12.12.2019

Ein freiwilliger Emigrant

Von Vera de Kok - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=56321691
Thomas Elsaesser (1943-2019), 2017 (Foto: Vera de Kok – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, Link)

Zum Tod des großen Filmwissenschaftlers Thomas Elsaesser

Von Rüdiger Suchsland

Charmant, aber distan­ziert, äußerlich von ironi­scher Zurück­hal­tung und altmo­disch-konser­va­tivem, im klas­si­schen Sinn »bürger­li­chen« Habitus, sah man Thomas Elsaesser die Lust am Provo­ka­tiven und die Radi­ka­lität seiner wissen­schaft­li­chen Posi­tionen nicht auf den ersten Blick an.
Wenn man ihn besser kennen lernte, entdeckte man bald das grund­sätz­lich Warm­her­zige seines Wesens, aber auch Verletz­lich­keit. Elsaesser hatte viele Bekannte, aber er konnte auch einsam sein, darum tat ihm Aufmerk­sam­keit gut, das Gefühl, dass sein Gegenüber wusste, wen es vor sich hatte; darum war er ande­rer­seits fast immer zugäng­lich und an Gesprächen auch mit unbe­kannten Studenten inter­es­siert – ein Solitär, der ständig auf Reisen schien, zwischen den Konti­nenten, persön­lich so ruhelos wie geistig, immer im Kino wie in den Gedan­ken­spielen dem Expe­ri­men­tellen zugeneigt.

Dass Thomas Elsaesser 76-jährig nun ausge­rechnet in Peking starb, nur Stunden nach einem Vortrag, den er im Rahmen seiner dortigen Gast­pro­fessur gehalten hatte, und nur wenige Tage, nachdem er in Frankfurt in der Aula der Städel­schule eine Tagung zur »Film­theorie in Frank­reich und Europa nach 1968« mit einer Keynote eröffnet hatte, passt zu diesem faszi­nie­rend unruhigen Intel­lek­tu­ellen, der nicht zu jenen gehörte, die an einmal Gedachtem für immer fest­hielten. Elsaesser stellte auch eigene Ideen gern immer wieder infrage.

Deutsch­land schien wohl schon früh zu klein für ihn, obwohl Elsaesser immer wieder auf das Land seiner Herkunft zurückkam. 1943 in Berlin-Char­lot­ten­burg geboren, zog die Familie bald aufs Land nach Ober­franken. Seit 1951 wuchs Elsaesser in Mannheim auf, woher sein Deutsch eine weiche kurpfäl­zi­sche Färbung hatte. Nach ein paar Semestern in Heidel­berg, begann er in England zu studieren, später in Paris und lebte seitdem nie wieder länger in Deutsch­land. Obwohl er zunächst über die Geschichts­schrei­bung der Fran­zö­si­schen Revo­lu­tion promo­vierte, hatte es ihm schon früh das Kino angetan: Die Anfang der 1960er erstmals als Buch veröf­fent­lichten Film-Aufsätze Siegfried Kracauers seien sein erstes Filmbuch gewesen, erzählte er vor ein paar Jahren – und trotz zwischen­zeit­li­cher Distanz zu dessen geschichts­phi­lo­so­phi­schem Idea­lismus ist Elsaesser Kracauers Grund­an­satz, das Kino auf die Gesell­schaft seiner Entste­hungs­zeit zu beziehen, und als »Spiegel« oder »Seis­mo­graph« in Wech­sel­wir­kung mit den Verhält­nisse zu analy­sieren, treu geblieben.

Und wie Kracauer belegt auch die Biogra­phie Elsa­es­sers, dass man über das deutsche Kino offenbar am besten aus der Fremde schreiben kann, dass Ferne und Distanz offenbar den Blick auf den Gegen­stand schärfen. Auch wenn die Emigra­tion Elsa­es­sers, der im Gegensatz zu Kracauer und den meisten deutschen Film-Emigranten eine frei­willig gewählte war, hatten es ihm vor allem zu Beginn seiner Laufbahn die Emigranten und Außen­seiter des deutschen Kinos besonders angetan: Eine wichtige Studie zu Douglas Sirk und dem ameri­ka­ni­schen Melodram der 1950er Jahre legte 1973 den Grund­stein für Elsa­es­sers Karriere. Seit 1972 lehrte er an der Univer­sity of East Anglia in Norwich und entwi­ckelte an diesem weniger tradi­ti­ons­ver­haf­teten, inno­va­tiven Ort das damals neue Fach der Film­wis­sen­schaft aus der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft – gemeinsam mit einem anderen deutschen Emigranten, dem Schrift­steller W.G.Sebald. Seit 1991 lehrte der Welt­bürger Elsaesser in Amsterdam, hinzu kamen jährlich Gast­pro­fes­suren in den USA, aber auch in Indien oder der Türkei.

