28.05.2020

Seelenritt durch eine Nacht

Fassbinder anno 1978
Fassbinder lümmelt legendär im Fauteuil, anno 1978
(Foto: Dino Raymond Hansen)

Zu Fassbinders 75. Geburtstag wird endlich der sehenswerte Dokumentarfilm Fassbinder – Lieben ohne zu fordern herausgebracht. Außerdem gibt es eine Benifiz-Reminiszenz von Künstler*innen, die den Münchner Kinos zugute kommt. Eine Retrospektive gibt es wie schon vor fünf Jahren wieder nicht

Von Dunja Bialas

Enge Nahsicht im Doku­men­tar­film: Lieben ohne zu fordern

Eine ganze Nacht lang dauerte das Gespräch mit Rainer Werner Fass­binder, das der dänische Film­re­gis­seur Christian Braad Thomsen mit ihm 1978 in Cannes geführt hat. Fass­binder – Lieben ohne zu fordern hat Thomsen sein filmi­sches Nahpor­trait genannt, das er 2015, zum 70. Geburtstag von RWF reali­siert hat. Im selben Jahr erschien auch Anne­katrin Hendels Doku­men­tar­film Fass­binder. Der Unter­schied zwischen den Filmen ist gewaltig. Während Hendel – eigent­lich eine sehr gute Doku­men­tar­film­re­gis­seurin – artig die biogra­phi­schen Stationen Fass­bin­ders entlang der Frauen, die seinen Weg begleit haben, nach­zeichnet und immer wieder auch Juliane Lorenz, Herr­scherin der Fass­binder-Foun­da­tion und nebenbei Auftrag­ge­berin des Films, vorteil­haft ins Bild rückt, reali­sierte Thomsen seinen seeli­schen Fass­binder-Tiefgang ganz und gar an der potenten Nach­lass­ver­wal­terin vorbei. Viel­leicht ein Grund, weshalb der Film bei uns nie ins Kino kommen konnte, obwohl er besser und erhel­lender, filmi­scher und authen­ti­scher ist. Ein Film nicht über Fass­binder, sondern wie Fass­binder Filme wollte: ein Film mit. So schreibt es Fass­binder in seinem Text zu Douglas Sirk, in dem er den Meister der Melo­dramen zitiert: »Sirk hat gesagt, man kann nicht Filme über etwas machen, man kann nur Filme mit etwas machen, mit Menschen, mit Licht, mit Blumen, mit Spiegeln, mit Blut.« Nach­zu­lesen ist das Zitat in dem Buch »Filme befreien den Kopf«, das 1984, zwei Jahre nach Fass­bin­ders Tod, von Michael Töteberg heraus­ge­bracht wurde, der damals noch Lektor beim Verlag der Autoren war. Den hat wiederum Fass­binder mitbe­gründet. Das soll als kleines biogra­phi­sche Fragment für den bahn­bre­chenden und noch immer prägenden Regisseur des Neuen Deutschen Films hier genügen.

Thomsen war ein enger Freund von Fass­binder und hat ihn seit 1969, als er Fass­binder bei der Urauf­füh­rung seines ersten Films Liebe ist kälter als der Tod auf der Berlinale kennen­lernte – und Fass­binder scho­nungslos ausgebuht wurde – , immer wieder gefilmt. Wie das gemein­same Leben durch­ziehen diese Gespräche auch den Film. Es geht um die Filmo­logie Fass­bin­ders, seine neue Film­sprache, die den Schnitt wieder als Schnitt sichtbar machte, die lange Einstel­lungen wagte und das Schweigen ermö­g­lichte, bevor die Kamera dann plötzlich zum Schwenk ansetzt und einem das Herz stocken lässt. Es geht auch um die Kindheit, vor allem um die Mutter, Lilo Pempeit, die immer wieder in Fass­bin­ders Filmen mitspielte, und zu der er ein einge­stan­denes ödipales Verhältnis hatte. Es geht um Sado­ma­so­chismus, um die Film­fa­milie, um das Kino Holly­woods. Und um Douglas Sirk.

