29.03.2021

Wird Cristina Nord die neue DFFB-Chefin?

dffb Leitung
Stelle, immer noch vakant
(Foto: artechock)

Diese Woche wird entschieden: Nach der ersten Anhörung hat die derzeitige Leiterin des Berlinale-Forums offenbar die besten Chancen auf die Nachfolge Ben Gibsons. Aber wäre sie auch die beste Wahl? Eine aktuelle Lagebeschreibung

Von Rüdiger Suchsland

»Wenn Menschen von Verant­wor­tung reden, dann meinen sie immer: Macht.«
Max Weber

Am vergan­genen Freitag erschien im Feuil­leton des Berliner »Tages­spiegel« ein langer Text des Film­re­dak­teurs unter dem Titel »Lieber irgendwas mit Medien«. Die Haupt­stadt-Lokal­zei­tung berich­tete dort ausführ­lich und mit einigem Hinter­grund­wissen von der schwie­rigen Situation an der deutschen Film und Fern­seh­aka­demie Berlin (dffb).

Das Erschei­nungs­datum des Textes war keines­wegs zufällig gewählt, sondern ging offen­sicht­lich ebenfalls auf Hinter­grund­wissen zurück. Denn genau an diesem Freitag fand ab 10 Uhr morgens die Vorstel­lungs­runde der voraus­ge­wählten Kandi­daten für den seit einem Jahr vakanten Posten des »künst­le­ri­schen Geschäfts­füh­rers« statt – pande­mie­be­dingt nur per Zoom. Zum Zuhören einge­laden war die komplette Akademie-Öffent­lich­keit, also Studenten, Mitar­beiter und Dozenten, sowie die Mitglieder des Kura­to­riums, das letzt­end­lich über die Besetzung entscheiden darf.

Es war eine über­ra­schende Kandi­da­ten­liste, die dort präsen­tiert wurde. Fünf Kandi­daten waren aus einer größeren Bewer­ber­menge ausge­wählt und in die engere Wahl gezogen worden; erst eine Woche zuvor hatte man sie zu einer »Präsen­ta­tion« am vergan­genen Freitag geladen.
Sehr namhafte andere Bewerber, unter anderem Regis­seure, Film­wis­sen­schaftler und der Direktor einer höchst renom­mierten Schau­spiel­schule, waren dagegen nicht geladen worden – auch dies zur Über­ra­schung mancher, die die Namen kannten.

In der engeren Auswahl präsen­tierten sich Claus Löser, glei­cher­maßen Film­his­to­riker, Film­kri­tiker, Kurator und Kino­ma­cher, die Regis­seurin Marie Wilke (Staats­diener, Aggregat), die Wiener Filme­ma­cherin und Haneke-Mitar­bei­terin Kathrin Rese­ta­rits, die zusammen mit dem Berliner Regisseur und »revolver›-Mither­aus­geber Franz Müller antritt, sowie Cristina Nord, die von 2002-2015 die Film­re­dak­tion der taz geführt hatte, um anschließend für knapp vier Jahre beim Goethe-Institut in Brüssel zu arbeiten. Seit August 2019 leitet sie das »Inter­na­tio­nale Forum«, die unab­hän­gige Sektion der Berlinale.‹«

Vor allem Nords Bewerbung ist über­ra­schend – dass sie trotz 5-Jahres-Vertrag nach nicht einmal zwei Jahren beim Forum bereits mit einem Weggang liebäu­gelt, deutet auf interne Schwie­rig­keiten, Frust über die seit vielen Jahren einge­fah­renen internen Struk­turen des Forums, oder einfach Unlust am neuen Posten.

