15.12.2019

Zum Tod von Anna Karina, der Ikone der Nouvelle Vague

Von Rüdiger Suchsland

Sie war, mehr als jede Andere das Antlitz der »Nouvelle Vague«, mit Kurz­haar­schnitt à la Louise Brooks, oder Melone à la Chaplin und ihrem unver­gess­li­chen Blick, der noch im Schwarz­weiß­film die Frage provo­zierte: »Hat sie velazquez­graue oder renoir­graue Augen?«: Anna Karina, die am Samstag mit 79 Jahren in Paris verstorben ist.

Was viele nicht wissen: Sie war eigent­lich Dänin. Geboren bei Aarhus im ersten Sommer des Krieges als Hanne Karin Bayer, wuchs wie viele Nach­kriegs­kinder in eher wech­sel­haften, unge­fügten Fami­li­en­ver­hält­nissen auf. Mit 17 bereits ging sie nach Paris und begann als Model für große Häuser wie Chanel und Cardin zu arbeiten. In einem Werbespot für Palmolive entdeckte sie Jean Luc Godard, der im gleichen Jahr 1959 mit Gleich­ge­sinnten begann, das Kino noch einmal zu erfinden. Godard wurde zum Star und Gehirn dieser »Neuen Welle«, und Anna Karina wurde zum Gesicht der Filme Godards: Sie spielte die Haupt­rollen in Eine Frau ist eine FrauDie Geschichte der Nana S., Die Außen­sei­ter­bande, Alpha­villeMade in U.S.A. und Elf Uhr nachts. In diesen wilden, im Rückblick so großar­tigen Jahren des fran­zö­si­schen Kino­auf­bruchs, 1960-1965, war sie auch mit Godard verhei­ratet, und auch danach blieb das Verhältnis gut; Godard aber hatte jetzt neue Musen.

Dabei war Anna Karina gerade in Godards Filmen immer mehr als das: Eine Arbeits­part­nerin, vor allem aber die Reprä­sen­tantin des Weib­li­chen an sich und hierin eine sehr selbst­be­wusste Frau. Karinas Figuren waren ein Gegen­ent­wurf zu all jenen, Holly­woods Schnitt­mus­tern nach­emp­fun­denen euro­päi­schen Schau­spie­le­rinnen, die entweder als Brave, Strenge, und schließ­lich verbit­terte à la Deborah Kerr und Ruth Leuwerik den puri­ta­ni­schen Zeitgeist verkör­perten. Oder die à la Loren und Lollo­brid­gida, dessen verdrängtes Unbe­wusstes als sündhafte »Busen­wunder« karne­valesk und frivol auslebten. Karina dagegen war beides nicht, sondern etwas Drittes: Eine Komplizin und gleich­be­rech­tigte Kameradin, ein »kleiner Soldat« wie ihr aller­erster Godard-Film heißt. Spontan, körper­lich, weswegen sie gut lange schweigen konnte, wenn die Kamera sie anblickte, ohne doch je Projek­ti­ons­fläche zu sein. Karina hatte immer das Kommando, blickte zurück, wenn der Blick des Filme­ma­chers sie anblickte, und über ihn hinaus, in den Kinosaal hinein, und so riss sie das Publikum mit, schon durch die Andeutung einer Bewegung, wie etwa in der wunder­baren Tanzszene von Die Außen­sei­ter­bande, wo sie uns von einem Augen­blick auf den anderen in einen Tanz hinein­zieht, der niemals enden soll...

Ein neuer selbst­be­wusster und nüch­terner Frauentyp war das, der weder schmachtet, noch weint, der alles Drama­ti­sche und die großen Leiden­schaften zwischen Pathos und Verzweif­lung vermeidet – sondern lieber einen lustigen Nach­mittag erleben will, ein kleines Abenteuer, wie zum Beispiel so schnell es geht, einmal durch den Louvre zu rennen, wie Karina das in einer ihrer berühm­testen Szenen, auch diesmal in der Außen­sei­ter­bande tut.

Viel­leicht stammen solche Frau­en­typen eher aus den 1920er Jahren, aus der Neuen Sach­lich­keit, als aus den Sixties, als immer mehr ausdis­ku­tiert und psycho­lo­gi­siert und insgesamt alles viel zu ernst genommen werden musste.
Der Ernst der Anna Karina war von anderer Art: Kühl, unnar­ziss­tisch, humorvoll – ein Erbe des Nach­kriegs­exis­ten­tia­lismus. Viele Filme, die Anna Karina mit anderen Regis­seuren gemacht hat, stehen eher in dieser Tradition: Der Fremde mit Visconti, Michael Kohlhaas mit Schlön­dorff. Sie hat auch mit Agnes Varda, Roger Vadim, Jacques Rivette, Tony Richardson und Fass­binder gedreht. Aber wer in dessen größter Zeit mit Godard gear­beitet hat, ist für das weltliche Kino der Normalen verloren.

So kam Karina bald die Lust abhanden, einfach weiter Filme zu machen und mit den Sterb­li­chen ihre Zeit zu verplem­pern. Statt­dessen machte sie Musik, schrieb Romane und Dreh­bücher, und verwal­tete in wohlü­ber­legten öffent­li­chen Auftritten ihren Mythos. Sie begriff früh, sie würde immer Anna Karina bleiben: Die Ikone des fran­zö­si­schen Kinos, die Zwan­zig­jäh­rige mit der klaren, hellen Stimme und den godard­grauen Augen.

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