Das Center­piece der vielen Gespräche, oft auf Tonband aufge­nommen und aus dem Off zu den Film­bil­dern und Foto­gra­fien gespielt, zieht sich wie ein roter Faden durch den Film, es ist das Gespräch von Cannes. Drei Jahr­zehnte hat Thomsen gewartet, bevor er es öffent­lich machte. Ein total erschöpfter Fass­binder sitzt dort in einem ausla­denden Fauteuil, in der einen Hand ein Glas, in der anderen eine Zigarette, in langen Stunden des Redens, des Schwei­gens, des Nach­den­kens, des Trinkens und Rauchens. Immer wieder ist Fass­binder offen­herzig, fast nackt, analy­tisch und ehrlich. Sowie die Nacht immer tiefer wird, wird sein Reden auch tiefer, innerlich. Gleich­zeitig zersetzt sich seine Physis unter dem starken Einfluss von Alkohol und Kokain, während immer wieder gedank­liche Licht­blitze diese dunkle Seelen­nacht durch­zu­cken.

Ein Film über den Wahnsinn, nennt Thomsen selbst seinen Film, denn Fass­binder hatte im Gespräch gesagt, dass es Möglich­keiten gäbe, den Wahnsinn zu überleben. Fass­binder starb an einer »Überdosis Arbeit«, so hat es Harry Baer einmal formu­liert. Baer war beim Anti­theater von Fass­binder und spielte von Anfang an in seinen Filmen mit. Auch bei Thomsen kommt er zu Wort, erinnert sich, während die 1993 verstor­bene Mutter direkt in der Zeit aufge­nommen wurde. Eindrucks­voll ist auch Irm Hermann, die erhaben an einem Tisch sitzt, rotgol­denes Haar, eine Dame des Fass­binder-Univer­sums, während sie von ihren seeli­schen Tief­gängen erzählt, wie sie gelitten hat, wie sie sich das Leben nehmen wollte. Am heutigen Donnerstag ist die große Irm Hermann verstorben, sie wurde 77 Jahre alt.

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Freies Spiel in Künstler*innen­filmen: Zu Fass­bin­ders 75.

Fass­binder hat mit Nachdruck auf den deutschen Film einge­wirkt, dennoch keine Nachahmer gefunden. Sein Geheimnis war seine ureigene, unnach­ahm­liche Hand­schrift. Auch Burhan Qurbanis Berlin Alex­an­der­platz, der ohne Corona schon längst im Kino gelaufen wäre, mit seinen deut­li­chen Remi­nis­zenzen an Fass­bin­ders Döblin-Verfil­mung von 1980 (das Licht, die Farb­ge­stal­tung, die Döblin entlie­hene Sprache), kann nur nachahmen, auch wenn das Ergebnis beein­dru­ckend ist.

Ein eher locker gedachter Zugang zu Fass­bin­ders Denken und Sein scheint hier frucht­barer, will man etwas von seiner Faszi­na­tion auf die Filme­ma­cher*innen erfahren, die bis heute unge­bro­chen ist, vermut­lich sogar noch die Mysti­fi­zie­rung überhöht, die er bereits zu Lebzeiten erfuhr.

Zu Fass­bin­ders 75. Geburtstag ist der Münchner Verein Fass­bin­der­tage e.V. wieder aktiv geworden. Er hatte sich vor fünf Jahren gegründet, um dem skan­dalösen Übergehen des »Münchner« Regis­seurs seitens der städ­ti­schen Insti­tu­tionen etwas entge­gen­zu­setzen. 2015 taufte der Verein den Gärt­ner­platz, der nahe der berühmten Schwu­len­gast­stätte Deutsche Eiche liegt, in der Fass­binder ein- und ausging, für eine Nacht in den Fass­binder-Platz um. Das musste wieder rück­gängig gemacht werden. Zwar gabe es auch da schon einen Rainer-Werner-Fass­binder-Platz in der Stadt, aller­dings im gesichts­losen Neubau­viertel an der Arnul­f­straße, das mit München nur den Brei­ten­grad gemeinsam hat. MünchenWiki schreibt treffend: »Der Platz lädt weder zum Verweilen noch zum Staunen ein. Ebensogut könnte man glauben, man befände sich auf dem Vorfeld einer Landebahn. Fass­binder hätte dort sicher nicht eine Minute seiner Zeit verbringen wollen.«

