27.01.2022

Die Gefühle der »Generation Z«

Ich Ich Ich von Zora Rux
Programmatischer Titel: Ich Ich Ich von Zora Rux
(Foto: DFFB)

Ein paar Eindrücke und Zwischengedanken zum Filmfestival Max-Ophüls-Preis und einem Festival im Pandemie-Winterschlaf

Von Rüdiger Suchsland

Die Gedanken entwi­ckeln ein Eigen­leben: merk­wür­dige Phantome bevölkern nicht nur die Fantasie, sondern auch die Leinwand. Ängste, Hoff­nungen, Utopien, vor allem aber die innere Unsi­cher­heit einer ganzen Genera­tion – Ich Ich Ich, so lautet der tatsäch­lich program­ma­ti­sche Titel des in vielem heraus­ra­genden Spiel­films der Regis­seurin Zora Rux im Wett­be­werb um den Max-Ophüls-Preis. Dies ist der in diesem Jahr leider zu seltene Fall eines Spiel­films, der auch in Stil und Ästhetik überzeugt und nicht nur ein mögli­cher­weise wichtiges, viel­leicht auch arg banales Thema illus­triert.

Erkennbar beginnt die »Genera­tion Z«, also die erst im neuen Jahr­tau­send Aufge­wach­senen, ihre Stimme im Kino zu erheben. In den Filmen dieser ganz Jungen drehen sich die Dinge oft komplett um den eigenen Gefühls­nar­zissmus, und das selten so selbst­kri­tisch wie in Ich Ich Ich, der von einem Paar erzählt, das sich unsicher ist, wie es mit der Beziehung weiter­gehen kann, ob die Sicher­heit von Heirat oder Trennung besser ist als die riskante Unsi­cher­heit der bishe­rigen Liebe.

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Es sind solche heraus­for­dernden, fragenden Filme und frische Perspek­tiven, um die es seit Sonntag vor einer Woche beim 43. »Festival Max-Ophüls-Preis« in Saar­brü­cken ging – längst ist dies das wich­tigste Film­fes­tival für den deutsch­spra­chigen Nachwuchs- und Inde­pen­dent-Film. Das Wort »deutsch­spra­chig« ist in diesem Fall wichtig, denn neben deutschen laufen hier auch öster­rei­chi­sche, schweizer und gele­gent­lich luxem­burger Filme.
Auffal­lend oft handeln sie in diesem Jahr von Genera­tio­nen­ver­hält­nissen. Etwa zwischen einem Sohn, der auf die Freundin seiner Mutter eifer­süchtig ist (Bulldog), einer Schau­spie­lerin und ihrem Regisseur (Ladybitch), einer Archi­tektin und ihrem Chef (Risse im Fundament). Letzteres zwei klas­si­sche gesin­nungs­starke Problem­filme, wie sie, grundiert durch andere Themen, auch schon vor 50 Jahren hätten gemacht werden können: Frau muss lernen, Nein zu sagen. Ja, so ist es wohl.

Ästhe­tisch bringen solche erbau­li­chen Erkennt­nisse aber nichts.

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Saar­brü­cken ist ein wert­voller Ort der Entde­ckungen und der Zukunft des Kinos. Neben Spiel- und Doku­mentar-Filmen gibt es hier auch Wett­be­werbe für Kurzfilme und – eine Spezia­lität – für soge­nannte »mittel­lange« Filme zwischen 30 und 60 Minuten. Gerade in diesen Sektionen finden sich oft die mutigsten, im guten Sinne riskan­testen Filme des Festivals.
Zum Beispiel Alek­sandra Odic, Studentin der Berliner dffb, die mit mehreren auffal­lend guten Kurz­filmen schon längst ein Geheim­tipp der Branche ist und im Sommer bei den Film­fest­spielen von Cannes als einzige deutsche Regis­seurin einen Preis gewann. Sie feierte nun die Deutsch­land­pre­miere dieses Films: Für Frida hat Odic mit Vicky Krieps einen Weltstar und mit Aenne Schwarz eine heraus­ra­gende Haupt­dar­stel­lerin gewonnen. Der sehr konzen­trierte Film entfaltet in wenigen Skizzen die intensive Freund­schaft zweier Frauen. Krieps spielt eine Kran­ken­schwester, die sich sehr um eine gleich­alt­rige Patientin bemüht, deren Zustand sich immer mehr verschlech­tert.

Erwähnen muss man auch den neuen Kurzfilm von Lisa Hasen­hüttl, die an der Wiener Film­aka­demie studiert. Vote! ist eine schlaue poli­ti­sche Fantasie und ein kleines feines Filmjuwel über Abgründe der Demo­kratie.

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Spannend war auch der Doku­men­tar­film Die Kunst der Stille (Regie: Maurit­zius Stärkle Drux) über das erste Leben des welt­berühmten Panto­mimen Marcel Marceau, dessen Familie von den Deutschen ermordet wurde und der selbst während des Krieges hunderte jüdischer Kinder rettete.

Eröffnet wurde bereits am Sonntag mit der Premiere von Marten Persiels Ever­ything will Change – ein Film wie die Faust aufs Auge der Klima­de­batte: Im Jahr 2054 ist die Welt, wie wir sie kennen, längst unter­ge­gangen. Der Film kreist um drei junge Menschen, die die Vergan­gen­heit recher­chieren und den Schlüssel zur Kata­strophe ihrer Gegenwart in den 20er Jahren, also der Gegenwart, finden. Jetzt war noch alles möglich.

