21.10.2021

Gastgeber, Netzwerker, Patriarch

Filmfest 2021
Das Filmfest München gäbe es ohne ihn wohl nicht...
(Foto: Filmfest München)

Zum Tod von Eberhard Hauff

Von Rüdiger Suchsland

Eine traurige Nachricht: Eberhard Hauff ist gestorben, mit 89 Jahren. Hauff war Regisseur, Funk­ti­onär, vor allem aber war er der Grün­der­vater des Münchner Filmfests. Das gäbe es ohne ihn nicht und dies ist viel­leicht alles in allem seine größte Leistung. Auch sonst war er ein schlauer, geschickter, im Einzel­fall über­ra­schend geschmei­diger Netz­werker. München zumindest hat also allen Grund, ihm dankbar zu sein. Über­ra­schend karg und klein fallen aber jetzt die Nachrufe aus, nur eine dpa-Meldung in der AZ, die immer Film­fest­breit­seiten druckt, auch im Merkur, nichts in den Über­re­gio­nalen, nichts vom FFF – eine Schande!

Ich selbst habe sechs Jahre für ihn gear­beitet, als Autor des Münchner Filmfests, vor allem unter dem großar­tigen, einma­ligen und unver­ges­senen Redakteur Bodo Fründt beim Filmfest Katalog. Es war für mich keine einfache Zusam­men­ar­beit mit diesem Direktor, und es ist kein einfaches Verhältnis gewesen, denn ich habe Hauff als Patriarch alter Schule und recht knöchernen Chef erlebt – darum wäre es jetzt verlogen, selber einen allzu einseitig ehrenden Nachruf zu schreiben, und die subjek­tive Wahrheit schreibt man in solchen Momenten auch nicht.
Ande­rer­seits haben viele in München, ich selber ganz bestimmt auch, die Quali­täten dieses Filmfest-Chefs erst richtig kennen und schätzen gelernt, als sein Nach­folger das Ruder übernahm. Was immer viele in München, auch ich, um 2001/2002 an Eberhard Hauff mit guten Gründen zu kriti­sieren hatten – wie gut und geschickt er vieles gemacht hatte, und wie cinephil mit Retro­spek­tiven zu Koncha­lowski/Michalkow, Leone, Polanski, Roeg, Wert­müller, merkte man erst, als er nicht mehr da war. Hierfür habe nicht nur ich Abbitte zu leisten.

Eberhard Hauff, der es weder seinen Mitmen­schen noch sich selbst besonders leicht gemacht hat, war allemal als Mensch das, was man früher, vor Adorno, »eine Persön­lich­keit« genannt hat. Wie ein Eichen­schrank: Man konnte sich an ihm stoßen, verrücken konnte man ihn aber nicht. Die Zeiten mit solchen auto­ri­tären Figuren waren besser. Denn heute gibt es derlei Chefs nicht minder, sie maskieren sich aber als Volks­tri­bunen, lern­fähige »Kultur­ma­nager« und »Kuratoren«, oder Diener modischer Korrekt­heiten und poli­ti­scher Trends. Hauff hatte derlei nicht nötig, ein Wort wie »Publi­kums­fes­tival« wäre ihm nicht über die Lippen gekommen, zumal er zum »Fest« lud, nicht zum Festival.

Zudem war Hauff ein groß­zü­giger Gastgeber und tole­ranter Festi­val­di­rektor. Es sollte Spaß machen in München, und das hat es immer.

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»Seine Augen wirkten immer ein wenig müde, sein Lächeln blieb uner­gründ­lich. Viel­leicht war das die Maske, die man brauchte, um eine Insti­tu­tion wie das Filmfest München zu gründen, zu stabi­li­sieren, zur Aner­ken­nung zu führen, gegen viele Wider­stände. ... Eberhard Hauff hatte selber ein paar Filme gemacht, als Regisseur, Produzent oder Dreh­buch­autor, aber, anders als sein Bruder Reinhard, der durch Filme wie 'Messer im Kopf' das deutsche Kino prägte, sich irgend­wann auf die Orga­ni­sa­tion der deutschen Film­pro­duk­tion konzen­triert, lange war er im Vorstand der SPIO, der Spit­zen­or­ga­ni­sa­tion der Film­wirt­schaft, im Verwal­tungsrat der FFA, der Film­för­de­rungs­an­stalt. Natürlich war das ein schwie­riger, manchmal hasardös undank­barer Job als Film­fests­chef. Immer fehlte der eine oder andere unver­zicht­bare Film im Programm, die Kriterien der Auswahl waren nicht nach­voll­ziehbar. Aber Hauff ließ lächelnd viel abprallen, und er sammelte tolle Leute um sich, denen er viel Freiheit ließ, für Programme der deutschen Filme­ma­cher oder der American Inde­pendents. Das Filmfest München – kein Festival, sondern ein Fest! – hat er so zu einer Erfolgs­ge­schichte gemacht, an die sich Politiker gern anhängten, lokale wie baye­ri­sche.«
Fritz Göttler, SZ

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Nach­fol­gend veröf­fent­li­chen wir hier den Nachruf des »Bundes­ver­band Regie e.V.« (BVR) auf sein Grün­dungs­mit­glied.

