24.03.2022

Filme gegen die Stereotypenfalle

You Me Lenin
Eröffnungsfilm You Me Lenin
(Foto: Türkische Filmtage)

Junges Kino, Schneeverwehungen und schelmische Blicke auf die Wirklichkeit: Die 33. Türkischen Filmtage in München und online räumen mit Sehgewohnheiten auf

Von Sedat Aslan

Die Türki­schen Filmtage: Die dies­jäh­rige 33. Edition findet vom 25. März bis zum 10. April als Hybrid­ver­an­stal­tung statt, so können die »Türki­schen Filmtage«, eine Veran­stal­tung der Filmstadt München, wie im letzten Jahr bundes­weit genossen werden. Die eigens dafür aufge­zo­gene Online-Plattform hat sich im letzten Jahr bewährt, sie ist nutzer­freund­lich und lief über die zeitlich erwei­terte Festi­valdauer stabil – kein Wunder, Partner Pantaflix war während der Pandemie ein erprobter Dienst­leister von Online-Film­fes­ti­vals. Die Vorsit­zende des ausrich­tenden Vereins Sine­maTürk Margit Lindner führt als Gründe für die Hybrid­lö­sung neben der erhöhten Reich­weite auch eine Unsi­cher­heit über den Verlauf der Pandemie an, gerade deswegen sei auch noch nicht entschieden, ob man auch auf Dauer ein solches Modell ins Auge fasse.

Münchner dürfen endlich wieder in Person zu den Scree­nings und Podi­ums­dis­kus­sionen bis zum 3. April in den »Gasteig HP8« (HP 8 für Hans-Preißinger-Straße 8), der für die Dauer des Umbaus der altan­ge­stammten Heimat der Filmtage als desi­gnierter Ausweichort zur Verfügung steht. In der denk­mal­ge­schützten Halle E, gleich­zeitig Foyer der Inte­rim­s­phil­har­monie, werden die Gäste in Empfang genommen, und im dortigen, sehr gut ausge­stat­teten Kinosaal, finden die Projek­tionen und anschließenden Diskus­sionen (teils in Präsenz, teils mit Online-Über­tra­gung) statt. Endlich wieder Publi­kums­be­geg­nungen, die Möglich­keit des Austauschs, der gemein­samen Reflexion, wofür die Filmtage immer schon standen. Die Ticket­preise sind mit 7 bzw. 5 Euro (ausge­nommen die Eröffnung) mehr als moderat, Vielseher können mit 3er-Karte oder Online-Festi­val­pass weiterhin Geld sparen.

Eröffnet wird das Festival diesen Donnerstag im Rio Film­pa­last mit dem Film You Me Lenin (Sen Ben Lenin) einer launigen, star­be­setzten Komödie über eine an der Schwarz­meer­küste ange­spülte Lenin-Statue, die der Bürger­meister auf dem Stadt­platz als Touris­ten­at­trak­tion aufstellen lässt. Dafür gab es letztes Jahr beim Inter­na­tio­nalen Film­fes­tival Istanbul den Preis der Jury. Der Regisseur Tufan Taştan wird zu einem Publi­kums­ge­spräch vor Ort sein.

Im Programm sind insgesamt neun Spiel­filme, acht Doku­men­tar­filme und ein sehr empfeh­lens­wertes 90-minütiges Kurz­film­pro­gramm, im Fokus stehen auch dieses Jahr wieder besondere Themen wie Frau­en­blicke und Queer-Panorama. Es standen unge­achtet der Corona-Situation wahn­sinnig viele Produk­tionen zur Auswahl, versi­chert Margit Lindner, etliches davon mit einem schel­mi­schem Blick auf die Wirk­lich­keit oder gar dem Hang zur Absur­dität – anders als das im inter­na­tio­nalen Festi­val­kon­text häufig rezi­pierte melan­cho­li­sche und welt­hal­tige türkische Kino. Viele der jüngeren Spiel­filmer*innen gingen anders an die Sache heran, mit Leich­tig­keit oder zumindest einer in leichte Ironie gehüllten Schwere. Gleich­wohl erkennt Lindner in manchen Werken auch die restrik­tiven Corona-Dreh­be­din­gungen, wie sie sich in einem sensiblen Kammer­spiel wie Koridor von Erkan Tahhuşoğlu um zwei ältere Schwes­tern, die gemeinsam in der Wohnung der verstor­benen Eltern leben, wider­spie­geln.