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Allen mehr oder weniger schönen Film­bei­spielen zum Trotz war Saar­brü­cken, das sich im vergan­genen Jahr, auf dem Höhepunkt des Winter­lock­downs, komplett in die Online-Welt zurück­ziehen musste, auch in diesem Jahr alles andere als ein normales Film­fes­tival. Dieses Mal versuchte man das Festival als »Hybrid-Ausgabe« durch­zu­führen.

Was heißt das? Diese Hybrid-Versionen, auf die auch andere Festivals auswei­chen, sind eine Reaktion auf die Tatsache, dass das Publikum und auch die profes­sio­nellen Festi­val­be­su­cher nach fast zwei Jahren Pandemie Online-Veran­stal­tungen und Treffen im virtu­ellen Endlos­s­trom komplett satthaben und die Besu­cher­zahlen solcher Angebote über das letzte Jahr hinweg konti­nu­ier­lich abge­nommen haben.
Darauf müssen Veran­stalter reagieren – ande­rer­seits gibt es da auch die Risi­ko­scheu der poli­ti­schen Verant­wort­li­chen und die Furcht eines Publikums, dem zwei Jahre lang sugge­riert wurde, die Kinos seien der gefähr­lichste Ort der Welt, viel gefähr­li­cher als Super­märkte oder Straßen­bahn. Darum zeigte Saar­brü­cken alle seine Filme im Kino. Ausge­wählte Werke gibt es nach der Kino-Premiere für virtuelle Besucher (also auch für Sie, liebe Leser), per Online-Stream auf der Website des Festivals zu sehen.
Um den Kino­be­such zugleich zu entzerren und darauf zu reagieren, dass die Kinos nicht voll besetzt werden können, laufen Filme nur jeweils zu einem Termin, aber in bis zu neun Kinos gleich­zeitig. Zudem hatte man das Programm gegenüber früheren Ausgaben abge­speckt und das Festival selbst um fünf Tage verlän­gert. Alle Rahmen­ver­an­stal­tungen, Diskus­si­ons­runden, der den Profis vorbe­hal­tene Filmmarkt und sowieso alle Partys wurden ersatzlos gestri­chen – weil ein Festival aber mehr ist, als die Summe seiner Filme, kommt echte Festi­val­stim­mung also in Saar­brü­cken nicht auf.

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Wenn an diesem Mittwoch die Preise verliehen werden – zu spät für den heutigen Redak­ti­ons­schluss; wir werden die Bilanz kommende Woche nach­lie­fern – dann ist einmal mehr in dieser Biennale der Pandemie fest­zu­stellen, dass die Spiel­film­aus­wahl darunter mit Abstand am meisten leidet: Der Wett­be­werb um den besten Spielfilm bot wie im Vorjahr das schwächste Programm in diesem an sich hoch­in­ter­es­santen und sehr lohnens­werten Film­fes­tival. Denn hier überwiegt seit einigen Jahren auch in der Auswahl das Inhal­tis­ti­sche, das Themen­fi­xierte. Während in dem doch notwendig thema­tisch orien­tierten Doku­men­tar­film-Programm gewagtere ästhe­ti­sche Entschei­dungen erkennbar sind.
Während bei dieser Auswahl ganz offen­sicht­lich also auch auf Stil, Form und Ästhetik Wert gelegt wird, scheint es bei der Spielfilm-Auswahl doch vor allem darum zu gehen, jene vermeint­lich wichtigen Themen abzu­ar­beiten, die die Agenda der Leit­ar­tikel vorgibt und die durch den Doku­men­tar­film nicht oder nur unzu­rei­chend abge­bildet werden.

Man würde sich wünschen, dass bei den Kuratoren des Festivals das Bewusst­sein für die auch thema­ti­sche Vielfalt an deutschen Film­hoch­schulen erhalten bleibt. Dass die vielen Filme, die formal etwas Beson­deres wollen, nicht an den Rand gedrängt werden zugunsten einer bestimmten Mode von Befind­lich­keits- und Agenda-Filmen.
Es wäre auch das falsche Signal an Film­stu­denten, ihnen unter der Hand quasi zu sugge­rieren, dass nur bestimmte Themen, und hier wiederum bestimmte Haltungen zu diesen Themen, wichtig sind.

Denn es trifft nicht zu, dass die Film­stu­denten tatsäch­lich alle so woke sind, dass sie sich Bezie­hungen zwischen jungen Frauen und älteren Männern nur noch als Miss­brauch vorstellen können. Aber sie zeigen es nicht, denn gerade auf diesem Feld macht man sich ungern angreifbar.
Das Kino war da schon viel weiter, auch in Saar­brü­cken, wo im Jahr 2002 der Film Mein erstes Wunder von Anne Wild gewann, in dem die – ja! – Liebe zwischen einer Elfjäh­rigen und einem Mitt­vier­ziger sensibel und poetisch gezeigt wird. Auch damals wurde darüber disku­tiert, aber ergeb­nis­offen, und die These der Regis­seurin, dass so eine Beziehung als einver­ständ­liche (übrigens nicht sexuelle) Liebe jeden­falls utopisch denkbar sein darf, wurde ernst genommen.
Zwanzig Jahre später dominiert erkennbar mehr sittliche Korrekt­heit die Angst, etwas falsch zu machen.