23.03.2021

Der ewige Krieg

Frieden
Ein Bett, zwei Welten (Max Hubacher als Johann und Annina Walt als Klara)
(Foto: ARTE)

Die Schweizer ARTE-Mini-Serie Frieden seziert mit dem Brennglas der Vergangenheit klug unsere Gegenwart, ist aber auch ein packendes und emotionales Nachkriegs-Drama

Von Axel Timo Purr

Über die Flucht­routen, die soge­nannten »Ratten­li­nien«, einfluss­rei­cher Nazis nach dem Zweiten Weltkrieg gibt es erst seit wenigen Jahren zunehmend Doku­men­ta­tionen, die vor allem die Rolle des Vatikans und des US-ameri­ka­ni­schen Geheim­dienstes thema­ti­sieren. Doch dass für die Route nach Argen­ti­nien auch die Schweiz eine wichtige, vor allem finan­zi­elle »Dreh­scheibe« war, ist weniger bekannt.

Umso wichtiger ist deshalb Petra Volpes und Michael Schaerers Ansatz, die mora­li­sche und histo­ri­sche Dunkel­heit dieses Phänomens mit einer fiktiven, auf histo­ri­schen Tatsachen beru­henden Geschichte zu erhellen. Volpe, die für die Idee und das Drehbuch verant­wort­lich ist, hat bereits mit ihrem Drehbuch für Alain Gsponers Heidi, aber mehr noch mit dem Drehbuch und der Regie ihrer hervor­ra­genden femi­nis­ti­schen Abrech­nung mit dem späten Frau­en­wahl­recht in der Schweiz, Die göttliche Ordnung, gezeigt, wie konse­quent kritisch und erzäh­le­risch souverän sie mit gesell­schafts­kri­ti­schen und histo­ri­schen Stoffen arbeiten kann. Unter der Zusam­men­ar­beit mit Schaerer, der Regie geführt hat, ist eine dementspre­chend dichte und kritische Mini-Serie von sechs Folgen entstanden, die weit über eine Beschrei­bung des damaligen Zeit­ko­lo­rits hinaus­reicht.

Das liegt vor allem daran, dass Volpe sich dafür entschieden hat, einen weiteren histo­risch belegten Erzähl­strang zu inte­grieren. Denn neben mehr oder wenig verkappt und von Schweizer Eidge­nossen gedeckten, in der Schweiz lebenden und ihre Zukunft in Argen­ti­nien planenden Nazi-Größen versuchte die Schweiz gleich nach dem Krieg ihr etwas rampo­niertes, nur vermeint­lich »neutrales« Image etwas aufzu­bes­sern, indem sie über­le­bende Kinder aus dem KZ Buchen­wald für einige Monate zur »Kur« aufnahm, solange bis über ihre Zukunft entschieden war. Diese Aktion wurde von einer profes­sio­nellen Image-Kampagne begleitet, die in krassem Gegensatz zu der nur wenige Kilometer entfernten Paral­lel­welt mondäner Finanz­trans­ak­tionen geflo­henen NS-Personals stand.

Volpe illus­triert diesen mora­li­schen Graben­bruch über die zwei sich nahe­ste­hende Brüder Johann (Max Hubacher) und Egon (Dimitri Stapfer). Johann ist es nicht nur gelungen, die Leitung einer altein­ge­ses­senen Tuch­ma­nu­faktur zu über­nehmen, sondern auch Klara (Annina Walt), die Tochter des alten Prin­zi­pals der Fabrik, zu heiraten und damit in höchste gesell­schaft­liche Kreise vorzu­dringen. Da die Fabrik jedoch die kriegs­be­dingten Regie­rungs­auf­träge verloren hat, muss Johann sich entscheiden, ob er mit deutschem Geld und deutschem Nazi-Know-How auf illegalem Weg die Manu­faktur retten soll. Erschwert wird ihm diese Entschei­dung nicht nur durch die moralisch integre Klara, die als Lehrerin die Buchen­wald-Kinder betreut, sondern auch seinen Bruder, der auf ameri­ka­ni­sches Drängen für die Schweizer Bundes­an­walt­schaft nach unter­ge­tauchten Nazis fahndet. Damit versucht Egon aller­dings auch, seine eigenen Traumata zu bewäl­tigen, hat er doch während der Kriegs­jahre als Grenz­soldat eine nur schwer tragbare Schuld auf sich geladen.

Volpe und Schaerer zeichnen diesen Bruder­zwist in eindring­li­chen, auch schau­spie­le­risch über­zeu­genden Bildern nach, ohne dabei die notwen­digen histo­ri­schen und mensch­li­chen Hinter­gründe der Buchen­wald-Kinder zu vergessen, die über eine Liebes­ge­schichte zwischen Klara und dem erwach­senen »Kind« Herschel (Jan Hryn­kie­wiecz) gezielt und sinnvoll drama­ti­siert werden. Ohne dabei jedoch ins Melodram zu kippen, was nicht nur erzäh­le­risch, sondern auch über die behutsame Kamera von Christian Marohls vermieden wird, die sich immer wieder aus Momenten des Gefühls­wirr­warrs in eine beob­ach­tende Decken­po­si­tion zurück­zieht und die Menschen damit zum Teil eines größeren, klärenden Prozesses macht.

Wie sehr Volpe und Schaerer gerade an diesen »Prozessen« liegt, zeigt das äußerst gelungene Ende, das Frieden alles andere als versöhn­lich enden lässt. Zwar gibt es bei aller Trauer auch die kleinen, immens wichtigen Siege im Privaten, doch das große Ganze, das Amora­li­sche des Systems bleibt letzt­end­lich unan­ge­tastet. Gleich­zeitig zeigt Frieden aber auch, wie schwer es ist, diese »Amora­lität« in ihrer dezi­dierten Ambi­guität auszu­merzen, hat auch sie doch auch ihr unzwei­fel­haft »Gutes«, rettet sie in diesem Fall nicht nur Arbeits­plätze, sondern gibt sogar Raum für arbeits­recht­liche Reformen.

Frieden geht damit noch einen Schritt weiter als gemeinhin üblich und entreißt die Geschichte ihrem histo­ri­schen Korsett. Denn was ja schon in den ersten Folgen durch die Paral­lel­welten von Tätern und Opfern ange­deutet wird, eine Situation, die sich bei der Betrach­tung von heutigen migran­ti­schen, globa­li­sierten Verhält­nissen verblüf­fend ähnlich aufdrängt, betonen Volpe und Schaerer noch einmal mit ihrem fata­lis­ti­schen Ende. Trägt damals wie heute der amora­li­sche Impetus von Politik und Wirt­schaft auch deshalb den Sieg davon, weil ein Wolf im Schafs­pelz so schwer zu jagen und erst recht zu verur­teilen ist. Ist die viel­be­schwo­rene Schweizer »Neutra­lität« damals wie heute eine gut gepflegte Chimäre – man denke nur an die Schweizer Volks­ab­stim­mung Ende letzten Jahres, in der sich eine Mehrheit dafür entschied, dass Schweizer Firmen auch künftig nicht in der Schweiz für Umwelt­schäden oder Menschen­rechts­ver­let­zungen im Ausland haftbar gemacht werden können.

Frieden ist vom 18. März bis 25. April 2021 auf der ARTE Mediathek abrufbar und wird am 25. März ab 21.10 Uhr (Folgen 1-3) und am 1. April ab 21.15 Uhr (Folgen 4-6) auf arte TV ausge­strahlt.