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Erinnern wir uns: Die dffb ist einzig­artig in der Berliner Kultur­land­schaft. Die dffb ist nicht irgend­eine Film­hoch­schule. Sie ist eine einzig­ar­tige Einrich­tung, die gesell­schaft­liche Umwäl­zungen in ihrer Geschichte gespie­gelt hat und verkör­pert hat. Das gilt es zu bewahren und weiter­zu­ent­wi­ckeln. Die dffb ist die älteste deutsche Film­hoch­schule, und hat eine glänzende Tradition, die von Harun Farocki und Hartmut Bitomsky über Wolfgang Petersen und Christian Petzold bis zu Pia Marais, Sophie Heldman und Jan-Ole Gerster reicht, und sie hat eine beacht­liche Gegenwart.
Die gegen­wär­tigen, immer noch bestehenden Stärken der dffb sind umso beacht­li­cher, als Verhär­tungen, Blockaden und Krisen – eigent­lich die Dauer­krise der dffb – seit 15 Jahren nicht zu übersehen sind. Trotzdem haben gerade die enga­gierten Studenten, gerade die, die nicht auf Linie waren, die im letzten Jahrzehnt nicht den Wünschen und Vorstel­lungen eines Kura­to­riums oder einer Senats­kanzlei entspra­chen, gute, sehr gute und mitunter großar­tige Filme gemacht. Zu nennen sind hier stell­ver­tre­tend zuletzt die Berlinale-Wett­be­werbs­teil­nahme für Alexandre Kobe­r­idses Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?, zuvor hatte Koberidse mit seinem Lang-Filmdebüt an der »Woche der Kritik« teil­ge­nommen, und mit einem Kurzfilm in Ober­hausen. Zu nennen sind Süheyla Schwenk und Susanne Heinrich, die mit ihren Filmen Preise in Saar­brü­cken gewannen, und der dies­jäh­rige Saar­brü­cken-Sieger Borga von Yorck-Fabian Raabe, oder Filme­ma­cher wie Katharina Wyss, Ana-Felicia Scutel­nicu, Julian Radlmaier, Max Linz, Produ­zenten wie Susanne Mann, Paul Zischler, Jonas Weydemann und viele mehr.

Fast alle haben in den 16 Jahren, in denen nach dem Rücktritt des lang­jäh­rigen Direktors Reinhard Hauff die Direk­toren im Drei­jah­res­rhythmus das Handtuch warfen, besten­falls die Freiheit der Inter­reg­nien und Inte­rims­di­rek­toren genutzt, und sich schlimms­ten­falls gegen widrige Umstände behauptet. Auch dabei lernt man. Ein Ideal­zu­stand ist es nicht.

Dabei könnte die dffb so viel mehr sein. Eine reine Ausbil­dungs­stätte für geschmei­dige Mode­surfer zur bald­mö­g­li­chen Verwen­dung in den Redak­ti­ons­stuben der Fern­seh­sender ist die dffb nie gewesen, sondern eben eine Kunst­aka­demie für Film. Das Allein­stel­lungs­merkmal der dffb, das, was sie bis heute von allen anderen Film­hoch­schulen unter­scheidet, war es immer gegenüber den riesigen, verspar­teten Konkur­renten ein kleiner beweg­li­cher Apparat zu sein, der durch seine Struktur den inten­siven Austausch aller Studenten, Lehr­kräfte und Mitar­beiter mitein­ander ermö­g­licht, die intensive Nähe eines künst­le­ri­schen Groß­stadt­la­bors.

Zuletzt wurde diese real exis­tie­rende Utopie durch die von Ben Gibson verwirk­lichte Verschu­lung und die Auswei­tung durch zusätz­liche, aber marginale Ausbil­dungs­be­reiche verwäs­sert und nach­haltig beschä­digt. Das alte offene Studium, bei dem möglichst viele Lehr­ver­an­stal­tungen allen Gewerken zugäng­lich sind, wurde zunehmend unmöglich. Hinzu kamen massive Spar­auf­lagen und der nach dem Auslaufen des bishe­rigen Miet­ver­trags 2025 wohl anste­hende Umzug auf den ehema­ligen Tempel­hofer Flughafen, wo ein »Medien­campus« entstehen soll – das neueste Luft­schloss des kulturell unbe­darften Berliner Senats.

Schwerer als all diese Belas­tungen wiegt aber die Politik des Senats, die seit Jahren darauf zielt, Film­stu­dien auf Markt­kon­for­mität abzu­richten, die die Zusam­men­ar­beit mit öffent­li­chen Sendern und nicht­li­nearen Fern­seh­an­bie­tern propa­giert.
Der Dreiklang »Netflix – Tenet – Petzold« (Medien­board-Chefin Kirsten Niehuus), der als Motto der Berliner Film­po­litik gilt, soll bereits in der Ausbil­dung in den Köpfen imple­men­tiert werden. Aber das Ausrichten auf Markt­be­dürf­nisse statt auf Inno­va­tion und das Entwi­ckeln von persön­li­chen Hand­schriften bedeutet, dass die in diesem Sinn produ­zierten Filme vom ersten Tag an von gestern sein werden.

dffb-Absol­ventin Susanne Heinrich (Das melan­cho­li­sche Mädchen) hatte erst kürzlich im »Film­dienst« diese Funda­men­tal­kritik im Detail entfaltet, und dargelegt, wie borniert und provin­ziell die Berliner Träume vom »Medien­campus« und der wie eine Karikatur des Manage­ment-Deutsch als »Change Prozess« formu­lierte interne Umbau der dffb sind. Ziel und mögliche Folge dieser Entwick­lung sind aber, offen­kundig, die verblei­benden Reste des Künst­le­ri­schen und der dffb-Autonomie abzu­wi­ckeln.

