17.01.2022

Die wunderbare Unvollkommenheit der Welt

Herbert Achternbusch
R.I.P. Herbert Achternbusch (23.11.1938-10.01.2022)
(Foto: Hias Schaschko / Herbert Achternbusch)

Wie uns Herbert Achternbusch prägte. Erinnerungen, Politika und der Blick in die Ferne – anstelle eines Nachrufs

Von Dunja Bialas

Über Jahre konnte man, immer dienstags, Herbert Achtern­busch im Münchner Film­mu­seum antreffen. Er saß immer auf dem gleichen Platz und sah sich einen Film an, nach Auskunft des damaligen Karten­ab­reißers B., »egal was kam«. Um seinen Kino­be­such spann sich eine Legende, die er mit Aura anzu­füllen wusste – schweigsam, mit schwarzem Hut und markantem Profil war er zuver­lässig im Kinosaal anzu­treffen. Ange­spro­chen hat man ihn freilich nicht, seine Person flößte uns distanz­vollen Respekt ein. Wir hatten seine Filme gefeiert, als Ausbrüche aus einem von Franz Josef Strauß unter­jochten Bayern­land, wo mit teilweise harten Bandagen poli­ti­sche Gegner ausge­schaltet wurden (die Schnel­lig­keit, mit der in Bayern in den Acht­zi­ger­jahren Berufs­ver­bote und Maulkörbe verhängt wurden, ergab ein allge­meines Gefühl von Unter­drü­ckung). Achtern­busch zeigte einem den Ausweg im Humor, und das ist dann auch der Grund, weshalb er so gerne mit Karl Valentin vergli­chen wird: »In Bayern gibt es 60 Prozent Anar­chisten und die wählen alle die CSU«, war einer seiner markanten Sprüche. Der Münchner Repro­pho­to­graph Hias Schaschko druckte sie auf Post­karten, die wir an die Wand unserer zu klein gewor­denen Kinder­zimmer pinnten. Für den subver­siven Blick­wechsel, der uns das Leben erträ­g­li­cher machen sollte.

»Wir sind quasi mit Achtern­busch aufge­wachsen«, erzählt mir mein Freund W. Sein damaliger Mitbe­wohner F.X. hatte gar seine Magis­ter­ar­beit über Achtern­busch verfasst, aus einem hohen Iden­ti­fi­ka­ti­ons­po­ten­tial heraus, denn er und Achtern­busch waren im Baye­ri­schen Wald groß­ge­worden und wohnten jetzt beide im Herzen der Münchner Innen­stadt. Aus den Fenstern der WG hatte man einen perfekten Blick auf den Viktua­li­en­markt. Dort saß Achtern­busch regel­mäßig im Bier­garten, oder auch ein paar Meter weiter im Weißen Bräuhaus bei einer Schnei­der­weißn. Gewohnt hat er hinter dem Mari­en­platz in der Burg­straße, in der auch das Kultur­re­ferat sitzt, direkt gegenüber dem Kaufhaus am Rathauseck und nur wenige Gehmi­nuten von Hofbräu­haus, Hofgarten und Eisbach entfernt.

Achtern­busch hat diesen markanten touris­ti­schen Eckpunkten Denkmäler gesetzt, ironische Durch­bre­chungen und ernst­ge­nom­mene Huldi­gungen. Zum Beispiel I Know the Way to the Hofbrau­haus (1990). Hick, wieder­keh­rendes Alter Ego von Achtern­busch, ist darin Frem­den­führer in München, bekommt es dann aber mit einer ägyp­ti­schen Mumie zu tun. Eine Szene mit Eisbach-Surfern unter­legte er mit »Distant Fingers« von Patti Smith, das auch in Jean-Luc Godards Nouvelle Vague (1990) vorkommt – viel­leicht ein Zufall der unbe­wussten kosmi­schen Verbin­dungs­li­nien, von denen Achtern­busch in seinem Spätwerk wusste. Zur Medi­ta­tion fand er bereits in Mix Wix (1989), als Unter­nehmer Hick auf dem Kauf­haus­dach am Mari­en­platz.