So gibt es in München außer Fass­bin­ders Grab auf dem kleinen Bogen­hau­sener Friedhof keine nennens­werten denk­mal­haften Spuren von ihm – während es selbst­re­dend einen Bernd-Eichinger-Platz an einem reprä­sen­ta­tiven Ort gibt: der Münchner Film­hoch­schule.

Jetzt haben die Fass­bin­der­tage in Zusam­men­ar­beit mit dem Film­mu­seum München ein »Online-Benifiz-Event« zugunsten der geschlos­senen Münchner Kinos gestartet und Künstler*innen aus München gebeten, Film­mi­nia­turen zu Fass­binder zu drehen. Alle Filme entstanden unter den Corona-Bedin­gungen, man merkt die gewahrte Distanz zwischen den Schau­spie­le­rinnen in Jovana Reisin­gers Die klaffende Wunde, der noch einmal das verhal­tene Fass­binder-Sprechen insze­niert, während Martha mit ihrem Schoßhünd­chen inter­es­san­ter­weise wie eine Reinkar­na­tion von Rudolph Moos­hammer mit seinem Schoßhünd­chen Daisy wirkt – das plüschige Tier im Film heißt Baby Ice, ein Name wie eine Münchner Signatur für alle Stenze dieser Stadt. Auch Anna McCarthy darf nicht in dem Programm fehlen. Die Münchner Künst­lerin hatte bereits zum 70. Geburtstag, damals Stipen­diatin der Villa Aurora, eine Fass­binder-Fantasie gedreht, Fass­binder in LaLaLand. In ihm sitzt sie breit­beinig in einem Fauteuil, wie es jetzt bei Thomsen zu sehen ist. Spirit of Fass­binder Conspi­racy nennt McCarthy ihren neuen Film, ihre Hommage ist eine coro­na­zeit­ge­mäße Verschwö­rung, mit »üblich-verdäch­tigen halb­starken Starlets«, wie sie schreibt, die in wehenden Gewändern als Geis­ter­be­schwörer auftreten. Gedreht wurde mit Atem­masken an Fass­bin­ders Geburts­haus in Bad Wöris­hofen.

Außerdem im Programm sind Filme des Thea­ter­re­gis­seurs Martin Kindvater und des Schau­spie­lers Olaf Becker (L‘anni­ver­saire blanc mit einer Kompo­si­tion von Peer Raben), von Christian Wagner (Null Komma null, gedreht auf einer ARRI 16BL, Fass­bin­ders Kamera von Berlin Alex­an­der­platz), des Münchner Thea­ter­re­gis­seurs Emre Akal (12 QM Körper­for­ma­tion, Stop-Motion-Animation), der Schau­spie­lerin Michele Cuciuffo (Traum der Seelen­frieda, eine Produk­tion der Fass­bin­der­tage e.V.).

Leider gibt es, wie schon zu Fass­bin­ders 70. Geburtstag auch zum 75. keine Retro­spek­tive. Geht man davon aus, dass alle schon Fass­bin­ders Filme gesehen haben? Die letzte Retro liegt 25 Jahre zurück, als zu seinem 10. Todestag das Film­mu­seum München seine Filme zeigte. Das ist eine ganze Genera­tion her.

»Ich möchte gern für den Fim sein, was Shake­speare war für das Theater, Marx für die Politik und Freud für die Psycho­logie – einer, nach dem nichts mehr so ist wie vorher.« Ob Fass­bin­ders Wunsch von 1977 in Erfüllung ging?