Offen­sicht­lich hat das Kura­to­rium nicht aus den Fehlern der Vergan­gen­heit gelernt. Andreas Busche trifft den Nagel auf den Kopf, wenn er im »Tages­spiegel« schreibt: »Seit Gibsons umstrit­tenem Vorgänger Jan Schütte scheint sich das Kura­to­rium auf Allein­gänge gegen die DFFB spezia­li­siert zu haben. Dieser Kurs ist auf das Miss­ver­ständnis zurück­zu­führen, dass eine Film­hoch­schule nach wirt­schaft­li­chen Kriterien geführt werden müsse.«

Christian Gaebler und seine Senats­kanzlei halten trotzdem an der – der Idee der dffb geradezu wider­spre­chenden – Vorstel­lung fest, die dffb habe »sowohl kultu­relle als auch wirt­schaft­liche Effekte zu erzielen«. Gerade in diesem von oben erzwun­genen Mitein­ander der Gegen­sätze Kunst und Ökonomie liegt eine zentrale Schwäche des deutschen Films, unter der die Szene und der inter­na­tio­nale Ruf des deutschen Films seit Jahr­zehnten leiden. Denn dieses Mitein­ander lässt weder echte, ästhe­tisch radikale Kunst, noch wirt­schaft­lich tatsäch­lich erfolg­reiche Film­in­dus­trie zu, sondern nur jenen faden »mittleren Realismus«, der den Geschmack auch des breiten Publikums konta­mi­niert und die Filme verödet.
Diese Ödnis soll nun noch auf die letzte freie deutsche Film­aus­bil­dungs­stätte zwangs­ü­ber­tragen werden.

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Der Blick der Studenten entspricht diesem Bild: »Im Schatten der Corona-Krise« heißt es auf einem Blog der dffb-Studenten, »wird seit Frühjahr 2020 an der dffb ein soge­nannter 'Change-Prozess' unter der Leitung von Inte­rims­di­rek­torin Sandra Braun durch­ge­führt. Vor dem Hinter­grund der Pläne des Senats, die dffb zur Haupt­mie­terin im Hangar 5 des neuen Medien­campus am Flughafen Tempelhof zu machen, werden interne Struk­turen umgebaut und ein neoli­be­raler Diskurs instal­liert. Teil des Change-Prozesses waren umfang­reiche und kosten­in­ten­sive Evalua­tionen und die Erar­bei­tung eines 'Arbeits- und Reform­auf­trags' für die zukünf­tige Geschäfts­lei­tung, die in eine gemeinsam formu­lierte Ausschrei­bung der Doppel­spitze münden sollten. Diese hat das Kura­to­rium ironi­scher­weise inzwi­schen am Change-Board vorbei allein vorge­nommen. Das Auswahl­ver­fahren, das sich vor fünf Jahren als intrans­pa­rent, unde­mo­kra­tisch und letztlich untaug­lich erwiesen hat, wird unver­än­dert neu aufgelegt. Ein von den Studie­renden 2015 erar­bei­teter Vorschlag für ein Verfahren, das die tatsäch­liche Betei­li­gung der Akademie und eine breite Unter­stüt­zung für die neue Geschäfts­lei­tung sichert, bleibt unbe­achtet. So droht auch diese Neube­set­zung zur Farce zu werden.«

Auch das Gespräch mit Studenten und Dozenten ergibt vor diesem Hinter­grund ein sehr eindeu­tiges Bild: Die dffb fürchtet, als Film­hoch­schule und in ihrer Origi­na­lität abge­wi­ckelt zu werden. Es »brennt« gerade an der dffb. Dringend müssen sich grund­sätz­liche Dinge ändern. Die dffb braucht mehr Freiheit und mehr Selbst­ver­trauen und Konzen­tra­tion auf zentrale Fragen.

Wer könnte diesen Wandel am besten gestalten, und die Substanz der dffb durch den von oben verord­neten »Change-Prozess« retten?