Im Radius eines Spazier­gangs sind all diese Locations zu finden, und Achtern­busch eignete sie sich intensiv an. Das ist auch etwas, was uns so begeis­terte, dass München, dieses große Dorf und bis heute touris­tisch ausge­schlach­tete »Weltstadt mit Herz« in seinen Filmen subversiv mit den absur­desten Geschichten durch­kreuzt wurde, anfäng­lich mit einer deutlich poli­ti­schen Haltung, die auch eine saumäßige Wut auf das Landes­ge­schehen durch­bli­cken ließ. In Wohin? (1987) ließ er seine Schau­spie­lerin Gabi Geist den markanten Satz von »Gauweiler und seinen schwulen Staats­se­kre­tären« sagen (Innen­staats­se­kretär Peter Gauweiler hatte im realen Leben einen Zwangs-AIDS-Test für die Schwulen in Bayern verordnet). Kult wurde Achtern­buschs Zeile in Servus Bayern (1977): »Diese Gegend hat mich kaputt gemacht, und ich bleibe so lange, bis man ihr das anmerkt.« Wir selbst verschworen uns in einer Zeit, als unsere Alters­ge­nossen scha­ren­weise München in Richtung Berlin verließen, zur Gruppe »Wir bleiben hier«. Achtern­busch mag daran nicht ganz unschuldig gewesen sein.

Achtern­busch hat uns immer wieder aus der Seele gespro­chen und mit der Absur­dität seiner Dialoge den Aberwitz unserer baye­ri­schen Situation aufge­zeigt. »Wenn du die Oberin bist, dann bin ich der Ober!«, sagt in Das Gespenst (1982) Jesus, der in einem Kloster vom Kreuz gestiegen ist und der Oberin im weiteren etliche Schnäpse serviert. Der Film war wie für viele mein erster Kontakt mit Achtern­busch. Innen­mi­nister Friedrich Zimmer­mann (CSU) hatte ihm einen Teil seiner Film­prei­s­prämie verwei­gert, weil dieser mit seinem Film das katho­li­sche Empfinden massiv gestört hatte (Frösche werden gekreu­zigt, die die Oberin und ihre Klos­ter­schwes­tern aus den Tiefen ihrer Nonnen­tracht hervor­holen). Zimmer­mann entwarf in der Folge Richt­li­nien für die Film­för­de­rung, die »intel­lek­tua­lis­ti­sche Spie­le­reien« ausschließen sollten. Zitat: »Der Steu­er­zahler will nicht provo­ziert, er will unter­halten werden.«

Zu dem ange­strebten bundes­weiten Verbot kam es zwar nicht, aber zumindest im katho­li­schen Bayern (und heute noch immer in Öster­reich) kam der Film unter Verschluss, ein Skandal, der eine sechs­stel­lige Zuschau­er­zahl gene­rierte und Das Gespenst zu Achtern­buschs popu­lärstem Film machte. Die anhal­tende Hohlheit der Bayern beweist auch heute noch der Baye­ri­sche Kultus­mi­nister Sibler mit seinem Kommentar zu Achtern­buschs Tod: »Sein Satz 'In Bayern möchte ich nicht einmal gestorben sein' hat sich nun doch nicht bewahr­heitet.« (Süddeut­sche Zeitung vom 15.01.2022)

Ähnlich berühmt wie Das Gespenst ist heute noch Bierkampf (1977), in dem Achtern­busch als falscher Polizist den Okto­ber­fest-Besuchern ihr Bier wegtrinkt – auf der realen Wiesn. Einfacher und wirkungs­voller kann man in München nicht provo­zieren, der Film ist einer von Achtern­buschs folk­lo­ris­tischsten und anar­chis­tischsten Filmen und lässt sich gut als karne­val­eske Sponti-Action herun­ter­spülen – was für seine Filme mit Anti-Acting, into­na­ti­onslos »aufge­sagten« Sätzen und oft stati­schen Szenen sonst eher nicht gilt.