Im Rückblick erscheint Elsaesser als einer der Begründer der akade­mi­schen Film­wis­sen­schaft, mindes­tens im deutschen Sprach­raum. In diesen Amster­damer Jahren zwischen 1990 und 2010 entstanden ein wichtiges Buch über Fass­binder, eine Arbeit zu Hollywood, Studien zu Kluge und Farocki, doch zunehmend richtete Elsaesser seinen Blick auf die frühe deutsche Film­ge­schichte: Zwei Bände zur »Archäo­logie« des Kino vor 1918, einer zu Fritz Langs Metro­polis doch vor allem seine große Studie »Das Weimarer Kino: Aufge­klärt und doppel­bödig« (1999). Hier argu­men­tiert Elsaesser dialek­tisch mit und gegen Kracauer, und zeigt exem­pla­risch, worum es ihm ging: Das Kino aus der Autoren­theorie zu lösen, die lineare Geschichts­schrei­bung aufzu­bre­chen, Vernet­zungen heraus­zu­ar­beiten, und einen Film aus dem wider­sprüch­li­chen Netzwerk von Produk­ti­ons­be­din­gungen abzu­leiten.

Im letzten Jahrzehnt wandte sich Elsaesser der Geschichte seiner Familie zum, besonders dem Werk des Archi­tekten Martin Elsaesser, seines Groß­va­ters. Gemeinsam mit seinem Cousin und seiner Schwester begrün­dete er die Martin Elsaesser-Stiftung.

In öffent­li­chen Wort­mel­dungen analy­sierte Elsaesser auch die Produk­ti­ons­be­din­gungen der Gegenwart: Nach wie vor gültig erscheint etwa das Wort vom »Kaspar Hauser Syndrom« des deutschen Films, mit dem er die Tatsache beschrieb, wie sich die verzwickten, bewusst provin­zi­ellen, mittel­stän­di­schen Produk­ti­ons­be­din­gungen des deutschen Films in dessen Ästhetik spiegeln. Dem und den perma­nenten deutschen Klage­lie­dern über US-Studios hielt Elsaesser damals die »Kultur­leis­tung« Holly­woods entgegen, die »vergleichbar nur mit den Pyramiden« Technik immer wieder zu wahrer Kunst führten.

Eine weitere Provo­ka­tion war Elsa­es­sers Ernst­nehmen der Medien­bilder der RAF. Der Frage, wie es komme, dass uns auch nach so vielen Jahr­zehnten diese unge­bro­chen faszi­niere, hielt er den erschre­ckenden Gedanken entgegen, ob sich die RAF-Mitglieder nicht womöglich selbst als Künstler verstanden hätten: »Viel­leicht hat die RAF versucht, eine andere Art von Kunst zu erzeugen: nicht spek­ta­kulär, sondern konzep­tuell, indem sie tiefere, unver­söhn­liche Wider­sprüche sichtbar machte, dadurch, dass sie eine Reihe von Sack­gassen im Staat, im Gefüge der Demo­kratie selbst arti­ku­liert hat?«

So hat Thomas Elsaesser noch in den letzten Jahren seine Lust am Aufbre­chen der Selbst­ver­ständ­lich­keiten prak­ti­ziert: Als 2014 an der Frank­furter Goethe-Univer­sität in einer großen Tagung nach der Bedeutung von »Frankfurt« gefragt wurde, störte sich Elsaesser am Programm: »Alle erwar­teten von mir einen Vortrag zu Kracauer.« Den habe er auch zugesagt. Aber im Programm habe es alles Mögliche zu Kracauer gegeben, aber kaum etwas zu Adorno. »Also habe ich die ganze Nacht meine Notizen umge­schrieben, und dann einen Vortrag zu Adornos Beziehung zum Kino gehalten.«

Gerade in den letzten Jahren hat Elsaesser auf diese Weise und in Ausein­an­der­set­zung mit neuesten Heraus­for­de­rungen auch gern die Kritische Theorie gegen manche ihrer halb­her­zigen Liebhaber vertei­digt – und hat so deren Tradition, sich immer wieder neu zu erfinden, bis in die Gegenwart getragen.

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