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Hierzu muss man kurz erklären: Bislang hatte die dffb einen einzigen Direktor, der diese einmalige Akademie mal mit mehr, zuletzt mit eher weniger Erfolg führte. Über die sonder­baren Rück­tritte der vorletzten zwei Direk­toren und die vorzei­tige Vertrags­be­en­di­gung des letzten Direktors, des Briten Ben Gibson, der schon bei seinem Amts­an­tritt hoch­um­stritten war, wurde auch bei artechock ausgiebig berichtet.
Jetzt haben sich die Entscheider der letztlich verant­wort­li­chen SPD-geführten Berliner Senats­kanzlei (Film hat für Berlin nichts mit Kultur zu tun. Film­po­litik befindet sich deswegen als einzige Kultur­po­litik nicht in der Zustän­dig­keit des Kultur­se­na­tors, sondern in der des Regie­renden Bürger­meis­ters Michael Müller, bzw. seines Verwal­tungs­stabs, der vom SPD-Politiker Christian Gaebler gelei­teten Senats­kanzlei) entschlossen, einer Doppel­spitze zu berufen, um die zunehmend manö­vrier­un­fähige dffb wieder flott­zu­ma­chen und möglichst auf ihren Kurs zu trimmen.

Solche Doppel­spitzen sind derzeit gerade hoch in Mode – man blicke auf die »Grünen« oder auf die Berlinale. Wie sich das gerade im Kultur­be­reich bewährt, und wie die Aufga­ben­tei­lung zwischen Kunst auf der einen und Wirt­schaft auf der anderen Seite tatsäch­lich funk­tio­niert, dafür gibt es noch keine Erfah­rungs­werte. Ob das Modell für die seit Jahren von inneren Querelen erschüt­terte, und sich durch Kommu­ni­ka­ti­ons­stö­rungen fort­wäh­rend selbst­blo­ckie­rende dffb eine besonders geschickte Lösung sein wird, daran kann man als externer Beob­achter zweifeln. Allemal verfügt der ebenfalls noch zu berufende Verwal­tungs­leiter – die Anhö­rungs­runde findet an diesem Montag statt – über das Geld, das jeder künst­le­ri­schen Leitung irgend­wann überhaupt zur Verfügung steht.

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Eine zweite Bemerkung: Bei der Versamm­lung am Freitag wurde um Vertrau­lich­keit gebeten. Aber derartige Akademie-Versamm­lungen sind wie die Corona-Runden der Bundes­kanz­lerin: Schon bevor sie statt­finden, sickern erste Details durch, während des Verlaufs bekommt man Updates, und hinterher von vielen Teil­neh­mern mehr oder weniger detail­lierte Berichte.

Auf diese Berichte verlassen wir uns auch hier. Denn es ist wichtig, gerade bei diesem Thema trans­pa­rent zu sein. In der Vergan­gen­heit wurde bei früheren Direk­to­ren­su­chen gerade von der offen­sicht­lich in der Sache über­for­derten und an einer trans­pa­renten, alle Betei­ligten und die Öffent­lich­keit mit einbe­zie­henden Debat­ten­füh­rung nicht inter­es­sierten Berliner Senats­kanzlei zu viel Porzellan zerschlagen.
Es bedurfte damals erst eines Urteils des Berliner Land­ge­richts, um die Selbst­ver­ständ­lich­keit ins Gedächtnis zu rufen, dass das Grund­ge­setz auch für die dffb gilt, und dass diese öffent­liche Insti­tu­tion kein Privat­ei­gentum des Landes Berlin ist, mit dem dieses nach Guts­her­renart umgehen kann.
Kurio­ser­weise lehnte das weit­ge­hend identisch besetzte Kura­to­rium seiner­zeit eine Doppel­spitze ausdrück­lich ab und wie mit der Begrün­dung, Doppel­spitzen seien »nicht erwünscht« im Jahr 2014 eine Doppel­be­wer­bung von Fred Kelemen und Oliver Czelslik, aus formalen Gründen ab.

Leider versucht die Berliner Senats­kanzlei nun ein weiteres Mal, die für die Öffent­lich­keit durchaus inter­es­santen Prozesse und Verfahren an einer öffent­li­chen Film­aus­bil­dungs­stätte, die aus vielen Gründen besonders im Fokus der Öffent­lich­keit steht, im Stile früh­neu­zeit­li­cher Kabi­netts­po­litik im Hinter­zimmer ablaufen zu lassen. Es nutzt der dffb aber nicht, wenn die Öffent­lich­keit immer nur vor voll­endete Entschei­dungen gestellt wird. Vielmehr ist es wichtig, einen solchen Auswahl­pro­zess öffent­lich zu begleiten – auch jedes Univer­si­täts­be­ru­fungs­ver­fahren ist trans­pa­rent.