Der Macher, der Visionär, Der Regisseur
Zum Tod von Eberhard Hauff, einem großen Freund, Förderer und Funk­ti­onär des Deutschen Films, dem Mitbe­gründer des Bundes­ver­bands Regie, dem Mitbe­gründer der BG III in der Verwer­tungs­ge­sell­schaft Bild-Kunst und dem Gründer des Filmfests München. Die deutschen Regis­seu­rinnen und Regis­seure sagen Dank.

Wer Eberhard Hauff erlebt hat, erinnert sich an seine hohe Konzen­tra­ti­ons­fähig­keit und seine Willens­stärke; er war immer getrieben eine Vision zu gestalten, bestens vernetzt und immer entschlossen etwas Neues zu schaffen. Umgeben von einem Stab von großar­tigen Mitar­bei­tern, denen er vertraute, denen er viel Freiheit ließ und die er im Zusam­men­spiel zu Höchst­leis­tungen antrieb.

Eberhard Hauff kannte und sah den deutschen Film am Ende der Ära des »Neuen Deutschen Films« und handelte. Er sah sich dabei selbst als Regisseur, als Macher, als einen, der der Branche neue Möglich­keiten und Orte erschließen wollte, der wollte, dass Regis­seure als die Künstler ihrer Werke wahr­ge­nommen werden. Er wollte München als einen Gegenpol zu Berlin gestalten und stampfte aus dieser Idee heraus nicht nur das Filmfest München aus dem Boden, sondern legte in tiefer Verbun­den­heit mit den Künst­le­rinnen und Künstlern viele weitere Grund­steine, die heute aus der Land­schaft nicht mehr wegzu­denken sind.

So gründete Eberhard Hauff am 11. April 1975 zusammen mit vielen Regie­kol­legen den Bundes­ver­band Regie – BVR, der bis heute stärksten Inter­es­sen­ver­tre­tung für Regis­seu­rinnen und Regis­seure in Deutsch­land. Als lang­jäh­riger Vorstand des BVR nahm er zusammen mit seinem Kollegen Stefan Meuschel Verhand­lungen mit den Sende­an­stalten auf und schloss erste Verein­ba­rungen mit dem ZDF ab. Er verband die Inter­essen von Regis­seuren und Regis­seu­rinnen mit denen der Kamera, des Schnitts und des Szenen- und Kostüm­bilds und gründete innerhalb der noch jungen Verwer­tungs­ge­sell­schaft Bild-Kunst die Berufs­gruppe der Filmur­heber zur Wahr­neh­mung ihrer gesetz­li­chen Ansprüche aus der Kabel­wei­ter­sen­dung, der EU-Verleih- und Vermiet-Richt­linie und der Privat­kopie. Erst durch diesen entschei­denden Schritt erhielten Filmur­heber Anteil an diesen damals neuen, viel­fäl­tigen Nutzungen ihrer Filme. Über Jahr­zehnte hatte Eberhard Hauff einen Sitz im Vorstand der VG Bild-Kunst. Er war ein Garant für Konti­nuität und Stabi­lität in einer sich ständig wandelnden Zeit und sorgte für die Wahr­neh­mung, Teilhabe und für kreative wie finan­zi­elle Absi­che­rungen der Künstler und Künst­le­rinnen.

Eberhard Hauff gründete das Filmfest München, das wie kein zweites seinen Blick auf die Regie richtete. Hauff hat viele Karrieren ermö­g­licht, befördert, Chancen eingeräumt. Als einer der ersten öffnete er mit dem Filmfest ein Festival für das Fernsehen und etablierte es als inno­va­tives und inter­na­tional geschätztes Film­fes­tival. Alle Regis­seure und Regis­seu­rinnen sind dem, was er an diesen wie an den vielen anderen Stellen geschaffen hat, zu Dank verpflichtet.

Eberhard Hauff konnte für seine Visionen kämpfen und über­zeugen. Er konnte vernetzen, verbinden, aufbauen und war dabei durchaus streitbar sowie jemand, dem der Abschied von dem, was er geschaffen hatte, schwer­fiel. In diesen Tagen und in dieser Branche, in denen so schnell vergessen wird, soll aber vor allem daran erinnert werden, was ihm und seinem uner­müd­li­chen Einsatz alles zu verdanken ist.

Der Vorstand und Beiräte des BVR