01.04.2021

Die Rückseite des Neoliberalismus

dffb
Der Job ist noch frei, wir bleiben dran

Zwischen falschen Maschinen-Träumen und Identitätsgerede – Gedankensplitter zur dffb

Von Rüdiger Suchsland

»Die Position des Direktors der dffb ist ein öffent­li­ches Amt im Sinne von Artikel 33 Absatz 3 GG. Es umfasst alle beruf­li­chen und neben­amt­li­chen Funk­tionen staat­li­cher Orga­ni­sa­tionen, ohne dass sich dies auf Kern­struk­turen beschränken lässt...«
Land­ge­richt Berlin, 2015

»Orga­ni­sa­tion ist die Herstel­lung und Aufrecht­erhal­tung von Ordnung. Diese Ordnung ist aber ohne die dauernde Behebung von Störungen und – wichtiger noch – ohne ihre Vorweg­nahme im Routine Ablauf der Orga­ni­sa­tion nicht zu denken. Wenn die Orga­ni­sa­tion einer Behörde, das Kran­ken­haus ist, einer Schule oder eines Unter­neh­mens nicht von außen gestört wird, muss sie sich also selbst stören, um auf alle Even­tua­li­täten vorbe­reitet zu sein.«
Dirk Baecker, Soziologe

Vielen Dank für das viele positive Feedback für unseren dffb-Artikel vom Montag. Vielen Dank vor allem an jene, die sich nicht einschüch­tern lassen von der jetzt von manchen propa­gierten Suche nach »den Verrätern«. Von der Stimmung einer Hexenjagd, die von einigen Westen­ta­schen-Machia­vellis, die ihre Pläne gestört sehen, verbreitet wird, und denen die Naiven unter den Studenten blind­gläubig folgen.

Das zeigt, wie grund­sätz­lich gestört und verhakt das Klima an der dffb zurzeit ist. Ich glaube egal, wer die neuen Direk­toren werden, es wird sehr schwierig sein, die dffb zu befrieden.

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Es kann nicht die Aufgabe für Bericht­erstatter sein, allen zu gefallen.

Ein paar Fragen blieben am Montag offen, und wurden auch an mich gestellt. Zum Beispiel die, wer eigent­lich unter den vielen Bewerbern die engere Auswahl entschieden hat? Antwort: die Findungs­kom­mis­sion, zusam­men­ge­setzt aus je einem Vertreter von Studenten, Dozenten und Mitar­bei­tern. Offenbar kam es hier, auch durch die extrem kurze Zeit, die die von Studenten schon vorab kriti­sierte, von der Senats­kanzlei initi­ierte Ausschrei­bung der beiden Posi­tionen – künst­le­ri­scher Geschäfts­führer und kauf­män­ni­scher Geschäfts­führer –, zunächst zu unbe­frie­di­genden Resul­taten. So wurden in den letzten Tagen vor Ausschrei­bungs­ende angeblich noch Kandi­daten aufge­for­dert, sich zu bewerben. Angeblich.

Die zweite Frage: Wie wird jetzt eigent­lich entschieden? Jetzt entscheiden drei gegen drei. Drei Vertreter der dffb, also je ein Vertreter der drei Gewerke Studenten, Dozenten, Mitar­beiter. Und drei Mitglieder des Kura­to­riums. Unter den Dozenten haben sich viele für Marie Wilke ausge­spro­chen.

Dritte Frage: Was passierte da eigent­lich am Montag, als die anderen Kandi­daten vorspra­chen, die für die Position des kauf­män­ni­schen Leiters vorge­sehen sind? Es gab nur drei Kandi­daten, zwei hatten vorher ihren Rückzug erklärt.
Die jetzige hinter Direk­torin Sandra Braun soll keinen guten Vortrag gehalten haben. Positiv über­raschte hingegen Catherine Anne Berger, die bis vor kurzem und seit 2013 für »swissfilm« gear­beitet hatte. Der Dritte, der sich selbst bei der Vorstel­lung als Nach­rü­cker bezeich­nete, war der Münchner Martin Blan­ke­meyer. Dem Vernehmen nach hat Berger die besten Chancen.

