31.03.2022

Zwei Männer und ein Oscar

Coda
Zeichen der Zeit: Coda
(Foto: Apple)

In den Fängen der Identitätspolitik – ein Oscar-Kommentar

Von Rüdiger Suchsland

Dass der Oscar irgend­etwas mit Kino zu tun hat, würde man wirklich seit langem nicht mehr behaupten wollen. Eine verlogene Veran­stal­tung einer verlo­genen Film­in­dus­trie, die heute weniger wichtig für den Rest der Welt ist, als sie das jahr­zehn­te­lang war. Die sich aber immer noch so aufführt, als sei auch das 21. Jahr­hun­dert filmäs­the­tisch und film­wirt­schaft­lich gesehen ein ameri­ka­ni­sches Jahr­hun­dert. Glück­li­cher­weise ist dem nicht so.

Trotzdem glauben das immer noch viele. Trotzdem wird Hollywood immer noch viel zu wichtig genommen. Und trotzdem gelingt es Hollywood immer noch, den Geschmack vieler Millionen Zuschauer nach­haltig zu schädigen oder zu verderben.
Auch immer wieder mit vielen Filmen, die beim Oscar nominiert sind, und mit den Kriterien dieses Nomi­nie­rens.

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Für einen kurzen Moment hat Hollywood am Sonntag seine Maske herun­ter­ge­rissen. Chris Rock wollte einen ziemlich mäßigen Witz machen, der auf den kahlen Kopf von Will Smith' Frau Jada Pinkett Smith anspielte, die an einer Krankheit leidet, die mit Haar­aus­fall verbunden ist: »G.I. Jane II – can’t wait to see it« scherzte Rock.
Was dann geschah ist unglaub­lich: Da benimmt sich einer vor einem Millio­nen­pu­blikum, als ob er Mitglied einer Straßen­gang ist.

Es wird endlich offen­kundig, in welcher Wahr­neh­mungs­blase sich ganz Hollywood befindet und auch die Oscar-Verlei­hung selbst ist ein Teil davon.

Danach dann drückte Will Smith kräftig auf die Tränen­drüsen und zeigte sein exzel­lentes Schau­spieler-Handwerk. »Ich schütze ja nur meine Familie.«

Ein Schau­spieler schlägt einen Schau­spieler vor vielen Millionen Menschen live ins Gesicht – und danach bekommt er einen Oscar und nutzt die Dankes­rede dazu, einen auf tollen Fami­li­en­vater zu machen.

Aber diese angeb­liche Vorbild­funk­tion, mit der Hollywood gerne hausieren geht, sollte man besser vergessen. Es zeigt sich vielmehr die Ethik eines neoli­be­ralen anar­chis­ti­schen Indi­vi­dua­lismus, der Amerika ganz und gar im Schwitz­kasten hält: Jeder hat jederzeit das Recht auf alles, und wenn man mächtig und berühmt genug ist, kommt man damit durch, wandert man dafür nicht ins Gefängnis, sondern bekommt noch Applaus in den sozialen Netz­werken.

Abgesehen davon, dass der ameri­ka­ni­sche »Race«- und »Gender«-Diskurs, der in den USA gegen­wärtig alles durch­zieht, auch hier unsere Wahr­neh­mung des Gesche­hens komplett framed: Man stelle sich nur einmal kurz vor, es hätte ein weißer Schau­spieler einen schwarzen geohr­feigt! Oder ein schwarzer Schau­spieler hätte eine weiße Frau geschlagen. Das Bild in unserer Bewertung wäre ein komplett anderes gewesen. Aber wenn zwei schwarze Männer sich prügeln, dann dürfen sie das noch am ehesten.

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Coda über eine hörbe­hin­derte Familie, das Apple-Remake eines europäi­schen Films (Verstehen Sie die Béliers?), war ein Über­ra­schungs­sieger. Andere Filme wurden wochen­lang als Favoriten gehandelt, insbe­son­dere der Jane Campion-Film The Power of the Dog.
Doch dann rutschte Jane Campion auf dem dünnen Eis der ameri­ka­ni­schen Iden­ti­täts­po­litik aus: Sie hatte es gewagt, als Frau, aber eben als weiße Frau, zwei Frauen zu kriti­sieren, aber eben schwarze Frauen: Es handelt sich zwar um zwei Multi­mil­lionärinnen, die Tennis­stars Serena und Venus Williams. Aber eben doch um schwarze Frauen.
Campion hatte zu den Williams-Sisters gesagt: »Venus and Serena, you’re such marvels. However, you don’t play against the guys, like I have to.«

Gemeint war natürlich Damen­tennis, und es handelt sich um eine sachlich zutref­fende Fest­stel­lung. Sagen darf man das in der augen­blick­li­chen Situation trotzdem nicht. Der Shitstorm schlug hohe Wellen, Campion hatte sich zu entschul­digen, doch auch ein öffent­li­cher Kotau vor dem virtu­ellen Mob konnte sie nicht mehr retten.
Denn hier zählt nur die Frage: Wer ist das größere Opfer? Eine Frau oder Schwarze. Gegen eine schwarze Frau hat man da als weiße keine Chance.

So setzten sich die 12 Nomi­nie­rungen nicht um. Das läppische Feelgood-Movie gewann gegen das komplexe Drama. Und Apple gewann gegen Netflix. Das ist viel­leicht das Unsym­pa­thischste an der ganzen Oscar-Chose des letzten Wochen­endes: Es war ein Wett­be­werb zwischen Streaming-Diensten und zwischen Filmen, die für den Handy-Bild­schirm gemacht waren, nicht für die Kino­lein­wand.