Ein Highlight ist sicher­lich der Auftritt der preis­ge­krönten und in der Türkei inhaf­tiert gewesenen Schrift­stel­lerin Aslı Erdoğan. Sie wird am 30. März nach dem Doku­men­tar­film Incom­plete Sentences (Bitmemis Cümleler) gemeinsam mit der Regis­seurin Adar Bozbay zu einem Podi­ums­ge­spräch im HP8 erwartet. Mitt­ler­weile lebt sie im deutschen Exil, das Porträt beschreibt in der Laufzeit von sechzig Minuten präzise und ganz ohne stilis­ti­sche Mätzchen, wie sich ihre Lebens- und Seelen­welt derzeit darstellt.

Weitere starke Empfeh­lungen sind Brother’s Keeper (Okul Tıraşı) von Ferit Karahan, ein schnee­ver­wehtes, klaus­tro­pho­bi­sches Drama um Schul­kinder im kurdisch geprägten Ostana­to­lien, das nicht nur auf der letzt­jäh­rigen Berlinale lief, sondern unlängst beim Film­fes­tival Türkei-Deutsch­land mit dem Haupt­preis ausge­zeichnet wurde (der Regie-Preis­träger von Nürnberg, Fikret Reyhan, ist mit Fractured (Catlak) auch am Start) und bei dem man auto­ma­tisch an Vigo und Truffaut denkt, sowie The Dance of Ali and Zin Govenda Ali û Dayka Zin von Mehmet Ali Konar, ein stim­mungs­voller und fantas­tisch foto­gra­fierter Film von der Hoch­zeits­feier eines Toten, über den Axel Timo Purr bereits ausführ­lich auf Artechock geschrieben hat.

Insbe­son­dere die Doku­men­tar­film-Auswahl zeigt, wie man thema­ti­sche Vielfalt mit kine­ma­to­gra­fi­schem Anspruch vermählen kann. Alle Beiträge sind durch die Bank stark und sehens­wert, es stechen heraus: Dying to Divorce von Chloe Fair­wea­ther, der eindring­lich schei­dungs­wil­lige Frauen, denen Gewalt angetan wird, portrai­tiert, und das mit einer so wuchtigen Erzähl­weise, dass er zum dies­jäh­rigen briti­schen Oscar­bei­trag in der Kategorie »Best Inter­na­tional Feature« ausge­wählt wurde, Heskif von Elif Yiğit über den Bau des Ilısu-Staudamms, der die antike Stadt­fes­tung Hasankeyf nach und nach über­flu­tete und zeigt, was dies für ein Verbre­chen ans Mensch­heits­erbe ist, sowie mein persön­li­ches Highlight Les Enfants Terribles (Yaramaz Çocuklar), mit der uns Ahmet Necdet Çupur ganz im Stile des »Cinéma vérité« mitten in den Kreis einer dörf­li­chen Familie an der Grenze zu Syrien versetzt, die der Regisseur, vormals Bauin­ge­nieur, bereits vor zwanzig Jahren Richtung Paris verließ und nun im Clash zwischen Tradition und Aufbruch beob­achtet. Der Film ist ein kleines Meis­ter­werk, die Kamera sucht und findet immer großar­tige Bilder für einen fast nicht lösbaren Konflikt, der sich in der Person des Filme­ma­chers selbst abge­spielt hat. Ein weiterer, wichtiger Film gegen die Stereo­ty­pen­falle, der man im poli­ti­schen Kontext immer wieder begegnet und der man auch in den persön­li­chen Begeg­nungen bei diesem Festival entge­gen­treten kann.

33. Türkische Filmtage 24.03.–10.04.2022