Seit Jahren werden Jour­na­listen aber über die dffb nur auf intensive Nachfrage infor­miert, nie von selbst durch Pres­se­mit­tei­lungen und ähnliches. Die entschei­dende Schalt­stelle bei den Belangen um die dffb in den letzten 15 Jahren, die SPD-geführte Senats­kanzlei, infor­miert nicht. Es gab auch bislang keine Begrün­dung dafür, warum der Ausschrei­bungs­pro­zess überaus kurz­fristig sein müsse und keine offi­zi­elle Erklärung, warum die dffb nun von einer Doppel­spitze geführt werden muss.

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Wie lief nun die erste Vorstel­lungs­runde am Freitag, der am Dienstag eine weitere und im Lauf der Woche die Entschei­dung folgen werden?

Immerhin knapp 150 ständige Teil­nehmer hatten die Präsen­ta­tionen am Freitag. Eine eher geringe Zahl, bedenkt man, dass es 250 Studenten gibt, dazu etwa 50 Dozenten und etwa 40 Mitar­beiter. Es hätten also über 300 zuhören können.

Die Reak­tionen von Teil­neh­mern nach der Vorstel­lungs­runde waren wenig begeis­tert.

»Keine Idee, keine Vision. Keine Antwort auf die Frage: Warum bewerbe ich mich überhaupt?« beschrieb eine teil­neh­mende Stimme den Eindruck.

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Das Urteil der knapp ein Dutzend Teil­nehmer, mit denen ich in Kontakt war, ist einhellig: Chancen haben nur zwei Kandi­daten. Cristina Nord und die Team­lö­sung Kathrin Rese­ta­rits/Franz Müller. Letztere werden als die Über­ra­schungs­lö­sung beschrieben. Sie seien »eupho­risch und empa­thisch, auch humorvoll rüber­ge­kommen« und die Einzigen gewesen, denen man Leiden­schaft fürs Kino abnahm, und echtes Enga­ge­ment um die dffb. Außerdem sind beide Filme­ma­cher, haben auch Produk­ti­ons­er­fah­rung, was bei einer Film­hoch­schule, die die Filme der Studenten selbst produ­zieren muss, unbedingt nötig ist. Für Rese­ta­rits dürfte auch die Nähe zu Michael Haneke, der erst kürzlich (virtuell) zu Gast an der dffb war, sprechen, ebenso die Lehr­er­fah­rung an der Wiener Film­aka­demie.

Trotzdem gilt Nord den meisten Zuhörern als Favoritin – »es wirkte fast, als hätte man sich schon vorher auf sie verstän­digt« berich­tete eine Stimme, und eine zweite schil­derte den »Eindruck, dass sich wichtige Dozenten wie Christoph Hoch­häusler, Chris Wrigth und Michael Baute stark für sie einsetzen.«
Nords Selbst­prä­sen­ta­tion war gewandt, konzen­triert und am besten struk­tu­riert, entlang der bei Teilen der Studen­ten­schaft erwünschten Themen Femi­nismus, Diver­sität, Anti­ko­lo­nia­lismus, Macht­ausü­bung im Kultur­be­trieb. Sie habe keinen Master­plan, es bleibe nur »mit allen reden«, die Stärken der dffb auf »ein gutes Fundament zu stellen«, und – auch hier Mana­ger­deutsch – Best-Practice-Erfah­rungen zu sammeln.
Zur (öffent­lich unein­ge­stan­denen) Drohung für manche Mitar­beiter könnte freilich Nords Ankün­di­gung werden, in Zukunft mit einem »hete­ro­ge­neren Team zu arbeiten.«
Auch sonst äußerten Teil­nehmer der Sitzung Reserven gegen die Favoritin: Sie habe »sehr verkopft« gewirkt, ihr konzen­trierter Auftritt sei auch »kalt« gewesen, die Perfek­tion habe »manchen Angst gemacht« berichten Zuhö­rer­stimmen.
Nords objektive Schwach­punkte: Im Unter­schied zu allen anderen Bewerbern hat sie nicht die geringste Erfahrung als Filme­ma­cherin, auch nicht »produ­zen­tisch«. Hinzu kommt eine sehr einsei­tige geschmack­liche Ausrich­tung auf einen bestimmten Typ von Arthouse­kino – Apichat­pong Weeras­ethakul, Lav Diaz, »Berliner Schule« –, der der Vielfalt der dffb kaum gerecht wird.

