11.02.2021

Reden hilft immer

Bir Baskadir - Acht Menschen in Istanbul
Statt verurteilen Vorurteile widerlegen
(Foto: Netflix)

Berkun Oyas türkische Netflix-Miniserie Bir Başkadır – Acht Menschen in Istanbul zeichnet ein komplexes und aufregendes Bild der türkischen Gesellschaft und überrascht mit fulminanter, formstarker Filmästhetik

Von Axel Timo Purr

»Können wir keine Ruhe finden? In diesem kurzen Leben? Papa meinte, Ruhe findet man erst im Grab. Dann scheiss halt auf dieses Leben.« – Yasin in Bir Başkadır

»Sie sagen mutig, ich sage verrückt. Dabei ist es das Gleiche.« – Meryem zu Peri in Bir Başkadır

Wie wichtig es für eine „Gesell­schaft“ ist, sich auf die thera­peu­ti­sche Couch zu legen, und sei es auch nur als „Zuschauer“, zeigt die gerade bei arte ange­lau­fene, fran­zö­si­sche Adaption von In Therapie. Dass man „Film­the­rapie“ aber auch ganz anders angehen kann, dass man den begrenzten thera­peu­ti­schen Kammer­spiel­raum durchaus verlassen und sogar »großes Kino« machen kann, das führt exem­pla­risch die türkische Serie Bir Başkadır – Acht Menschen in Istanbul vor, die seit ihrem Start im November 2020 nicht nur heftige, leiden­schaft­liche Debatten in der Türkei, sondern auch in den angren­zenden Ländern des mittleren Ostens ausgelöst hat.

Die Gründe dafür liegen schon nach der ersten Folge dieser acht­tei­ligen Miniserie auf der Hand. Wie ein Domi­no­stein, der fällt und damit alle anderen Domi­no­steine mit sich zieht, sehen wir Meryem (Öykü Karayel) bei ihrem Teil­zeitjob als Putzfrau in Ohnmacht fallen und dann in einer Rück­blende bei ihrer Thera­peutin Peri (Defne Kayalar) sitzen. Verängs­tigt und schüch­tern und mit Kopftuch erzählt sie von ihren Ohnmachts­an­fällen und lässt sich auf die thera­peu­ti­sche Situation ein, ohne aller­dings die Geneh­mi­gung ihres Hodschas, ihres „reli­giösen Beraters“ bzw. Imams eingeholt zu haben. Mit diesem thera­peu­ti­schen Moment verändert sich aber nicht nur Meryems Leben, sondern auch das ihrer Mitmen­schen, die durch ihre „Trans­for­ma­tion“ ebenfalls zu neuen Menschen werden. Das sind jedoch nicht nur ihre nächsten Verwandten, ihr Bruder Yasin (Fatih Artman) und dessen Frau Ruhiye (Funda Eryiğit), bei denen sie etwas außerhalb von Istanbul wohnt, sondern auch ihre Thera­peutin und deren Super­vi­sorin und Freundin Gülbin (Tülin Özel), die auf der laizis­ti­schen, kema­lis­ti­schen Seite der türki­schen Gesell­schaft stehen und sich nicht nur durch ihre offen getra­genen Haare von dem devot-reli­giösen Umfeld von Meryem distan­zieren, sondern verbit­tert reali­sieren, dass sie auf der Verlie­rer­seite stehen und sogar am thera­peu­ti­schen Erfolg mit Meryem zweifeln: »Die sind völlig durch­ge­dreht mit ihrem Hodschas. Wir können sie unmöglich verstehen«, sagt Peri fassungslos, führt die Therapie aber dennoch fort, auch um ihre eigenen Gespenster in den Griff zu bekommen.

Doch dabei bleibt die von Showrunner, Regisseur und Dreh­buch­autor Berkun Oya verant­wor­tete Serie nicht stehen. Statt­dessen entfaltet sie mit jeder weiteren Folge noch komple­xere Bezie­hungs­muster, erzählt von einem Womanizer (bei dem Meryem putzt und in der Eingangs­szene in Ohnmacht fällt), einer Schau­spie­lerin in einer erfolg­rei­chen türki­schen Soap-Opera, über die Oya seine eigene Serie in schwin­del­erre­gende Doppel­bö­dig­keit führt, wenn sich Rolle und Realität zunehmend vermi­schen und Oya in seine eigene Serie mit plötzlich plat­zierten Soap-Opera-Elementen »garniert«, gleich­zeitig aber auch darüber läßt, welche gesell­schaft­liche – und poli­ti­sche – Relevanz die Seri­en­kultur in der Türkei hat. Aber es gibt noch mehr in diesem fast boden­losen Korb der Krea­tivtät. Denn Acht Menschen in Istanbul nimmt sich auch den zerris­senen Fami­li­en­ver­hält­nissen von Peris Super­vi­sorin Gülbin und ihrer kurdi­scher Familie an, erzählt in düsteren, hervor­ra­gend geschrie­benen Dialogen von Verge­wal­ti­gung und Miss­brauch, von Hoff­nungen und Träumen und vor allem von starken Frauen und schwachen, tumben und hilflosen Männern.

