tieren, an sich schon ein Akt der Barbarei«, sagte der Regisseur. »Wenn wir über Kultur sprechen, dann ist es unsere Pflicht, die Kultur zu vertei­digen und zu schützen. Und jeder Schritt zur Abschaf­fung einer Kultur ist auch ein Weg in die Barbarei.«

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Was dabei heraus­kommt, wenn man irgend­etwas herun­ter­schreibt ohne den Film gesehen zu haben, das illus­triert mal wieder sehr typi­scher­weise der Tages­spiegel. Dort steht vorab (18.05.2022): »Darin analy­siert der streit­bare Sergei Loznitsa, ausgehend von W. G. Sebald, wie sich die Nach­kriegs­li­te­ratur mit den alli­ierten Luft­an­griffen im Zweiten Weltkrieg ausein­an­der­setzte.«

Nein! Fake News! Mit der Ausein­an­der­set­zung der Nach­kriegs­li­te­ratur mit den Luft­an­griffen hat Sebalds Buch etwas, dieser Film aber nicht das Geringste zu tun.

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Hinterher kommt dann von Nachbarn die Frage, wie ich mich fühle – so empa­thisch fragen nur Italiener. Es ist nicht Gefühls­du­selei, sondern eine tiefe, ganz unmit­tel­bare mensch­liche Bewegt­heit und Anteil­nahme. Die mir so gut gefällt und gut tut, obwohl ich mich in Loznitsas Film nicht »als Deutscher« ange­spro­chen fühle.

Sehr spannend wird sein, morgen mit den Italie­nern diesen Film zu debat­tieren, wenn wir Roma gucken.

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Dieser Film hat viele Einzel­aspekte, die noch genauer betrachtet werden müssen: zum Beispiel die Rolle des Tons. Vieles wurde nach­ver­tont, oft illus­trativ, manchmal aber viel­leicht auch tenden­ziell. Zum Beispiel die Rolle der Musik: Warum muss eigent­lich bei den Deutschen immer Wagner im Hinter­grund laufen?

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Der euro­päi­schen Film­aka­demie (EFA), über deren Sinn sich sowieso schon seit längerem viele Leute unsicher sind, fällt nichts anderes ein, als Cannes dafür zu kriti­sieren, dass es zu russen­freund­lich sei und einen russi­schen Film gezeigt hat und Olig­ar­chen­geld genommen.

Da sollte sich Agniezja Holland doch mal mit ihrem Lieb­lings­prä­si­denten über jenen Olig­ar­chen unter­halten: Es ist eben manchmal kompli­zierter, als es jenen in den Kram passt, die klare poli­ti­sche Fronten lieben.

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Ich kann hier nicht anders, als hinter solchen ober­fläch­li­chen und gefähr­li­chen Äuße­rungen den histo­risch noto­ri­schen polni­schen Natio­na­lismus zu erkennen, der sich vor allem aus der Zurück­wei­sung alles Fremden (= Deutschen und Russi­schen) speist. Und ich sehe den Hass Polens auf alles Russische und die entspre­chende Pauschal­ver­dam­mung alles Russi­schen. Da sollte man jetzt nicht vergessen, dass einsei­tige Pauschalstate­ments wie Hollands lange auch die Ukrainer einge­schlossen haben (solange sie noch Teil von Russland/UdSSR waren). Solche Haltungen sind aber genau die Saat von Kriegen. Da ist mir das »es ist kompli­ziert« zu schwach.

Aus meiner Sicht muss man manchen Ukrainern und ihren Freunden den Wert einer offenen Gesell­schaft und demo­kra­ti­scher Toleranz vermit­teln. Dazu gehört dann eben, dass man jetzt zwischen Staats­män­nern und ihren Bürgern unter­scheidet, und dass man sensibel ist für die schwie­rigen Situa­tionen in denen Dissi­denten leben. Auch russische Dissi­denten. Das müsste gerade jemand wie Agnieschka Holland als aller­erste wissen. Dass sie es hier ignoriert, ob wider besseres Wissen (also aus Unmoral) oder weil sie es vergessen hat und eben schon eine ältere Dame ist (wofür sie dann mehr Nachsicht verdient hätte), ist für den Privat­mensch traurig. Für eine Präsi­dentin der Euro­päi­schen Film­aka­demie ist es ein Skandal. Solche Äuße­rungen sind genau der Grund, warum der – ukrai­ni­sche – Regisseur Sergei Loznitsa jetzt aus der EFA ausge­treten ist. Ganz zu recht.

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Um nur eine histo­ri­sche Analogie zu bemühen. Douglas Sirk das Idol Fass­bin­ders, hat als Regisseur 8 oder 9 Filme im NS für Goebbels gedreht, bevor er geflohen/emigriert ist. Er wurde Hollywood-Regisseur.
Hätte man ihn statt­dessen in ein Inter­nie­rungs­lager sperren und als Hitler-Lakai am Filmen hindern sollen?

In den Gesprächen in Cannes teilen und vertreten Italiener und Franzosen solche Posi­tionen sehr oft. Warum tun sich Deutsche, Öster­rei­cher, Skan­di­na­vier so schwer damit? Warum die Unlust am Diffe­ren­zieren, die Lust am Abur­teilen und Verbieten?