Trotz des profes­sio­nellen Eindrucks fragten sich daher viele, ob Cristina Nord die beste Wahl wäre für die viel­leicht letzte Chance, die dffb noch vor einer markt­kon­formen Neuaus­rich­tung zu retten, nach der sie dann irgend­wann sturmreif geschossen, mit der Filmuni Potsdam-Babels­berg verschmolzen werden kann.

Da Nord zu Beginn ihrer Präsen­ta­tion gesagt hatte – »Verant­wor­tung reizt mich, größere Verant­wor­tung reizt mich mehr« – sie wolle dort arbeiten, wo der Gestal­tungs­spiel­raum groß sei, kam in der anschließenden Frage­runde noch ein weiterer Einwand zur Sprache: »Was veran­lasst Sie zu der Hoffnung, dass Sie bei der dffb einen größeren Gestal­tungs­spiel­raum haben als in Ihrer jetzigen Tätigkeit? Und wie viel Jahre geben Sie der dffb, bevor Sie dann wieder offen sind für neue beruf­liche Heraus­for­de­rungen. Das sage ich natürlich, weil ich mir mehr Stabi­lität für die dffb wünsche.«

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Zu der weiter oben beschrie­benen in der dffb fehlenden Konzen­tra­tion auf zentrale Themen gehören auch die größ­ten­teils margi­nalen Fragen, die aus der Akademie-Öffent­lich­keit an die verschie­denen Kandi­daten gestellt wurden.
Kaum eine Frage galt der Zukunft der Lehre oder der der Insti­tu­tion. Statt­dessen hielt es die Studen­ten­schaft für wichtig, nach der Reprä­sen­ta­tion von Vielfalt und der gestei­gerten Berück­sich­ti­gung von »People of Colour« unter Mitar­bei­tern und Studenten zu fragen. Die Reaktion von Teil­neh­menden: »Ihr habt ja echt Probleme, dass ihr diese dummen Fragen stellt! Gibt es nichts Wich­ti­geres an der dffb? Glaubt ihr, dass man mit POC-Berück­sich­ti­gung die Probleme der dffb lösen kann? Das ist ja nicht euer Ernst.« Die dffb ist immerhin die deutsche Film­hoch­schule mit dem höchsten Anteil an inter­na­tio­nalen Studenten und Dozenten.

Auch von Dozen­ten­seite wurden vor allem zwei Fragen in unter­schied­li­chen Varianten gestellt. Die eine richtete sich auf die Frage der Finan­zie­rung. Die andere richtet sich darauf, wie die Lehre umge­staltet werden soll. »Das sind offenbar die Sorgen: Die Dozenten wollen, dass sich nichts ändert, dass sie möglichst ihre Stelle nicht verlieren und und sie wollen, dass möglichst viel Kohle in die dffb kommt.«

Die Finan­zie­rungs­frage ist wichtig. Aber sie ist mit der nicht nur von Cristina Nord gegebenen Antwort »Dritt­mittel!« nicht zu klären.
Dritt­mittel ist die modische und wohl auch die vom Kura­to­rium am liebsten gehörte Antwort. Aber sie ist voll­kommen unrea­lis­tisch. Es funk­tio­niert nicht, mit Dritt­mit­teln bestehende Studi­en­gänge zu finan­zieren. Auch Ben Gibson, der seine Bewerbung damals damit begrün­dete, dass er der dffb Dritt­mittel verschaffen würde, hat es nicht geschafft, obwohl er es immer wieder versucht hat. Ähnlich hatte es schon Jan Schütte getan.

Der Berliner Senat will es zwar nicht hören, wird aber nicht darum herum­kommen, selber mehr Geld geben zu müssen, als die bishe­rigen vergleichs­weise armse­ligen 5 Millionen. Mit dem Tritt­brett­fahren auf modischen Diskurs­wellen wird man an der dffb nicht mehr weiter­kommen.

Weiteres zum Thema dffb der letzten Jahre:

Zum Skandal an der dffb und um Ben Gibson (arteshots-Video 71)

Alle gegen alle: Mal nicht Corona: Düpierte Kunst, mieser Ton, Dekon­struk­tion, aber kein Change an der DFFB und ein verrä­te­ri­sches Fall­bei­spiel für neue Tendenzen im deutschen Kino

Mehr Demo­kratie wagen? Ein »Atelier der Inno­va­tion« im Geist von Willy Brandt: Der neue DFFB-Direktor Ben Gibson will Berlin »die Film­schule geben, die es verdient«