Das erstaun­lichste an Oyas Blick auf die türkische Gesell­schaft ist dabei, dass er niemanden verur­teilt, sondern statt­dessen Vorur­teile widerlegt. Immer dann, wenn eine der darge­stellten Personen den klas­si­schen Erwar­tungs­hal­tungen oder Vorur­teilen zu entspre­chen scheint, treibt Oya den Plot bzw. sein Psycho­gramm noch ein Stück in die Tiefe. So entwi­ckelt sich etwa aus dem zu Anfangs zwar liebe­vollen, aber in seiner Bera­tungs­tä­tig­keit doch stark limi­tierten Hodscha ein ebenso an der Zerris­sen­heit der türki­schen Gesell­schaft leidender Mensch, der sich nur mehr über seine sich ihm religiös entfrem­dende Tochter und sein altes Wohnmobil so etwas wie Heimat empfinden kann.

Ihre Entspre­chung finden diese immer wieder radikalen und emotio­nalen psycho­lo­gi­schen »Close-Ups« in der Cine­ma­to­gra­phie von Acht Menschen in Istanbul. Immer wieder beginnt Oyas Kamera in der Ferne, um sich mehr und mehr auf Menschen und Gegen­s­tände zu fokus­sieren. Sehen wir zuerst die von Baukränen übersäte Silhou­ette Istanbuls, ist die Kamera schon bald in ein Hochhaus versunken, sehen wir den Schatten eines der Prot­ago­nisten am Fenster stehen, und folgen ihm gleich darauf in seine priva­testen Augen­blicke. Manchmal sind es nur Mosaike aus alter und neuer Archi­tektur, dann wieder Alltags­ge­gen­stände, ein Spiel­zeug­auto auf dem Teppich, der Hodscha allein auf einem grünen Meer von Gebets­tep­pi­chen oder Meryem, die sich in einem Fens­ter­aus­schnitt osmanisch-isla­mi­scher Archi­tektur kontu­riert. Und immer wieder kontras­tieren die Seelen­land­schaften mit den Außen­land­schaften: das Wohnmobil des verzwei­felten Hodscha unter einer gigan­ti­schen Auto­bahn­brücke, die Versun­ken­heit der Tochter des Hodscha beim Hören von Techno über ihre über­großen Kopfhörer beim Abschied von ihren Eltern, Ruhiye vor den über­mäch­tigen Felsen ihrer trau­ma­ti­sieren Jugend, Meryems verzwei­felte Sehnsucht nach einem neuen Leben in ihrem rot geschminkten Mund, der voller Leiden­schaft eine Süßigkeit verzehrt.

Jede dieser Einstel­lungen und noch weit mehr als die hier aufge­führten, gleichen Gemälden, über­großen, perfekten Foto­gra­fien, deren Kern eine fast lyrische Ambi­guität besitzt und die in ihrer beob­ach­tenden Ruhe und ihrer symbo­li­schen Stringenz an die Filme Tarkow­skis erinnern.

Doch auch Tarkowski ist nur eine Facette von acht Facetten, wird der Ernst immer wieder von einem tief­grün­digen Humor abgelöst, einer Leich­tig­keit, Spon­ta­nität und Verspielt­heit, die sich vor allem in den Enden jeder Folge zeigt. Mal werden alte Musik­vi­deos aus den 1970er, bevorzugt von Ferdi Özbeğen abge­spielt, die mit der übrigen unge­wöhn­li­chen Songlist und Filmmusik eine Geschichte für sich bilden, dann wieder lässt Oyu eine Szene einfach weiter­laufen, lässt etwa den Hodscha und seine Tochter nach ihrem Dialog den ganzen Abspann vor dem Fernseher sitzen, bis erst er und dann sie ins Bett geht, nicht ohne zu vergessen, den Fernseher auszu­schalten.

Am Ende ist bei all der wunder­baren, aufre­genden, über­ra­schenden Ambi­va­lenz aber dann doch etwas klar geworden: Reden hilft immer und auf jeden Fall, und mag, wenn es schon das Religiöse und Alltä­g­liche verändert, auch das Poli­ti­sche verändern. Und noch etwas, falls das bislang nicht deutlich geworden sein sollte: Acht Menschen in Istanbul ist wie schon der türkische Titel »Bir Başkadır« sagt – »etwas ganz Beson­deres«. Und das nicht nur für Menschen aus der Türkei, dem Mittleren Osten, oder einer der vielen migran­ti­schen oder post­mi­gran­tisch-musli­mi­schen Blasen.

Bir Başkadır – Acht Menschen in Istanbul ist seit dem 12. November 2020 auf Netflix abrufbar.