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Die wich­tigste Frage ist aber eine andere: Warum ist es nötig, so offen zu sein und reinen Tisch zu machen? Was müsste jetzt eigent­lich passieren?
Nötig hierfür wäre, dass die Senats­kanzlei zwei, drei Schritte zurück­geht. Dass sie ihre falschen Träume vom Medien­campus aufgeben, und der dffb Luft geben, sich selber neu zu erfinden.

Solange man aber bei dem jüngeren, uner­fah­renen Teil der Studenten mit einem klischierten Diskurs der Wert­schät­zung für alles, wie er vor allem von einer Bewer­berin an jedem passenden und unpas­senden Ort abgerufen wurde, schnelle Punkte machen und von anderen Fragen ablenken kann, solange dann wie von aufge­zo­genen Automaten und neo-maois­ti­schen Garden blind applau­diert wird, nutzt selbst das nichts. Denn das Iden­ti­täts­ge­rede, das manche Beob­achter mit Habermas schon »Links­fa­schismus« nennen, ist nur die Rückseite des Neoli­be­ra­lismus.

»Manage­ment und Führung sind Formen der Negation«, schreibt Dirk Baecker, »die den Wider­spruch suchen und die Alter­na­tive meinen. Es geht um eine Form der Beun­ru­hi­gung, die das System dazu befähigt, die in der Umwelt wahr­ge­nom­menen Anfor­de­rungen und Gele­gen­heiten mit den im System verfüg­baren oder mobi­li­sier­baren Ressourcen und Kompe­tenzen immer wieder neu abzu­stimmen. ... die erste Aufgabe von Manage­ment und Führung besteht daher darin, die Stellen und Abtei­lungen der Orga­ni­sa­tion zu dieser Form der Nervo­sität zu bewegen.«

Gute, also lebendige Orga­ni­sa­tionen, die fähig sind, verschie­denste Aufgaben zu bewäl­tigen, sind jederzeit in der Lage, vom bisher Gewohnten abzu­wei­chen. Sie sind in der Lage, kommende Probleme und erfor­der­liche Entschei­dungen früh zu iden­ti­fi­zieren und vorzu­be­reiten.

Man braucht Hier­ar­chien, um sie zu unter­laufen.

Man braucht Auto­ri­täten, um nicht dem Auto­ri­tären zu verfallen.

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»Komödie ist Tragödie plus Zeit«, hat Woody Allen formu­liert. Das droht der dffb.

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»In der Tat, meine gedul­digen Freunde, ich will es euch sagen, was ich da unten wollte, hier in dieser späten Vorrede, welche leicht hätte ein Nachruf, eine Leichen­rede werden können: denn ich bin zurück gekommen und – ich bin davon­ge­kommen. Glaubt ja nicht, daß ich euch zu dem gleichen Wagnisse auffor­dern werde! Oder auch nur zur gleichen Einsam­keit! Denn wer auf solchen eignen Wegen geht, begegnet niemandem: das bringen die ›eignen Wege‹ mit sich. Niemand kommt, ihm dabei zu helfen; mit allem, was ihm von Gefahr, Zufall, Bosheit und schlechtem Wetter zustößt, muß er allein fertig werden. Er hat eben seinen Weg für sich – und, wie billig, seine Bitter­keit, seinen gele­gent­li­chen Verdruß an diesem ›für sich‹: wozu es zum Beispiel gehört, zu wissen, daß selbst seine Freunde nicht erraten können, wo er ist, wohin er geht, daß sie sich bisweilen fragen werden ›wie? geht er überhaupt? hat er noch – einen Weg?‹ – Damals unternahm ich etwas, das nicht jeder­manns Sache sein dürfte: ich stieg in die Tiefe, ich bohrte in den Grund, ich begann ein altes Vertrauen zu unter­su­chen und anzu­graben, auf dem wir Philo­so­phen seit ein paar Jahr­tau­senden wie auf dem sichersten Grunde zu bauen pflegten, – immer wieder, obwohl jedes Gebäude bisher eins­türzte: ich begann unser Vertrauen zur Moral zu unter­graben.«
Friedrich Nietzsche, »Morgen­röte«, Vorrede