München war für Achtern­busch nur zweite oder gar dritte Heimat, nach dem Baye­ri­schen Wald, wo er wie mindes­tens ein anderer Quer­schädel der Stadt, Thea­ter­ma­cher Alexeij Sagerer, aufwuchs (Achtern­busch, Jahrgang 1938, in Mietra­ching, Sagerer, Jahrgang 1944, in Plattling). Seine erste Werk­hälfte spielt am Starn­berger See in und um Ambach, dort, wo er Annamirl Bier­bichler kennen­lernte, die er als Seelen­ver­wandte in seinem Werk einsetzt und in Rita Ritter (1984) mit Hut und aufge­maltem Schnurr­bart ihn selbst spielen ließ. Er hatte sie über Sepp Bier­bichler, den heute monu­men­talen Autor und Schau­spieler, kennen­ge­lernt, der mit der Gast­stätte seiner Eltern, dem »Fisch­meister«, eines der wich­tigsten Lokale ins ländliche Werk von Achtern­busch brachte. Aber auch andere Wirts­häuser spielten zentrale Rollen, so wie die Wirt­schaft insgesamt im Leben der Bayern. »Neger Erwin« heißt das Gasthaus im gleich­na­migen Film von 1980, gedreht wurde im Gasthof Böck im Gautinger Unter­brunn, wo Achtern­busch damals lebte.

Oft verbrü­derten sich in seinen Filmen die Native Bavarians mit den Native Americans. In Der Komant­sche (1979), der in einem Gasthaus in Buchen­dorf endet, heißt es einmal: »Der Bier­bichler steckt sich eine Feder in den Arsch«. Federn und »Indianer«, die Umde­ko­rie­rung der Bayern in die Native Americans und die gar nicht so harmlosen Auswüchse der Kolo­nia­li­sie­rung waren für Achtern­busch eine wichtige Verbin­dungs­linie. Sie ergab Filme (und voraus­ge­hend oft Thea­ter­texte) wie Die Atlan­tik­schwimmer (1975), Hick’s Last Stand (1989) und Ich bin da ich bin da (1992), in dem Achtern­busch zum hundert­jäh­rigen Jubiläum der »Entde­ckung« Amerikas durch Christoph Kolumbus glei­cher­maßen einen Konquis­tador, einen Indianer, Professor Hicks und Monsieur Hulot verkör­pert und aus seinem Mund Kakao wie dick­flüs­siges Blut rinnen lässt.

Zentrum seines Werks aber ist und bleibt für uns Das Andechser Gefühl (1974), viel zitiert und immer wieder aufs Neue gelebt. Gefilmt von der Anhöhe im Bier­garten des Klosters Andechs entwi­ckelt sich die wohl emble­ma­tischste Szene seines gesamten Werks: In der sanft­hü­ge­ligen Weite der Starn­berger Land­schaft nähert sich ein gelber VW-Käfer dem heiligen Berg. Das ist eigent­lich schon alles. Später steigt die ebenfalls in gelb gewandete Film­schau­spie­lerin Margarete von Trotta aus (speku­la­tive Anmerkung: Gelb muss die Lieb­lings­farbe von Achtern­busch gewesen sein, in seinen Wasser­farben-Bildern, eines davon hing in der bayerisch-japa­ni­schen Wirt­schaft Nomiya, kommt diese Farbe prominent vor). Kaum ausge­stiegen, stört die Schau­spie­lerin mit ihrer städ­ti­schen Diktion die Dorf- und Ehege­mein­schaft um Dorf­schul­lehrer Achtern­busch und deren wortkarge rotzige Art – und nach Meinung vieler auch den Film.

Das »Andechser Gefühl« ist uns als Grund­stim­mung für alle möglichen Lebens­hal­tungen geblieben. Es ist der kontem­pla­tive Moment, die Welt in sich aufzu­saugen und mit ihrer dilet­tan­ti­schen Unvoll­kom­men­heit einver­standen zu sein. Das kann im Bier­garten passieren, aber auch in anderen unspek­ta­ku­lären Momenten des Müßig­gangs. Dieses trotzige Einssein mit der Welt hat uns Herbert Achtern­busch mit seinen Filmen geschenkt.